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Aus der Serie: Kiyaks Deutschstunde

Kiyaks Deutschstunde / Fahrradhelm-Kampagne: Helm auf und sieh zu, wie du klarkommst

Für die auf dem Rad verunglückten Menschen gibt's eine Kampagne vom Verkehrsminister. Was sich als Fürsorge tarnt, ist in Wahrheit die Dämonisierung des Radfahrers.

Twitter, die weltumspannende Mitmachzeitung für junge und alte Kommentatoren, das vielleicht sozialdemokratischste Teilhabemedium unserer Zeit, war vor einigen Wochen kurz konsterniert. Es ging um die neue Fahrradhelm-Kampagne aus dem Bundesverkehrsministerium. Die Plakate sind bekannt: schöne, junge Frauen in Unterwäsche und ziemlich schicken Fahrradhelmen auf dem Kopf, posieren allein, zu zweit oder in der Gruppe, gemeinsam mit schönen, jungen Männern in Unterwäsche und ziemlich schicken Fahrradhelmen. Ein Motiv war das sogenannte Hauptplakat: Ein Pärchen liegt in Helmchen-Stellung im Bett. Die Helmchen-Stellung unterscheidet sich vom Löffelchen dadurch, dass beide Partner behelmt hintereinander liegen. Die Botschaft: "Looks like shit. But saves my life". Wie gesagt, sooo totally shitty lookten die Hartschalen gar nicht.

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Wie bei Twitter üblich, folgte ein pointiertes, zügiges Ping-Pong an Vorwürfen ("altbacken", "peinlich" "sexistisch"). Es folgte die Gegenrede des angegriffenen Ministeriums ("können die Kritik absolut nachvollziehen"), und dann wurde auch schon alles wieder fallen gelassen. Man tat dem Ministerium wahrscheinlich keinen größeren Gefallen, als sich mit der Frage des Sexismus aufzuhalten. Dabei ist nichts an der Kampagne diskriminierend oder frauenverachtend, aber alles daran grenzt an weltanschaulich beeinflusster Manipulation.

Die gesamte Kommunikationsstrategie der PR-Aktion, in Auftrag gegeben von Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) und ausgeführt durch die Werbeagentur Scholz & Friends, diene dazu, junge Leute zwischen 17 und 30 Jahren, die aus ästhetischen Gründen keinen Fahrradhelm trügen, zu motivieren, es trotzdem zu tun. Behauptung eins: Man habe diese Bilder gewählt (halbnackte junge Leute in lasziven Posen), weil es sich bei dieser Altersgruppe um eine "schwer erreichbare Zielgruppe" handele, so das Ministerium.

Fast immer: das Auto

Kann man das glauben? Junge Leute, die in die Schule gehen, in Ausbildung sind oder an der Uni studieren, die tanzen und shoppen und Eis essen, auf Konzerten jubeln und auf den Straßen demonstrieren, die nahezu ausnahmslos in sozialen Netzwerken angemeldet sind, sind "schwer erreichbar"? Die gesamte Werbeindustrie rund um den Bereich Kosmetik, Turnschuhe, Musik, Smartphones und Tablets kann diese Gruppe erreichen, nur Scholz & Friends und das BMVI finden keinen Zugang?

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Behauptung zwei: Hintergrund der Maßnahme, so erklärte es Minister Scheuer, seien die steigenden Zahlen der tödlichen Fahrradunfälle. Also wirft man einen Blick in die Statistik und lernt grob zusammengefasst Folgendes: Die Zahl der Schwerverletzten wie auch getöteten Verkehrsteilnehmer zwischen 18 und 24 Jahren ist in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten kontinuierlich gesunken. Wieso man sich bei dieser Kampagne die 17 bis 30-Jährigen aussucht, kann man sich nur als Rechentrick erklären. Vielleicht steigen die Zahlen der Fahrradfahrer nur dann, wenn man alle in dieser Altersgruppe zusammenzählt? Interessant ist ein ganz anderer Überblick. Nämlich der über sämtliche Unfälle unter Berücksichtigung aller Altersgruppen und Verkehrsteilnehmer mit tödlichem, schwer verletztem und leicht verletztem Ausgang. Der Deutsche Verkehrssicherheitsrat (DVR) listet das seit 1997 genau auf. Dabei fällt eine Gruppe jedes Jahr signifikant heraus. Die meisten Verkehrstoten und Verletzten werden durch das Autofahren verursacht. 

