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Amerikanischer Journalismus: Die deutsche Reporterfreiheit

Im US-amerikanischen Journalismus sind Fakten das Wichtigste. Deutsche Medien wollen großen Stil und die perfekte Geschichte. Journalisten sind aber keine Literaten.
Der Autor Konstantin Richter © Steffen Jänicke

Wie steht es um das Genre der Reportage nach dem Betrug von Claas Relotius? Vier Autoren haben darüber nachgedacht: die Reporter Wolfgang Bauer und Malte Henk von der ZEIT, die freie Reporterin Alexandra Rojkov und der Autor Konstantin Richter.

In den späten Neunzigerjahren teilte ich mir in Brüssel ein Büro mit einem Amerikaner namens John Carreyrou. Wir waren beide Reporter für das Wall Street Journal Europe, und er wurde einer meiner besten Freunde. John telefonierte laut und recherchierte viel. Ich schätzte ihn sehr, weil er hartnäckig war. Zugleich fragte ich mich, warum John und die anderen amerikanischen Kollegen so viel Energie auf das Recherchieren verwandten und so wenig auf das Schreiben. Ihr Stil war oft schmucklos. Sie konzentrierten sich auf Zahlen und Fakten, sie beleuchteten jedes Argument von beiden Seiten und manchmal auch von dreien, sodass der Schwung mitunter verloren ging. Jahre später – da war John schon Pulitzerpreisträger und ich hatte gerade meinen ersten Roman geschrieben – rief er mich an, zutiefst verletzt. Jemand hatte ihm hinterbracht, was ich damals über ihn gesagt hatte. Dass er keinen eigenen Sound habe. Und dass man die Texte, die wir für das Wall Street Journal produzierten, stilistisch kaum voneinander unterscheiden könne.

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Als ich vom Fall des Spiegel-Reporters Claas Relotius hörte, der so perfekt erzählen wollte, dass er darüber das Recherchieren unterließ, musste ich an John denken. Relotius hatte in seinen großen Geschichten immer Protagonisten, die wirkten wie Romanfiguren, da waren tolle Szenen und ein ganz eigener Ton. Es war kein Zufall, dass die Protagonisten immer Musik hörten, der Sound war wichtiger als die Wahrhaftigkeit. Als ich nun also Relotius las, dachte ich: Woher kommt dieser Wunsch deutscher Journalisten, die perfekte Geschichte zu schreiben? Warum spricht man von Protagonisten und Szenen anstatt von Menschen und Ereignissen? Wann wurde der deutsche Journalismus, der doch früher eher nüchtern war, zum großen Theater?

Ich habe Journalismus an einer amerikanischen Uni studiert. An der Columbia Graduate School of Journalism wurde das Recherchieren als die eigentliche Kunst betrachtet. Das Schreiben dagegen war niederes Handwerk, eine fast industrielle Tätigkeit, die nun einmal mitvermittelt werden musste. Der Basiskurs war berühmt, eine Art Bootcamp, er hieß RW1. (Das R steht für reporting, danach erst kommt das W für writing.) Ich habe Dinge gelernt, die ich heute noch im Kopf habe: "Der Einstiegssatz enthält eine einzige Idee und lässt Subjekt, Verb und Objekt aufeinanderfolgen – er sollte nicht mehr als 35 Worte haben." Und bloß nicht zu viele Adjektive. Eine knappe Personenbeschreibung reicht völlig aus. Jede Aussage muss mit einer Zahl belegt werden. Oder mit einem Zitat. Eine Professorin, die einen Text von mir korrigierte, schrieb an den Rand: "No innuendo please". Sie wollte mir damit sagen, dass ich auf Andeutungen verzichten solle. So klar wie möglich schreiben. Und nichts assoziativ mitschwingen lassen. Journalisten sind keine Literaten.

Nach dem Studium wurde ich Redaktionsassistent der Columbia Journalism Review, später Reporter beim Wall Street Journal, meine damalige Freundin war Factcheckerin beim New Yorker. Das Factchecking Department dort ist noch berühmter als die Dokumentation vom Spiegel. Ich staunte, was meine Freundin alles tun musste. Sie bekam ranghohe Politiker oder Manager ans Telefon, besuchte Orte, die der Reporter beschrieben hatte – und all das bloß, um sicherzustellen, dass akkurat recherchiert worden war. Manchmal beklagte sich meine Freundin über einzelne Reporter, es waren berühmte Leute dabei, doch waren gerade die, denen die Fehler unterliefen, besonders dankbar. Factchecking war eine harte Arbeit, aber auch eine ehrenvolle Aufgabe, die eine gesellschaftliche Relevanz hatte. Es sollte halt alles stimmen. 

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James Joyce als Vorbild?

