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Aus der Serie: 10 nach 8

Geschlechterrolle: Der Körper der Mutter

Milch geben, das Kind wickeln, das Kind richtig halten, bitte nicht überlastet sein: Als Mutter bekommt die Frau einen kaum erfüllbaren Kriterienkatalog vorgelegt.
Immer gut gelaunt und bitte stets geföhnt: Das Bild der perfekten Mutter macht der echten das Leben schwer. © Photo by Jonathan Gallegos/unsplash.com

Ich war lange der Meinung, dass man gesellschaftlich nicht viel tiefer sinken kann als ein Mädchen. Das Mädchen hat eine schlechte Ausgangsposition: Immerhin wird es mal eine Frau. Einem Mädchen, wie Frauen gerne noch bis in die Vierziger genannt werden, kann man alles sagen. Ein Mädchen ist angreifbar, ihr Körper gehört der ganzen Welt. Überall hängen Plakate, die sie zeigen, diese Mädchen, halb nackt. Die den anderen Mädchen zeigen, wie sie zu sein haben. Hübsch müssen sie vor allem sein. Und nett. Und sich was sagen lassen sollen sie. Gute Mädchen sollen sich sagen lassen, wie sie sich zu kleiden haben, wann sie zu lächeln haben. Und wenn ihnen was passiert in der großen, bösen Welt, darf man ihnen sagen, wie sie sich bitteschön dazu zu verhalten haben, damit wir sie weiterhin mögen können.

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Angela Lehner ist Autorin und Literaturwissenschaftlerin. Sie lebt in Berlin und Wien. Im Frühjahr 2019 erscheint ihr Roman "Vater Unser" bei Hanser Berlin. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Anja Kiesow

Seit einiger Zeit drängt sich mir aber der Gedanke auf, dass meine Annahme vom Mädchen als unterste Sprosse der Gesellschaft eine Fehleinschätzung war. Weit darunter, noch viel angreifbarer, wuseln sie nämlich als unbemerkter Bodensatz der Menschheit herum: die Mütter. Die Mutter als Mensch mit eigenen Bedürfnissen war auch mir lange Zeit ein unsichtbares Wesen. Mag es nun daran liegen, dass ich mich selbst langsam ins rational gebärfähige Alter bewege, oder daran, dass es mittlerweile meine Freundinnen sind, die Kinder zur Welt bringen. Jedenfalls nehme ich in letzter Zeit viel aufmerksamer die Hürden wahr, mit denen sich Mütter täglich herumschlagen.

Es beginnt schon mit der Schwangerschaft. Die Frau wird plötzlich zum Wirt für einen neuen Menschen. Gleichzeitig scheinen sich sämtliche gesellschaftliche Tabugrenzen zu verschieben. Man hält es für völlig selbstverständlich, der werdenden Mutter ungefragt den Bauch zu tätscheln und sich freimütig über ihre Ernährungsgewohnheiten zu informieren. Mit der Einnistung des Eis in der Gebärmutter scheint die Frau die Selbstbestimmung gänzlich nach außen abgegeben zu haben. Man nimmt sich heraus, die werdende Mutter auf etwaiges Fehlverhalten hinzuweisen. Sie vielleicht gar zurechtzuweisen, sollte sie sich doch einmal außerhalb der mütterlichen Idealvorstellung bewegen. Eine schwangere Frau zum Beispiel, die zum Geburtstag mit einem halben Glas Sekt anstößt, muss mit herber Kritik von allen Seiten rechnen. 

Offensichtlich kann nun absolut jeder, angefangen bei der Nebensitzerin in der Straßenbahn bis hin zum Kassierer im Lebensmittelladen, am besten beurteilen, was richtig für den Körper der werdenden Mutter ist. In der Endphase der Schwangerschaft wird die Umgebung plötzlich fürsorglich: Kann ich dir was zu trinken bringen? Möchtest du dich hinsetzen? Man sieht: Die Frau kann nicht mehr so, man hilft ihr, man unterstützt sie.

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Das bittere Erwachen kommt mit der Geburt. Auch Frauen, die noch nicht aus der Gnade der modernen Hipster-Gesellschaft gefallen sind, weil sie bei vollem Bewusstsein und ohne Schmerzmittel einen Vier-Kilo-Menschen durch ihr Becken gedrückt haben, müssen nun unverzüglich performen: Milch geben, das Kind wickeln, das Kind richtig halten, das Kind richtig anziehen, richtig auf das Kind reagieren, bitte nicht gereizt sein, bitte nicht überlastet sein.

