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Einsamkeit: "Ich nenne es das Bridget-Jones-Phänomen"

Einsam sind nur die Alten? Nicht ganz. Rebecca Nowland forscht über die Ursachen und Gefahren von Einsamkeit und sagt: Gerade die 20- bis 30-Jährigen haben ein Problem.
© Burçin Esin/Getty Images

ZEIT Campus ONLINE: Frau Nowland, Sie forschen in Großbritannien zum Thema Einsamkeit, dort ist gerade ein Minister for Loneliness ernannt worden. Was kann Politik gegen Einsamkeit tun?

Rebecca Nowland: Für Aufmerksamkeit sorgen. Und erklären, warum es Aufgabe der Gesellschaft ist, Einsamkeit zu bekämpfen. In unserer individualistischen Zeit wird oft der oder die Einzelne für seine Einsamkeit verantwortlich gemacht. Aber es ist eine Aufgabe der gesamten Gesellschaft, denen entgegenzukommen, die sich von ihr ausgeschlossen fühlen, auch in großen Gruppen. Auf einer Party heißt das zum Beispiel, auf jemanden zuzugehen, der am Rand steht und sich an seinem Glas festhält.

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ZEIT Campus ONLINE: Und die Politik?

Nowland: An diesem politischen Posten ist sicher gut, dass offiziell anerkannt wird: Wir haben ein Einsamkeitsproblem, auf das wir achten müssen. Wir haben ein Recht darauf, nicht einsam zu sein. Ich würde mir aber wünschen, dass der Fokus nicht ausschließlich auf ältere Menschen gelenkt wird, wie es in der aktuellen Debatte oft der Fall ist. Es gibt zu wenig Aufmerksamkeit für jüngere Menschen, die laut unseren Studien besonders einsam sind.

ZEIT Campus ONLINE: Trotz voller Hörsäle und Großraumbüros?

Nowland: Dass die Einsamkeit bei den 18- bis 35-Jährigen am höchsten ist, hat mich selbst überrascht. Es ist wichtig, zwischen Alleinsein und Einsamkeit zu unterscheiden.

ZEIT Campus ONLINE: Wie wird Einsamkeit definiert?

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Nowland: Es gibt verschiedene Definitionen von Einsamkeit. Die bekannteste Definition stammt von Peplau und Perlman aus dem Jahr 1982 und besagt, dass Einsamkeit ein subjektiv erfahrener Zustand ist, bei dem Menschen eine Diskrepanz zwischen den zwischenmenschlichen Beziehungen fühlen, die sie haben, und denen, die sie sich wünschen. Einsam ist also, wer sich mehr oder tieferen sozialen Kontakt wünscht, den aber aktuell nicht hat. Man kann alleine sein, aber dabei sehr glücklich – oder umgeben von Hunderten Studierenden im Audimax und sich trotzdem furchtbar einsam fühlen.

Ich nenne es das Bridget-Jones-Phänomen: Nach einem Tag voller Arbeit, Meetings oder Seminare kommt man nach Hause und merkt plötzlich, wie einen die Einsamkeit überkommt. Tagsüber war das vielleicht nicht so spürbar. Aber jetzt sitzt man allein im Zimmer und merkt, dass man niemanden hat, den man anrufen kann.

ZEIT Campus ONLINE: Wir jungen Menschen sind eigentlich so vernetzt wie nie zuvor. Gibt es eine Verbindung zwischen unserer Social-Media-Nutzung und Einsamkeit?

Nowland:  Social Media kann Einsamkeit in der Tat beeinflussen – interessanterweise aber in beide Richtungen. Auf der einen Seite bauen Plattformen wie Instagram eine falsche Welt auf, in der alle perfekt wirken wollen. Gerade bei Teenagern haben wir in Studien außerdem festgestellt, dass Freundschaft quantifiziert wird – man ist mehr wert, je mehr Freunde man auf Facebook hast. Aber 800 Facebook-Freunde zu haben, macht nicht unbedingt weniger einsam, wenn zu keinem dieser Freunde eine enge Bindung besteht.

Gerade bei älteren Menschen kann Social Media umgekehrt dafür sorgen, dass sie sich weniger einsam fühlen. Wenn sie mit Kindern und Enkelkindern skypen können, die weit entfernt wohnen, oder über Messenger-Apps Fotos und kurze Nachrichten austauschen, fühlen sie sich verbundener. Über Onlinegruppen können sich ältere Menschen außerdem austauschen, was den ersten Schritt aus der sozialen Isolation bedeuten kann. Aus solchen Onlinegruppen können Freundschaften oder Netzwerkgruppen vor Ort werden.

ZEIT Campus ONLINE: Sind wir heute einsamer als früher?

Nowland: Studien zeigen das, ja.

ZEIT Campus ONLINE: Woran liegt das?

Wir haben schneller das Gefühl, dass etwas mit uns nicht stimmt.
Rebecca Nowland

Nowland: Die Jahre um die 20 und 30 sind eine Zeit, die mit Erwartungen vollgepackt ist. Anfang 20: Du hast ein aufregendes Studi-Leben mit rauschenden Partys, Dutzenden Freunden, philosophischen Diskussionen und knisterndem Liebesleben. Mitte 20: Du bist auf dem Sprung zur großen Karriere, angelst erste Jobangebote und bleibst dabei innerlich jung und wild. Ende 20: Die Karriere nimmt Form an, gleichzeitig geht die Familienplanung los. Um die 30 solltest du glücklich verheiratet sein. 

