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Ende Gelände: An den Orten der Zerstörung

In Sachsen und Brandenburg blockierten rund 4.000 Klimaaktivisten Tagebaugruben und Gleise. Ihnen begegnet in den ostdeutschen Kohlerevieren so viel Ablehnung wie nie.
Aktivistinnen und Aktivisten von Fridays for Future und der Bewegung Ende Gelände in der Nähe des Kohlekraftwerks Jänschwalde in der Lausitz © Christian Mang/​Reuters

Erhard Lehmann ist vom Großeinsatz im brandenburgischen Proschim begeistert. Damit meint er nicht die Polizeistreifen, die an diesem Tag überall in der Lausitz zu sehen sind, auch in seinem Dorf. Lehmann ist Lokalpolitiker und Fan des Bündnisses Ende Gelände. Die Klimaaktivisten haben den Polizeieinsatz ausgelöst, einige Tausend Beamte aus verschiedenen Bundesländern sind dort. Ende Gelände hatte "massenhaften zivilen Ungehorsam" angekündigt, Tagebaugruben sowie Gleisanlagen von Kraftwerken sollten besetzt werden. Gehandelt werde "aus Enttäuschung über die desaströse Klimapolitik der Bundesregierung". Das Motto dieser Aktion: "Wir sind Systemwandel."

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2016 gab es schon einmal Besetzungen im Tagebau bei Proschim. Erhard Lehmann hat die Aktivisten schon damals unterstützt, einige durften auf seinem Grundstück übernachten. Lehmann ist 68 Jahre alt, 18 davon war er Bürgermeister des 360-Einwohner-Dorfs. Dass Ende Gelände nun zurückkehrt, hat er erst am Samstagmorgen erfahren – als plötzlich neun Busse vor der Tür des Proschimer Mühlenvereins parkten.

Der Ort ist ein bekannter Name, wenn es um den Kohleausstieg geht, seit Jahrzehnten droht hier die Abbaggerung. Nach neuen Vereinbarungen soll es nun doch noch anders kommen, Proschim soll verschont bleiben, aber Lehmann glaubt noch nicht wirklich daran. Auch deshalb findet er die Ende-Gelände-Aktionen "richtig gut". Es gehe ihm aber nicht nur um den Erhalt seiner Heimat, sondern um Klimaschutz. "Es muss aufhören mit der Kohle, mit dem Wahnsinn, der hier weiter betrieben wird."

"Klimaleute werden als Verbrecher dargestellt"

Dass die Aktivisten Straftaten begehen, stört ihn nicht. Lehmann sagt: "Begehen die Tagebauunternehmen nicht auch Straftaten, wenn sie unsere Natur zerstören?" Mit seiner Meinung fühlt er sich allerdings in seiner Nachbarschaft nicht in der Mehrheit, im Gegenteil: "Man darf hier nichts sagen gegen die Kohle, sonst ist man sofort der Buhmann. Die meisten reden nur negativ über die Klimaleute, die werden nur als Verbrecher dargestellt. Für mich sind das kluge, junge Menschen, die etwas verändern wollen."

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Es ist die zweite Großaktion von Ende Gelände in diesem Jahr. Nach Besetzungen im rheinländischen Kohlerevier im Sommer ist nun die Lausitz das Ziel. Ein riesiges Gebiet mit etlichen Kraftwerken und Tagebaugruben, Hunderte Quadratkilometer verteilt auf Sachsen und Brandenburg. Zusätzlich zur Lausitz wird auch ein Tagebau in der Nähe von Leipzig besetzt. Die Logistik von Ende Gelände ist an diesem Wochenende immens, Strukturen wurden wochenlang organisiert, von Sanitätern bis Juristen, die beteiligt sind.

Aber auch die Ablehnung, der Widerstand, der den Protestierenden entgegenschlägt, ist groß. So massiv wie in den ostdeutschen Kohlerevieren haben sie das bisher noch nirgendwo erlebt. Die konkreten Blockadepläne bleiben bis zum Schluss geheim. Welche Gebiete besetzt werden, zeigt sich erst am Samstag im Morgengrauen. Im Frühnebel treffen kurz nach acht Uhr die Busse in Proschim ein. Das Thermometer zeigt minus zwei Grad. Binnen weniger Minuten setzt sich alles in Bewegung.

