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Sorgerecht: "Das Wohl der Kinder hängt nicht vom Betreuungsmodell ab"

Das Bundesjustizministerium prüft eine Änderung des Sorgerechts. Der Psychologe Stefan Rücker sagt: Getrennte Eltern brauchen eher eine bessere Beratung als neue Gesetze.
Wenn Vater und Mutter sich trennen, hilft es den Kindern meist, wenn sie Kontakt zu beiden haben. © Frank Leonhardt/​dpa/​dpa

Alleiniges Sorgerecht für die Mutter? Nach einer Trennung wollen inzwischen oft beide Elternteile Verantwortung übernehmen  und geraten darüber in Streit. Expertinnen haben deshalb im Auftrag des Justizministeriums Empfehlungen für eine Reform des Familienrechts abgegeben. So soll etwa das Sorgerecht auch unverheirateten Vätern sofort zustehen. Keinem Elternteil soll es mehr entzogen werden können. Die Richter empfehlen zwar nicht explizit das Wechselmodell, aber es soll wie das Residenzmodell von Richtern angeordnet werden können. Das Bundesjustizministerium prüft nun diese Ideen.

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Der Psychologe Stefan Rücker hat im Auftrag des Familienministeriums die Studie "Kindeswohl und Umgangsrecht" erstellt. Sie hat erforscht, in welcher Konstellation Kinder nach einer Trennung der Eltern am besten klarkommen. Die Studie ist noch nicht veröffentlicht. Hier erklärt er, warum Eltern keine rechtlichen Änderungen, dafür mehr Beratung brauchen.

ZEIT ONLINE: Herr Rücker, das Sorge- und Umgangsrecht soll umfassend reformiert werden, empfiehlt eine Expertenkommission am Justizministerium. Getrennte Eltern sollen künftig gemeinsam im Sinne ihrer Kinder entscheiden können, unverheiratete Väter das Sorgerecht automatisch erhalten. Ein bestimmtes Betreuungsmodell soll nicht vorgeschrieben werden. Kinder sollen aber möglichst oft beide Eltern sehen. Was sagen Sie als Psychologe dazu?

Stefan Rücker: Vordergründig klingt das gut, ändern wird sich dennoch vermutlich wenig. Die Reformpläne für das Umgangsrecht sind Stützen, die zur Beruhigung der politischen Konflikte beitragen können. Das Wechselmodell, bei dem die Kinder mehr oder weniger gleich viel Zeit bei Mutter und Vater leben, wird nicht zum Standard erklärt – das freut etwa Die Linke oder die Mütterlobby und ärgert die Väterlobby und die FDP. Dafür werden Väter dennoch gestärkt: Das Sorgerecht kann ihnen nicht mehr entzogen werden. Dabei gibt es rechtlich kaum Änderungsbedarf: Schon heute können Väter ihr Sorgerecht durchsetzen und das Wechselmodell kann von einem Gericht angeordnet werden – gegen den Willen eines Partners. Die Debatte um die Betreuungsmodelle ist zu sehr aufgeladen. Das Wohl der Kinder hängt nicht allein davon ab.

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ZEIT ONLINE: Wovon dann? Experten im Justizministerium sagen, die Beziehung des Kindes zu beiden Eltern dient seinem Wohl und soll deshalb Leitgedanke sein. Unterstützen Sie das?

Rücker: Ja, wer das Wohl der Kinder ernst nimmt, ermöglicht ihnen ausreichend Kontakt zu beiden Elternteilen. Es gibt natürlich gewichtige Gründe dagegen, Gewalt ist einer davon. Ansonsten steigt die Lebensqualität der Kinder, wenn sie nach einer Trennung beide Elternteile regelmäßig sehen, das zeigen viele Studien.

Belegt ist auch, dass viele Kinder psychische Probleme bekommen, wenn sie in die Konflikte zwischen den Eltern hineingezogen werden. Wichtig ist deshalb auch, klarzumachen: "Wir trennen uns, aber du musst dich nicht von deinem Vater oder deiner Mutter trennen. Du bist nicht schuld." Alles andere ist weniger bedeutsam.

ZEIT ONLINE: Deshalb empfehlen die Experten, etwa Jugendämter zu stärken, um streitende Eltern zu beraten. Bringt das was?

Rücker: Was nützt ein starkes Jugendamt, wenn Eltern nicht hingehen? Die Eltern sind ja davon überzeugt, dass sie ihre Verantwortung wahrnehmen. Niemand nimmt sich vor: Ich entfremde jetzt mein Kind von seinem Vater oder seiner Mutter. Nach einer Trennung rational zu handeln, ist den Betroffenen oft gar nicht möglich. Menschen trauern, fühlen sich gedemütigt oder haben Angst.

ZEIT ONLINE: Können Sie ein Beispiel nennen?

