FacebookFlickrGoogleInstagramTeilenSoundcloudTwitterGefällt mirAntwortenRetweetenYouTubeZEIT ONLINEFacebookFlipboardMailFacebook MessengerPockettwitterWhatsappZ+
Anzeige

Fremdenfeindlichkeit: Fördert Facebook-Hetze Attacken auf Flüchtlinge?

Ist mehr auf Facebook los, gibt es mehr fremdenfeindliche Angriffe. Eine Studie hat statistisch diesen Zusammenhang ergeben. So einfach ist es aber nicht.
Eine Flüchtlingsunterkunft im ehemaligen Tempelhofer Flughafen in Berlin © Tobias Schwarz/AFP/Getty Images

"Facebook befeuert Anti-Flüchtlingsattacken in Deutschland, legt eine neue Studie nahe": So interpretierten Journalisten der New York Times kürzlich eine Untersuchung von zwei Wissenschaftlern der University of Warwick (SSRN: Müller et al., 2017). Die hatten untersucht, ob dort in Deutschland, von wo aus viele Hasskommentare und flüchtlingsfeindliche Beiträge ins Netz gestellt werden, auch die Anzahl tatsächlicher Angriffe auf Flüchtlinge erhöht ist. Dazu verglichen sie die Aktivität auf der Hauptfanseite der AfD mit der auf der unpolitischen Fanseite der Nougatcreme Nutella. Heraus kam: Egal, ob im Umfeld rechter Ansichten oder dem des Schokoladen-Aufstrichs – überall da, wo Facebook viel genutzt wurde, gab es auch mehr Attacken auf Geflüchtete. Die New York Times bezeichnete die Resultate der Studie als "bahnbrechend" und "atemberaubend".

Anzeige

Aber heißt das, Facebook verursacht Anschläge auf Ausländer? Ist es die Aktivität auf der Plattform, die Menschen dazu bringt, sich zu radikalisieren? Passen würde es in das Narrativ, das Medien schon seit Jahren wieder und wieder erzählen: Facebook mache uns depressiv, Facebook fördere Einsamkeit und Isolation, Facebook sei eine Gefahr für die Demokratie. Jetzt soll das soziale Netzwerk also auch verantwortlich für die fremdenfeindlichen Taten seiner Nutzerinnen und Nutzer sein.

Aber so einfach ist es nicht, nie gewesen. Auch nicht im aktuellen Fall. Zwar belegt die Studie aus England – durchgeführt von zwei deutschen Forschern – tatsächlich eine statistische Häufung der Aktivität in dem sozialen Netzwerk und den Angriffen auf geflüchtete Menschen an bestimmten Orten. Eine Ursächlichkeit lässt sich aus den Daten aber nicht ablesen. Um es ganz deutlich zu sagen: Nur, weil zwei Phänomene korrelieren, muss das eine nicht der Grund für das andere sein.

Was genau haben die Forscher gemacht?

Doch was war überhaupt die Idee hinter der Studie? Die Ökonomen Karsten Müller und Carlo Schwarz wollten ursprünglich wissen, ob es einen kausalen Zusammenhang zwischen flüchtlingsfeindlicher Hetze auf Facebook und Übergriffen auf Geflüchtete gibt. "Wir haben immer wieder in Zeitungsberichten gelesen, dass es Hasskommentare online gebe und dass sie die Stimmung gegenüber Geflüchteten aufheizten", sagte Schwarz im Gespräch mit ZEIT ONLINE. Wissenschaftlich sei dieser Aussage aber noch niemand nachgegangen. Deshalb begannen die beiden, selbst Daten und Zahlen zusammenzutragen und auszuwerten.

Anzeige

Eine Herausforderung bestand darin, auf Facebook eine typische Seite zu finden, auf der fremdenfeindliche Posts und Kommentare nicht nur geteilt, sondern auch einer großen Gefolgschaft angezeigt werden. Müller und Schwarz entschlossen sich, die Fanseite der Alternative für Deutschland auszuwerten. Die Partei habe sich als Anti-Flüchtlings- und Anti-Immigrationspartei positioniert. Mit rund 300.000 Anhängerinnen und Anhängern habe sie mehr Facebookfans als jede andere deutsche Partei. Diese große Reichweite mache die Seite "besonders geeignet", um Stimmungsmache gegen Flüchtlinge in sozialen Medien zu messen, schreibt das Forscherteam in seiner Veröffentlichung.

