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Amazonas: Vom Feuer und vom Fieber

Amazonien brennt. Doch es gibt dort nicht nur Bäume, es leben auch Menschen da. Was können wir von den indigenen Völkern lernen, über die Natur und uns selbst?
Auf dem Weg zum Dorf Novo Natal, über den Fluss: Batani gehört zum Volk der Huni Kuin, sie ist hier zu sehen mit ihrem Sohn Felicio. © Julia Janssen für ZEIT ONLINE

Kurz bevor ich nach Amazonien reiste, erzählte mir eine Freundin eine Geschichte. Sie war selbst einmal im Dschungel gewesen, und auf der Rückreise hatte sie hohes Fieber bekommen. Sieben Wochen lang war sie in einem kleinen brasilianischen Städtchen so krank, dass sie gedacht habe, sie müsse sterben. "Ich wäre lieber im Urwald gewesen als auf der Krankenstation", sagte sie. Irre, dachte ich.

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Seit meiner Reise in den brasilianischen Wald vor ein paar Wochen war ich zweimal krank. Ich war krank, als es im Amazonas furchtbar anfing zu brennen, ich lag dort mit Fieber in einer Hängematte. Und nun, zurück in Deutschland, bin ich krank, während ich auf Twitter die Bilder brennender Bäume im Regenwald sehe. Ich liege mit Fieber in meinem Bett. Ist das nur ein heftiger Berliner Infekt? Oder etwas Tropisches? Es ist, als hielte das Kranksein mich im Wald. Ich hänge am Smartphone, poste Artikel über die Brände auf Facebook. Neben meinem Bett liegt ein Stapel Bücher: Traurige Tropen von Claude Lévi-Strauss, ein Klassiker der Anthropologie, ein Bericht seiner Reisen durch Amazoniender Essay Indigenialität des Autors Andreas Weber und drei Bände des französischen Anthropologen Philippe Descola, der viele Jahre im amazonischen Wald geforscht hat.

Es brennt schon lange in Amazonien, seit Jahrzehnten fressen sich vor allem menschengemachte Brandrodungen in den Wald. Aber nun brennt es so heftig, dass auch wir hier etwas vom Ausmaß begreifen. Nachdem sich der Himmel über São Paulo an einem Montag im August verdunkelt hatte vom Rauch, brannte sich die Kunde vom lodernden Amazonien in die Social-Media-Plattformen, in die Nachrichten, auf den G7-Gipfel. Satellitenfotos und Grafiken zeigten die Brandherde und wurden zu Symbolbildern von etwas, das bislang bilderlos geblieben war, abstrakt und ungreifbar: der drohende Klimakollaps. Doch es brennen dort in Amazonien nicht nur die Bäume, es brennt das Zuhause Hunderter indigener Völker, die seit Jahrtausenden in dieser unwirtlichen Umwelt leben. Es brennt die Zeit, die der Menschheit bleibt, um den Kollaps zu verhindern. Und es brennt das Wissen, das Denken, die Kultur dieser Menschen – der Hüter und Hüterinnen des Waldes.

Im Propellerflugzeug über dem Amazonas auf dem Weg zum Volk der Huni Kuin las ich in Andreas Webers Essay Indigenialität: "Wir haben ein Naturproblem. Daher sollten wir von Menschen lernen, die keines hatten", schreibt Weber. "Wir sollten uns für das interessieren, was die Indigenen denken und tun, weil diese Praxis Millionen Jahre lang unseren Planeten fruchtbar hielt und Lebendigkeit hervorbrachte." Ich schaute aus dem Fenster der kleinen Maschine, ich sah bereits Rauch stehen über dem Ozean aus Bäumen, ich sah rotbraune Narben vergangener Brände im Grün.

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Eine Mauer aus Blättern, Stämmen, Wedeln, Schlingen

Vom Städtchen Jordão fuhren wir mit drei Booten flussaufwärts, ins Dorf Novo Natal. Ich war mit Txana unterwegs, einem Freund. Er ist Schamane vom Volk der Huni Kuin, er ist ganz hier in der Nähe aufgewachsen, dicht an der brasilianischen Grenze zu Peru, mitten in diesem riesigen Wald. Txana ist 32, anders als viele Huni Kuin kennt er auch die Welt außerhalb des Waldes, außerhalb Brasiliens. Mit dreizehn kam er auf die Schule in Rio Branco, der größten Stadt des Bundesstaates Acre. Inzwischen reist er oft nach Europa. Dort habe ich ihn kennengelernt.