Die Werbetafeln und die Interviews des Verkehrsministers suggerieren, dass junge Erwachsene durch das Fahrradfahren besonders gefährdet seien. Statistisch betrachtet zählt die Gruppe der 18- bis 24-Jährigen tatsächlich zur meistgefährdeten Gruppe im Verkehr. Allerdings sterben sie sehr selten auf dem Fahrrad, aber fast immer im Auto. Das Verhältnis von Fahrradunfällen zu Autounfällen hat sich bei den jungen Erwachsenen über die Jahrzehnte betrachtet kaum verändert. Grundsätzlich sind die Zahlen der Verkehrsunfälle über die Jahre kontinuierlich gesunken. Das Verhältnis aber – sehr wenige Radunfälle, aber äußerst viele Autounfälle – hat sich seit 20 Jahren nie umgekehrt.

Im Jahr 2017 starben in der Gruppe der 18-bis 24-Jährigen 400 von ihnen im Straßenverkehr. 1,5 Prozent unter ihnen waren Radler, 61,9 Prozent aber waren Pkw-Insassen. Selbst wenn man sich die 125.000 Verletzten in der gleichen Altersgruppe anschaut, sind lediglich 12,6 Prozent unter ihnen Fahrradfahrer, drei Viertel von ihnen aber saßen im Auto. 

Wenn für die wenigen auf dem Fahrrad verunglückten eine Riesenkampagne vom Verkehrsminister gefahren wird, für die vielen im Auto verunglückten aber nicht, was ist das dann? Wenn man sich auf eine Opferzahl in einstelliger Höhe konzentriert und eine sechsstellige Zahl an Opfern ignoriert, dann man kann sich das nur damit erklären, dass aus ideologischen, wirtschaftlichen, politischen oder persönlichen Gründen das Fahrradfahren dämonisiert werden soll.

Es gibt eine immer größer werdende Autokritik, die darauf aufmerksam macht, dass man sich im innerstädtischen oder ländlichen Raum alternativ bewegen kann. Wir erleben gerade einen massiven Umbruch im Denken über Mobilität. Und in diese Stimmung hinein warnt der Verkehrsminister vor den Gefahren des Fahrradfahrens.

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Alle sollten besser einen Fahrradhelm tragen, auch Kinder und ältere Menschen. Doch die andere Wahrheit ist auch, dass Menschen im Verkehr sterben, weil Abbiege-Assistenten für Lkw immer noch keine Pflicht sind. Weil durchgängige Radfahrwege im Prinzip nicht existieren, zumindest nicht wie bei Autos, als eigenständiges, lückenloses Netz, das einen ohne Unterbrechung von A nach B führt und für deren ordnungsgemäßen Zustand jährlich mehrere Milliarden investiert werden.

Alles an dieser Fahrradhelm-Kampagne ist eine einzige große Lüge, weil sie das Dramatische und Tragische an Verkehrsunfällen verniedlicht. Weil sie die hektischen Wiederbelebungsversuche auf der Straße verschweigt, das Entsetzen eines Angehörigen in der Notaufnahme, dem man die Nachricht überbringt, den Plastikbeutel, den man den Hinterbliebenen übergibt, mit der asphaltzerstörten Kleidung und den Teerkügelchen drin. Weil man allen Ernstes die Frage nach Verkehrssicherheit zu einer ästhetischen Entscheidung in Eigeninitiative herunterbricht, weil man sagt: Sieh zu, dass du einen Helm aufsetzt, und komm klar mit einem unregulierten Straßenverkehr. Das ist die Botschaft des Ministeriums.

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