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Aus der Serie: 10 nach 8

Alleinsein: Ich bin jetzt nicht verfügbar

Alleinsein wird immer noch mit Einsamkeit verwechselt. Ihm haftet das Stigma des Außenseitertums an. Dabei ist Zeit ohne andere die wahre Quality Time im Leben.
Frauen durften sich jahrhundertelang nicht allein bewegen. Vielleicht fühlen sich viele deshalb heute so unwohl damit. © Fabrizio Verrecchia/​unsplash.com

Am liebsten bin ich an der Ostsee allein, am Strand direkt hinter der ehemaligen Grenze. Dort, genau an der Stelle, wo bis 1989 der Grenzzaun ins Meer ragte, hören die Häuser auf. Es stehen keine Strandkörbe herum, es gibt keine Promenade und keine Eisdielen, die bequeme Badegäste herlocken würden. Unter der Woche oder bei schlechtem Wetter ist der Strand oft leer. Hierher zieht es mich regelmäßig, und sei es nur für einen Tag. Schon oft habe ich mich deshalb Freunden gegenüber rechtfertigen müssen – du fährst schon wieder? Allein? Und was machst du dort? Besonders dass ich dafür andere Dinge links liegenlasse, Konzerte, Kneipenabende, Zeit mit Freunden, stößt auf Unverständnis. Verkannt und als Außenseiterin steige ich trotzdem immer wieder in den Zug.

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Jule Hoffmann, geboren 1988 in Lübeck, arbeitet als freie Redakteurin und Autorin für Deutschlandfunk Kultur. Sie ist Gastautorin bei "10 nach 8". © privat

Zugfahren ist eine der raren Gelegenheiten, die es rechtfertigen, einfach nur dazusitzen und in die Gegend zu schauen. Womöglich ist das Zugabteil für viele Menschen der einzige Ort, denke ich, an dem sie sich selbst überlassen sind. Ein kollektives Jeder-für-sich, ein Time-out an jedem Fensterplatz. Natürlich nutzen viele die Fahrtzeit effektiv zum Arbeiten oder beschäftigen sich mit Lesen, schauen Filme. Aber sie tun das allein.   

Ansonsten gilt Alleinsein nicht als erstrebenswert. Das Gegenteil – viele Termine haben, viele Freunde, Projekte, eine feste Partnerschaft, teamfähig sein und gut vernetzt – macht für die meisten ein erfolgreiches Leben aus. Alleinsein, Nichtstun, Langeweile sind die Todfeinde der neoliberalen Gesellschaft. Es gibt dieses Meme von einer Frau, die gemütlich mit einer Katze im Bett liegt und den Telefonhörer in der Hand hält, darunter steht: "Yeah I can’t come out tonight. Super busy." Tatsächlich besagt eine Studie der University of Maryland, dass Menschen sich nur dann allein wohlfühlen, wenn sie vorgeben können, beschäftigt zu sein, und für andere ein Zweck erkennbar ist, zum Beispiel beim Einkaufen oder Joggen.

Sich allein zu entspannen oder zu vergnügen hingegen werde von der Sorge begleitet, andere könnten dies als Zeichen deuten, dass man keine Freunde hat. Was auch heißt, dass es für die meisten schlichtweg nicht vorstellbar ist, dass jemand gerade freiwillig und lieber als mit anderen allein isst, spazieren geht oder im Kino sitzt.

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Woher kommt bloß diese Geselligkeitsideologie? Die Vorstellung, dass alles mehr Spaß macht, wenn man es mit anderen teilt? Auf empirischen Tatsachen beruht das jedenfalls nicht, schon weil die meisten es nie ausprobieren. Und das wird auch so bleiben, solange Alleinsein gleichbedeutend damit ist, allein inmitten geselliger Menschen tapfer an seinem Bier nippen zu müssen.

Natürlich ist es ein grundlegender Unterschied, ob man inmitten von Menschen allein ist oder räumlich getrennt von anderen. Niemandem fällt es leicht, allein zu sein, wenn andere einen dabei mitleidig anschauen. Genauso wie es ein grundlegender Unterschied ist, ob man allein oder einsam ist. Googelt man Stichworte wie "allein" oder "Alleinsein", kommen ausschließlich Ergebnisse mit Berichten über Einsamkeit in der Digitalisierung, wie gefährlich das für die Gesundheit sei und was man dagegen tun könne. Dabei hängt Einsamkeit weniger damit zusammen, ob man allein ist, sondern schlichtweg damit, ob man sich anderen Menschen verbunden fühlt oder nicht. Tatsächlich war ich in den Momenten, in denen ich mich einsam gefühlt habe, meist mitten unter Menschen. Außerdem kann sich Alleinsein ganz im Gegensatz zu Einsamkeit durchaus positiv auf die Gesundheit auswirken. In einer großangelegten Umfrage der Universität Durham aus dem Jahr 2016 gaben die Befragten an, sich am besten entspannen zu können, wenn sie allein sind: Als die fünf erholsamsten Aktivitäten wurden "Lesen", "in der Natur sein", "für sich sein", "Musik hören" und "nichts Bestimmtes tun" angegeben. Nur sagt eben selten jemand, wie sehr er sich darauf freut, nachher niemanden mehr sehen zu müssen und nichts Bestimmtes zu tun.