Als eine Art Kontrollgruppe – also um das Verhalten von Nutzern auf der AfD-Seite mit dem typischen Nutzungsverhalten auf einer unpolitischen Facebookseite zu vergleichen – wählten die Wissenschaftler die Fanseite der Schokoladencreme Nutella. Zum Zeitpunkt der Untersuchung sei diese mit 32 Millionen Fans die zweitgrößte Facebookseite in Deutschland gewesen. Die Wahl der Nutella-Page begründete Schwarz damit, dass die Nutella-Fans unverdächtig seien, fremdenfeindlicher zu sein als der Durchschnitt.

Die Autoren werteten über eine Schnittstelle, die Facebook zur Auswertung seiner Daten anbietet, aus, in welchen Gemeindeverwaltungsverbänden Deutschlands die Nutzerinnen und Nutzer beider Facebookgruppen besonders aktiv waren. Anschließend schauten sie, in welchen der Gemeindeverwaltungsverbänden es zu tatsächlichen Attacken auf geflüchtete Menschen gekommen war, und verglichen die Häufigkeit. Das Ergebnis: Dort, wo besonders viele Nutzerinnen und Nutzer auf Facebook aktiv waren, gab es mehr fremdenfeindliche Angriffe, wenn gleichzeitig auf der AfD-Seite besonders häufig Postings zu Flüchtlingsthemen kursierten. Mehr Angriffe gab es zu diesen Zeiten aber eben nicht nur an Orten mit vielen AfD-, sondern auch mit vielen Nutella-Fans.

Wieder einmal gilt: Korrelation ist nicht Kausalität

Um externe Faktoren aus der Statistik auszuschließen, zogen die Autoren auch andere demografische Daten heran. Sie schauten sich etwa den Wohlstand in den Gemeindeverwaltungsverbänden an, den Bildungsgrad, den Altersdurchschnitt, aber auch die Anzahl der dortigen AfD-Wählerinnen und -Wähler, die Zahl der aufgenommenen Geflüchteten, die Historie von fremdenfeindlichen Angriffen in der Region, den Verkauf von Zeitungen und anderes. Doch heraus stach der Zusammenhang zwischen Facebooknutzung und fremdenfeindlichen Angriffen.

Keinerlei Hinweis auf Ursache und Wirkung

Allerdings, und das ist eine statistische Binsenweisheit, ist Korrelation eben nicht gleich Kausalität. Das ist wie mit Störchen und Geburten: Zwar lassen sich manchmal Korrelationen zwischen einem höheren Aufkommen an Störchen und einer höheren Anzahl an Geburten bilden. Aber deswegen würde niemand ernsthaft annehmen, dass Störche die Babys brächten und damit Ursache für einen Kinderboom seien. Die Ökonomen Müller und Schwarz merken in ihrer Studie daher offen an, dass die Ergebnisse keine kausalen Rückschlüsse zuließen. Trotzdem seien die Korrelationen "aufschlussreich".

Der nicht an der Studie beteiligte Wissenschaftler Tobias Rothmund ist anderer Meinung. Er ist Juniorprofessor für politische Psychologie an der Uni Koblenz-Landau und forscht zu digitalen Medien. Seiner Ansicht nach zeige die Untersuchung lediglich einen Zusammenhang zwischen einer Häufung von Postings zu Flüchtlingen auf Facebook und einer Häufung fremdenfeindlicher Angriffe. "Dass die Posts der AfD einen kausalen Einfluss auf fremdenfeindliche Übergriffe haben, dafür liefert die Studie keinerlei Nachweise", sagte er. Das heißt: Aus diesem Zusammenhang lässt sich nicht der Schluss ziehen, dass Kommentare und Postings zu mehr Attacken führen.

