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Holocaust: Opa war kein Held

Viele Deutsche glauben, ihre Vorfahren hätten während der Nazizeit NS-Opfern geholfen. Das zeigt: Unsere Erinnerungskultur ist nicht weltmeisterlich. Sie ist gescheitert.
Besucher am Erschießungsgraben in der Gedenkstätte auf dem Gelände des ehemaligen KZ Sachsenhausen © Carsten Koall/Getty Images

Niemand soll je behaupten, dass es leicht wäre, so etwas wie den Holocaust zu verarbeiten. Und es soll niemand sagen, dass es einfach möglich wäre, in Familien über so schwierige Dinge wie jene Frage offen zu reden, ob Opa auch Juden ermordet hat oder nicht, ob Oma tatenlos zugesehen hat oder nicht.

Ich selbst habe meinem Vater solche schwierigen Fragen auch noch nicht gestellt. Von meinem vor vielen Jahren verstorbenen Großvater weiß ich nicht viel mehr, als dass er als Soldat der Wehrmacht in Frankreich war. Aber in so einer Mischung aus Angst vor der Antwort und in der Ahnung, dass mein Vater die Frage ohnehin nicht wird mit Sicherheit beantworten können, habe ich es doch immer unterlassen. Ich hatte auch Angst, mein Vater könnte hinter solchen Fragen anderes, also andere Konflikte, vermuten. Stattdessen habe ich mir das Schweigen versucht zu erklären. 

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Ein dunkles, privates Loch

Ich bin darin typisch deutsch, – typisch ost- und westdeutsch gleichermaßen –, und typisch nicht nur für meine Generation. Die wenigsten Familien hierzulande können Fragen nach ihrer eigenen NS-Verstrickung mit Sicherheit beantworten. Da klafft, auch wenn wir uns gern als Weltmeister der Aufarbeitung bezeichnen, auch wenn wir immerzu Stolpersteine legen und Denkmäler besichtigen, ein ziemlich dunkles und sehr privates Loch. 

Aber kein anderes Land hat je auf eine derart industrielle Art und Weise getötet wie unsere Vorfahren in den Vernichtungslagern. So lange ist das noch nicht her. Und die Frage, wie wir mit dieser Schande und einstigen Schuld umgehen sollen, hat die hiesige Identitätsdebatte eigentlich seit der Gründung der beiden deutschen Staaten beherrscht. Sie hat uns wie keine andere von jeher untergründig organisiert, zusammengehalten oder, wie während der westdeutschen Studentenbewegung 1968, auseinandergetrieben.

Gehört Auschwitz noch zur deutschen Identität?

Und seitdem nun die rechtspopulistische AfD in den Bundestag eingezogen ist und deren Mitglieder in regelmäßigen Abständen mit verstörenden Aussagen wie der von Alexander Gauland, dass wir wieder stolz sein sollten auf die Leistungen der Soldaten der Wehrmacht, die Grenzen unseres Geschichtsverständnisses auch öffentlich über bisherige Tabugrenzen hinaus zu verschieben versuchen, kann man spüren, dass diese Frage in Wahrheit erneut höchst aktuell und alles andere als gestrig ist. Sie stellt sich uns noch einmal neu, weil die bisherigen Antworten offensichtlich nicht mehr ausreichen. Sie lautet: Aus welchen Teilen soll sich eine deutsche Identität im 21. Jahrhundert zusammensetzen? Auf welchem Geschichtsverständnis soll sie beruhen? Gehört Auschwitz noch dazu?

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In der vorvergangenen Woche hat der renommierte Gewaltforscher und Antisemitismusexperte Andreas Zick von der Universität Bielefeld gemeinsam mit seinem Kollegen, dem Psychologen Jonas Rees, und der Berliner Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft" eine neue Studie mit dem Titel Trügerische Erinnerungen: Wie sich Deutschland an die Zeit des Nationalsozialismus erinnert veröffentlicht. Deren Ergebnisse markieren eine nicht unwesentliche Verschiebung in der Selbstwahrnehmung der Deutschen: In der Rückschau sind die Deutschen von einem Volk der Täter zu einem der Helfer, Helden und Opfer geworden. "Als ich die Ergebnisse zum ersten Mal gesehen habe, habe ich mich gefragt, wie viele Juden wir eigentlich gerettet haben wollen", sagt Andreas Eberhardt, der Vorstandsvorsitzende der Stiftung EVZ, und meint das durchaus sarkastisch. 

