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La Laguna und Santa Cruz: Die zwei Herzen einer Insel

Lange haben sie nicht ganz im gleichen Takt geschlagen. Heute bilden La Laguna und Santa Cruz auf Teneriffa eine Metropolregion, die sich sehen lassen kann.
Die Rambla von Santa Cruz schmiegt sich in einem Halbkreis um die Innenstadt, der Boulevard endet auf beiden Seiten am Meer. © Tim Langlotz für MERIAN

Als hätte er schon lange auf die Frage gewartet, platzt die Antwort auf die langweiligste aller aus Bruno Gutiérrez heraus. "Ich bin Chicharrero!", sagt der junge Mann und schiebt nach einer kurzen Kunstpause eine Erklärung hinterher: "So nennen wir Einwohner von Santa Cruz uns, nach dem Fisch, von dessen Fang die Fischer hier früher lebten." Das Wort ist mal eine Beschimpfung gewesen, erzählt er weiter. Die wohlhabenden Bewohner von La Laguna nannten ihre Nachbarn aus Santa Cruz abfällig so, als La Laguna noch Hauptstadt Teneriffas war und Santa Cruz nur ihr Hafen. Dieser Fisch, die Bastardmakrele, war zu der Zeit ein Arme-Leute-Essen, und genau das waren die Menschen damals in Santa Cruz: arm.

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Heute streitet Bruno, schwarzes T-Shirt mit Testbild-Aufdruck und verschmitztes Grinsen im Gesicht, manchmal mit Freunden darüber, ob sich alle Einwohner Teneriffas Chicharreros nennen dürfen. Bruno findet: Nein! Für ihn ist Chicharrero kein Schimpfwort mehr, sondern ein Label, das sich nur anheften darf, wer aus der Hauptstadt kommt.

Bruno studiert im gut zehn Kilometer entfernten San Cristóbal de la Laguna, kurz La Laguna genannt. Überlegt in die Nachbarstadt zu ziehen, habe er nie, erzählt er. Warum auch? Santa Cruz und La Laguna bilden längst ein Ballungsgebiet, in dem gut 350.000 Menschen leben.

Dabei könnten die zwei Städte unterschiedlicher kaum sein: Bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts hinein war La Laguna die Hauptstadt. Ein alter Ort mit einer pittoresken Altstadt, in der alle Häuser wie aus einem Guss erscheinen, eine bunt verputzte Fassade mit kunstvoll verzierten Balkonen neben der nächsten.

Dagegen Santa Cruz mit der geschäftigen Innenstadt, in der kein Gebäude zum nächsten passen will, klassizistische Formen neben Bausünden, moderner Beton gegenüber einer verzierten Barockfassade – das ist nun die Hauptstadt. Und im Wechsel mit Las Palmas de Gran Canaria zudem Sitz der Regionalregierung der Kanarischen Inseln. La Laguna und Santa Cruz geben den Takt der Insel an, alte und neue Hauptstadt sind zusammengewachsen, bilden gemeinsam das wirtschaftliche, geschichtliche und kulturelle Zentrum Teneriffas. Inzwischen.

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Lange hat es gedauert: Santa Cruz tat sich schwer, aus dem Schatten der Nachbarstadt herauszutreten. La Laguna bekam immer die ganze Aufmerksamkeit – die große Universität, der Charme und 1999 der Titel UNESCO-Welterbe für die Altstadt mit mehr als 350 Häusern aus dem 16. bis 18. Jahrhundert. Als einzige Stadt auf den Kanaren. Santa Cruz hingegen hatte ein Verkehrsproblem, Berge von Schifffahrtscontainern, die den Blick auf den Atlantik verstellten, und den Ruf, ein bisschen langweilig zu sein. Vom Tourismus bekam die Hauptstadt wenig ab, abgesehen von einigen Tagesbesuchern,  die einen Zwischenstopp auf dem Weg zum berühmten, zehn Kilometer entfernten Strand Las Teresitas machten. Santa Cruz stand für nichts, eine Stadt ohne Attribut. Jahrzehnte bemühte sich die Hauptstadt deshalb mit Bauprojekten um Ansehen.

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 11/2017 © MERIAN

"Wegen solcher Orte wie diesem hier liebe ich Santa Cruz", sagt Bruno und schaut sich um. Ein länglicher Raum mit einer kleinen Bar, Stuhlreihen, etwa 50 Zuschauer und eine improvisierte Bühne, auf der zwei Männer mit Synthesizern und einer Mandoline Musik machen, die mal wie prasselnder Regen klingt, zwischendurch wie ein Sturm und dann wie Wellenrauschen. "Ganz schön experimentell", sagt er. "Das gefällt mir."

Das Haus in der Nähe des Fährterminals gehört dem Verein Equipo Para und ist so etwas wie das Zentrum der alternativen Kunstszene. "Solche Konzerte können wir nur veranstalten, weil unsere 130 Mitglieder jeden Monat zehn Euro bezahlen. So etwas gibt es in der Stadt nirgendwo anders", sagt Gonzálo Prieto Villazán, einer der Gründer von Equipo Para. Prieto kommt vom spanischen Festland, zog vor 20 Jahren wegen seiner Freundin nach Teneriffa, eröffnete ein Café in Santa Cruz und war anfangs nicht sonderlich angetan von der Hauptstadt. "Gutes Wetter, sogar ein paar interessante Leute – aber kulturell nichts los."