Txana, ein Schamane vom Volk der Huni Kuin, steuert das Boot. Das Mädchen links ist die ältere Tochter von Batani. © Julia Janssen für ZEIT ONLINE

Der Fluss war an vielen Stellen so flach, dass wir aussteigen und das Boot über Sandbänke schieben mussten. "Es ist Trockenzeit", sagte Txana, "aber so wenig Wasser habe ich noch nie erlebt." Er sprach leise, langsam, ruhig und lächelte fast immer, wenn ich ihn sah. Baumstämme lagen im Weg, die Männer stiegen aus, mit Motorsäge und Machete zersägten, zerhackten, zerlegten sie die Stämme, tauchten in den Fluss und stiegen wieder ins Boot. Das Knattern des Außenborders schallte vom Ufer. An vielen Stellen waren die Bäume und der Bambus abgeschlagen bis hinunter zum Ufer, ich sah nun auch von hier unten Rauch aufsteigen zwischen den Baumriesen, ich sah verkohlte Stämme in der Mauer aus Blättern, Stämmen, Wedeln, Schlingen.

In Novo Natal, dem Dörfchen am Ufer des Rio Jordão, zwei Tagesreisen von der nächsten Internetverbindung entfernt, wohnt Ozelia, Txanas Tante. Sie hat lange schwarze Haare, ihr Gesicht ist mit geometrischen Farbmustern verziert. Sie ist die Frau des cassik, das ist so etwas wie der Bürgermeister des Dorfes. Sie bat uns in das große Gemeinschaftshaus in der Mitte des Dorfes, ein Haus auf Pfählen und ohne Wände. Wir setzten uns auf die Bohlen, ich hörte die Hühner unter mir scharren, Ozelia und zwei ihrer Töchter kochten ein paar Meter neben mir auf einem offenen Feuer. Mir war heiß. Mir war übel. Ich fühlte mich krank und müde. Was konnte das sein? Malaria und Denguefieber konnten es nicht sein, dafür war ich noch nicht lange genug im Wald, die Inkubationszeit ist länger. Vielleicht zu viel Sonne? Der Sonnenhut war ein kläglicher Schutz gewesen auf der Flussfahrt hierher im offenen Boot durch die Hitze. Ich legte mich aufs Holz. Txana stopfte mir ein Kissen unter den Kopf. "Wenn dein Körper geschwächt ist, infiziert er sich leicht", sagte er. Die Innenseiten seiner Hände waren glatt. Ich schloß die Augen, dann roch ich etwas. Ich blinzelte. Txana zerrieb Limonenschale unter meiner Nase.

"Wo waren Sie genau? Wogegen sind Sie geimpft?"

Angekommen in Novo Natal, dem Dörfchen am Ufer des Rio Jordão, wo das Volk der Huni Kuin lebt © Julia Janssen für ZEIT ONLINE

Kurz darauf lag ich in meiner Hängematte in einem kleinen Holzhäuschen, durch die Ritzen drang feucht und kühl der Abend. Es hatte sich schnell herumgesprochen, dass ich krank geworden war. Ozelia kochte einen Tee aus Kräutern. Mädchen aus dem Dorf standen neben meiner Hängematte und schauten mich an. "Ein bisschen Essen ist gut", sagte Txana. Ozelia hatte manimuzka gekocht, eine Suppe aus Bananen und Erdnüssen. Ich trank aus einer Schale aus Ton, es wurde warm in meinem Bauch, und ich schlief ein.

Drei Wochen später, in Berlin. Ich habe wieder Fieber, das bedeutet nach der Reise: Malariaverdacht, das muss sofort untersucht werden. Es ist Sonntag, das Tropeninstitut ist geschlossen, ich liege im Behandlungszimmer einer Notaufnahme. Mein Freund sitzt neben mir.

Ein Pfleger fragt: "Wo waren Sie genau? Wogegen sind Sie geimpft? Wurden Sie gestochen? Welche Symptome?"

"Brasilien, Amazonas. Alle empfohlenen Impfungen. Mückenstiche hatte ich, ja. Jetzt Fieber, Kopfschmerzen, Gliederschmerzen, Husten. Abgeschlagenheit. Müde bin ich. Ich fühle mich einfach krank."

Er misst Blutdruck und Puls. "Ich nehme Ihnen jetzt Blut ab."

"Ich werd schnell ohnmächtig", sage ich.

"Dann ist ja gut, dass Sie schon liegen." Er schnürt meinen Arm ab, findet die Vene, eine Kanüle voll, noch eine, noch eine. Er fummelt da herum.

