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Angela Merkel: Das Zittern in den Medien

Ja, der Zitteranfall der Kanzlerin hat etwas zu bedeuten: Hier zeigt sich die Grausamkeit der Mediengesellschaft, die Verachtung von Schwäche.
Können politische Führungsfiguren den Absolutismus der Transparenz überleben? Angela Merkel im Bundeskanzleramt am 10. Juli © Hannibal Hanschke/​Reuters

Vielleicht braucht es in diesen Zeiten, in denen die politischen Helden in Hochgeschwindigkeit verglühen, Autorität und Aura angreifbar sind wie nie, einen weniger naiven Begriff medialer Gewalt. Man denkt ja oft stark vereinfacht über Gewaltverhältnisse nach, orientiert an einem linearen Modell von Ursache und Wirkung: Da gibt es den aufdringlichen Paparazzo mit seinem monströsen Fotoapparat, den bösartigen Boulevardjournalisten, den missgünstigen Chefkommentator, der einen Politiker in Bedrängnis bringt, ihn verfolgt und attackiert. Schlimm, wirklich schlimm. Eine Ursache, eine Wirkung. Und schon erscheint alles klar.

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Aber das sind Denkbilder und Wahrnehmungsschablonen einer allmählich verblassenden Vergangenheit. Sie passen nicht in das Zeitalter der Vernetzung, sondern zu einer Epoche publizistischer Großmächte, die zu Ende geht. Mediale Gewalt steckt heute in der Situation, lässt sich nicht mehr einfach der einzelnen Person zurechnen. Sie ergibt sich aus einem plötzlich aufschäumenden Aufmerksamkeits- und Erregungsexzess, resultiert aus einem – für Betroffene – brutalen Zusammenspiel aus Tweets, Postings, Videoschnipseln und hektisch ausgestoßenen Kommentaren.

Angela Merkel zittert, das dritte Mal innerhalb weniger Wochen, dieses Mal nicht neben dem ukrainischen Staatspräsidenten Wolodymyr Selenskyj, nicht neben dem Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier, sondern neben dem finnischen Ministerpräsidenten Antti Rinne stehend. Es spielt die deutsche Nationalhymne. Die Kamera dokumentiert ein Zucken. Fährt schon ein paar Sekunden später in sensationalistischer Spählust den Körper hinab – was gibt es da noch zu sehen? Die Kanzlerin besteht jetzt nur noch aus zuckenden Beinen, sekundenlang.

Dann geht alles ganz schnell. #Zitteranfall trendet auf Twitter. Online wird das Video wie verrückt geklickt. Merkel-Kritiker feiern mit Spottfilmchen – mehr als 60.000 Aufrufe nach vier Stunden – auf YouTube den Schwächeanfall, posten Verwünschungen, die da heißen: "Ich hoffe sie stirbt beim nächsten Anfall." – "Aller guten Dinge sind 3. Jetzt verrecken." – "Ich hab da kein Mitleid mehr... zur Hölle soll sie fahren!!!" Focus Online hat die ersten Erklärungen. Der Tod der Mutter im April dieses Jahres. Womöglich war alles zu viel. Dann wieder heißt es: "Dahinter könnten organische und neurologische Krankheiten stecken, genauso gut aber auch Aufregung und Anspannung." Stimmt. Vielleicht. Oder auch nicht. Eventuell. Doch, doch. Und hinter der alles und nichts behauptenden Live-Spekulation – das wäre die Ferndiagnose des Medienwissenschaftlers – könnten auch Para-Journalisten stecken, die ihr Publikum als Klickvieh missbrauchen. Die Bild-Zeitung kommt im großen Schlagzeilengewitter mit einer Frage daher: "Wie lange noch, Frau Kanzlerin?" Kurzum: Ein solches Raunen und Herumvermuten ist ein besonders schwerer Fall von kommentierendem Sofortismus, Ausdruck und Folge der Selbstverhärtung im Klischee, die auf eine irgendwie eklige Weise stets das Bescheidwissen mimt.