Das sind alles Klischees und Stereotypen, aber sie werden uns farbenfroh ausgemalt, nicht zuletzt in den sozialen Netzwerken. Die Erwartungen an uns selbst sind enorm gestiegen. Das führt einerseits dazu, dass wir schneller das Gefühl haben, dass etwas mit uns nicht stimmt. Auf der anderen Seite sind wir so sehr damit beschäftigt, unser Leben zu optimieren, dass wir uns immer weniger Zeit für soziale Kontakte nehmen. Bis wir dann abends auf dem Sofa sitzen und uns fragen, wann wir das letzte Mal ein ernsthaftes Gespräch hatten mit jemandem, bei dem wir uns aufgehoben fühlen.

ZEIT Campus ONLINE: Wie konnte es dazu kommen?

Nowland: In unserer modernen Gesellschaft ist weniger Platz für gewachsene Gemeinschaften. Wir ziehen öfter um, kennen unsere Nachbarn nicht mehr, leben weit entfernt von unseren Familien. Und wir sind immer beschäftigt. Fast jeder, den ich kenne, ist Mitglied in einem Fitnessstudio. Es ist gesellschaftlich anerkannt oder sogar notwendig, sich um seine Gesundheit zu kümmern – wir machen Yoga, reduzieren unseren Körperfettanteil, schlucken Vitamine und trinken mindestens drei Liter Wasser am Tag. Das alles ist wichtig, aber mindestens genauso wichtig ist es, sich mit Menschen verbunden zu fühlen, die einem nahestehen. Dafür bleibt uns oft keine Zeit mehr.

ZEIT Campus ONLINE: Und wie kommen wir da wieder raus?

Nowland: Ich wette, dass die meisten Menschen öfter in ihre Kalender eintragen, wann sie ins Fitnessstudio gehen, als Verabredungen fest einzuplanen. Aber gerade weil wir so viel unterwegs sind, müssen wir soziale Beziehungen in unsere Tagesabläufe integrieren. Der erste Schritt aus der Einsamkeit ist deshalb, sich die eigene Situation bewusst zu machen. Und dann nicht gleich in Panik geraten. Es gibt klassische Abschnitte im Leben, in denen Einsamkeit häufiger vorkommt. Gefährlich wird es erst, wenn die Einsamkeit chronisch wird. Dann kann sie die physische und psychische Gesundheit gefährden. Einsamkeit ist oft mit Depressionen und Ängsten verbunden oder führt dazu.

Ein alter Tipp gegen die Einsamkeit

ZEIT Campus ONLINE: Wenn ich mir darüber klar geworden bin, dass ich mich einsam fühle – was hilft dann konkret?

Nowland: Jeder Mensch hat ein anderes Bedürfnis nach Häufigkeit und Tiefe von sozialen Beziehungen. Es gibt Menschen, die fühlen sich wohl, wenn sie mit vielen Menschen viel Kontakt haben. Sie gehen gern auf große Partys, wechseln mit jedem im Büro ein paar Sätze, gehen mal mit diesem, mal mit jenem Bekannten Kaffee trinken. Ein anderer macht vielleicht all das und fragt sich, warum er sich immer noch einsam fühlt. Deswegen ist es wichtig, sich selbst zu beobachten und ehrlich zu sich selbst zu sein: Ich bin in einer riesigen Gruppe von Menschen, fühle mich aber einsam – vielleicht ist es wichtiger für mich, mit nur einigen Menschen Kontakt zu haben, dafür aber sehr intensiven. Jemandem, der einsam ist, würde ich außerdem eher raten, sich einem Verein oder einer Gruppe anzuschließen, die ähnliche Interessen hat. Es ist wahrscheinlicher, Zufriedenheit und Verbundenheit in einer Freundschaft zu finden, die von ähnlichen Interessen getragen wird.

Die Reparaturmechanismen bei Einsamkeit greifen schnell.
Rebecca Nowland

ZEIT Campus ONLINE: Das ist ein sehr alter Tipp, den man in fast jedem Artikel zum Thema lesen kann. Hilft das wirklich?

Nowland: Ja, es ist ein alter Tipp, aber wir Menschen haben uns vielleicht nicht so sehr verändert wie unsere Umgebung. Wenn es gemeinsame Interessen gibt, dann ist die erste Hürde schon genommen – es gibt ein gemeinsames Gesprächsthema. Gerade für jemanden, der lange einsam war und vielleicht bereits negative Gedankenstrukturen aufgebaut hat, ist es einfacher, mit Menschen in Kontakt zu kommen, die einem das Gefühl geben, dazuzugehören. Wer Einsamkeit über einen längeren Zeitraum erlebt hat, ist außerdem oft nervös und ängstlich in sozialen Situationen. Hier kann ein Psychologe oder Psychotherapeut helfen, um aus solchen Verhaltensmustern auszubrechen.

ZEIT Campus ONLINE: Negative Gedankenstrukturen aufbauen – das klingt nach einem Teufelskreis. Wird es schwerer, aus der Einsamkeit zu entkommen, je länger wir in ihr gefangen sind?

Nowland: Ja, auf jeden Fall. Einsamkeit hat so gesundheitsschädigende Auswirkungen wie etwa das Rauchen, das haben Studien gezeigt. Aber es gibt eine gute Nachricht: die Reparaturmechanismen bei Einsamkeit greifen schnell. Wenn wir zum Beispiel jemanden in den Arm nehmen, wird das Hormon Oxytocin freigesetzt. Das sorgt für ein wohliges Gefühl im Bauch und stärkt soziale Bindungen. Unser Körper tut also sofort etwas gegen die Einsamkeit, wenn wir ihm ein bisschen helfen. Und im Gegensatz zum Rauchen hat Einsamkeit keine langwierigen Nachwirkungen, wenn wir wieder ein stabiles soziales Netz haben und uns verbunden fühlen. Gute Freundschaften haben einen unglaublich positiven Einfluss auf unsere Gesundheit.

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