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Familienzusammenführung: Überdenken Sie Ihre Position!

Wer keinen Familiennachzug will, übersieht menschliche und psychologische Gefahren: Wer an den Rand der Gesellschaft gedrängt wird, übernimmt keine Verantwortung.
Behandeln Sie Geflüchtete als zukünftige Bürger und ihre Kinder als Teil der nächsten Generation Deutschlands? © Carsten Koall/Getty Images

Können Sie sich eigentlich vorstellen, welche Auswirkungen die kontroverse Diskussion über das Thema Familiennachzug auf die hier lebenden Geflüchteten hat? Vor allem auf die Unglücklichen unter ihnen, deren Hoffnungen auf Familienzusammenführung an einem sicheren Ort durch das jetzt debattierte neue Gesetz zunichtegemacht würden?

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Der Vorstoß von Innenminister Horst Seehofer, die Bedingungen für die Familienzusammenführung zu verschärfen, befeuert eine Debatte, in der politische, gesellschaftliche und humanitäre Argumente aufeinandertreffen.

Dass ein Teil der deutschen Gesellschaft die Beschränkung oder gar Abschaffung der Familienzusammenführung befürwortet, mag zunächst einleuchten: Manche denken, dass Deutschland sein Soll bei der Aufnahme von Flüchtlingen bereits erfüllt habe.

Diese Position wird insbesondere von jenen vertreten, die schon gegen die Grenzöffnung waren, als eine gewaltige Zahl von Menschen die Gefahren des See- und Landwegs auf sich nahm, um vor dem Tod nach Deutschland zu flüchten. Diese Präventivwütenden sehen in jedem Geflüchteten einen Eindringling, von denen es ohnehin zu viele in ihrer Heimat gibt.

Aber selbst Menschen, die Geflüchtete zuerst mit offenen Armen empfangen haben, sind mittlerweile für eine Gesetzesverschärfung. Damals gingen sie davon aus, dass es mit einem Dach über dem Kopf, etwas zu essen und ein paar Kinderspielzeugen schon getan sein würde. Sie ahnten nichts von den kommenden, weit größeren Herausforderungen, die sich nur mit noch mehr Entschlossenheit und gegenseitigem Verständnis würden überwinden lassen.

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Ängste schüren und Unwissenheit ausnutzen

Es ist offensichtlich, dass konservative und rechtsgerichtete politische Kräfte auf Stimmenfang gehen, indem sie die Ängste der Menschen bedienen und ihre politische Unwissenheit ausnutzen. Sie erklären Migranten oder Flüchtlinge zur größten aller Gefahren, wobei sie sich etablierter Stereotype des Anderen bedienen und davon abraten, die Neuhinzugekommenen tatsächlich kennenzulernen.

Ich will Ihnen hier keine Fluchtgeschichten erzählen oder vom Leid der Wartenden berichten. Auch will ich nicht um Ihr Mitgefühl werben oder Ihnen die Ergebnisse einer Meinungsumfrage unter Geflüchteten präsentieren, welche der offiziellen Entscheidungen die größte Auswirkung auf ihr persönliches Schicksal hatte. Alles was ich will, ist ein paar Fragen aufzuwerfen.

Vier Fragen an die Deutschen

1. Denken Sie, dass eine politische Entscheidung, die Familien auseinanderreißt, mit Ihren humanitären Prinzipien und mit der Leitkultur, um die Sie sich sorgen und die Sie vor Eindringlingen schützen wollen, in Einklang steht? Wäre eine solche Entscheidung nicht ein Rückschritt angesichts der moralischen und humanitären Aufwärtsentwicklung, die Deutschland nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs erlebte?

2. Sehen Sie die Familienzusammenführung als eine Auszeichnung an, die nach bestimmten, von Ihnen gesetzten Kriterien an manche Geflüchtete verliehen wird, während alle anderen leer ausgehen? Wenn es sich also um einen Wettbewerb handelt, warum waren dann die Regeln nicht von Anfang an klar? Dann hätten alle die gleichen Chancen gehabt. Stattdessen gewinnt nun, wer zuerst kam, und das Elend erwartet alle anderen, deren einziger Fehler darin besteht, nicht zuerst gekommen zu sein. 

Nur wer bleiben kann, übernimmt Verantwortung

3. Behandeln Sie Geflüchtete als zukünftige Bürger und ihre Kinder als Teil der nächsten Generation Deutschlands? Oder gehen Sie so mit ihnen um, als seien sie auf der Durchreise? Hierbei ist zu bedenken, dass nur derjenige, der sich zu Deutschland zugehörig fühlt, auch Verantwortung für dieses Land übernehmen kann; was natürlich direkte Auswirkungen auf das Verhalten hat. Die Geflüchteten werden mit einem Deutschland, das ihnen Heimat ist, ganz anders umgehen als mit einem Deutschland, das sie möglichst schnell loswerden will.