"Schlauch ist drin, da kommt jetzt Wasser rein."

"Warum denn das?", fragt mein Freund.

"Kochsalzlösung", sagt der Pfleger. Er beugt sich über mein Gesicht. "Pikst kurz", sagt er und schiebt mir ein langes Wattestäbchen ins rechte Nasenloch. Ich zucke zusammen. Dann misst er Fieber. "Aha", sagt er, "ich häng Paracetamol dran", sagt er. Ich will fragen, warum, aber ich lass es, ich möchte einfach nur Ruhe.

Eine erstaunlich aktuelle Selbstanklage

"Liest du mir was vor?", frage ich meinen Freund. In meiner Tasche steckt Traurige Tropen. Mein Freund liest vor, was Lévi-Strauss Mitte der Fünfzigerjahre geschrieben hat, zwanzig Jahre, nachdem er den Dschungel bereist hatte: "Der westlichen Kultur, der großen Schöpferin all der Wunder, an denen wir uns erfreuen, ist es nicht gelungen, diese Wunder ohne ihre Kehrseiten hervorzubringen. Und ihr berühmtestes Werk, der Pfeiler, auf dem sich Architekturen von ungeahnter Komplexität erheben: die Ordnung und Harmonie des Abendlandes, verlangt, daß eine Flut schädlicher Nebenprodukte ausgemerzt wird, die heute die Erde vergiften. Was uns die Reisen in erster Linie zeigen, ist der Schmutz, mit dem wir das Antlitz der Welt besudelt haben."

Es war auch eine Selbstanklage, die Lévi-Strauss stellvertretend für den Westen geschrieben hatte. Und eine erstaunlich aktuelle: Für die Feuer im Regenwald sind wir mitverantwortlich, mit unserem Bedarf an Soja etwa, das eben irgendwo angebaut werden muss. Warum nicht dort, wo nur Menschen leben, deren Stimmen niemand hört?

Im Wald in Brasilien stand Txana an meiner Hängematte. Er schaukelte mich. Durch das Moskitonetz legte er seine Wange an meine Stirn. "You hot", sagte er, "du hast Fieber. Wir bringen dich zur Quelle, dort kannst du baden." Wir liefen durch den Wald, Txana, sein Neffe Bixku, seine Tante Ozelia und vier Frauen. Die Quelle nährte ein Bassin, zwei mal drei Meter groß, am Boden feiner heller Sand, das Wasser war klar und kalt, an der tiefsten Stelle knapp einen halben Meter tief. Die Männer gingen, ich zog mich aus und stieg ins Wasser. Ich hockte mich hin, Ozelia reichte mir einen Topf, Wasser rann über meine Haare.

"Wir gehen zum Baum des Dorfes", sagte Bixku. Er ist der Schamane des Dorfes, 24 Jahre alt, seit sechs Jahren verheiratet, zwei Kinder. Sein Gesicht war mit schwarzen geometrischen Mustern bemalt, er trug Federschmuck und eine wasserdichte Armbanduhr. Er führte mich an den Baumstamm, oder besser: in eine Höhle, die der Baum geformt hatte. "Setz dich da rein", sagte Bixku, "und verbinde dich mit der Energie des Baumes." Ich schloss die Augen, meine Hände ertasteten die Rinde. Ein Mammutbaum? Wie alt der wohl sein mochte? Er war riesig. Es fühlte sich an, als streichelte ich einen Dinosaurier. Bixku brachte Blätter, die er gerade gepflückt hatte. Ich sollte sie zerreiben und daran riechen. Manche dufteten nach Kaugummi, andere nach Zimt.

In der Notaufnahme in Berlin eilt eine Assistenzärztin ins Zimmer.

"Warum das Paracetamol?", fragt mein Freund und zeigt auf den Tropf.

"Fieber ist anstrengend für den Körper", sagt die Ärztin.

"Aber ist Fieber nicht sinnvoll, weil es Viren bekämpft?"

"Es ist anstrengend für den Körper", wiederholt die Ärztin. Ins Bett neben mir wird ein Mann geführt, dessen geschwollener Arm in blutige, schmutzige Lappen gewickelt ist. Ein Vorhang trennt uns.