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Um zu verdeutlichen, in welchem Maße die aktuelle Medienentwicklung strukturell indiskret ist und eigene Schmerzen der Sichtbarkeit erzeugt, lohnt es sich, an Franklin D. Roosevelt zu erinnern, US-Präsident in den Jahren 1933 bis 1945. Roosevelt saß im Rollstuhl, war gelähmt. Vermutlich eine Kinderlähmung, heißt es. Die Mehrheit der Amerikaner wusste zu seinen Lebzeiten jedoch nichts von dem Rollstuhl. Wie das? Roosevelt wollte es so. Und er konnte eine maximale Image- und Bildkontrolle durchsetzen. Es gibt nur drei Fotos, die ihn im Rollstuhl zeigen. Und seine Leute nahmen Journalisten im Zweifel die Kamera weg, wenn sie ihn fotografieren wollten, wie man ihn aus dem Auto heraus in den Rollstuhl hob. Manchmal montierte er sich Metallschienen an die Beine, um sich ein paar Schritte vor Publikum zu bewegen, gestützt auf einen Freund, den er als menschliche Krücke benützte.

Es gibt keine unbeobachtete Existenz mehr

Erst 2013 entdeckte ein Wissenschaftler bei Archivrecherchen einen Acht-Sekunden-Film-Clip (heute auch auf YouTube), in dem man Roosevelt beim Besuch eines Kriegsschiffes im Rollstuhl zumindest erahnen kann. Das heißt: Medien revolutionieren unsere Wahrnehmung. Und verändern dadurch unsere Welt. Autorität und Charisma, Aura und Image sind elementar an die Möglichkeit gelingender Informationskontrolle geknüpft – noch Willy Brandt konnte seine Depressionen verbergen, Helmut Schmidt seine Ohnmachtsanfälle im Kanzleramt. Und Helmut Kohl hielt, einen Putsch fürchtend, bei einem Parteitag im September 1989 trotz gewaltiger Schmerzen eisern durch, als er eigentlich für eine Prostata-OP längst ins Krankenhaus gehört hätte. Unbemerkt von der Öffentlichkeit. Der anwesende Arzt wurde als "neuer Mitarbeiter" präsentiert.

Heute wird die Hinterbühne zunehmend zur Vorderbühne, schwinden die Schutz- und Ruhezonen der unbeobachteten Existenz. Und die Dynamik des systemischen Medien-Mobbings entfaltet sich, einfach so. Dafür braucht es nicht mal böse Absichten und keine Kampagnen, die es natürlich auch noch gibt. Wir sehen fast alles. Und zwar sofort. Die rutschende Hose des Ministerpräsidenten, die Schrill-schrill-Auftritte ("Mindestlohni steigeri") von Andrea Nahles, den Stammel-Blackout in einer Talkshow, die Tränen während einer Pressekonferenz, den plötzlichen Schwächeanfall einer Hillary Clinton, durch Zufall auf dem Höhepunkt des amerikanischen Schmutzwahlkampfes von einem Hobbyfotografen mit seinem Smartphone dokumentiert. Zwei Stunden nachdem Hillary Clinton am Rande der Feierlichkeiten für die Opfer des 11. September kurz die Beine wegsackten, wusste die Welt Bescheid.

Die Frage ist: Können politische Führungsfiguren den Absolutismus der Transparenz überleben, ohne selbst immer weiter hochzurüsten im Inszenierungsgeschäft? Und: Ist das Zittern ein Symptom, das auf eine Person – die Kanzlerin – verweist? Oder zeigt sich hier unsere Medienwirklichkeit, die grelle Überbelichtung der Verhältnisse, die jeden, der in der Öffentlichkeit steht, irgendwann in einen schlotternden Zwerg verwandelt?

Selbstverständlich, der Fall schillert. Er stellt den seriösen Journalismus vor ein Dilemma; einerseits gilt es, die entwürdigende Bloßstellung zu vermeiden, andererseits wäre auch die betuliche Verschleierung tatsächlich bedeutsamer Sachverhalte falsch. Denn natürlich muss man wissen, wenn eine Kanzlerin nicht gesund sein sollte, ihr Amt nicht mehr auszufüllen vermag. Nur: Unter den aktuellen Bedingungen wird das Zeichen von Schwäche unvermeidlich zum globalen Drama, kann – filmisch fixiert – zum alles dominierenden Schlüsselbild werden. Transparenz ist dann kein instrumenteller Wert mehr, kein Mittel zum Zweck einer womöglich tatsächlich relevanten Enthüllung, sondern längst ein Faktum, eine mediale Gegebenheit, der ein eigener Schrecken innewohnt. Also: Lässt sich der Körper einer Kanzlerin postheroisch denken? Und was wäre das für ein Leben, wenn man anerkennt, dass es diesen Körper gibt, der leider nicht immer perfekt funktioniert, wenn die Welt zuschaut?

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