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Olympiastadion: Sie wollen die Weltrettung verkaufen

Das Start-up Einhorn wurde mit veganen Kondomen berühmt. Nun mieten sie für eine Bürgerversammlung das Olympiastadion. Dürfen Unternehmen aktivistisch sein?
Eigentlich verdient Einhorn mit Kondomen Geld, jetzt wollen sie das Olympiastadion mit Aktivisten füllen. © Ramesh Amruth/​plainpicture; Barbara Sax/​Getty Images

Sitzen zehn Millionen Follower in einem Raum. Was wie der Beginn eines mittelguten Witzes klingt, ist an diesem Montagabend in Berlin-Kreuzberg Realität. Waldemar Zeiler verkauft mit seinem Start-up Einhorn eigentlich vegane Kondome und Bio-Periodenprodukte, heute hat er rund fünfzig Prominente in sein Büro geladen. Sie sollen dafür sorgen, dass seine neue Idee die Massen erreicht: Zeiler will im Juni kommenden Jahres im Olympiastadion in Berlin eine Bürgerversammlung veranstalten. Er will Aktivistinnen und Aktivisten eine Bühne geben und mit mindestens 60.000 Menschen live Petitionen an den Bundestag schicken.

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All das soll an diesem Donnerstag auf Instagram beginnen. Zeiler muss noch einen neuen Account für das Crowdfunding aufsetzen, denn nur wenn genug Menschen für 29,95 Euro ein Ticket für die Bürgerversammlung kaufen, funktioniert seine Idee. Der Popsänger Andreas Bourani, die Autorin Charlotte Roche und die Moderatorin Jeannine Michaelsen unterstützen ihn, sie sitzen deshalb in den Büroräumen von Einhorn. Laut diskutieren sie über den Namen des neuen Accounts. Soll er den Begriff Olympiastadion enthalten? Wie wäre es mit Future? Schauspielerinnen, YouTuber, Influencer, alle reden durcheinander.

Zeiler, Hipster-Bart, Hipster-Brille, Hipster-Hemd, steht vor der Gruppe. Seine Arme weit geöffnet, er versucht die Diskussion zu ordnen. "Einer nach dem anderen", ruft Zeiler. Auf der Leinwand hinter ihm ist das Anmeldefenster zur Erstellung eines Instagram-Profils zu sehen. Immer wieder tippt Zeiler Änderungen ein. 15 Minuten geht das so. Dann heben alle ihre Hände, spreizen die Finger und schütteln sie schnell – das vereinbarte Zeichen für Zustimmung. "So stelle ich mir eine Bürgerversammlung vor", sagt Zeiler. Er klingt dabei wie ein Idealist, wie ein Aktivist. Nicht wie ein Unternehmer.

Mission oder Marketing?

Das Potenzial politischer Kampagnen hat Zeiler Anfang dieses Jahres entdeckt. Im Februar startete das Unternehmen Einhorn seine erste Petition. Die Forderung: den Mehrwertsteuersatz für Periodenprodukte von 19 auf sieben Prozent absenken. Über 80.000 Unterschriften kamen zusammen. Kurz danach verkündete Finanzminister Olaf Scholz, dass die Steuer gesenkt werden soll. Ein politischer Erfolg, für den sich schon seit Jahren unterschiedliche Initiativen einsetzen. Aber auch einer, von dem Einhorn als Hersteller der Produkte profitiert.

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Weil diese erste Aktion so gut geklappt hat, will Einhorn-Gründer Zeiler nun die größte Bürgerversammlung Deutschlands organisieren. Dort sollen im nächsten Jahr Zehntausende Menschen Petitionen zum Klimawandel, zur Mietenfrage, zur Erbschaftsteuer verabschieden. Sein neues Vorhaben geht weit über die Abschaffung der Tamponsteuer hinaus. Zeiler will die Eventisierung der Demokratie, so nennt er es, am besten gleich alle gesellschaftlichen Probleme an einem Samstag lösen.