Etwa 400 Aktivisten steigen aus, streifen sich weiße Anzüge über und marschieren über gefrorene Felder zur nahen Tagebaugrube Welzow-Süd. Die Gruppe trampelt einen Zaun nieder, die Begrenzung zum Betriebsgelände des Energieunternehmens Leag, und steigt trommelnd in die Grube hinab. Gesungen wird: "Bagger ciao, Bagger ciao, Bagger ciao, ciao, ciao!" Es geht vorbei an Kohleförderbändern, die an diesem Tag stillstehen. Nach ein paar Minuten haben die Aktivisten die Abbruchkante erreicht, von dort geht es etwa 150 Meter hinab in die Abbaugrube. Kurze Pause, dann springen und schlittern sie nacheinander in die Tiefe. 

Protest in Sachsen trotz Versammlungsverbots

Ende Gelände vermeldet: Tagebau Welzow-Süd ist blockiert. Ebenso der Tagebau Jänschwalde, etwa 50 Kilometer nördlich von Proschim. Das Gleiche gilt für eine Grube im Leipziger Land sowie Gleisstrecken in allen Revieren. Insgesamt sind an diesem Tag nach Angaben von Ende Gelände etwa 4.000 Menschen an der Aktion beteiligt. Unterstützt wird das Bündnis von Bewegungen wie Fridays for Future und Anti-Kohle-Kidz. Abgeordnete von den Grünen und den Linken sind als "parlamentarische Beobachter" dabei.

Bis zuletzt blieb die Planung aufregend. Im sächsischen Teil der Kohlereviere wurden am Donnerstag Versammlungsverbote verhängt. In Brandenburg nicht. Das hängt auch mit dem Versammlungsrecht der Bundesländer zusammen: In Sachsen treffen solche Entscheidungen die Landkreise, in Brandenburg die Polizeibehörde. Die Versammlungsfreiheit sei ein "hohes Gut", das man schützen wolle, teilt ein Sprecher der Brandenburger Polizei mit. In Sachsen wird das anders gesehen. Einen Widerspruch von Ende Gelände weist das Dresdner Verwaltungsgericht ab. Ende Gelände verkündet daraufhin, man wolle sich nicht davon abhalten lassen, "sich an den Orten der Zerstörung gegen die Klimakrise zu stellen".

"Saugefährlich ist das"

Die Blockaden werden schließlich wie geplant umgesetzt. Am Rand der Welzower Grube beobachten Mitarbeiter des Tagebaubetreibers Leag, wie die Aktivisten ihren Arbeitsplatz stürmen. Namen will niemand nennen, das sei Anweisung des Unternehmens. Aber auch auf dieser Seite herrscht Einigkeit, nur andersherum: Verständnis für Ende Gelände hat keiner. "Saugefährlich ist das, was die da machen", schimpft einer. "Scheißpresse", zischt ein anderer, als er Journalisten entdeckt. Ein Kollege von ihm entschuldigt sich für diese Worte und murmelt nur: "Die Stimmung hier ist aufgeladen."

Der Mann versucht ruhig zu erklären: "Das sind Leute, die aus Großstädten zu uns anreisen, aber gar keine Ahnung von unserer Arbeit haben. Die wissen gar nicht, was wir bei Wind und Wetter in der Grube machen", sagt er. "Mir ist das zu viel Klimahysterie. Zu viele Fragen sind noch offen, wie denn künftig unsere Kohleenergie vernünftig ersetzt werden soll. Dafür nützen solche Aktionen nichts. Das regt viele Leute einfach nur auf."

Das Lager der Kohlebefürworter ist in der Lausitz groß und divers. Es gibt Menschen, die gegen Ende Gelände friedlich protestieren. Bereits in den Tagen zuvor gab es Kundgebungen, zum Beispiel vor dem Kraftwerk Schwarze Pumpe, dort trafen sich etwa 1.000 Menschen, darunter viele Kraftwerksmitarbeiter und Gewerkschafter, "um ein Zeichen gegen Gewalt zu setzen". Auf Plakaten steht: "Unsere Arbeit sichert Wohlstand."

Viele Leag-Mitarbeiter sind am Samstag auch im Tagebau Welzow unterwegs. Das Unternehmen lässt eigene Sicherheitsleute patrouillieren, deren Durchsage lautet: Jeder, der das Betriebsgelände unerlaubt betritt, wird angezeigt. Vor den Tagebauzufahrten versammeln sich Mahnwachen von Tagebaumitarbeitern, die gegen Ende Gelände protestieren. In den Mobilisierungsaufrufen liest man auch Warnungen an die eigenen Leute: "Lasst euch nicht von den Rechten instrumentalisieren." 