4. Die letzte Frage betrifft die unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten: Kinder, die für Sie vermutlich unvorstellbares Grauen erleben mussten, bevor sie nach Deutschland kamen. Sie kamen allein, ohne dieses Schicksal gewählt zu haben. Allein verbrachten sie ihr erstes, dann ihr zweites und vielleicht sogar drittes Jahr in Deutschland, in der Hoffnung, eines Tages ihre Familien retten zu können, so wie sie gerettet wurden. Sie werden von diesem Wunsch angetrieben, der zu intensiv ist, als dass sie ihn ignorieren könnten – und kein vernünftiger Mensch kann das von ihnen verlangen. Wir sollten nicht unterschätzen, was diese Kinder bereit sind zu tun, um ihr Ziel zu erreichen.

Glauben Sie wirklich, dass aus solchen Minderjährigen, denen es nicht gelungen ist oder die daran gehindert wurden, ihre Familien zu retten, gute Bürger werden? Ausgeglichene Menschen, die emotional stabil genug sind, ihr Leben ohne Krisen zu meistern? Und wenn ihnen dieses Wunder nicht gelingt, wenn sie in einen Abgrund aus Drogen, Verbrechen und Depressionen fallen, werden Sie ihnen dann in die Augen sehen und sie verurteilen können?

Zahlen versus Moral

Natürlich würde die Zahl der Geflüchteten durch die Familienzusammenführung steigen. Aber wir sollten auch nach den Konsequenzen des Gegenteils, der fortgesetzten Familientrennung, fragen. Vielleicht hoffen manche Politiker, dass alle Geflüchteten, denen nur subsidiärer Schutz gewährt wurde, wieder weggehen werden, wenn sie ihre Familien nicht nachholen können. Möglicherweise würden sie das wollen – aber wohin sollen sie gehen?

Für Syrer zum Beispiel ist der Libanon wegen des sich ausbreitenden Rassismus und der Diskriminierung von Syrern keine Option mehr. Sich dort einen Lebensunterhalt zu verdienen, ist für sie nahezu unmöglich. Die Lage in der Türkei ist ähnlich, da sie sich weigert, Syrer als Flüchtlinge anzuerkennen, womit sie dort rechtlos sind. Da es Baschar al-Assad gelungen ist, seine Macht in Syrien zu konsolidieren, können die Hunderttausende, die seinetwegen geflohen sind, dorthin auch nicht zurückkehren, es würden sie Gefängnis und Tod erwarten. Und selbst wenn sie mittelfristig zurückgehen würden: Was sollen sie bis zum Zeitpunkt ihrer Rückkehr tun? Warum sollten sie Deutsch lernen oder sich eine Arbeit hier suchen, solange unklar ist, ob sie ihre Familien jemals nach Deutschland holen können?

Daraus folgt, dass alle offiziellen Mechanismen zur Integration der Geflüchteten scheitern werden. Und würde das nicht bedeuten, dass Sie die Flüchtlinge erst zu der Last für die deutsche Gesellschaft machen, über die Sie klagen?

Natürlich würde der Familiennachzug logistische Probleme mit sich bringen. Aber wären die wirtschaftlichen Folgen tatsächlich so groß im Vergleich mit den moralischen Folgen seiner Ablehnung –  insbesondere im Falle minderjähriger Geflüchteter? In welchem Verhältnis steht der finanzielle Aufwand, um die Familien nach Deutschland zu holen, mit den menschlichen, psychologischen und rechtlichen Gefahren, die aus dem Status quo entstehen? Wenn Geflüchtete an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden, dann stellen sie eine viel größere Gefahr dar.

Wer keine Wahl hat

Vom Standpunkt vieler Geflüchteter aus scheint es, als hätten die Verzögerungen der Asylverfahren und bei der Familienzusammenführung nur das Ziel, die Geflüchteten zur freiwilligen Rückkehr zu bewegen. Sie empfinden das als indirekte Abschiebung, da sie keine echte Wahl haben. Genauso wenig wie sie eine Wahl hatten bei ihrer Flucht nach Deutschland, bei der Zerstörung ihres Landes oder beim Tod ihrer Familienangehörigen. Vom ersten Augenblick an wurden den Geflüchteten alle Wahlmöglichkeiten genommen.

So stehen sie nun vor Ihnen: ihrer Stimme beraubt und ohne das Recht, für ihre Rechte zu kämpfen. Ihr Schicksal liegt in Ihren Händen, Sie haben die Macht, über sie zu entscheiden – und Sie tun es. Aber überdenken Sie Ihre Position, nicht nur um der Geflüchteten willen, sondern um der hiesigen Gesellschaft willen.


Übersetzt aus dem Arabischen von Mirko Vogel, Mahara-Kollektiv

Die arabische Version können Sie bei Abwab lesen.

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