Und so fahre ich immer wieder mehr oder weniger klammheimlich an den Strand. Dort angekommen, laufe ich einfach los, bis mein Bewegungsdrang nachlässt. Später setze ich mich in den Sand, gehe mit den Füßen ins Wasser. Die Weite überfällt mich. Ich kann kilometerweit gucken. Im Umkreis von Tausenden Metern: Menschenleere. Manchmal singe ich laut, manchmal führe ich Selbstgespräche. Hinterher bin ich so aufgeräumt wie nie. Selbstgespräche sind enorm hilfreich, Sportler*innen zum Beispiel können sich durch affirmative Selbstgespräche zu Spitzenleistungen motivieren.

Ein ordentliches Selbstgespräch erfordert aber, dass einem niemand hört. Und das ist im Alltag höchst selten der Fall, außer vielleicht noch beim Singen unter der Dusche, wenn das laute Wasserrauschen ein wenig Selbstvergessenheit zulässt. Überhaupt ist Selbstvergessenheit ein zentrales Stichwort. Nur allein kann ich mich selbst vergessen, oder anders gesagt: Wer allein ist, wird von niemandem als Frau oder Mann wahrgenommen, als jung oder alt, hässlich oder schön; auch nicht als Freundin oder Schwester oder Bekannte oder Geliebte. Nichts davon.

Alleinsein ist für viele Frauen etwas Negatives

Das bedeutet radikale Freiheit. Du brauchst dich nicht adäquat zu verhalten. Es ist keinerlei soziale Interaktion erforderlich, kein Reagieren auf irgendetwas, kein Antizipieren. Du musst dich nicht in Beziehung zu irgendwem verhalten, nicht ständig in einer Art chemischer Reaktion mit anderen zu etwas anderem werden. Du kannst dich selbst als Maßstab nehmen, nur auf deine eigenen Bedürfnisse achten. Du kannst einfach existieren. Bedingungslos. Und tun, wonach dir gerade der Sinn steht. Du kannst das Fenster aufreißen, die Füße hochlegen, die enge Jeans aufknöpfen, den BH ausziehen, einen großen Schluck Cola nehmen und einem lauten Rülps seinen freien Lauf lassen. Alleinsein ist letztlich die wahre Quality Time.

Aber nach gängigem Narrativ ist Alleinsein der Zustand, den es zu vermeiden gilt. Allein "endet" man, wenn man den oder die Richtige im Leben nicht gefunden hat. "Wir wurden eifrig gegen die Einsamkeit (sic!) erzogen. Alleinsein wird als schmerzlicher und gefährlicher Zustand betrachtet", schrieb einst die amerikanische, 2004 verstorbene Künstlerin Agnes Martin, die unter anderem an der University of New Mexico lehrte. Sie riet ihren Studierenden, gegen diese Prägung anzuarbeiten: "Ich schlage Künstlern vor, jede Gelegenheit wahrzunehmen, allein zu sein; dass ihr es aufgebt, Schoßtiere und unnötige Begleiter um euch zu haben. (…) Ich glaube, dass Leute, die gern allein sind, die allein vorangehen, vielleicht ernsthafte Arbeiter auf dem Gebiet der Kunst sein werden." Mir leuchtet das sofort ein, auch wenn ich keine Künstlerin bin. Aber ich brauche das Alleinsein, um irgendetwas zu Papier zu bringen. Es steckt ein künstlerisches Potenzial darin, schon weil es keine Ablenkung gibt von dem, was in einem oder um einen herum passiert. Alleinsein ermöglicht, wahrzunehmen, zu beobachten, sich selbst zuzuhören, Dinge zu Ende zu denken, ohne unterbrochen zu werden.