Rechte Gruppen hetzen gegen "Ökoterroristen"

Denn seit Tagen verbünden sich auch radikale Kräfte gegen Ende Gelände. Eine der größten Facebook-Gruppen heißt "Die Lausitz bleibt stabil, kein Platz für Aktivisten", in kurzer Zeit ist sie auf mehr 2.000 Mitglieder angewachsen, darunter AfD-Politiker, Rechtsextremisten und Hooligans aus dem Umfeld des Fußballvereins Energie Cottbus. In der Facebook-Gruppe wird gegen "Ökoterroristen" gehetzt, Gewaltaufrufe werden gepostet: "Vermöbelt diese Affen mal ordentlich" – "Hoffentlich werden diese grünen Spinner vom Kohlezug überfahren". Man teilt Hinweise zu den Treffpunkten von Ende Gelände.

Auch rund um Proschim sind am Samstag immer wieder Patrouillen zu sehen, dunkel gekleidete Männer, die in Autokolonnen über die Dörfer fahren, um nach den Klimaaktivisten zu suchen. Immer wieder äußern sie Drohungen im Internet. Zum Beispiel gegen ein Landwirtschaftsunternehmen, auf dessen Areal Busse von Ende Gelände parken. Nicht wenige haben mit Eskalationen gerechnet, doch dazu kommt es an diesem Tag nicht. Bis auf einige Zwischenfälle bleibt die Lage verhältnismäßig ruhig. Drei Polizisten wurden nach Angaben der Polizei bei einer Auseinandersetzung mit Aktivisten leicht verletzt.

Das Energieunternehmen Leag fuhr das Kraftwerk Jänschwalde wegen der Blockaden auf ein Minimum herunter. Durch die Besetzung der Gleise werde der Kohlenachschub unterbrochen, teilt ein Sprecher mit. Es gehe darum, mit der Kohle, die im Kraftwerk lagert, hauszuhalten. Davon hänge die Fernwärmeversorgung der Städte Cottbus und Peitz ab. "Fake-News", kommentiert das ein Sprecher von Ende Gelände. "Wir haben bewusst nur Gleise besetzt, auf denen Abfall abtransportiert wird." Die Leag widerspricht dem: Es habe sich um Kohleversorgungs-Gleise gehandelt.

Nächster Schritt: "Systemwandel"

Sechs bis acht Stunden blockieren die Gruppen von Ende Gelände die Kohlereviere. Auch begleitet von Selbstinszenierung – auf Instagram wird schon bald ein Clip gepostet, ein Drohnenflug, der die Aktivisten beim Ansturm auf den Tagebau bei Leipzig zeigt, Aktivismus als Kunstwerk. Kurz vor Einbruch der Dunkelheit verlassen die Aktivisten die Gruben freiwillig. In Proschim ist es bereits stockdunkel, als die Besetzer zurückkehren. Sie werden von den eigenen Leuten gefeiert wie Helden. Nike Mahlhaus, Sprecherin von Ende Gelände, jubelt: "Das war eine vollkommen gelungene Aktion. Wir konnten weitgehend unbehelligt an all unsere Blockadeorte gelangen. Wir haben heute gezeigt, dass wir den Braunkohleausstieg selbst in die Hand nehmen, weil die Regierung diesen Schritt verschläft."

Klimakampf ist das oberste Ziel von Ende Gelände, doch das Bündnis hat noch andere Pläne. Der nächste Schritt sei der "Systemwandel im Wirtschaftssystem". Von Mahlhaus hört man auch das Wort "Enteignung". Zu den Forderungen von Ende Gelände gehöre auch, "Energieunternehmen wie die Leag zu vergesellschaften, dann könnten wir gemeinsam als Gesellschaft entscheiden, wie wir Energie erzeugen möchten, was mit den Profiten passiert".

Die Sorgen von Lausitzern um ihre Arbeitsplätze, Angst vor dem Strukturwandel könne sie verstehen. "Natürlich wollen die Menschen hier eine Zukunft haben. Aber wir fordern: nicht mit fossilen Energien." Zunächst geht es wieder nach Leipzig, Dresden und Berlin, dahin zurück, wo die Aktivisten am frühen Morgen gestartet sind. Die Lausitz bleibt ein Kampfplatz für ihre Bewegung, "weil sie ein politischer Ort ist", so Mahlhaus. Vor der Abreise versprechen sich die Blockierer gegenseitig: "Wir kommen wieder, bis der letzte Bagger ruht."

Mitarbeit: Henrik Merker

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