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Polizei: Fahndung nach Vorurteilen

Nach dem Frankfurter Polizeiskandal wagen sich hessische Beamte an einen Selbstversuch: Wie können sie lernen, weniger zu diskriminieren?
Ein Mann aus Syrien wird von der Bundespolizei am Frankfurter Hauptbahnhof erkennungsdienstlich behandelt. © Boris Roessler/dpa

Der Mann, von dem die hessische Polizei lernen soll, weniger diskriminierend zu sein, kann ein ziemlicher Fiesling sein. Schon in der Anmeldeschlange raunzt Jürgen Schlicher manche Teilnehmer an, weil sie unsicher sind, wo sie sich eintragen müssen. Wer ihm besser passt, bekommt dagegen ein Lächeln von ihm und darf sich Kaffee nehmen. Die Teilnehmer ahnen langsam, dass ihr Workshop längst begonnen hat.

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Das ist die Methode von Schlicher, der die Fiesheit nur spielt: Wie mächtig Vorurteile und Gruppendruck sind, lässt er die Leute am eigenen Leib spüren. In seinen Blue-Eyed-Workshops trennt er die Braunäugigen von den Blauäugigen und schwört erstere darauf ein, dass sie gleich beobachten könnten, dass viele der Vorurteile gegen die dümmlichen Blauäugigen wahr seien. Und tatsächlich: Den Blauäugigen gelingen selbst einfachste Dinge wie Vorlesen oder Schreiben kaum, so verunsichert sind sie. Und die Braunäugigen beginnen, zu glauben, dass sie besser seien als die anderen, und widersprechen dem Workshopleiter oft nicht. Wie diese Workshops ablaufen, lässt sich gut in dem Film Der Rassist in uns beobachten. Während die Polizisten und Verwaltungsbeamten diese Erfahrung machen, bleiben sie unter sich, erst am nächsten Tag zur großen Diskussion darf ZEIT ONLINE dabei sein.   

Das Thema Diskriminierung könnte aktueller kaum sein, sagt der Veranstalter, die hessische Hochschule für Polizei und Verwaltung, selbst. Das liegt auch daran, dass im Dezember ein Fall in Frankfurt bekannt wurde, der weit über Alltagsdiskriminierung hinausgeht: Es wird gegen mutmaßlich rechtsextreme Beamte aus dem ersten Frankfurter Revier ermittelt, die rassistische Chatnachrichten verschickt haben sollen. Außerdem wurden Daten von einem Polizeicomputer genutzt, um einer Frankfurter Anwältin Drohbriefe zu schreiben. Die Ermittlungen dauern noch an.

Warum sagte niemand etwas?

Wie konnte es so weit kommen? Warum sagte keiner der Kollegen etwas? Viele Polizisten verurteilten zwar nach Bekanntwerden die rechtsextremen Nachrichten, äußerten aber Verständnis dafür, wenn Kollegen Vorurteile entwickelten, weil sie an Brennpunkten immer wieder mit denselben Gruppen zu tun hätten. Obwohl der Workshop an der hessischen Hochschule bereits geplant war, bevor der Fall bekannt wurde, kommt er also genau zur richtigen Zeit.

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Und der Bedarf nach Selbstreflexion ist offenbar riesig: Der Saal ist voll, als Schlicher in Jeans und Sakko vor seinem Publikum steht. 170 Menschen sitzen an diesem Mittwoch in Mühlheim am Main auf unbequemen Stühlen und hören dem Antidiskriminierungstrainer aufmerksam zu. Es sind Streifenpolizistinnen und Verwaltungsbeamte, Polizeioberräte und Studierende. Nur 25 von ihnen konnten am Tag zuvor am Workshop teilnehmen. Heute auf dem Hochschultag zur Anatomie von Diskriminierungsstrukturen wollen sie mitdiskutieren, selbstkritisch.