Agnes Martin galt gleichermaßen als erfolgreiche Künstlerin und als "loner", wie in Nachrufen zu lesen ist. Eine Zeit lang lebte sie zurückgezogen in einer Lehmhütte, die sie selbst gebaut hatte – womit sie quasi als lebendiges Beispiel ihre eigene These untermauerte. Hätte Agnes Martin allerdings im 19. Jahrhundert gelebt, hätte sie diesen Weg wohl nie beschreiten können: Lange Zeit hinderten die ökonomische Abhängigkeit und der fehlende Zugang zu Bildung, wie sie Virginia Woolf in ihrem berühmten Essay Ein Zimmer für sich allein von 1929 beschrieben hat, Frauen daran, sich künstlerischen Ausdruck zu verschaffen. Oder auch, genauso schwerwiegend, die Tatsache, dass sich Frauen nicht frei in der Öffentlichkeit bewegen konnten. In ihrem Buch Wanderlust beschreibt die amerikanische Schriftstellerin Rebecca Solnit, wie Frauen im 19. Jahrhundert nicht allein eine Straße entlang gehen konnten, ohne als Prostituierte verdächtigt und inhaftiert zu werden. Allein das Haus zu verlassen war schon gleichbedeutend mit sexueller Verfügbarkeit. Das scheint mir eine Art Fortsetzung darin zu finden, dass Frauen, die allein unterwegs sind, immer noch schnell als "Freiwild" gelten. Man denke nur an das Video der Organisation Hollaback von 2014, in dem die Schauspielerin Shoshana Roberts zehn Stunden lang durch die Straßen von New York läuft und unablässig belästigt wird. 

Zusätzlich zum Geselligkeitsideal hindert das Drohszenario einer Vergewaltigung Frauen daran, allein zu sein. Die schiere Möglichkeit einer Vergewaltigung wird für Frauen zum lebensbegleitenden Narrativ – angefangen bei älteren Brüdern, die einen nach der Party nach Hause begleiten, über das von den Freunden gesponserte Taxi bis hin zum Pfefferspray, mit dem Frauen vorsorglich ausgestattet werden. Bis heute gilt es als gefährlich, als Frau nachts allein durch die Straßen zu gehen. Mit Sicherheit hat das viele Frauen ganz und gar daran gehindert, das Alleinsein jemals als etwas Positives für sich entdecken zu können. Auch Solnit beschreibt als Folge, dass viele Frauen "so erfolgreich sozialisiert sind, so genau ihren Platz kennen, dass sie konservativere, geselligere Leben gewählt hatten, ohne zu realisieren, warum", und der "bloße Wunsch, allein zu gehen, in ihnen ausgelöscht worden war".

Als Frau allein in der Öffentlichkeit zu sein, wird dadurch zum Politikum. Alleinsein zu können, auch außerhalb der eigenen vier Wände, ist letztlich nichts weniger als ein kulturelles Kapital. Ein Freiraum, den es zu verteidigen gilt. Allein zu gehen, schreibt auch Solnit, "hat Schreibende, Künstler, politische Theoretiker und andere mit den Begegnungen und Erfahrungen versorgt, die ihre Arbeit inspirierten", und "es ist unmöglich, sich vorzustellen, was aus vielen der großen männlichen Denker geworden wäre, wenn sie nicht in der Lage gewesen wären, sich frei durch die Welt zu bewegen". Heute haben Frauen vielfach die Freiheit, unverheiratet und finanziell unabhängig zu sein; nicht nur ein eigenes Zimmer, sondern eine eigene Wohnung zu haben, allein zu schlafen, zu essen und zu reisen. Aber diese Freiheit wird untergraben durch das vollkommen fehlplatzierte Mitleid und das Stigma, ohne den einen Menschen fürs Leben nicht glücklich sein zu können. Als Crazy Cat Lady zu enden. Und durch das – gelinde gesagt – Missverständnis, in irgendeiner Weise verfügbar zu sein. Alleinsein, das bedeutet für mich: Ich bin jetzt nicht verfügbar. Nicht in sexueller Hinsicht und auch nicht für das Rennen um Kontakte, Jobs und die beste Party. Allein bin ich mein eigener Maßstab.

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"Ich möchte in der Lage sein, auf freiem Feld zu schlafen, nach Westen zu reisen, nachts frei zu gehen", zitiert Solnit die amerikanische Schriftstellerin Sylvia Plath. Das klingt auch heute, knapp 60 Jahre nach Plaths Tod, noch verheißend. Und beschreibt eigentlich ganz treffend das Gefühl, mit dem ich immer wieder in den Zug Richtung Ostsee steige. Wenn ich das nächste Mal erklären muss, was ich allein irgendwo tue, werde ich sagen: meine Freiheit verteidigen.

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