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Aus der Serie: 10 nach 8

Feminismus: Ihre Kampferfahrungen sind Gold wert

Während die Relevanz "Alter weißer Männer" schwindet, bewegen sich "Alte weise Frauen" am Puls der Zeit. Ihnen müssen wir zuhören, wenn wir die Gegenwart meistern wollen.
Eine gute Ausbildung war für die meisten Frauen im Nachkriegsdeutschland nicht vorgesehen. So wurden sie zu Außenseiterinnen des Systems. © Eberhard Grossgasteiger/​unsplash.com

Spätestens seit Sophie Passmanns gleichnamigem Buch heizt der provokante Kampfbegriff Alte weiße Männer dankenswerterweise die feministische Debatte an. Und tatsächlich ist es amüsant, wie sich Passmann gegenüber einflussreiche Männer aus Politik und Medien mit unfreiwilligen Aussagen als Alte weiße Männer outen, die aufgrund ihrer Hautfarbe und ihres Geschlechts mit Privilegien ausgestattet, gut ausgebildet und gutverdienend, das gesellschaftliche System repräsentieren und die Macht innehaben. Aber ist es nicht endlich an der Zeit, im Sinne eines konstruktiven Feminismus positive weibliche Vorbilder zu etablieren und sich nicht länger an Männern mit Macht zu orientieren? Die Aufmerksamkeit auf eine Gruppe zu lenken, die bisher unerhört, unbeschrieben und ungesehen am Rande des Systems stand? Bühne frei für Alte weise Frauen: gut ausgebildet, weniger gut verdienend, mit schlechteren Karrieremöglichkeiten, aber mit einer spezifischen Lebenserfahrung, die vom Rande des Systems geprägt ist.

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Nicole Andries, geboren 1967 bei Trier, arbeitet als Autorin in Berlin. Aktuell beschäftigt sie sich mit dem gesellschaftlichen Phänomen von Existenzgründungen im Alter. Zuletzt erschien ihr Buch "Wir wollen es nochmal wissen! Frauen, die kein Alter kennen" (Elisabeth Sandmann Verlag/Suhrkamp). Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Volkmar Otto

Wie Alte weiße Männer ticken, weiß ich. Schließlich ist es ihre Welt und ihr System, in dem ich mich als Frau seit jeher zurechtfinden, arrangieren und einpassen muss. Sehr viel weniger aber wusste ich bisher von Alten weisen Frauen. Bis ich sie für ein Buchprojekt traf und hören durfte. Da leuchtete in der Vielfalt ihrer Lebensgeschichten ein weiblicher Erfahrungsschatz auf, der mich begeistert und mit dem ich mich identifizieren kann.

Zugleich habe ich das Gefühl, dass diese Kriegs- und Nachkriegsgeneration Alter weiser Frauen einen deutlichen Bruch mit vorangegangenen weiblichen Generationen vollzogen hat. Und das nicht nur, weil diesen Frauen eine längere Lebenszeit bei größerer Fitness beschert ist, sondern auch, weil sie mit Selbstbewusstsein mehr Sichtbarkeit fordern, um endlich öffentliche Aufmerksamkeit für ihre Geschichten zu bekommen und die Erfahrungen eines "neuen Alters" aus weiblicher Perspektive teilen zu können. Doch bis dahin war es ein weiter Weg.

Wie "Alte weise Frauen" früher schwiegen

Seit ich denken kann, war meine Oma alt. Ihr schmales Gesicht, in das das Leben, die Sonne, der Krieg, der Mann und die Kinder tausendfache Falten hineingeknetet hatten, war wie bei den Großmüttern meiner Freundinnen umrahmt von einem bunten Kopftuch. Und wie die anderen trug auch meine Oma zu Hause einen Kittel, in dem sie unablässig wuselte, schrubbte, nähte und kochte, im Sommer das geerntete Obst einweckte und im Winter den Schnee schippte. Als Kind war ich davon überzeugt, Omas kämen als alte Frauen auf die Welt und alle alten Frauen seien Omas. 

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Dass meine Großmutter als junge Frau den Neckar im Brustschwimmen in Rekordzeit bezwungen und Landesmeisterin von Baden-Württemberg war, davon hatte sie mir in ihrer Bescheidenheit, denn die gilt dem Patriarchat als weibliche Tugend, nie erzählt. Und auch nicht davon, dass ihre Opernstimme kurz vor dem Krieg einmal im Radio zu hören gewesen war. Ihre Wünsche und Träume hielt meine Oma tief in sich und vor uns verborgen. 