Darf ein Unternehmer wie Zeiler zum Aktivisten werden? Oder ist das alles nur Marketing? Wer Zeiler verstehen will, muss den Kosmos Einhorn begreifen. Einhorn will nicht nur ein Start-up sein, das vegane Kondome verkauft. Einhorn gibt vor, erst die Wirtschaft und dann die Welt verändern zu wollen, "unfucken" nennen sie das. In zehn Jahren will Einhorn das erste gewinnorientierte Unternehmen sein, das den Friedensnobelpreis erhält, sagt Zeiler.


Einhorn steht nirgends und doch überall

Ein Altbau in einem Kreuzberger Hinterhof. In zwei Büroetagen treffen sich seit Monaten Einhorn-Angestellte und Klimaaktivistinnen, um an der Bürgerversammlung zu feilen. Unter ihnen sind Organisatorinnen von Fridays for Future, Scientists for Future und eine Reihe anderer freiwilliger Helfer. Zeiler hat sie zusammengebracht. Ein großer Mittelfinger begrüßt die Gäste, ein Spielautomat mit Greifarm ist mit Kondomen gefüllt, an Laptops kleben Botschaften wie "Gegen jeden Antisemitismus". Es gibt eine Tischtennisplatte, einen Kühlschrank voller Club Mate, ein Zimmer ist hinter einer Schrankwand versteckt und lässt sich nur mit einem kräftigen Zug an einem Plastikpenis öffnen. Ein Büro wie ein Mix aus schrillem Freizeitpark, Teenagerhumor und sämtlichen Start-up-Klischees. 

Von hier aus organisieren Einhorn-Mitarbeiter und Aktivistinnen die Bürgerversammlung, die untere Etage haben sie "Wahlkampfzentrale" getauft. In einem Hinterraum lagert das Unternehmen seine Produkte. Einhorn vermischt bewusst Aktivismus und Unternehmertum, auch wenn Zeiler immer wieder betont, dass er sein Geschäft von der Aktion im Olympiastadion trennen wolle. Er spricht dann davon, dass es ihm um die Sache gehe, dass der Klimawandel nur gestoppt werden könne, wenn alle handeln. Davon, dass es so viele Ideen gebe, die Welt besser zu machen. Er bleibt dabei im Ungefähren, verspricht aber, dass es im Stadion keine Produkte und keine Werbung geben solle. Kurz bevor die Influencer die Auftaktparty im Büro betreten, hat er im ganzen Raum den Firmennamen abkleben lassen.

Doch eines ist offensichtlich: Wird die Bürgerversammlung ein Erfolg, ist Zeilers Unternehmen untrennbar damit verbunden. Einhorn kann damit sein Image der Weltverbesserfirma weiter stärken. Ob mit oder ohne Werbung im Stadion, Zeiler wird überall präsent sein, auch an diesem Abend in Kreuzberg ist er der Mittelpunkt. Am Tag danach wird er ein Radiointerview geben, auch dieser Artikel beschreibt das Geschäft von Einhorn, weil es eng mit der Idee der Bürgerversammlung verbunden ist. Einhorn gibt laut eigenen Angaben keinen Cent für Marketing aus. Aktionen wie die Petition oder nun das Event sorgen für Aufsehen, bringen kostenlose Werbung – und könnten Einhorn fest im politischen Aktivismus verankern.

Wie das Start-up die Wirtschaft hacken will

Bis vor Kurzem war die Einhorn-Mission eine andere. Zeiler sagt, dass er mit seinem Start-up das Wirtschaftssystem neu denke. Er nennt das unfuck the economy. Eine Wirtschaft ohne Renditeerwartungen. Ein Kapitalismus ohne Kapitalismus. Vor vier Jahren hat Zeiler Einhorn gemeinsam mit seinem Kollegen Philip Siefer gegründet. Ein Unternehmen, das nach eigenen Angaben für seine Kondome keine Regenwälder abholzt und die Kautschukbauern fair bezahlt. 50 Prozent der Gewinne investierten sie in soziale Projekte, sagt Zeiler. Ende des Jahres solle Einhorn zu einer Self-Owned-Company werden. Also zu einem Unternehmen, das sich selbst gehört und nicht mehr verkauft oder vererbt werden kann. Schon heute gebe es bei Einhorn keine Chefs, sagt Zeiler. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter würden selbst entscheiden, wie viel sie arbeiten und wie viel Urlaub sie nehmen. Die Gehälter aller Kolleginnen und Kollegen können sie in einer Tabelle einsehen und gemeinsam diskutieren.