Während Schlicher freundlich referiert, fällt es schwer, sich den Fiesling vom Vortag vorzustellen. Er berichtet vom Workshop. Wie sehr sich die Teilnehmenden am Vortag in ihre Rollen der Diskriminierten und Mitläufer eingefunden hätten, erzählt er anhand eines Beispiels: Ein Blauäugiger sollte auf dem Boden sitzen, weil nicht genügend Stühle da waren. Er weigerte sich. Eine Dreiviertelstunde habe die Gruppe der Braunäugigen diskutiert, wie sie ihn dazu kriegen könnten – anstatt sich im Saal umzuschauen und zu bemerken, dass dort noch leere Stühle stehen. "Wir könnten einfach sagen, es gibt zu viele Blauäugige", sagt Schlicher. Oder man denke darüber nach, wessen Problem es ist, wenn es zu wenig Stühle gibt: Wirklich das Problem derer, die darauf sitzen sollen?

Schlicher holt sein Publikum ab mit einem weiteren Beispiel über Vorurteile beim Autofahren. Aber erst, als er über Polizeiarbeit spricht, wird es mucksmäuschenstill im Saal. "Bestimmte Personen werden häufiger kontrolliert", sagt Schlicher. Es geht ihm jetzt um seinen zentralen Punkt: Polizistinnen und Polizisten schaffen durch ihre Vorurteile selbsterfüllende Prophezeiungen. Das lässt sich so zusammenfassen: Ein Streifenpolizist, der überzeugt ist, dass schwarze Menschen mehr Straftaten begehen, und sie deshalb öfter kontrolliert, entdeckt bei ihnen logischerweise auch mehr Straftaten. Und viele der Verhaltensweisen, die den Polizisten negativ auffallen, erzeugten sie selbst mit, erklärt Schlicher. Etwa, wenn sie sie aus unbewussten Vorurteilen heraus schlechter behandeln und die Menschen deshalb widerwillig sind. Jeder Mensch habe Vorurteile, sagt Schlicher. Wichtig sei, sie sich bewusst zu machen.

Ein Mann aus der Gruppe der Blauäugigen hatte den Workshop gleich zu Beginn abgebrochen, weil er sich so schlecht nicht hatte behandeln lassen wollen. Nach Schlichers Vortrag steht er auf und fragt: "Warum seid ihr anderen Blauäugigen nicht auch gegangen?" Und warum veranstalte die Hochschule überhaupt ein solches Seminar, das so weit entfernt sei vom Leitbild der Hochschule und dem polizeilichen Umgang?

"Diese Rechtfertigungen finden sich im Dienst auch"

Sie seien nicht gegangen, "weil wir die Erfahrung machen wollten", antwortet ihm eine Teilnehmerin, die in der ersten Reihe aufgestanden ist. "Weil die Polizei aufgewühlt ist." Ein anderer fügt hinzu: "Aus Neugier. Wir wussten ja, worum es geht." Auch einer aus der Gruppe der Braunäugigen, der Mitläufer also, steht auf und berichtet: "Ich bin ganz schnell in eine Rechtfertigung verfallen, warum ich dableibe: Es war ja ein Rollenspiel. Aber diese Rechtfertigungen finden sich im Dienst auch."

Wer die Menschen auf dem Hochschultag diskutieren hört, könnte davon ausgehen, dass die Polizei kein Problem hat: Sie sind reflektiert und kritisch und vor allem lernwillig. Eine Autobahnpolizistin, die auch im Workshop dabei war, sagt, sie werde nun noch mehr als vorher darauf achten, bei einer Kontrolle alle gleichzubehandeln: "Mir ist wichtig, das Bild der Polizei positiv zu prägen. Die derzeitige Kritik trifft mich sehr." Doch, auch darin sind sich viele Teilnehmende einig: Diejenigen, die so eine Schulung wirklich bräuchten, sind nicht hier.

Wen erreichen die Workshops?

