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Autoritarismus-Studie: 40 Prozent der Deutschen können sich ein autoritäres Regime vorstellen

Deutschland sei überfremdet und eine Diktatur keine schlechte Idee: Einer Studie der Uni Leipzig zufolge teilen vor allem autoritär veranlagte Menschen solche Ansichten.
Die größte Anhängerschaft von Menschen, die rechtsextremen Aussagen zustimmen, hat den Forschern zufolge die AfD. Hier eine Aufnahme aus dem Jahr 2013 in Braunschweig. © Nigel Treblin/AFP/Getty Images

Würden Sie diesen Aussagen zustimmen? "Unruhestifter sollten deutlich zu spüren bekommen, dass sie in der Gesellschaft unerwünscht sind", "Menschen sollten wichtige Entscheidungen in der Gesellschaft Führungspersonen überlassen", "Bewährte Verhaltensweisen sollten nicht infrage gestellt werden". Wenn ja oder zumindest teilweise, gehören Sie einer Studie der Universität Leipzig zufolge zur Mehrheit der Menschen in Deutschland. Und haben womöglich autoritäre Charakterzüge – zumindest, wenn man den Kriterien der Autoren folgt.

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Für die Leipziger Autoritarismus-Studie hat das Forscherteam mehr als 2.400 Deutsche zu ihren Einstellungen befragen lassen und ermittelt, dass die Fremdenfeindlichkeit in Deutschland erneut zugenommen hat. Was diese Studie von anderen unterscheidet, ist, dass die Wissenschaftler die Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer auch zu ihrer Persönlichkeit befragt haben. Sie fanden heraus, dass autoritäre Charakterzüge eine Hauptursache für rechtsextreme Einstellungen sind. 

Rechtsextremen Einstellungen liegt die Vorstellung zugrunde, dass Menschen nicht gleichwertig sind. Das äußere sich darin, dass man mit diktatorischen Regierungsformen sympathisiert, den Nationalsozialismus verharmlost oder chauvinistische, antisemitische, fremdenfeindliche und sozialdarwinistische Ansichten teilt, heißt es in der Studie.

Immerhin etwa 40 Prozent der Befragten zeigen den Ergebnissen zufolge die Bereitschaft, ein autoritäres System zu unterstützen. Menschen mit autoritärem Charakter neigen demnach zu "rigiden Ideologien, die es gestatten, sich gleichzeitig einer Autorität zu unterwerfen, an ihrer Macht teilzuhaben und die Abwertung Anderer im Namen dieser Ordnung zu fordern".  

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"Einstiegsdroge" in den Rechtsextremismus sei die Zustimmung zur Aussage, dass Deutschland durch Ausländer in gefährlichem Maße "überfremdet" sei, sagt der Studienleiter Oliver Decker. Diese Ansicht ist unter den Befragten eine der populärsten: Fast jeder Zweite im Osten und knapp jeder Dritte im Westen teilt diese Haltung explizit.

Davon betroffen sind besonders Muslime. Deren Abwertung sei "erschreckend hoch" angestiegen, heißt es in der Studie: Demnach fühlten sich 2010 ein Drittel der Befragten wegen Muslimen als "Fremde im eigenen Land"; acht Jahre später empfindet das mehr als die Hälfte so.

Ein Zusammenhang mit der Ankunft vieler Flüchtlinge seit 2015 liegt nahe. Denn 44 Prozent fordern, "Muslimen sollte die Zuwanderung nach Deutschland untersagt werden". Und mehr als 60 Prozent stimmen der Aussage zu, "die meisten Asylbewerber befürchten nicht wirklich, in ihrem Heimatland verfolgt zu werden". 

Gewalt in der Erziehung, fehlender Respekt als Erwachsener

Eine autoritäre Haltung trete eher bei Menschen auf, die als Kind gewalttätig erzogen, unter sozialen Leistungsdruck gesetzt wurden oder sich im Erwachsenenalter nicht als Bürger anerkannt fühlten, so die Forscher. Dazu zählen sie auch sogenannte Modernisierungsverlierer, die um ihre Sicherheit fürchten und Respekt vermissen. 

Mit einem Hang zu autoritären Einstellungen gehe zudem häufig eine "Verschwörungsmentalität" und Unzufriedenheit mit der Demokratie einher, schreiben die Autoren weiter. Dazu trage auch der Eindruck bei, sein Leben nicht selbst in der Hand zu haben: "Die Verschwörungsmentalität macht durch Projektion das Gefühl möglich, in der unübersichtlichen Welt die Orientierung zu behalten", heißt es weiter. Weite Teile der Bevölkerung teilen demnach Ansichten wie "Politiker und andere Führungspersönlichkeiten sind nur Marionetten der dahinterstehenden Mächte". 30 Prozent stimmen dieser Aussage zu, weitere 20 Prozent zumindest teilweise.