Seine Studie wirft nun, schwarz auf weiß, eine ganze Menge neuer Fragen auf: Wie kam es zu dieser Verschiebung in der Selbstwahrnehmung? Und zeigen solche Ergebnisse nicht an, dass die AfD mit ihrem geschichtspolitischen Kurs, auch wenn das eine bittere Einsicht ist, insofern richtig liegt, dass sie sich jene Verschiebung, jenen Paradigmenwechsel, längst produktiv zu eigen gemacht hat? Sie mithin nur etwas sichtbar macht, was vor ihr längst latent und unausgesprochen existiert hat? Nach dem wichtigsten Ereignis des 20. Jahrhunderts befragt, geben 39 Prozent die Wiedervereinigung an, 37 Prozent den Zweiten Weltkrieg und nur 8 Prozent explizit den Holocaust. Wird die deutsche Schuld den Deutschen langsam lästig?

"Eine zeitgemäße Erinnerungskultur zu gründen haben wir verpasst"

Die Forscher selbst scheuen sich vor einer solchen Aussage. Denn wem nützen solche Einsichten? Schaden sie uns nicht eher? Oder müssen wir uns andersherum vielmehr endlich fragen, ob unsere bisherige Aufarbeitung der NS-Diktatur gescheitert ist? Ob sich unsere Erinnerungskultur nicht als äußerst brüchig erwiesen hat? Auch wenn der Grüne Cem Özdemir in seiner wütenden Anti-AfD-Rede im Bundestag gerade noch einmal gesagt hatte, er sei stolz auf unsere Erinnerungskultur – ist sie nicht zu einer äußerlichen Fassade geworden und innerlich längst ausgehöhlt? Mehr Rhetorik als tatsächliche Empfindung? Der die Studie betreuende Psychologe Jonas Rees von der Universität Bielefeld jedenfalls meint mit Blick auf die Ergebnisse der Studie schon jetzt: "Die Frage nach einer zeitgemäßen Erinnerungskultur ist heute drängender als je zuvor." 

Für die Studie wurden mit 1.016 durch Zufall ausgewählten Menschen Interviews am Telefon geführt. Die Umfrage sei damit, sagt Andreas Eberhardt, keineswegs klein. 54 Prozent der Befragten geben demnach an, dass unter ihren Vorfahren Opfer des Zweiten Weltkrieges gewesen sein, 38 Prozent verneinen das, 7 Prozent antworten mit: weiß nicht. 69 Prozent, also mehr als zwei Drittel, sagen, dass unter ihren Vorfahren keine Täter des Zweiten Weltkrieges gewesen seien; nur 18 Prozent bejahen das und weitere 12 Prozent antworten mit: weiß nicht. 77 Prozent lehnen die Aussage "Auch wenn ich selbst nichts Schlimmes getan habe, fühle ich mich schuldig für den Holocaust" eher bis stark ab; nur 11 Prozent stimmen ihr eher bis stark zu, 12 Prozent schwanken. Und auf die Frage "Haben Vorfahren von Ihnen während des Zweiten Weltkrieges potenziellen Opfern geholfen (z. B. Juden versteckt)?" antworten 18 Prozent mit Ja, 36 Prozent mit weiß nicht und 45 Prozent mit Nein. Gab es ebenso viele "Helfer" wie "Täter"?, fragen die Forscher in ihrer Auswertung.