In Ozelias Dorf im Wald in Brasilien führte mich Bixku, der Schamane, am Zeremonieplatz zum Feuer. Darauf stand ein Topf mit einer bräunlichen Flüssigkeit. "Ich habe dir eine Kräuterdusche gekocht", sagte er. Ich schüttete den warmen Tee über meinen Körper. Er roch nach Blättern und Blüten, ich fühlte mich umarmt vom Sud. "Die Blätter für die Dusche habe ich gerade für dich im Wald hinter dem Dorf ausgewählt", sagte Bixku. Die Kräuterdusche sollte mich mit den Kräften der Erde verbinden, erklärte er mir. "Man schläft danach sehr tief, und Kranke träumen heftig", sagte Bixku, "oft von Tieren. Und je nachdem, von welchem Tier der Patient träumt, von einem Frosch oder einem Jaguar vielleicht, weiß der Schamane, welche weitere Medizin er anwenden muss."

Drüben am Feuer sangen sie noch

"Wir bringen dich zur Quelle, dort kannst du baden": Txana und Bunke führen hinein in den Regenwald. © Julia Janssen für ZEIT ONLINE

Mein Körper wurde schwer, ich legte mich in die Hängematte. Später am Abend sollte eine Zeremonie mit nixi pae stattfinden, einem halluzinogenen Aufguss aus zwei verschiedenen Pflanzen, der unter dem Namen Ayahuasca bekannt ist. Die Kultur der Huni Kuin könnte man als Ayahuascakultur beschreiben, ein großer Teil ihres Lebens hängt mit dem Tee und den Zeremonien zusammen. In Trance, so erzählen die Huni Kuin, lösen die Dorfbewohner und Dorfbewohnerinnen Konflikte und klären ihre Beziehungen untereinander, empfangen Hinweise darauf, wo sich die nächste Jagd lohnt und welche Pflanzen heilen, sie sehen in den Zeremonien die geometrischen Muster für ihre gewebten Stoffe, die Gestaltung ihres Schmucks aus Perlen, die Körperbemalungen. Ihre Gesänge locken den spirit der Pflanze. "Medicina", nennen sie den Tee. Er habe, sagen sie, auch direkte und praktische Wirkungen auf den Körper, er töte Bakterien, Viren, Pilze, Parasiten, kurz: alles, was da nicht hingehört.

Als ich aufwachte, war es schwarz um mich. Durch das Dunkel drang Gesang, die Zeremonie hatte begonnen. Ich war zu müde, um aufzustehen. Einen Moment lang ärgerte ich mich, ich wollte dabei sein. Ich hörte eine Stimme singen. "Siri siri siri siri siri siri siri siri siri siri", es klang wie das Zwitschern eines Vogels. "Nuku mana ibubuu, mana ibubu beta …", sang jemand. Später erklärte mir eine der Frauen, dass der zweite Satz übersetzt "Wir verbinden uns mit dem Geist der Erde" bedeute.

Der Gesang schien unendlich zu kreiseln, Strophe um Strophe in kaum hörbarer Variation. In jeder Strophe beschwor die Stimme die Verbindung mit einer anderen Kraft: des Wassers, des Waldes, des Windes. Der Sterne, des Mondes, der Sonne. Der heiligen Geometrie, der Arbeit, des Weges. Es war, als würde die Medizin über die Stimme durch die Ritzen der Bretterwände, durch das Moskitonetz hindurch in mir landen. Am nächsten Morgen war meine Stirn kühl, ich fühlte mich besser, und drüben am Feuer sangen sie noch.

Die Tage werden lang

In meinem Bett in Berlin lese ich in Andreas Webers Indigenialität: "Was so lange als naiv und primitiv verurteilt wurde, erscheint heute, im Lichte der jüngsten Einsichten von Biologen und Anthropologen, als ökologischer Realismus." Wir könnten, so schreibt Weber, uns der Einsicht nicht mehr verschließen, "dass alle Wesen fühlende Subjekte sind und dass auch die Dinge einem Begehren folgen, in Verbindung zu treten, zu teilen und sich dadurch zu verwandeln". Auch der brasilianische Anthropologe Eduardo Kohn, Autor des Buches How Forests Think – Toward an Anthropology Beyond the Human, habe beobachtet, wie alle Wesen, nicht nur der Mensch, subjektive Vorstellungen von anderen entwickeln, schreibt Weber: "So macht sich etwa auch der Jaguar ein bewusstes Bild von uns. Alle Wesen haben ein Selbst. Dieses Selbst der anderen anzuerkennen erlaubt den Menschen im Amazonas, für ihr Leben essentielle Voraussagen zu machen. Indem ein Indianer etwa Ameisen als Ichs mit ihren jeweiligen Bedürfnissen versteht, vermag er ihre Bedeutung für den Wald und letztlich für seine eigene Versorgung verstehen."