Santa Cruz ist modern, La Laguna bewahrt die Vergangenheit

Prieto wollte zumindest in seinem Café etwas auf die Beine stellen und begann ganz klein mit ein paar Büchern in einem Regal, aus dem sich seine Gäste bedienen durften. Dann zeigte er ab und zu Filme und ließ befreundete Künstler und Fotografen ausstellen – und merkte, dass andere sich für die gleichen Dinge interessierten wie er. Daraus entstand vor gut zehn Jahren der Verein Equipo Para, der seitdem regelmäßig Ausstellungen,  Konzerte und Lesungen organisiert.

"Wir sind das Gegenstück zu den Massenveranstaltungen wie dem Karneval", sagt Prieto, während vorn auf der Bühne der Mandolinenspieler mit einem Stab auf die Saiten seines Instruments einschlägt. "Events haben wir schon genug, genauso wie Prestigeprojekte."

Prieto ist kein Fan staatlicher Kulturförderung: Zu kompliziert sind ihm die Anträge, und zu oft bekämen ähnliche Ideen das Geld. "Die Bürger einer Stadt müssen selbst aktiv werden. Damit fangen wir in Santa Cruz gerade an", sagt er und tritt auf den Balkon des Hauses. Unten stehen die Tische der einen Bar dicht an dicht mit denen der nächsten. Stimmengewirr konkurriert mit der Melodie einer spanischen Schnulze.

Das wohl auffälligste der von Prieto erwähnten Prestigobjekte steht nicht mal zwei Kilometer entfernt. Je nach Lichteinfall lassen ungezählte weiße Keramikplättchen den geschwungenen Bau tagsüber funkeln oder schmutzig aussehen. Einige verglichen das vom spanischen Architekten Santiago Calatrava geplante Konzerthaus zur Eröffnung im Jahr 2003 stolz mit der Oper in Sydney, die spanische Zeitung El País beschrieb das Auditorio de Tenerife als "großes Betonsegel", die Neue Züricher Zeitung meinte es sei "halb Schiff, halb Rochen und halb Trachtenhaube". Endlich hatte Santa Cruz sein Wahrzeichen.

Seit der Eröffnung des Auditorio de Tenerife, das inzwischen offiziell den Namen "Auditorio de Adán Martín" trägt, sind noch einige imposante Bauwerke hinzugekommen, außerdem versperren die Containerberge nicht mehr den Blick aufs Meer. Der Verkehr stockt zwar immer noch, aber einer ersten unter die Erde gelegten Hauptverkehrsstraße sollen weitere folgen, und die zentrale Plaza de España wurde zu einem großen Areal für Fußgänger umgestaltet.

In der öffentlichen Bibliothek im Kunstmuseum TEA, dem "Tenerife Espacio de las Artes", hängen meterlange, tropfenförmige Lampen von der Decke. Jugendliche sitzen auf den mit Leder bezogenen Sitzquadern und surfen auf ihren Smartphones im freien WLAN. In den Etagen darüber zeigen drei Ausstellungssäle moderne und zeitgenössische Kunst. Das Schweizer Architekturbüro Herzog und de Meuron, das auch die Plaza de España umgestaltete, hat das Gebäude aus Beton und Glas in Anlehnung an die Architektur der kanarischen Herrenhäuser geplant: außen verschlossen, innen ein offener Hof. Santa Cruz zitiert den maurisch inspirierten Baustil, für den La Laguna berühmt ist.

Dort, zehn Kilometer, 500 Höhenmeter und eine halbe Stunde Straßenbahnfahrt entfernt, liegen die Gassen in der Altstadt noch immer wie vor 500 Jahren. "Santa Cruz ist modern, La Laguna bewahrt die Vergangenheit", sagt Bruno, der stolze Chicharrero. "Was nicht heißt, dass La Laguna langweilig ist." Ein Rundgang durch die Altstadt offenbart, was er meint: Die Stadtpaläste tragen die Wappen der Familien, die sie erbauen ließen, und haben ähnliche Grundrisse: ein großer und ein kleinerer Innenhof, eine Galerie aus Holz innen und außen an der Fassade Balkone, ebenfalls aus Holz. Eine beachtliche Zahl von Kirchen und Klöstern erinnert daran, dass sich mit dem Adel und den Kaufleuten auch der Klerus hier niederließ. La Laguna ist heute eine junggebliebene alte Stadt, von etwa 150.000 Einwohnern studieren gut 20.000 an der Universität.

Aus einem der alten Häuser dröhnt Pop-Musik, dazu belegt eine junge Frau Hot-Dog-Brötchen mit Würstchen und Zwiebeln und bestreicht sie mit Soße. Nebenan bewirbt ein handgeschriebenes Schild veganes Fast-Food. "Den besten Überblick über die Stadt bekommt man vom Turm der Kirche", rät die Hot-Dog-Verkäuferin und deutet in Richtung der Iglesia de la Concepción, einer der wichtigsten Kirchen in La Laguna.

Mit seinen 28 Metern überragt der Turm die Häuser der Altstadt. Von oben betrachtet sieht La Laguna aus wie ein Dorf. Nur der Blick gen Südosten zeigt, dass die Großstadt ganz nah ist. Santa Cruz und La Laguna gehören zusammen. Ob sie wollen oder nicht. 

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