"Die Leute wünschen sich, in schwierigen Zeiten moralisch richtig gehandelt zu haben"

Diese Aussagen zeigen, wie sehr sich das grundlegende Narrativ zugunsten einer Erinnerung an das eigene Opfersein verschoben und dieses die Selbstwahrnehmung als ein Volk von Tätern verdrängt hat. Wahrscheinlich prägen Tatsachen wie die, dass Vorfahren als Soldaten der Wehrmacht am Krieg teilgenommen haben, verwundet wurden oder ums Leben gekommen sind, oder Vorfahren zu Heimatvertriebenen wurden, die heutigen Erinnerungen viel stärker als der Fakt, dass dem Holocaust ein größerer Gewaltzusammenhang voranging, der mit der schrittweisen Ausgrenzung, Stigmatisierung und schließlich Enteignung von jüdischen Mitbürgern und anderen Opfergruppen wie den Sinti und Roma begann und erst später in der Deportation und Vernichtung endete. Die meisten Deutschen haben von diesem Gewaltzusammenhang profitiert, sie sind damit direkt und indirekt zu Tätern geworden. In den persönlichen Erinnerungen aber scheint von dieser Dimension des Nationalsozialismus nicht mehr viel zu spüren zu sein – wahrscheinlich auch deshalb, weil sie in den persönlichen Erinnerungen der Familien keine oder nur sehr untergeordnete Rolle spielen. 

Dabei sind solche Aussagen, wonach man potenziellen Opfern geholfen haben will, zumindest menschlich nachvollziehbar. "Die Leute wünschen sich, in schwierigen Zeiten moralisch richtig gehandelt zu haben", interpretiert Andreas Eberhardt die Aussagen. Und Filme wie Steven Spielbergs Schindlers Liste aus dem Jahr 1993 haben zu diesem Gefühl wahrscheinlich maßgeblich beigetragen. So schön sich solche Heldengeschichten für Hollywood verfilmen lassen, der tatsächlichen Realität jedoch geben sie einen viel zu positiven Spin. Als der einstige Bundespräsident Roman Herzog dem jüdischen Regisseur Spielberg das Große Verdienstkreuz mit Stern der Bundesrepublik Deutschland verlieh, sagte er: "Je mehr uns die Gegenwart lebendiger Zeitzeugen abhandenkommt, desto wichtiger wird es, andere Formen zu finden, die uns unsere Geschichte sinnlich erfahrbar machen."

0,3 Prozent Helden

Aber genau das sei das Problem, wendet Andreas Eberhardt ein: "Seit Beginn der Neunzigerjahre stellen wir die Emotionen vor die Fakten, obwohl es die Fakten sind, die am schmerzhaftesten sind. Wir versuchen uns damit vor dieser Schmerzhaftigkeit zu retten." 

Historisch belegbar nämlich sind die Aussagen der Befragten keinesfalls: Historische Schätzungen gehen davon aus, dass es im Nationalsozialismus ungefähr 20.000 bis 200.000 Menschen gegeben hat, die den potenziellen Opfern von NS-Verbrechen tatsächlich geholfen haben sollen, obwohl Eberhardt schon letztere Zahl als sehr hoch einschätzt. 200.000 Menschen, das ergäbe bei einer Bevölkerung von ungefähr 70 Millionen im Deutschen Reich in den Grenzen vom 1. Januar 1938 einen Anteil von weniger als 0,3 Prozent. Anders gesagt: Die Geschichte des Industriellen Oskar Schindler, der etwa 1.200 Juden in seinen Rüstungswerken beschäftigte und damit vor der Vernichtung in Auschwitz rettete, ist eben nicht wirklich Teil "unserer Geschichte", wie Roman Herzog sagte. Schindler steht exemplarisch für einen verschwindend geringen Anteil unserer Vergangenheit, er bildet zu unserer Geschichte eher eine Antithese.

Das offizielle Gedenken quält uns nicht

Doch die Studienergebnisse sind durchaus ambivalent: Denn es sagen auch 82 Prozent der heute Befragten, also eine überwältigende Mehrheit, in der Studie, dass junge Menschen auch weiterhin "über die Vernichtung von Menschen in Konzentrationslagern" im schulischen Geschichtsunterricht erfahren sollen. Das Thema "Erinnern an die Vernichtung" wird damit als wichtigster Inhalt im Geschichtsunterricht eingeschätzt und dieser Wert ist auch bei Anhängern der AfD nur unwesentlich niedriger als bei Anhängern aller anderen Parteien. Auch AfD-Anhänger finden das eher "sehr wichtig". Auf die Frage allerdings, ob auch "Mitgefühl gegenüber den Opfern des Nationalsozialismus" gelehrt werden soll, finden das nur 68 Prozent "sehr wichtig". Das ist der niedrigste Wert. Für 84 Prozent hingegen soll das Ziel des Unterrichts sein, zu "verhindern, dass der Nationalsozialismus zurückkommt."