Heute glaube ich, die rastlose Betriebsamkeit, mit der sie tagtäglich Haus, Garten und Hof, Mann und Enkelkinder versorgte, war ihr Mittel, das eigene Wollen immer wieder zu bändigen, um sich selbst zu vergessen.

So waren die einzigen Müßiggänge meiner Oma unsere Spaziergänge zwischen Weinbergen und in Wäldern. Wenn ich am Abend ins Bett sank, hatte ich viel von ihrem Gebaren und ihrem Frausein gelernt, das aus einer Zeit stammte, die im Verschwinden begriffen war. Zwischen ihr und meiner Mutter und damit mitten durch mich hindurch verlief eine Bruchlinie von Tradition und Moderne.

Wer lernen wollte, musste ausbrechen

Unsere Intimität wurde empfindlich gestört und meine Oma wurde immer verhuschter, wenn am Wochenende mein Großvater kam, der unter der Woche als Filialleiter eines Autohauses in Frankfurt arbeitete. Nun knallten seine Befehle wie Peitschenhiebe durchs Haus. Jede Mahlzeit wurde zur Dressur, die, schweigend mit niedergeschlagenen Augen und kerzengradem Rücken eingenommen zu werden hatte.

Vielleicht war die Brutalität meines Großvaters im Kessel von Stalingrad geschmiedet worden, vielleicht war sie auch die einzige Energie, die es dem jungen Nazileutnant ermöglicht hatte zu überleben, als er aus russischer Gefangenschaft in das zerbombte Dresden zurückkehrte, die Treppen hinaufhechtete, hinein in die Wohnung seiner Eltern, wo auf dem Küchentisch ein Brief und in den Betten zwei Leichen lagen: "Geliebter Sohn, verzeih uns. Wir haben uns entschieden, aus dem Leben zu gehen, weil die Russen kamen."

Vielleicht aber war es schlichtweg einfach nur die Selbstgerechtigkeit eines Mannes, der die unhinterfragten Vorrechte seines Geschlechtes gnadenlos gegenüber uns Frauen ausübte. Meiner begabten Mutter verbot er im Unterschied zu ihren Brüdern das Abitur und schickte sie stattdessen mit 14 Jahren zum Arbeiten. Auf die Frage, was denn seine Tochter für Berufswünsche habe, antwortete er an ihrer Stelle: "Ute wird natürlich Mutter!" Ute wurde Mutter. Aber davor brach sie aus. Ging nach Paris, arbeitete in Brüssel und Frankfurt, lernte fünf Sprachen, holte das Abitur nach und studierte.

Vom Aufbruch der Nachkriegstöchter

Damit war meine Mutter in der (alten) Bundesrepublik, und auf die beschränke ich mich hier, kein Einzelfall. Während der Alte weiße Mann fleißig am Aufbau der industriellen Moderne arbeitete, scherten die jungen Frauen zur selben Zeit aus. Magazine von Quick bis Stern beklagten Mitte der Sechzigerjahre den Verlust der jungen, scharenweise als Au Pair nach Paris strömenden deutschen Frauen und bezeichneten sie als verlorene Töchter. Es waren vornehmlich Frauen, die dem Mief der BRD den Rücken zukehrten und sich in einem fremden Land emanzipierten. Diese Frauen experimentierten mit neuen Lebensmodellen, sie erfanden sich neu, sie brachen mit den Traditionen und den Rollen, die ihnen die Gesellschaft zur Verfügung stellte. Meines Erachtens prägte der Mut der Trümmerfrauen, die Städte aufbauten und ihren Kindern das Überleben sicherten, das Selbstverständnis ihrer Töchter bei der Eroberung von Neuland. Als es mit der Selbstermächtigung ihrer Mütter in den Fünfzigerjahren durch die Rückkehr der Männer aus der Gefangenschaft und der zeitgleich einsetzenden allgemeinen Restauration der bundesdeutschen Gesellschaft wieder vorbei war, war die Saat unter den Nachkriegstöchtern ausgebracht. Rückendeckung bekamen sie durch die Errungenschaften der 68er-Bewegung. Sie wurde zur Matrix für eine Frauengeneration, die im Schatten des patriarchalischen Systems ihren eigenen individuellen Weg finden musste.  

