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Sexismus: Wann Flüchtlingspornos boomen

Bis zu 800.000 Suchanfragen monatlich: In Deutschland und anderswo steigt die Nachfrage nach Pornos mit Flüchtlingen. Es geht um Exotisierung und Unterwerfung.
Screenshot aus einem der Videos, die man auf Pornoseiten unter dem Schlagwort “Refugee” findet © Screenshot pornhub.com

Read the English version of this article here

Was macht die seit Jahren andauernde Polarisierung beim Themenkomplex Islam, Integration, Migration und Flucht mit den Menschen in Deutschland und Europa? Sie beschäftigt viele Bürger – auch in ihren intimsten Momenten.

Recherchen von ZEIT ONLINE zeigen, dass das Phänomen der "Flüchtlingspornografie" seit 2015 in Deutschland und in vielen anderen europäischen Gesellschaften virulent geworden ist. Die Nachfrage an pornografischen Filmen, bei denen geflüchtete Frauen beim Sex gezeigt werden, steigt. Große Plattformen für Pornografie im Internet registrieren eine steigende Nachfrage, vor allem in Hochzeiten des politischen Streits.

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Nutzer können auf Seiten wie Pornhub, xHamster und RedTube mit Begriffen nach Pornos suchen. Immer mehr User tippen seit 2015 das Wort "Refugee" in die Suchleiste ein und stoßen danach auf Videos, in denen geflüchtete Frauen oder Pornodarstellerinnen, die Flüchtlinge spielen, erniedrigt werden.

ZEIT ONLINE hat Datensätze zum Konsum dieses speziellen, pornografischen Genres erhalten und sie mit Statistikexperten und Sexualwissenschaftlern analysiert.

Was ist "Refugeeporn"?

Dieses Genre konzentriert sich auf heterosexuelle Pornografie. Flüchtlingspornografie spielt dabei mit dem Motiv der mysteriösen, fremden Frau, die meist von weißen Männern verführt, erobert und dominiert wird.

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Einerseits wurden nach dem Jahr 2015 ältere Clips im Internet mit neuen Schlagwörtern versehen. In den Filmcredits ist bei einem Video zum Beispiel das Jahr 2003 aufgeführt, der Clip wurde mit den Schlagwörtern "Refugee" und "Syrian" im Jahr 2017 neu hochgeladen. Dort ist zu sehen, wie eine Frau, nur mit einem Kopftuch bekleidet, von einem weißen Mann penetriert wird.

Andere pornografische Inhalte werden offenbar direkt für diesen neuen Markt produziert. In diesen Filmen spielen mutmaßlich echte Syrerinnen mit, gesprochen wird auf Arabisch. 

In Berlin hat sich der Pornodarsteller und -produzent Antonio Suleiman niedergelassen. Der Syrer macht auf Twitter, Facebook, Snapchat und Instagram exzessiv Werbung für seine Flüchtlingspornografie made in Germany. Er war für eine Interviewanfrage von ZEIT ONLINE nicht zu erreichen. Suleiman ist aber ein gutes Beispiel dafür, dass diese Produzentenszene eher jung ist und auf die neue Nachfrage auf dem deutschen Pornomarkt reagiert.  

Die entsprechenden Videos werden aber auch in anderen westlichen Ländern, vor allem in den USA, produziert. In einem Video, in dem auf Englisch gesprochen wird, ist beispielsweise eine Syrerin zu sehen, wie sie von einem "kaukasischen Mann" penetriert wird. Der Titel dieses Pornofilms: "Syrian Refugee Sucks Huge White Cock for Dinner Money". Das Video wurde bis Ende April 420.000-mal aufgerufen. Der beliebteste Kommentar stammt von einem User namens ghostwalker, der sich beschwert, dass sich heutzutage geflüchtete Frauen die Schamhaare rasieren würden. Ein anderer User schreibt auf Deutsch: "Flüchtlingsfotzen willkommen." 

Wie oft wird so etwas in Deutschland geschaut?

Der weltweit größte Anbieter pornografischer Inhalte im Internet, Pornhub, teilt schriftlich mit, dass das Phänomen der Flüchtlingspornografie "sehr heikel" sei. Zwar sehe das Unternehmen mit Sitz in Kanada einen Zusammenhang zwischen politischer Polarisierung und dem Konsum von Pornografie, Daten dazu wolle der Anbieter mit mehr als zwei Milliarden Klicks (Unique Visits) weltweit pro Monat aber nicht bereitstellen.