Wie aber verhalten sich diese widersprüchlichen – also teils beruhigenden, teils beunruhigenden – Aussagen zueinander? Wahrscheinlich tut sich in ihnen folgende Schimäre auf: Die allerwenigsten Deutschen bringen die Geschichte des Nationalsozialismus und seiner Verbrechen – anders als die des Opferseins im Zweiten Weltkrieg – mit sich und ihrer Familie in einen persönlichen Zusammenhang. Die faktische Historie wird als eine abstrakte wahrgenommen und soll auch als diese abstrakte Historie erinnert werden. Zugespitzt formuliert: Nicht wenige haben sich in unserer offiziellen Erinnerungskultur ganz behaglich eingerichtet. Unser offizielles Gedenken quält uns nicht mit allzu persönlichen Fragen nach individueller oder familiärer Verstrickung. Sie lässt uns in Ruhe, sie schreckt uns nicht mehr auf. Und fordert auch die Jüngeren nicht auf, sich nun, da die eigentliche Tätergeneration kaum mehr am Leben ist, mit der höchsteigenen Vergangenheit auseinanderzusetzen.

Je jünger die Befragten, desto unsicherer sind sie

Auch mein Vater hat mir erst unlängst wieder erzählt, wie meine Großmutter einmal neben dem Waggon eines Personenzuges gestanden habe, der dann in die Luft gesprengt wurde. Er erzählte, dass meine Großmutter davon traumatisiert worden sei und er wird damit recht haben. Aber wer hatte in diesem Zug gesessen? Wer hatte anders als meine Großmutter nicht überlebt? An dieser Stelle enden viele deutsche Familiengeschichten, sie verlieren sich alsbald im Nebel der Ungewissheit. Und oft spürt man, dass sich in diesem Nebel das Schwerzusagende verbirgt und scheut sich allein deshalb, näher nachzufragen. Übernimmt lieber die Schweigerituale der Älteren, richtet sich in ihnen ein. Sie schützen die anderen, schützen einen selbst vor vielleicht verstörenden Wahrheiten und knüpfen so ein festes Band der Loyalität zwischen den Generationen. Auch dass mein Großvater in Frankreich in Gefangenschaft war, hatte man mir als Kind stets erzählt, über diese Gefangenschaft hat mein Großvater, wenn auch nicht in Details, oft gesprochen. Es scheint mir in der Erinnerung eine ganz typische Opfererzählung gewesen zu sein. Hat meinem Großvater je jemand widersprochen?  

Erinnerungslücken bieten Platz für Ideologen

Der Psychologe Jonas Rees hat während der Auswertung der Studie eine interessante Beobachtung gemacht. Die Aussagen der Befragten wurden nämlich auch nach dem jeweiligen Alter sortiert und dabei ließ sich folgende Tendenz feststellen: "Je jünger die Befragten, desto unsicherer sind sie, was ihre eigenen Familiengeschichten angeht. Während die Älteren ihre manchmal sie selbst entlastende Version der Geschichte noch selbstbewusst berichten, scheinen die Jüngeren zunehmend misstrauisch mit Blick auf die Vergangenheit." Und er sagt mit dem Blick auf die AfD auch: "Solche Erinnerungslücken laufen Gefahr, von rechten Ideologen instrumentalisiert und aufgefüllt zu werden." Zumal dann, wenn die historischen Ereignisse nicht mehr in die eigene Lebenszeit fallen und unsere stark ritualisierte Erinnerungskultur mit solchen, natürlich gut gemeinten, Floskeln wie "Nie wieder!" sich selbst anfällig fürs Vergessen zeigt. "Es scheint heute vielen schwer zu fallen, so einen Bezug zu sich selbst noch herzustellen", sagt Rees.  