Rücker: Ich habe jüngst eine Mutter begleitet, deren Ex-Mann eine neue Partnerin hatte. Die Mutter war gekränkt und verhinderte, dass der Vater die Kinder mit nach Hause nahm. Es reichte nicht, ihr zu erklären, dass es für die Kinder gut ist, den Vater zu sehen. Wir mussten an ihren Ängsten arbeiten, an den Bildern in ihrem Kopf: Sie befürchtete, auch die Kinder zu verlieren. Versuchsweise hat sie sich darauf eingelassen, ihre Kinder gehen zu lassen. Als sie wiederkamen, liefen sie in ihre Arme. Sie lernte allmählich: Ich bin als Mutter nicht ersetzbar. Inzwischen klappt es gut mit einem Wechselmodell im Verhältnis 70 zu 30. In anderen Fällen dominieren die Rachegefühle. Dann kann eine Mutter oder ein Vater viele Gründe zusammentragen, warum es besser ist, dass das Kind keinen Kontakt zum Ex-Partner hat. Er oder sie hält diese dann für ganz rational.

ZEIT ONLINE: Sind Sie also für eine Pflichtberatung, die von den Experten nicht vorgesehen wird?

Rücker: Warum nicht? In Österreich müssen sich alle getrennten Eltern drei Stunden beraten lassen; gibt es Konflikte, mindestens zehn Stunden. Allerdings fehlt in Deutschland dafür die professionelle Grundlage. Zurzeit finden die Beratungen im empiriefreien Raum statt.

ZEIT ONLINE: Das hört sich so an, als wäre es mit drei Stunden Beratung eher nicht getan?

Rücker: Am Anfang muss die Kontrolle von Emotionen und das Bewältigen der Trauer stehen. Hat ein Elternteil etwa große Angst oder trauert sehr stark, dauert solch eine therapeutische Begleitung mitunter Wochen. In anderen Fällen hilft es schon, wenn eine von Rachegedanken getriebene Mutter mal in die Zukunft blickt. Wenn sie sich vorstellt, dass sie alles allein abfangen muss – Probleme in der Schule, Hausaufgaben, Pubertät – und der ferne Vater in den Augen des Kindes zum Helden aufsteigen kann, der ihm das ersehnte Pferd kauft, statt herumzunörgeln. Dann kann es auch schnell gehen, dass sie bereit ist, die Verantwortung mit dem Ex-Partner zu teilen.

ZEIT ONLINE: Und die Kinder? In Zukunft sollen sie zuverlässiger mitentscheiden dürfen, in welchem Modell sie leben wollen. Was halten sie davon?

Auch Richterinnen und Gutachter brauchen Schulungen

Rücker: Dem stehen zum einen oft strukturelle Probleme entgegen. Manche Eltern können das Wechselmodell nicht finanzieren, selbst wenn die Kinder das wollten. Oder sie leben zu weit voneinander entfernt. Zum anderen zeigen größere Umfragen etwa aus Österreich: Viele Kinder wollen gar nicht mitreden. Wenn eine Richterin fragt: "Wo willst du wohnen", geraten sie in einen Loyalitätskonflikt. Dass die Eltern das allein aushandeln, ist für sie das kleinere Übel im Vergleich zu diesem psychischen Konflikt.

Aber natürlich gibt es Wege, behutsam zu ermitteln, zu wem das Kind die engere Bindung hat oder ob zu einem Elternteil gar keine. Dann fragt man zum Beispiel: Wenn du traurig bist, zu wem gehst du? Wer kümmert sich um das angeschlagene Knie? Deshalb brauchen nicht nur die Eltern eine gute Beratung. Wir brauchen auch Schulungen für Gutachter und Richterinnen. Sie können dann Kinder adäquat beteiligen.

ZEIT ONLINE: Ist Manipulation der Eltern auch ein Thema bei der Frage: Wo willst du leben?

Rücker: Ja, Manipulation ist ein Riesenproblem. Neulich hatte ich ein frappierendes Erlebnis mit einem sechsjährigen Mädchen: Es drückte sich altersgerecht aus, wenn es von der Schule, den Freunden und Nachbarn erzählte. Als sie zum Vater befragt wurde, sagte sie: "Da will ich nicht hin, der ist übergriffig." War das wirklich ihr Gedanke? Oder ein Junge sagte, er wolle bei Papa leben. Es stellte sich heraus, der Vater ließ ihn bis zwei Uhr morgens an der Spielekonsole spielen, um ihn zu bestechen. Das ist auch eher nicht im Sinne des Kindeswohls.

ZEIT ONLINE: Das Wechselmodell muss man sich auch leisten können. Muss auch der Unterhalt neu geregelt werden?

Rücker: Ja, es kommt vor, dass ein Elternteil nur deshalb gegen das Wechselmodell kämpft, weil es auf den Unterhalt nicht verzichten kann. Das sollte in Zukunft berücksichtigt werden. Wenn jemand – meistens ist es noch die Frau – seine Karrierepläne für die Kinder zurückgestellt hat, muss es einen Ausgleich nach der Trennung geben, auch im Wechselmodell. Umgekehrt gibt es noch Väter, die sehr viel Unterhalt zahlen müssen, obwohl sie die Kinder zu 50 Prozent betreuen.

ZEIT ONLINE: Sie sprachen von Mütterlobbys und Väterlobbys. Tobt hier ein Geschlechterkampf?

Rücker: Nein, das ist kein Geschlechterkampf. In den Studien kann man nicht erkennen, dass Mütter und Väter sich bekriegen. Aber die Lobbygruppen sind laut und aggressiv.

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