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Nato-Manöver: Ami? Egal

Viele Ostdeutsche gelten als russlandaffin. Nun durchquerten Tausende US-Soldaten Brandenburg, auf dem Rückweg von einem Manöver in den baltischen Staaten.
Ami? Egal © ZEIT ONLINE

Dieser Text ist Teil unserer Reihe #D18, mit der wir Deutschland Deutschland neu erklären wollen. Alle Texte der Serie finden Sie hier.

Man könnte in diesen Tagen fast vergessen, dass eine neue Eiszeit zwischen Europa und Russland angebrochen ist, so friedlich und bunt sind die Bilder, die aus den russischen Stadien und Fanzonen täglich auf den Bildschirmen der Welt erscheinen. Und doch endet in dieser Woche eines der größten Nato-Manöver seit dem Ende des Kalten Krieges.

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16.000 Soldaten, 1.400 Militärfahrzeuge hatten die USA vor vier Wochen nach Estland, Litauen, Lettland und Polen verlegt, um dort eine russische Invasion in den baltischen Staaten durchzuspielen. Auf dem Weg dorthin fuhr das US-Militär über Deutschlands Straßen. Nun sind die Truppen auf den Rückweg. Wieder durch Deutschland, wieder auch durch Brandenburg, wo man jahrzehntelang die Rote Armee vor der Tür hatte. Wo die USA nicht als kaugummiverteilende Schutzmacht in Erinnerung sind, und die Russen nicht als der barbarische Feind im Osten.

Klein-Sibirien

Wer die Beziehung der Ostdeutschen zu Russland verstehen will, sollte jenen Teil Brandenburgs besuchen, der den Spitznamen Klein-Sibirien trägt. Es ist riesiges, karges Gelände nahe der Stadt Lieberose. Früher war hier der größte Truppenübungsplatz der DDR, jetzt ist die Lieberoser Endmoräne – wie Klein-Sibirien eigentlich heißt – ein riesiges Naturschutzgebiet. Wald und Boden aber erzählen noch heute von der einstigen Anwesenheit der Russen.  

Romeo Bruder ist Revierförster. Seit 1977 arbeitet er hier auf dem Gelände, das früher Militärforst war. Der 58-Jährige hat miterlebt, wie der Wald immer wieder durch Militärübungen abbrannte. Im Schnitt kämpften sie im Jahr mit 300 Bränden. Auf einem Teil des ehemaligen Übungsplatzes ist bis heute kein Wald nachgewachsen. Hier erinnert die Vegetation tatsächlich an Sibirien, eine weite Steppe überzogen mit Silbergras.

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Bruder beschäftigt sich viel mit der Vergangenheit. Liest Akten aus der damaligen Zeit, macht Geschichte sichtbar durch Hinweisschilder im Wald, auf denen Begriffe stehen, die an vergangene Ereignisse erinnern sollen. Er bietet sogar Führungen über das Gelände an. Man könnte Bruder als das Gedächtnis der Region bezeichnen, als jemand der die Geschichten am Leben hält, als die Russen noch da waren.

Das Militär war Alltag

Wenn er über die Zeit der Russen spricht, hört man Geschichten voller Gegensätze. Es ist der Blick eines Kindes, das den Truppenübungsplatz als großen Abenteuerspielplatz verstand. Das durch Panzer kletterte, aber auch Querschläger auf dem gefrorenen See landen sah, genau dort, wo es sonst Eishockey spielte. Das Militär war hier Alltag.

Bruder erinnert sich noch, wie die Luft durch den Lärm ständig vibrierte. Wie Panzer versehentlich in Grundstücke fuhren, tiefe Löcher in Straßen hinterließen. Es gab viel Streit damals, erzählt er. Die Russen hätten geklaut. Wenn Süßigkeiten im Laden fehlten, sei für die Deutschen klar gewesen, dass es die jungen Soldaten waren, bei Alkohol verdächtigte man die Offiziere.

Doch die Menschen profitierten auch von den Russen. Sie konnten auf dem Übungsplatz günstig Benzin kaufen, Baumaterialen, wertvolle Uhren, seltene Lebensmittel. Vieles war billiger im damaligen Magazin, dem Supermarkt für Russen. Und natürlich entstanden auch Freundschaften. Romeo Bruder war inzwischen schon vier Mal in Russland, um eine Offiziersfamilie zu besuchen, die früher hier stationiert war.