"Ich habe mich schon als junger Mensch als Pionierin erlebt. Aus dem Haus weggehen, aus der Familie, ins Ausland zu gehen. Da gab es noch wenig Vorbilder", sagt Annette Sawatzki, Jahrgang 1949, die sich mit 62 Jahren noch einmal beruflich umorientiert und als Stillberaterin selbständig gemacht hat. "Und nun sind wir als Generation der Älteren wieder Pionierinnen in der Art und Weise, wie wir altern. Man hat so gar nichts, woran man sich langhangeln kann."

Was Frauen und Männer gemeinsam haben: Sie sind Mitglieder einer westlichen Industrienation, die ihnen aufgrund ihres Wohlstandes eine längere Lebenszeit und ein gesünderes und vitaleres Alter beschert als in vielen anderen Teilen der Welt. Menschen in Deutschland leben im Durchschnitt 30 Jahre länger als ihre Vorfahren vor 100 Jahren. Aber wie gut man im Alter lebt, hängt auch von der Geschlechtszugehörigkeit ab.

Heimlich beförderten sie den Strukturwandel

Für ihre Ausbildung mussten die meisten Frauen kämpfen. Ihre Rente bewegt sich, im Gegensatz zu der der Männer, aufgrund von Familienzeiten und den damit verbundenen diskontinuierlichen Erwerbsbiographien meist auf einem absurd lächerlichen Niveau. Wenn Alte weise Frauen nicht in dem vom Staat sanktionierten heiligen Modell der Ehe verblieben sind, stehen sie oft vor der Altersarmut und müssen folglich auch im Alter arbeiten. Sie sind ihr Leben lang Randgängerinnen und Außenseiterinnen des Systems.

Kontinuierliche Karriereverläufe bei den Männern versus brüchige Erwerbsbiographien aufseiten der Frauen – das erklärt auch, warum Männer, wenn sie im Alter weiterarbeiten, zumeist im Umfeld ihres lebenslang ausgeübten Berufs und in ihren erreichten Machtpositionen verbleiben, während Frauen, die oft eher eine Vielfalt von verschiedenen Arbeitssituationen in ihrem beruflichen Werdegang erlebt haben, auch im Alter häufig noch einmal einen beruflichen Neuanfang wagen. Oft wagen müssen. Der Vorteil: Aus ihrer spezifischen Lage kann Freiheit und Authentizität erwachsen.

Das System, das im Zeitalter der industriellen Moderne einen Prozess der tiefgreifenden Rationalisierung, Formalisierung und Standardisierung durchlief, erforderte von seinen männlichen Mitgliedern höchste Anpassung, Homogenität. Auch deswegen flüchten sich Alte weiße Männer heute gern in den Schutz von Gemeinschaften, rotten sich in den Hinterzimmern der Macht zusammen, wo sie sich in ihrer Konformität gegenseitig stärken können, während die Frauen als Außenseiterinnen eher in Singularität verbleiben, im Vertrauen auf die eigene Kraft und Individualität. Im Schatten des Systems, im Schutz der Nische, entgingen sie den Formatierungen der industriellen Moderne und wurden stattdessen zu den heimlichen Beförderern des Strukturwandels von Moderne zu Spätmoderne seit Mitte der Sechzigerjahre.

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Alte weise Frauen kämpfen sich, von einem Leben ohne Vorbilder geprägt, mit Kreativität, Improvisation, Experiment, Individualität und Heterogenität durchs Leben. Damit aber verkörpern sie Eigenschaften, die inzwischen zu den allgemeingültigen Postulaten der spätmodernen Gesellschaft avanciert sind, in der "authentische Subjekte mit originellen Interessen das neue Maß der Dinge sind", schreibt Andreas Reckwitz in dem Buch Gesellschaft der Singularitäten

Während Alte weiße Männer ein Auslaufmodell sind, bewegen sich Alte weise Frauen am Puls der Zeit. In einer fragmentarisierten, ausdifferenzierten Gesellschaft, die uns jeden Tag vor unvorhersehbare neue Entscheidungen stellt, ist ihre Kampferfahrung Gold wert. In einer Welt, in denen Systeme immer unübersichtlicher werden, sind sie mit ihrem Wissen prädestinierte Lotsinnen. Ihre Geschichten darüber, wie man auch in Randzonen den eigenen Kompass nordet, machen Mut für den eigenen Weg.

Das Cover von Sophie Passmanns Buch ziert eine Krawatte. Ein einziges Kleidungsstück genügt, um die Uniformität, Geschlossenheit und Homogenität dieser Gruppe zu symbolisieren. Einem Buch mit dem Titel Alte weise Frauen dürfte schwerlich ein Symbol genügen.

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