Die Studie schließe plausible alternative Erklärungsansätze nicht aus. Schließlich könne allein die Tatsache, dass die Fremdenfeindlichkeit in einigen Gemeinden gestiegen sei, auch Grund für mehr fremdenfeindliche Kommentare sein, sagt Rothmund. Genauso gut könnten reale Übergriffe durch die Medienberichterstattung zu mehr Kommunikation darüber auf der AfD-Facebookseite geführt haben. Diese Erklärungen könnten die Befunde der Untersuchung genauso gut erklären.

Auch andere Wissenschaftler kritisieren die Methodik. Die Autoren hätten im Wesentlichen die gleiche Variable und ihre Auswirkungen auf zwei verschiedene Arten gemessen, schreibt etwa der US-Ökonom Tyler Cowen in einem Blogbeitrag. Er stellt die Hypothese auf, dass sowohl ein Anstieg der Facebooknutzung als auch der tatsächlichen Angriffe in angespannten Zeiten naheliegend sei. Dies heiße aber noch lange nicht, dass ein Anstieg den anderen bedingen würde.

Müller und Schwarz hatten außerdem untersucht, ob zu Zeiten von Internetausfällen – wenn also auch Facebook nicht funktionierte – die Zahl von Anschlägen zurückging. Auch hier stellten sie eine Korrelation fest. Der Medienanalyst Ben Thompson, der die Seite Stratechery betreibt, vermisst dabei einen Robustheitstest dieser Daten. Wissenschaftler rechnen durch dieses Verfahren den Einfluss anderer äußerer Umstände auf Statistiken aus. Dass die Autoren dieser Studie das nicht gemacht hätten, sei bedauerlich, schreibt Thompson. Denn die Ergebnisse von Müller und Schwarz stünden der gängigen Forschungsmeinung entgegen, dass Filterblasen erst im Laufe längerer Zeit das Handeln von Menschen verändern, nicht in ein paar Stunden.

Noch wurde die Studie nicht von unabhängigen Forschern geprüft

Ökonomie-Professor Cowen hält selbst die Datengrundlage der Autoren für fragwürdig, insbesondere die Auswahl der Facebookseite von Nutella als Kontrollgruppe. Von den 32 Millionen Nutzerinnen und Nutzern habe die Studie nur 21.000 individuelle Interaktionen in Deutschland gemessen – die 32 Millionen sind nämlich die globale Zahl der Fans, nicht nur die hierzulande. Was genau der Vergleich aussagen solle, bleibe im Dunkeln, heißt es in dem Blogbeitrag des Wissenschaftlers.

Zwar verteidigt Autor Schwarz die Ergebnisse, ist sich der geringen Aussagekraft aber bewusst. Die Untersuchung zeige erste Anzeichen dafür, dass es einen Zusammenhang zwischen fremdenfeindlichen Hasskommentaren und Angriffen auf Geflüchtete gebe, sagt der Wissenschaftler. "Es ist eine erste Studie. Um einen eindeutigen Zusammenhang zweifelsfrei zu belegen, wird es noch mehr Untersuchungen brauchen." In keinem Fall behaupte man, dass die sozialen Medien der einzige mögliche Einflussfaktor für Attacken auf geflüchtete Menschen seien.

Erst jetzt erlangte die schon im Dezember 2017 publizierte Studie durch den Artikel der New York Times weltweite Aufmerksamkeit. Noch ist sie nur online und in keinem wissenschaftlichen Journal mit Peer-to-Peer-Verfahren erschienen. Sie ist also noch ein sogenanntes working paper – Wissenschaftler sprechen auch von
"grauer Literatur". In diesem Stadium vor einer Prüfung durch unabhängige Fachkollegen lässt sich über die Qualität einer Arbeit noch wenig sagen. Schwarz und Müller wollen die Studie nach eigenen Angaben noch bei einem Fachjournal einreichen. Bis zur Veröffentlichung könne es aber dauern.

Welche Aussagekraft hat die Untersuchung also letztendlich? "Wenn viel Ärger über geflüchtete Menschen auf Facebook geteilt wird, dann kann sich dieser Ärger leicht verbreiten und andere Nutzer in ihrem Ärger bekräftigen", sagt Tobias Rothmund. Das führe vielleicht tatsächlich dazu, dass Menschen auch in der Offline-Welt Geflüchtete angreifen. Nur sei das eben nicht erwiesen. Auch nicht nach dieser Studie.

Startseite
Anzeige