Ich blättere in Philippe Descolas Jenseits von Natur und Kultur. Descola ist ein Schüler von Claude Lévi-Strauss und lehrt, wie dieser es einst tat, am Collège de France in Paris. Descola hat drei Jahre im amazonischen Dschungel gelebt und geforscht, ein paar Hundert Kilometer von Ozelias Dorf entfernt. In Jenseits von Natur und Kultur beschreibt er, inwiefern sich der Blick auf das Verhältnis des Menschlichen zum Nichtmenschlichen heutzutage ändert: "Viele sogenannte 'primitive' Gesellschaften fordern uns zu einer solchen Überschreitung auf, sie, denen es nie in den Sinn gekommen ist, daß die Grenzen des Menschseins an den Toren der menschlichen Gattung haltmachen, sie, die nicht zögern, zum Konzert ihres sozialen Lebens noch die bescheidensten Pflanzen, die unbedeutendsten Tiere einzuladen." Die Anthropologie sei mit einer großartigen Herausforderung konfrontiert, schreibt Descola – "entweder mit einer erschöpften Form von Menschsein zu verschwinden oder sich zu verwandeln, indem sie ihr Gebiet und ihre Werkzeuge so überdenkt, daß sie in ihren Gegenstand nicht nur den anthropos, sondern die gesamte Gemeinschaft der Existierenden einbezieht, die mit ihm verbunden ist und der gegenwärtig eine Nebenfunktion zugewiesen wird".

Die Tage werden lang in meinem Berliner Schuhkarton aus Beton. In der Notaufnahme hatten sie Malaria und Denguefieber noch ausgeschlossen, vermuteten einen grippalen Infekt und überwiesen mich an die Hausärztin. Die weiß auch nicht weiter, sie nimmt mir noch mal Blut ab und schickt es ins Labor. Manche Tropenkrankheiten lassen sich schwer nachweisen. Ich denke an die Stunden in der Notaufnahme, an die Hektik, den Schichtdienst, die Überarbeitung, an die Menschen, die in diesem System arbeiten. Ich lese, tippe in mein Smartphone, starre an die Wand. Warum fühle ich mich noch immer so krank? Wieso will ich kaum Besuch? Wieso schleppe ich mich schwitzend zum Einkaufen und lass mir dabei nicht helfen? Wieso bin ich so ungeduldig? Ich will nicht krank sein. Ich will arbeiten, ich muss arbeiten, ich muss Geld verdienen.

Ich träume mich in die Hängematte im Wald. Zwischen den Holzlatten, aus denen das Haus in Ozelias Dorf gezimmert ist, klafften fingerbreite Lücken, die Geräusche des Dorfes schlüpften in meine Hängematte. Vögel sangen, ein Hahn krähte, Töpfe klirrten, jemand lachte, jemand blies ein Horn, jemand spielte Gitarre, jemand sang auf Hatxakuin, der Sprache der Huni Kuin. Ich denke daran, was Txana über Krankheiten gesagt hat: "Sie sind da, damit wir uns um uns kümmern." Warum war es so viel leichter dort in der Hängematte, das Kranksein geschehen zu lassen? Warum fiel es mir dort so leicht, mich nicht dagegen zu wehren? Vielleicht ist es einfacher, den Widerstand aufzugeben, wenn man am Fluss lebt, wenn man im Fluss lebt. Vielleicht ist es einfacher, den Widerstand an einem Ort aufzugeben, an dem sowieso nichts von Dauer ist. Der Dschungel frisst alles, er überwuchert, verwertet, zersetzt. Wenn er nicht abgefackelt wird. Wenn man ihn in Ruhe lässt.

Es geht nicht darum, das Bessere im Fremden zu suchen

Bewohner von Novo Natal gehen entlang des Flusses zu einem der Nachbardörfer. Dort findet an diesem Tag ein Fußballturnier statt. © Julia Janssen für ZEIT ONLINE

Ich denke an eine Passage in Traurige Tropen: "Die anderen Gesellschaften sind vielleicht nicht besser als die unsere", schreibt Claude Lévi-Strauss. "Wenn es uns aber gelingt, diese fremden Gesellschaften besser kennenzulernen, verschaffen wir uns eine Möglichkeit, uns von der unsrigen zu lösen, nicht weil sie absolut schlecht oder als einzige schlecht wäre, sondern weil sie die einzige ist, von der wir uns emanzipieren müssen."