Die Fürsorge der Gemeinschaft hat sich mit der Geburt verschoben. Die Frau hat es zur Welt gebracht, aber jetzt kümmern wir uns um das Kind. Das Kind hat Bedürfnisse, die die Mutter unverzüglich und auf ideale Weise zu erfüllen hat. Und dabei beobachten wir sie genau, denn die gute Mutter hat nicht nur dem Kind, sondern auch der Gesellschaft gegenüber eine Bringschuld. Und langsam kommt die unschöne Erkenntnis auf, dass die Fürsorge des Umfelds in der Schwangerschaft vielleicht gar nicht der Mutter selbst, sondern immer nur dem Kind in ihr gegolten haben könnte.

Es ist ein regelrechter Schwanzvergleich

Vergangenes Jahr beobachtete ich eine absurde Entwicklung im Freundeskreis: Die frischgebackene Mutter hatte Probleme damit, genügend Milch für das Neugeborene zu produzieren. Gleichwohl das Kind gut mit Fläschchen versorgt war, dominierte das schlechte Gewissen der Frau während der ersten Wochen mit ihrem Baby. Was bloß machte sie falsch, dass den anderen Frauen die Milch aus den Brüsten quoll, während sie selbst es auch nach Wochen nicht schaffte, ihr Kind mit ihrem Körper zu ernähren? Als sie die Hebamme nach einem Monat vorsichtig fragte, ob sie die täglich mehrstündigen, zehrenden Versuche, den Säugling mit der Brust zu nähren, einstellen könnte, wurde ihr schlechtes Gewissen nur noch bestärkt: Habe sie es denn wirklich versucht? Sei sie denn tatsächlich schon an ihre körperlichen und seelischen Grenzen gegangen? Und auch die ersten Besuche in Mutter-Kind-Cafés stellten eine Ernüchterung dar: Meine Freundin schämte sich, weil die anderen Mütter ihre Babys durchweg mit der Brust stillten. Man würde es kaum glauben, aber es ist ein regelrechter Schwanzvergleich, der zwischen Müttern in den prenzlbergischen Epizentren der Latte-macchiato-Parallelgesellschaft stattfindet.

Nach Jahren, in denen der Körper der Frau versagt hat, weil er nie schlank genug, nie prall genug, nie anmutig oder sexy genug war, bekommt die Mutter nun einen neuen Kriterienkatalog mit kaum erfüllbaren Standards vorgelegt: genug Milch produzieren, nicht mit der Flasche füttern. Besser mit Stress umgehen lernen, den Schlafentzug bitte nicht so nach außen zeigen. Stressresistenz nicht nur am Arbeitsplatz, sondern auch am Kinderwagen beweisen. Das Kind gefälligst in der Straßenbahn und an der Kasse beruhigen lernen. Dem schreienden Kind ja keine hektischen Reaktionen entgegensetzen. Bitte nur glücklich und ausgeschlafen aussehend in die Öffentlichkeit treten. Auch mal wieder Make-up verwenden. Wieder in Form kommen. Beckenbodentraining machen. Und dann schnell mit dem Kind zum Babyschwimmen.

Wir werden sie bevormunden, uns über sie lustig machen, sie ausnutzen

Der einzige Trost für Mütter ist die befreiende Erkenntnis, dass sie es sowieso nur falsch machen können. Stillen sie ihr Kind zu lange, machen wir uns über ihre Anhänglichkeit lustig. Stillen sie es kaum, werden wir von einer Rabenmutter sprechen. Lassen sie ihr Kind impfen, reden wir von Übervorsicht. Lassen sie es nicht impfen, wissen wir um ihre angebliche Fahrlässigkeit. Geben sie ihr Kind früh in die Kita, sind sie karrieregeile Weiber. Kümmern sie sich selbst um die Erziehung, sprechen wir von Helikoptermüttern. Ganz gleich, was Mütter machen: Wir werden sie bevormunden, uns über sie lustig machen, sie ausnutzen, ihnen ein schlechtes Gehalt und eine schlechte Altersvorsorge geben, nur um ihnen später dann vorzuwerfen, dass sie sich eben nicht genug bemüht hätten.

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Aber, werden jetzt einige aufschreien, Mütter werden sehr wohl geschätzt. Es gibt doch einen eigenen Muttertag. Einen ganzen Tag, das muss man sich einmal vorstellen, der nur diesen Müttern gewidmet ist. Ja, liebe Mütter, ihr braucht nicht auf die Idee zu kommen, euch zu beschweren. Haltet die restlichen 364 Tage einfach durch und denkt immer an diesen Tag der geballten Wertschätzung. Denkt an die 2,50-Euro-Kassenrosen von Edeka, wenn ihr mit Schlafentzug die Wohnung saugt, denkt an die tollen, farbenfrohen Glückwunschkarten, wenn ihr euren Job auf eine Teilzeitstelle reduziert und euren Rentenbescheid bekommt. Haltet euch daran fest, dass die Familie euch an diesem großen Tag zum Essen ausführen wird, wenn ihr die 20. Kita am Telefon um einen Platz anbettelt, während euch das Baby ins andere Ohr brüllt und der Nachbar von gegenüber den Kopf über euch schüttelt.

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