Können solche Workshops also Fälle wie in Frankfurt überhaupt verhindern, oder erreichen sie nur die ohnehin Aufgeschlossenen? Schlicher sagt dazu: "Radikalisierte Strukturen bauen sich immer nur in einem bestimmten Umfeld auf. Wenn also so etwas ans Licht kommt, dann gibt es immer eine ganze Reihe von Menschen, die sagen: Das überrascht mich jetzt nicht wirklich." Solche Fälle seien nur möglich, wenn es auf den Dienststellen ein Umfeld gibt, in dem schon bestimmte Witze gemacht wurden, in dem abfällig über bestimmte Menschen gesprochen worden ist, erklärt Schlicher. Wenn es ein solches Umfeld nicht gibt, haben demnach auch Radikale keine Chance, unbehelligt zu wirken.

In einigen Polizeien sei es aber noch so, wie in vielen männlich geprägten Organisationen: "Wenn du ein Problem hast, ist es dein Problem, dann musst du es eben lösen", sagt Schlicher. Aber das sei nirgendwo mehr die offizielle Linie. Viele Polizeien seien jetzt auf einem guten Weg. "Das hätte man aber auch schon früher machen können, das war schließlich die deutliche Empfehlung des NSU-Untersuchungsausschusses", sagt Schlicher.

In Kleingruppen sollen die Teilnehmenden später über ihre eigenen Erfahrungen sprechen: Wo wurden sie schon mal nicht wertgeschätzt oder diskriminiert? Was die Leute dort erzählen, verlässt den Raum nicht, wird vereinbart. Fast jeder Polizist, sagt Schlicher, habe schon Situationen erlebt, in denen er oder sie lieber nicht gesagt habe, dass er bei der Polizei ist. "Und über diesen Umweg kann ich Verständnis wecken: Wenn sie selbst nicht wollen, dass ihnen mit Vorurteilen begegnet wird, wie schlau wäre es dann, vorbildhaft dafür zu sorgen, dass in ihrem Arbeitsumfeld nicht vorurteilsbehaftet über bestimmte andere Gruppen gesprochen wird."

"Man darf nicht vergessen, dass so was auch Konsequenzen haben kann"

Und nun? Im Abschlussplenum fragen einige, wie sie die Erkenntnisse in ihre Dienststellen tragen können. Schlicher rechnet vor: Wenn die 170 Teilnehmenden sich in nur zehn Situationen vorurteilsbewusster verhalten, mache das schon direkt einen Unterschied aus.

Ein junger Polizist meldet sich zu Wort: "Man darf aber nicht vergessen, dass so was auch Konsequenzen haben kann", sagt er. Wer auf Fehler oder Missstände hinweise, kriege schon mal gesagt: Du willst doch in den nächsten 20 Jahren noch was werden. Schlicher rät ihm, sich Bündnispartner unter Kollegen zu suchen.

Eine Lehrerin der HfPV sagt, dass manche ihrer Studierenden von sexistischen oder rassistischen Sprüchen berichten, die sie in ihren Praktika auf den Dienststellen erlebten. Auch sie wollten das nicht melden, weil sie fürchteten, sich den Weg zu verbauen. "Wir haben eine wahnsinnig schlechte Fehlerkultur", pflichtet ihr der junge Polizist bei. Das zeige auch der Ausspruch "Wir schreiben das gerade" – wenn also Fehler nachträglich im Bericht geschönt werden.

Schlicher sagt, es brauche bessere Begleitung nach schwierigen Einsätzen und Vorgesetzte, die klare Ansagen machen, was sie nicht dulden. Und dazu ermutigen, sich Supervision oder Beratung zu holen. Aber auch Zivilcourage unter Kolleginnen und Kollegen, um Diskriminierung zu verhindern. Der junge Polizist drückt es so aus: "Du brauchst Rückgrat. Und eine geringe Hemmschwelle, deinen eigenen Arsch zu riskieren."

Im Herbst werden Schlicher und sein Team wiederkommen für ein Wahlpflichtmodul, kündigt Cornelia Rotter an, die Leiterin des Bereichs Hochschulentwicklung. Sie sollen auch Lehrende der HfPV in ihrer Methode ausbilden. Das Thema Diskriminierung wird auch dann noch aktuell sein.

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