Nach der Bundestagswahl im vergangenen September haben Umfragen von Infratest Dimap gezeigt, dass die AfD am stärksten in drei Gruppen, also den 25- bis 34-Jährigen, den 35- bis 44-Jährigen und den 45- bis 59-Jährigen gewählt wurde. In meiner Generation, also den Wählern von 35 bis 44 Jahren, konnte sie sogar einen zehnprozentigen Anstieg verzeichnen. Das ist der höchste in ihrer Wählerschaft. Über 70-Jährige wählen die AfD viel weniger.

Oliver von Wrochem arbeitet als Studienleiter in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme in Hamburg. Er veranstaltet dort als sogenannter Täterforscher Seminare für Menschen, die ihre eigene Familiengeschichte erforschen wollen und weiß aus seiner täglichen Arbeit, dass "ein verschwindend kleiner Teil der Bevölkerung sich mit seiner Familiengeschichte ernsthaft auseinandersetzt, obwohl die sehr prägend für das geschichtliche Bewusstsein ist". Seit dem Jahr 2009 haben ungefähr 500 Leute an seinen Seminaren teilgenommen. Von Wrochem sagt auch, dass unser Geschichtswissen eher ein abstraktes ist: "Die Täter haben nicht gesprochen." Gleichzeitig aber ist "das Deutschsein nach der Wiedervereinigung von vielen wieder als ein wichtiger Teil ihrer Identität" begriffen worden. Ein Deutschsein allerdings, das sich gänzlich in der Gegenwart ansiedeln will und sich für seine Wurzeln nur in einem sehr begrenzten Umfang interessiert.

Wie sieht eine Erinnerungskultur aus, die funktioniert?

Es ist also tatsächlich davon auszugehen, dass die AfD etwas zum Ausdruck bringt, was latent als Empfindung oder gar Einstellung in Teilen der Bevölkerung schon länger vorhanden war. Andreas Eberhardt von der Stiftung EVZ glaubt, dass es gut ist, dass all dies jetzt sichtbar werde, weil wir nun als Gesellschaft damit umgehen und es offensiver bekämpfen können als je zuvor. 

Wie aber muss denn eine Erinnerungskultur aussehen, wenn sie sich dem Fakt stellen will, dass sich wahrscheinlich auch in Zukunft die allerwenigsten Deutschen mit ihrer eigenen Familiengeschichte auseinandersetzen werden? Wenn es eine AfD gibt, die immer wieder mit Begriffen wie Schuldkult arbeitet und damit suggeriert, unser Land würde in eine Art Geiselhaft der Geschichte genommen, müsste für die einst begangenen Taten noch immer büßen? Zumal dann, wenn offenbar nur noch eine Minderheit so etwas Schuld empfindet und vor allem die Jüngeren eine Schuld für Taten, die sie nicht selbst begangen haben, ablehnen.

Unsere Erinnerungskultur ist gescheitert

Wahrscheinlich sollte sie solche Fragen ins eigentliche Zentrum stellen und sich mit diesen wunden Punkten befassen, anstatt wie Cem Özdemir weiterhin davon auszugehen, dass wir stolz auf unsere Erinnerungskultur sein sollten. Diese, unsere Erinnerungskultur, das zeigen die Ergebnisse der Studie und auch das Erstarken der AfD, ist keine Erfolgsgeschichte. Sie erlaubt einfach zu viele Trugbilder in den individuellen Erinnerungen, sie ist nicht wirklich in der Gegenwart angekommen, konnte den Jüngeren nicht vermitteln, wie aus der Schuld von einst eine Verantwortung von heute erwächst. Sie hat es meiner Generation zu leicht gemacht, sich von der deutschen Geschichte innerlich zu distanzieren.

Obwohl es uns, der Enkelgeneration, wie der Täterforscher Oliver von Wrochem sagt, emotional leichter fällt, sich mit den Täterbiografien der Großeltern auseinanderzusetzen. Vielleicht markiert der Aufstieg der AfD ja tatsächlich beides: Krise und Neuanfang. Ich werde mit meinem Vater noch einmal über die Vergangenheit seiner Eltern sprechen. Eigentlich ist es für so ein Gespräch nie zu spät. 

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