Ein sehr "heikles Thema"

Der zweitgrößte Anbieter von Pornografie im Internet heißt xHamster. Die Betreiber der Seite geben an, mehr als eine Milliarde Aufrufe pro Monat zu verzeichnen. Das Maskottchen, ein kleiner Hamster mit Pausbacken, ist der Botschafter des zypriotischen Unternehmens mit Sitz in Limassol. Das offizielle Firmenmotto lautet: "Just porn, no bullshit." Nach Austausch mehrerer E-Mails schickt die Unternehmenssprecherin zwei Datensätze.

Die erste Tabelle zeigt die monatliche Veränderung der Zahl der Suchanfragen auf xHamster, bei denen das Wort "Refugee" eingegeben wurde. Der Datensatz ist jeweils für verschiedene Länder in Europa aufgeschlüsselt. Da Pornografie weltweit auf Englisch gesucht und verschlagwortet wird, sind hierbei deutsche Begriffe zu vernachlässigen. Nur wenige deutschsprachige User suchen zum Beispiel nach "Oralverkehr", die meisten geben "Blowjob" in die Pornosuchmaschine ein. Falls jemand doch das Wort "Flüchtling" eingibt, wird automatisch nach der englischen Übersetzung gesucht. Die zweite Tabelle zeigt den prozentualen Anteil der Suchanfragen für "Refugee" relativ zur Gesamtzahl aller Klicks auf der Seite.

Absolute Zahlen gibt es auch von xHamster nicht. "Betriebsgeheimnis", lässt die Sprecherin wissen.

Deshalb hat ZEIT ONLINE mit diesen Daten drei Statistikexperten konsultiert, darunter auch Professor Christian Heumann vom Statistik-Institut der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Die Statistiker haben errechnet, um wie viele Aufrufe es sich bei den Suchanfragen handeln könnte. Das Ergebnis: Allein in Deutschland wird in Spitzenzeiten pro Monat bis zu 800.000 Mal nach "refugee porn" auf der Seite von xHamster gesucht. Im Vergleich zum Gesamttraffic auf xHamster.com machen 800.000 Suchanfragen pro Monat lediglich bis zu 0,18 Prozent der Klicks aus. Für einen von Erotik weit entfernten Suchbegriff wie "Refugee" sind 800.000 Anfragen aber wiederum eine beachtliche Zahl. 

"refugee porn" gibt es nicht nur auf xHamster, sondern auf allen Pornoseiten. Die Suchanfragen auf der Seite Pornhub, die mit monatlich mehr als 2,4 Milliarden Besuchen doppelt so groß wie xHamster ist, und auf anderen pornografischen Seiten sind hier nicht einkalkuliert. Die tatsächliche Zahl müsste also deutlich höher sein.

Wann hat "refugee porn" Konjunktur?

In den Datensätzen von xHamster ist für Deutschland eine hohe Fluktuation der Suchanfragen mit dem Wort "Refugee" zu sehen. Zwischen Januar 2015 und April 2018 sind zwei von mehreren Anstiegen hervorzuheben:

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  • August 2015 bis März 2016: Als die deutsche Bundesregierung die Geflüchteten aus Ungarn einreisen lässt und darüber monatelanger Streit ausbricht, suchen mit Abstand die meisten Menschen in Deutschland nach "refugee porn".
  • Im September 2017: Im Monat der Bundestagswahl, bei der nicht nur die AfD auf die Themen Flucht und Migration setzt, nimmt die Zahl der "Refugee"-Suchanfragen auf xHamster in Deutschland um 114 Prozent auf deutlich mehr als 800.000 zu.

Die Suchanfragen steigen

In Zeiten, in denen sich viele Talkshows Obergrenzen für Flüchtlinge oder einer vermeintlichen Islamisierung widmen, in denen Straßenzüge mit AfD-Plakaten gesäumt sind oder während in Kanzlerduellen vor allem um Migranten gestritten wird, finden laut den Datensätzen von xHamster die meisten Suchanfragen statt.

Wie sieht es in anderen Ländern Europas aus?

Im Vergleich zu Deutschland fallen besonders zwei Länder in den Daten von xHamster auf: Ungarn und Österreich.

In Ungarn, wo im Sommer 2015 viele Geflüchtete gestrandet waren, nahm die Zahl der Suchanfragen im September 2015 zum Beispiel um 151 Prozent zu. In Österreich, Transitland für viele Geflüchtete im Dezember 2015, nahm die entsprechende Zahl beispielsweise um 195 Prozent zu. Vor und während der österreichischen Parlamentswahlen im Oktober 2017 um 174 Prozent. In beiden Ländern wohnen deutlich weniger Menschen als in Deutschland, dennoch wird dort pro Monat zehntausendfach nach "Refugee" auf Pornoseiten gesucht.