"Dieses Thema betrifft nicht die eigene Haustür"

Russland ist eines der Themen, bei denen sich die Sichtweisen zwischen Ost- und Westdeutschen noch immer unterscheiden. 38 Prozent der Ostdeutschen bewerten die deutsche Russlandpolitik als zu russlandfeindlich, so steht es in der Bertelsmann-Studie Partnerschaft unter Spannung. Nur 22 Prozent der Westdeutschen sehen das so. Dieser Unterschied erklärt sich nicht nur aus der Geschichte. Im Osten sind auch die wirtschaftlichen Beziehungen enger. Allein in Brandenburg haben mehr als 400 Firmen Kontakte nach Russland. Die Sanktionen haben die Exporte aus dem Bundesland fast halbiert.

Allerdings hat die Krim-Annexion auch hier einiges an der Sicht auf Russland verändert. Besonders bei jüngeren Menschen mit einem guten Bildungsstand ist zu beobachten, wie das Unverständnis gegenüber Russland angewachsen ist, sagt Gabriele Schöler von der Bertelsmann-Stiftung, die an der Studie mitgearbeitet hat.

"Das Gehirn ist so gestrickt, dass es die negativen Seiten verdrängt", sagt Romeo Bruder. Dennoch würde er sagen, dass die Zeit mit den Russen heute nicht verklärt werde. "Man wird hier niemanden finden, der ausschließlich positiv über die Russen spricht", sagt Bruder während er mit seinem Auto über eine Brücke fährt, auf der noch heute die Spuren der Panzer zu sehen sind. Nach dem Abzug der Russen hätten die Lieberoser vor allem Ruhe gewollt, sagt Bruder. Mit der Ruhe kam dann die Distanz. Neue Bewohner sind hergezogen, eine Generation herangewachsen, die die DDR-Zeit nur aus Erzählungen kennt.

"Es ist zu weit weg"

Dass die USA jetzt ihre Truppen Richtung Osten verlegen, werde hier überhaupt nicht debattiert, sagt Bruder, der viele Menschen kennt, weil er eine Zeit lang Bürgermeister im Örtchen Bhylen war, das an den ehemaligen Truppenplatz grenzt. Er, Bruder, frage sich zwar, warum die Amis noch hier seien, während die Russen abgezogen sind. Aber die Truppenverlegung? "Dieses Thema betrifft nicht die eigene Haustür", sagt er. "Es ist zu weit weg."

Bruder beschreibt etwas, das auch in Cottbus zu beobachten ist, wo die Friedensbewegung seit Jahren Montagsmahnwachen abhält, Ken Jebsen zitiert und sich in diesen Tagen gegen die amerikanischen Militärtransporte auf brandenburgischen Straßen und Schienen stellt. Doch der Protest der kleinen Gruppe verhallte. Spricht man mit Menschen am Cottbusser Bahnhof, durch den in den letzten Wochen lange Züge, vollbeladen mit US-Panzern rollten, erfährt man, dass viele gar nichts mitbekommen haben. Statt einer breiten Debatte oder einer großen Protestbewegung gab es in den Medien lediglich ein paar Verkehrsmeldungen, als Konvois kleine Unfälle verursachten. Es ist eine Militärbewegung, die im Stillen verläuft.    

Eine Luftnummer, der Protest

Auf dem Truppenübungsplatz der Bundeswehr Brück-Lehnin, südlich von Potsdam, haben viele US-Soldaten auf ihrem Weg Richtung Osteuropa übernachtet. Deswegen hat die Linkspartei Ende Mai genau hier zum Protest aufgerufen, wie im vergangenen Jahr, als erstmals US-Truppen durch Brandenburg transportiert wurden. In diesem Jahr ist es die einzige große Protestkundgebung in Brandenburg, die sich  gegen die US-Truppenverlegung richtet. Aber gekommen sind nur wenige.

Die Bewohner von Brück hatten großen Protest erwartet. In der Zeitung und auch im Radio war die Demonstration angekündigt worden. "Am Ende war es eine Luftnummer ", sagt ein junger Mann aus dem Ort. Knapp 60 Leute standen an jenem Montagabend auf der Wiese vor der Neubausiedlung in Brück, nahe der Kreuzung, von der eine Straße direkt zum Truppenübungsplatz führt. Transparente mit der Aufschrift: "Abrüsten statt Aufrüsten" und "Ami go home" waren zu sehen, alle waren mit Bussen oder in Autos angereist, Mitglieder der Linken und der Kommunistischen Partei Deutschlands. 