Das Bild der Marionetten und angeblicher dahinterstehender Mächte ist zugleich ein antisemitisches Stereotyp – und auch dafür seien besonders Menschen mit autoritären Charakterzügen empfänglich. Demnach findet fast jeder zehnte Deutsche, dass "Juden etwas Besonderes an sich" hätten und "nicht so recht zu uns passen". Weitere 20 Prozent stimmen diesem Satz zumindest teilweise zu. 

Unterschiede zwischen Ost und West

Dabei unterscheiden sich Ost- und Westdeutsche. Im Westen gingen antisemitische Ansichten der Studie zufolge leicht zurück, im Osten nahmen sie etwas zu. Im Osten ist zudem der Anteil an Menschen mit ausländerfeindlichen und sozialdarwinistischen Einstellungen – also zum Beispiel die Zustimmung zur Aussage "Wie in der Natur sollte sich in der Gesellschaft immer der Stärkere durchsetzen" – signifikant höher als im Westen. Auch eine rechtsautoritäre Diktatur befürworten überproportional mehr Ostdeutsche als Westdeutsche.

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Dabei befürworten im Osten mehr ältere Befragte eine rechtsautoritäre Diktatur, im Westen mehr jüngere. Doch, so schränken die Autoren ein: "Umgekehrt heißt das aber nicht, dass alle Westdeutschen demokratisch eingestellt wären." Der Anteil von Menschen, "die auch im Westen zum Beispiel chauvinistischen oder ausländerfeindlichen Aussagen zustimmen, ist keineswegs gering."

Zustimmung zur Demokratie gestiegen

Umgekehrt ist die Zustimmung zur Demokratie als Idee im Osten, wo weite Bevölkerungsteile noch Erfahrungen mit einer Diktatur haben, auf über 95 Prozent angestiegen, und damit höher als im Westen, wo die Demokratiezufriedenheit bei 93 Prozent liegt.

Fragt man allerdings danach, wie gut die Demokratie in Deutschland tatsächlich funktioniert, lässt die Begeisterung deutlich nach: Im Westen ist knapp mehr als die Hälfte zufrieden mit der Demokratie in Deutschland; im Osten sogar weniger als die Hälfte. Doch ist auch dieser Wert in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen; so war 2006 nur etwa jeder vierte Ostdeutsche damit zufrieden. Viele Bürgerinnen und Bürger erleben die repräsentative Demokratie nach wie vor nicht als etwas, das sie mitgestalten können, heißt es in der Studie.

Ältere und Arbeitslose häufiger ausländerfeindlich

Nicht nur der Wohnort spielt eine Rolle dafür, ob jemand mit rechtsextremem Gedankengut sympathisiert. Auch Erwerbsstatus, Alter und Bildungsgrad sind wesentliche Faktoren.

Demnach sind Arbeitslose deutlich stärker autoritär, chauvinistisch, ausländerfeindlich und antisemitisch eingestellt als der Rest der deutschen Bevölkerung. Und je älter die Befragten waren, desto eher teilten sie antisemitische und chauvinistische Ansichten.

Am eindrücklichsten, so schreiben die Autoren, sei der Zusammenhang von Bildungsgrad und rechtsextremen Einstellungen. Demnach sind Befragte mit Abitur signifikant seltener rechtsextrem eingestellt als jene ohne – mit Ausnahme der Zustimmung zu sozialdarwinistischen Aussagen. Allerdings relativieren die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auch: Mit einem höheren Bildungsabschluss gehe oft ein größeres Wissen darüber einher, welche Antworten bei Befragungen dieser Art sozial erwünscht sind.

Sozialdarwinistische Ansichten bei FDP-Anhängern, geschichtsrevisionistische bei Linkenwählern

Von welcher Partei fühlen sich nun Menschen, die rechtsextreme Ansichten teilen, am ehesten repräsentiert? Unter Wählern von Union, SPD und FDP sei vor allem die Ausländerfeindlichkeit relativ hoch, jeweils um die 20 Prozent, schreiben die Autoren. Die FDP habe zudem eine relativ große Anhängerschaft, die sozialdarwinistische Ansichten teilt (6,5 Prozent). Überraschend sei der Anteil an Wählern der Linken, die geschichtsrevisionistischen Aussagen zustimmen, heißt es weiter (drei Prozent). Anhänger der Grünen stimmten rechtsextremen Ansichten am seltensten zu, "wenngleich auch sie bestimmte rechtsextreme Aussagen nicht durchgehend" ablehnten.

Die größte Anhängerschaft von Personen, die rechtsextremen Aussagen zustimmen, hat den Forschern zufolge die AfD. Sie stimmen den zur Abstimmung gestellten Ansichten durchweg am stärksten zu. Ausländerfeindliche und antidemokratische Einstellungen sind laut der Studie viel entscheidender dafür, die AfD zu wählen, als der Wohnort oder das Einkommen – auch wenn AfD-Funktionäre eine Nähe zum Rechtsextremismus von sich weisen. Co-Autor Elmar Brähler sagt: "Wer rechtsextrem ist, wendet sich von CDU und SPD ab und findet seine neue Heimat bei der AfD."

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