Den größten Anstieg in einem Monat verzeichnete Polen mit plus 207 Prozent im November 2015. Dies allerdings auf sehr niedrigem Niveau. Nicht nur aus mathematischer Sicht lohnt sich auch der Vergleich zu Großbritannien. Kurz vor der Brexit-Abstimmung im Juni 2016 und während des Wahlkampfs im Sommer 2017 wurden im Vereinigten Königreich deutliche Anstiege im Konsum von "refugee porn" registriert.

Die Datenlage lässt sich qualitativ sogar verfeinern. Die Seite pornmd.com gehört zum Unternehmen Pornhub. In diese Pornosuchmaschine ist ein Algorithmus eingebaut, der dem User anzeigt, welche Suchbegriffe in der Umgebung zum Zeitpunkt der Suche besonders beliebt sind. ZEIT ONLINE machte mit diesem Tool per Zufallsgenerator Stichproben in mehreren deutschen und europäischen Städten. 

In Amsterdam, so zeigt es pornmd.com an, sind die Suchbegriffe "Syrerin" und "Marokkanerin" sehr beliebt. Nach dem Wort "Refugee" wird dort weniger gesucht. Auch in anderen Ländern fallen spezifischere Suchbegriffe mehr ins Gewicht. In Frankreich, so zeigen Stichproben in Paris und vorangegangene Recherchen französischer Medien, suchen viele Pornokonsumenten beispielsweise nach der Wortkombination "beurette de cité", was so viel wie "Araberin aus der Vorstadt" bedeutet.

Wer guckt "refugee porn"?

Diese Daten verraten nicht, wie viele Menschen hinter diesen Suchanfragen stecken. Sie verraten auch nicht, wer sich hinter den Bildschirmen wie mit "refugee porn" befriedigt. Für Sexualforscher ist dieses Phänomen allerdings nicht neu. Es gibt entsprechende Studien aus den USA, die die Repräsentation von Minderheiten im Porno untersuchen. Für Deutschland existiert eine solche Forschung noch nicht.

Machtspiel von Dominanz und Hingabe

Jakob Pastötter ist Professor für Sexualwissenschaften und Kulturanthropologie. Er erklärt, dass viele Menschen auf diese Weise die Dauerbeschallung mit dem Thema in Medien, Politik und Gesellschaft "alleine auf der Couch oder im Bett" ausklingen lassen. Es könne sein, so Pastötter, dass einige User ganz bewusst nach "refugee porn" suchen. Gleichzeitig sei es auch möglich, dass einige Menschen schlicht vor dem aufgeklappten Laptop oder mit dem Smartphone in der Hand nicht auf eine andere Idee kommen und "Refugee" in die Suchleiste eingeben.

Geschlechtsverkehr sei immer ein Machtspiel von Dominanz und Hingabe, erklärt der Sexologe. "Es kann durchaus sein, dass Neonazis hier ihre sexuellen Phantasien ausleben", sagt Jakob Pastötter. Vieles deutet aber darauf hin, dass sich Männer aus der Mitte der Gesellschaft beim Anblick "exotischer Frauenkörper, die sich unterwerfen", befriedigen. Die sexuelle Sehnsucht nach "den Anderen" ziehe sich durch alle Milieus der Gesellschaft. Das würden auch die Studien aus den USA zeigen.

Die Fetischisierung von geflüchteten Frauen reflektiere hierbei nur eine allgegenwärtige Haltung in der Gesellschaft zum Thema Einwanderung. Es existieren auch andere Begriffe, Berufsgruppen oder Minderheiten, die in pornografischen Filmen sexualisiert werden. So zum Beispiel bei der Fetischisierung von Obdachlosen oder des Berufs der Krankenschwester (die sich stereotypisch unterwirft) und des Arztes (der in der Fantasie vieler Männer natürlich dominiert). 

Weil die meisten Pornokonsumenten Männer sind, gehen einige Sexualforscher davon aus, dass Grundmotive stereotypischer Männlichkeit auf die Pornografie projiziert werden: Gewaltfantasien, Unverletzbarkeit, Überlegenheit und die Suche nach Anerkennung.

Beim Phänomen "refugee porn" seien neben Geschlechterbilder auch andere Kriterien relevant. Es könnte sein, dass beim Betrachten dieser Filme Bedenken zur vermeintlichen Überfremdung europäischer Gesellschaften verarbeitet würden, erklärt Jakob Pastötter. Bilder der Dominanz weißer Männer über nicht-weiße Frauen, die geflüchtet sind oder Geflüchtete spielen, könnten dabei die politische Fantasie vieler Menschen hierzulande widerspiegeln.

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