"Eigentlich sind wir Huni Kuin noch nicht entdeckt worden", sagte Txana auf dem Weg zurück aus dem Wald. "Wir sind kolonisiert worden, getötet, vertrieben, ausgebeutet. Erst jetzt, mit einem Blick auf Augenhöhe, können wir entdeckt werden. Bisher wurde uns gewaltsam ein fremder Lebensstil aufgezwungen. Wir hatten noch gar keine Möglichkeit, je zu zeigen, wer wir sind und was wir zu geben haben. Wir haben so viel zu geben."

Das klingt wie ein Gedanke aus Indigenialität des Berliner Forschers Andreas Weber: "Wir brauchen die Indigenen – jene, die wir unterjocht und kolonialisiert haben –, um uns selbst zu dekolonialisieren. Wir brauchen die Gefangenen unseres Weltbildes, um uns selbst zu befreien", schreibt er. "Es ist eine Geste der Besitzergreifung, wenn das Verbot aufgestellt wird, Erfahrungen fremder Völker als wirkliche Erfahrungen ernst zu nehmen und deren Weltbilder als mögliche Welten."

"Was können wir von euch lernen?", fragte ich Txana.

"Aus meiner Sicht haben die Leute im Westen alles. Das Einzige, was sie von uns abgucken könnten, ist die Verbindung zur Natur. Wenn diese Verbindung steht, verlieren sich die Menschen nicht so in ihrem Denken. Dann können sie ihre volle Kraft entfalten. Ungleichgewicht führt zu Armut, Krankheit und Chaos, das sehen wir überall auf der Welt. Wir brauchen Liebe, Harmonie und Kreativität, um die Kräfte zu balancieren. Haux, haux."

"Hausch, hausch", sagte auch ich. Das heißt in der Sprache der Huni Kuin: Anfang, Ende, Harmonie.

Es geht nicht darum, das Bessere im Fremden zu suchen. Aber vielleicht, denke ich in meinem Bett in Berlin, hilft das indigene Denken, einen neuen Blick auf unsere Gesellschaft zu finden. Ein Denken, das Symptome nicht isoliert, sondern als Teil komplexer Systeme begreift. Das Beziehungen, Zusammenhänge und Strukturen erkennt, wo wir keine wahrnehmen. Das macht dieses Denken, diese Kultur und ihre Methoden nicht besser – nur anders.

Woran litt ich im Wald?

Ich lese die letzten Sätze von Traurige Tropen. Lévi-Strauss, der Anthropologe, sehnt in ihnen die kurzen Augenblicke herbei, "in denen es die menschliche Gattung erträgt, ihr bienenfleißiges Treiben zu unterbrechen, das Wesen dessen zu erfassen, was sie war und noch immer ist, diesseits des Denkens und jenseits der Gesellschaft: zum Beispiel bei der Betrachtung eines Minerals, das schöner ist, als alle unsere Werke; im Duft einer Lilie, der weiser ist als unsere Bücher; oder in dem Blick – schwer von Geduld, Heiterkeit und gegenseitigem Verzeihen –, den ein unwillkürliches Einverständnis zuweilen auszutauschen gestattet mit einer Katze." Ein Hohelied auf den Dialog mit dem Nichtmenschlichen.

Das Telefon klingelt, die Hausarztpraxis. "Sie haben leider doch Denguefieber", sagt die Sprechstundenhilfe, "hier liegt eine Überweisung für die Tropenmedizin." Ausgerechnet Denguefieber, denke ich, eine Krankheit, gegen die es hierzulande weder Impfstoff noch Medikamente gibt. Woran ich im Wald litt? Keine Ahnung. Warum ich dort wieder gesund wurde? Ich weiß es nicht.

Vielleicht war der Moment, in dem ich den Wald am deutlichsten spürte, der Augenblick, in dem ihn verließ. Ich war in der brasilianischen Großstadt Rio Branco angekommen, 400.000 Einwohner, Autohäuser, Tankstellen, Autowerkstätten. Neben mir eine vierspurige Straße, acht, neun, zehn Motorräder standen vor einer Ampel. Die Fahrer ließen die Motoren aufheulen, die Ampel schaltete um, sie rasten los, an mir vorbei. Es hupte, rauschte, tutete. Und ich stand da, guckte, konnte nichts sagen. Ich kam mir vor, als hätte ich mich verfahren, verflogen, verlaufen, als sei ich aus einer Raumkapsel gekrabbelt auf einen fremden Planeten. Als sei ich in einer Zukunft gelandet, in der die Menschheit falsch abgebogen ist.

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