"Nato-Gedöns"

Auch das Ehepaar Newiak aus Cottbus war bei dem Protest dabei. Sonja und Frithjof Newiak sind beide Chemiker, in Rente, 66 Jahre alt. Sie engagieren sich seit einigen Jahren in der Cottbusser Friedensbewegung. Es werde Hass gegen die Russen geschürt, davon sind sie überzeugt. Von Putin gehe keinerlei Bedrohung aus. Die Nato sei es, die provoziere, und das seit Jahren. "Russland hat kein Interesse daran, mit Europa Krieg zu führen", sagt Sonja Newiak, die schon im vergangenen Jahr in Brück demonstrierte.

Leben neben dem Militär

Brücks eigentlicher Ortskern liegt etwas von hier entfernt, hinter einer kleinen Allee, eine typische Kleinstadt. Der Teil von Brück, in dem sich die Demonstranten trafen, liegt etwas außerhalb. Eine kleine Plattenbausiedlung aus wenigen Bauten im alten Grau, mit Blick auf Felder und Wäscheleinen hinter dem Haus – ein Bild wie aus anderen Zeiten. Stiefelghetto nennen die Brücker diesen Teil. Früher weil hier ausschließlich NVA-Soldaten lebten, heute weil das Bild herrscht: Wer hier lebt, bezieht Hartz IV. Auf viele trifft das auch zu.

Die Brücker beobachten aus der Distanz, wie sich die Arbeits- und Sozialministerin Brandenburgs, Diana Golze (Linke), durchs Megafon "wechselseitige militärische Machtdemonstrationen" kritisiert. Hier lebt man seit Jahrzehnten neben dem Militär. Mit dem Lärm, der für sie nichts anderes ist als eine tosende Straßenbahn in der Großstadt. Die Amis tun doch keinem was, sagen sie hier. Viele Soldaten kämen hierher, aus ganz unterschiedlichen Ländern. "Das ist hier unsere multikulturelle Truppe", sagt der 49-Jährige Matthias Lahn, der in Brück aufgewachsen ist.

Protest gegen eine Militärbewegung? Für Lahn sind andere Themen wichtig: Dass ihre Häuser saniert werden und unklar ist, ob alle Bewohner sich die Miete danach noch leisten können. Dass für ihre Eltern die Rente nicht reicht. Dass viele von ihrer Arbeit hier nicht leben können und aufstocken müssen. Dass für Flüchtlinge, wie sie es sehen, mehr Geld da ist als für sie. Die Sorgen drücken im Inland, nicht an der Grenze Russlands zu den baltischen Staaten.

"Bei vielen hat sich das geändert"

Wie das alles aber genau ist mit diesem "Nato-Gedöns", das könne aber Frau Rensch besser erklären, sagt einer. Karin Rensch wohnt nur zwei Blöcke weiter, sie lebt noch nicht lange hier. Seit zweieinhalb Jahren ist sie Rentnerin. Davor hat sie als Historikerin gearbeitet, sich auf die Zeit zwischen 1500 und 1918 spezialisiert. Lange war sie selbstständig, die letzten Berufsjahre fest bei der Konrad-Adenauer-Stiftung. Dadurch konnte sie zwar noch einige Rentenpunkte sammeln, für die Miete in ihrer alten Wohnung hat dennoch nicht mehr gereicht. Also zog sie hierher in den Brücker Plattenbau.

Karin Rensch versucht trotz Rente auf dem Laufenden zu bleiben. Sprach am Rande des Protests mit einigen der Demonstranten, die sie vor dem Dritten Weltkrieg warnten. Für die 68-jährige Rensch haben dort Gestrige demonstriert, die keine andere Meinung dulden. "Putin wurde in den Himmel gehoben, alles andere negativ dargestellt", sagt sie.

Rensch hat nichts dagegen, dass die US-Truppen hier durchfahren, wenn die Nato es billigt. "Wenn man eine Armee hat, muss man der auch die Möglichkeit geben, Übungen durchzuführen." Sie würde es als schlimm empfinden, wenn es kein Manöver gebe. "Dann würden wir Putin eine Macht zugestehen, die er nicht haben darf", sagt sie. 

Dass Ostdeutsche noch besonders russlandaffin sind, glaubt sie nicht, Umfragen hin oder her. "Bei vielen hat sich das geändert", sagt sie. "Es gibt einen Unterschied zwischen der damals verordneten russischen-deutschen Freundschaft und dem heute gelebten Verhältnis."

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