Nach zehn Jahren im Ausland wollte ich zurück nach Deutschland. Dort beauftragte mich ein Magazin, das Porträt eines damals bekannten Managers zu schreiben. Also recherchierte ich so, wie ich es an der Columbia gelernt hatte. Mein Eindruck war, dass der Mann, der sich als erfolgreicher Sanierer ausgab, jedes Unternehmen gerade noch verlassen hatte, bevor sich die Folgen seines zerstörerischen Managements zeigten. Also begann ich, ehemalige Mitarbeiter anzurufen und die Unternehmen aufzusuchen, die er geleitet hatte. Natürlich traf ich ihn auch selbst. Anschließend schrieb ich eine überlange Geschichte, hart recherchiert, reich an Zahlen und Fakten, die aber auf Deutsch – ich sah es selbst so – eher öde und kompliziert daherkam. Der Chefredakteur druckte den Text nicht, er fand ihn schwach und schrieb mir in einer Mail, für eine investigative Recherche eigne sich so ein schillernder Typ nicht, da müsse man viel witziger schreiben, anschaulicher und unterhaltsamer. Er wollte keine Fleißarbeit, so schien es mir, sondern einen Schelmenroman.

Inzwischen habe ich begriffen, dass man in Deutschland anders arbeitet. Ich habe selbst Reportagen geschrieben, gehe zu Preisverleihungen und wundere mich dabei immer, dass die deutschen Reporter den amerikanischen Journalismus so häufig als Vorbild nennen. Die New York Times können sie damit kaum meinen, denn die New York Times ist berühmt für das, was manche deutschen Journalisten abfällig als "Sachkack" bezeichnen. Schon der erste Satz der typischen New-York-Times-Geschichte ist unspektakulär, es geht um Relevanz und Information, nicht darum, den Leser in den Text hineinzuziehen. Oder der New Yorker, der hierzulande ebenfalls oft gelobt wird. Auffällig ist da, wie ausgiebig die Protagonisten zu Wort kommen, oft völlig unkommentiert. Der Reporter lässt den Leuten die Möglichkeit, die eigene Geschichte zu erzählen, und man merkt beim Lesen erst, wie viel man auf diese Weise über Menschen erfährt. In der deutschen Reportage dagegen wird selten ausführlich zitiert, der deutsche Reporter ist kein Stenograf, lieber arbeitet er mit Zitatschnipseln und indirekter Rede. Oder er kriecht in den Kopf seines Protagonisten und schreibt nieder, was da wohl vor sich geht. Stream of Consciousness heißt die Technik, das berühmteste Vorbild ist Ulysses von James Joyce. Ein genialer Autor natürlich, aber kein Journalist.  

Es gibt im amerikanischen Journalismus noch eine andere Gattung als diejenige, die an der altmodischen Columbia School of Journalism gelehrt wurde. Das ist die Gattung des New Journalism. Hunter S. Thompson, Tom Wolfe und Gay Talese waren Autoren, die in den bewegten Sechzigerjahren mit dem Schreiben anfingen. Sie waren Selbstdarsteller, die ihre Subjektivität als poetische Wahrheit feierten. Talese und Wolfe verfassten seitenlange innere Monologe und detailverliebte Rekonstruktionen von Szenen, die sie nicht selbst erlebt hatten. Sie gaben die Träume und intimsten Erinnerungen ihrer Protagonisten wieder. Sie machten aus drei Personen eine einzige, weil sie meinten, dass die Verknappung am Ende ausdrucksstärker sei als die schnöde Wirklichkeit. Es gibt im New Journalism ganz großartige Texte, doch war die Gattung in den USA immer eher Subkultur als Mainstream. In Deutschland ist das anders.

Sei die Fliege an der Wand

Um zu sehen, wie viel Literatur im deutschen Journalismus steckt, muss man bloß Ullrich Fichtners Text über den Fall Relotius lesen, der gleich im ersten Satz vom "Glanz und Elend" erzählt – und dabei, bewusst oder unbewusst, einen Romantitel von Honoré de Balzac zitiert. Das Buch heißt Glanz und Elend der Kurtisanen. Oder man liest ein paar der Geschichten, die in den vergangenen Jahren Preise gewonnen haben, und überlegt, wo die Literatur anfängt und der Journalismus aufhört. Eine dieser preisgekrönten Geschichten habe ich geschrieben, mein Artikel über die Existenznöte des Schleswig-Holsteinischen Landestheaters gewann vor Jahren den Deutschen Reporterpreis. Dabei habe ich mir sicherlich Freiheiten genommen. Keine Gaunereien natürlich, aber doch Dinge, die ich mir beim Wall Street Journal nie erlaubt hätte. Ich habe eine längere Begegnung, die bestimmt eine Stunde dauerte, zu einem pointierten Dialog verknappt. Ich habe einen Protagonisten um seine Sichtweise gebeten und dann einen inneren Monolog daraus gemacht. Ich habe Leute, die mir unsympathisch oder kurios erschienen, karikiert und sie lächerlicher erscheinen lassen, als sie vielleicht waren. Ich habe über einen Mann geschrieben: "Wenn Schwandt sich freut, hat er das schiefe Lächeln eines Jungen, der nicht so beliebt ist wie die anderen Jungs, dafür aber schlauer als sie." Und ich frage mich jetzt: Hat Schwandt wirklich so gelächelt? Oder war das doch eher der Gestaltungswille des schönschreibenden Journalisten?