Mit dieser Idee eines anderen Wirtschaftens touren Zeiler und Siefer von Vortrag zu Vortrag. Dax-Konzerne zahlen 3.000 Euro für 45 Minuten mit einem der beiden Gründer. Quickie Konsulting nennen sie das. Damit würden sie "Wirtschaftslenker" erreichen und langfristig das System verändern, sagt Zeiler. Das klingt idealistisch. Gleichzeitig verdient Einhorn Geld damit, anderen zu erklären, dass Geld nicht entscheidend ist. Einhorn wächst mit Wachstumskritik – und dürfte durch die Bürgerversammlung an Bekanntheit gewinnen, künftig noch mehr Unternehmen gegen Bezahlung belehren.

Die Kampagne offenbart einen Richtungsstreit

Irma Hausdorf organisiert die Berliner Demonstrationen zu Fridays for Future. An diesem Montag spricht auch sie zu den Prominenten in der Einhorn-Zentrale. Sie erklärt, dass dringend gehandelt werden müsse. Am Rande der Veranstaltung sagt sie, dass die Aktivistinnen und Aktivisten lange darüber nachgedacht hätten, ob sie mit Einhorn zusammenarbeiten wollen. Einerseits drohe die Gefahr, sich von Unternehmen instrumentalisieren zu lassen. Andererseits bräuchten sie starke Partner, um Kampagnen starten zu können. 

Schon lange gibt es in der Klimabewegung einen Richtungsstreit. Kann der Klimawandel überhaupt im derzeitigen System bekämpft werden? Viele streiten darüber, ob man mit oder gegen Unternehmen arbeiten müsse. "Wir haben keine Zeit, erst den Kapitalismus abzuschaffen, um dann die Klimakrise zu lösen", sagt Hausdorf. Die Wirtschaft sollte generell politischer werden, findet sie.

Damit ist Hausdorf nicht allein: Eine Befragung des Meinungsforschungsinstituts Civey hat ergeben, dass jeder zweite Deutsche es befürwortet, wenn Unternehmen politische Haltungen zeigen. Wenn der Uhrenhersteller Nomos Glashütte ankündigt, keine AfD-Mitglieder beschäftigen zu wollen. Wenn der Textilriese Patagonia zum Klimastreik alle seine Geschäfte schließt oder der Hafermilchhersteller Oatly medienwirksam die Einführung einer Co2-Kennzeichnung auf Lebensmitteln fordert. Das kann Überzeugung sein, ist aber auch immer Kalkül. Längst gibt es mit "Greenwashing" auch einen Begriff dafür. Denn mit politischer Haltung können sich Unternehmen profilieren, ihre Marke stärken, die junge Greta-Generation und Influencer an sich binden.

Nach der Planungsrunde an diesem Montag stehen rund fünfzig Moderatorinnen, Sänger und Models mit dem Rücken vor einer Leinwand. Auf ihr ist der neue Instagram-Account für die Bürgerversammlung zu sehen: 12062020olympia, ein Kompromiss aus Datum und Ort der Veranstaltung. Sie zücken ihre Smartphones, machen Selfies. "Wenn das jeder macht, können wir noch heute 100.000 Follower erreichen", sagt Zeiler. Am Ende des Abends deaktiviert Instagram vorübergehend den Account. Er ist zu schnell gewachsen, sie vermuten einen Bot. Am nächsten Tag verkündet Zeiler die Rückkehr. Auf seinem privaten Account, den er mit dem Hashtag "Dauerwerbesendung" gekennzeichnet hat.

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