Und natürlich ist auch dieser Text, den ich gerade schreibe, eine Vereinfachung. Es ist nicht alles besser im amerikanischen Journalismus als im deutschen. Der Spiegel selbst war es, der die angelsächsische Recherchekultur zuerst in Deutschland verankerte. Die Investigativgeschichten der Süddeutschen Zeitung stehen denen der amerikanischen Medien nicht nach. Außerdem hat das Kunstwerk der deutschen Reportage einiges für sich, das der schmucklosen Prosa der New York Times abgeht. Lebendigkeit, Unterhaltsamkeit und Sprachgewalt sind – bis zu einem gewissen Grad – geeignete Mittel, um Lesern komplexe Sachverhalte zu vermitteln. Informationen müssen komprimiert und dürfen auch zugespitzt werden, wenn es denn der Anschaulichkeit dient. Die Frage ist bloß, wo die Grenzen gezogen werden. In Deutschland hat der Reporter die Freiheit, darüber zu entscheiden, und diese Freiheit ist mir eindeutig zu groß.

Bleibt noch die Frage nach dem Warum: Warum eigentlich wollen die deutschen Journalisten unbedingt Romane schreiben?
Die Arbeit als Journalist kann frustrierend sein. Man bildet ab, gibt wieder und ordnet sich der Welt in gewisser Weise unter. Anstatt die eigene Meinung kundzutun, soll man geduldig zuhören und aufschreiben, was der andere sagt. Man soll beobachten und sich unsichtbar machen wie eine Stubenfliege. "Fly on the wall" heißt das im Englischen, so habe ich das gelernt, und es gehört ein Stück Verzicht und Selbstverleugnung dazu. Der Romanautor dagegen – oder der Journalist, der literarisch schreibt – ist ein Gott. Er formt die Wirklichkeit nach der eigenen Vorstellung – ob die Wirklichkeit nun will oder nicht. 

Es gibt sie, die schnörkellose Spannung

Die New York Times hat sich ihr internationales Ansehen auch deshalb verdient, weil die Reporter ihre Quellen in der Regel fair behandeln. Sie zitieren akkurat und versuchen, so gut es eben geht, neutral und objektiv zu berichten, was ist. Der Reporter dagegen, der aus Menschen Protagonisten macht und aus gewöhnlichen Begegnungen epische Erzählungen, lässt mit jeder Story ein paar Enttäuschte zurück, die sich im Beschriebenen nicht wiederfinden. Und das schadet dem deutschen Journalismus. Relotius ist ein Extremfall. Aber wir wissen alle, dass es auch andere gibt, die sich die Wirklichkeit hier und da zurechtbiegen, damit sie besser in die Geschichte passt. Der Einzelfall ist harmlos, die Gesamtwirkung ist es nicht.

Und könnte es sein, dass die Kontrollmechanismen beim Spiegel auch deshalb versagt haben, weil die Geschichten von Relotius erwartbar waren? Sie bestätigten das, was wir als liberale Europäer über Trumpwähler oder die Todesstrafe oder auch über traumatisierte Flüchtlinge aus Syrien denken. Wären die Leute beim Spiegel ebenso nachlässig gewesen, wenn Relotius ein äußerst detailliertes, aber poetisches und schwärmerisches Porträt über Björn Höcke geschrieben hätte? Wir werfen rechten Medien wie Breitbart vor, dass sie Geschichten über kriminelle Migranten erfinden. Doch wahrhaftiger als die Breitbart-Meldung über randalierende Migranten in Dortmund ist das, was Relotius geschrieben hat, wohl nicht, und das ist sehr traurig.

Mein Freund John Carreyrou hat inzwischen selbst ein Buch geschrieben. Keinen Roman, sondern ein Sachbuch, das Bad Blood heißt. John rollt darin den Fall der jungen Silicon-Valley-Unternehmerin Elizabeth Holmes auf. Sie war klug und charismatisch, sie kleidete sich ganz in Schwarz wie Steve Jobs. Und sie behauptete, dass sie als kleines Mädchen immer Angst vor Bluttests gehabt habe und deshalb auf die Idee gekommen sei, eine Hightech-Nadel zu entwickeln, die völlig schmerzlos auf zahlreiche Krankheiten testet. Das war eine gute Geschichte, und alle glaubten daran. Als John mit dem Recherchieren anfing, war das Unternehmen von Holmes mehrere Milliarden US-Dollar wert. Mächtige Menschen wie Ex-Verteidigungsminister James Mattis und der Staranwalt David Boies saßen im Aufsichtsrat, auch Rupert Murdoch, der Eigentümer des Wall Street Journals, hatte investiert. John musste für seine Recherche kämpfen, weil so viele Leute an ihm zweifelten. Doch am Ende behielt er recht. Elizabeth Holmes war eine Betrügerin. Und John war es, der als Erster darüber schrieb und ein Buch daraus machte, das, obgleich schnörkellos erzählt, spannender und epischer ist als jeder Roman.

Claas Relotius hat zwischen 2010 und 2012 auch für ZEIT ONLINE und ZEIT WISSEN einige Beiträge verfasst. Wir überprüfen sie auf ihren Wahrheitsgehalt. In unserem Glashaus-Blog sammeln wir die Ergebnisse.

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