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Aus der Serie: Der Obduktionsbericht

"Tatort" Hamburg: Der volle Rotz

Böser Pate, korrupter Bulle, harmlos wirkender Schläfer: Der Hamburg-"Tatort" erzählt die üblichen Genre-Standards. Die Auflösung ist dafür umso überraschender.
Für Diplomatie ist die Kollegin zuständig: Julia Grosz (Franziska Weisz) im Hamburger "Tatort". © NDR/Christine Schroeder

Es gibt ein gute und eine schlechte Nachricht am Beginn dieser Tatort-Kritik. Die gute zuerst: Die Folge Alles was sie sagen (im Originaltitel ohne Komma, NDR-Redaktion: Donald Kraemer) kommt ohne einen Song von Bonnie Tyler aus. Die schlechte: Es wird auch kein Lied von Patti Smith gespielt. 

Stattdessen ertönt zum Beispiel Why can't we be Friends von War. Und zwar an durchaus pointierter Stelle: Falke (Wotan Wilke Möhring) und seine noch neue Kollegin Julia Grosz (Franziska Weisz) hat es für den Fall ins pittoreske Lüneburg verschlagen. Sie sitzt beim Frühstück, er kommt dazu, bedient in dem eh schon amerikanisch-funktionalschick wirkenden Hotel eine Jukebox, aus der das Lied dann ertönt.

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Und das führt mitten in einen Handlungsstrang der Folge hinein, weil es das Verhältnis der beiden ironisch zu kommentieren scheint: Falke und Grosz haben in Alles was sie sagen einige Igel im kollegialen Miteinander zu kämmen. Die Stimmung ist nicht unbedingt harmonisch, was der Tatort allerdings ziemlich feinsinnig erzählt (Buch: Arne Nolting, Jan Martin Scharf).

Der "Scheiße"-Anteil so hoch wie bei Schimanski

Die Falke-Figur wird hier ungewöhnlich übellaunig ausgelegt, der "Scheiße"-Anteil im Text des Kommissars ist so hoch wie seit dem ersten Schimanski-Film nicht mehr. Geduld ist seine Kernkompetenz nicht, für Charme oder Diplomatie ist die Kollegin zuständig, und dass dieser Widerstreit einigermaßen glaubhaft und reizvoll erzählt wird, das Why can't we be Friends tatsächlich ironisch wirkt – das ist schön, weil selten im ARD-Sonntagabendkrimi.

Dabei ist die Abbildung vom Miteinander in der Arbeit doch gerade der Grund, warum der Tatort das Wochenendritual von Menschen ist, die in Büros arbeiten – weil nervige Kollegen, unfähige Mitarbeiter und lahme Chefs der Stoff sind, aus dem die Geschichten sind, die sich die Subalternen dieser Welt gegenseitig erzählen. 

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Falkes Bollerigkeit wirkt in dem überhaupt sehr eloquenten Alles was sie sagen jedenfalls zehnmal überzeugender als das ins Asoziale gepitchte Klugscheißertum von Homo Faber in Dortmund. Zumal der Kommissars-Charakter durch die Andeutung einer Eifersucht an Komplexität gewinnt: Ist Falke von der bürokratisch anmutenden "Ich habe keine Leute und kann deshalb nichts tun"-Performance des lokalen Polizisten Olaf "Oil of Olaf" Spieß (Marc Rissmann) auch oder nur deshalb so angefasst, weil es sich um einen Ex-Lover von Kollegin Grosz handelt, der für die Zeit der Dienstreise als Turteltaube reaktivierbar scheint?

Matthias Dell schreibt seit 2010 wöchentlich über "Tatort" und "Polizeiruf 110". Auf ZEIT ONLINE seit 2016 in der Kolumne "Der Obduktionsbericht". © Daniel Seiffert

Der Fall bewegt sich durch medial weitverbreitete Muster der Gegenwart: Die Ermittlung gilt einem "bestens integrierten" Flüchtling namens Abbas Khaled (Youssef Magrehbi), weil es sich bei dem in Wahrheit um einen Terror-Islamisten handeln soll. Es gibt einen Lüneburger Paten namens Al-Shabaan (Marwan Moussa), der Nachtlokale und Drogenhandel kontrolliert und damit, laut Selbstauskunft, die Stadt. Und die lokalen Ordnungshüter machen sich verdächtig, weil bei der Polizei ein Maulwurf existieren muss, der mit dem mafiösen Topchecker im Bunde steht.

Kurz: böser Pate, korrupter Bulle, harmlos wirkender Schläfer – tausendfach erzählte Stereotypen aus dem Gangsterfilm. Die nebenher bedient werden: Mit Gerdy Zint als Polizist Junker ist etwa ein Typ Schauspieler besetzt, der nur gecastet wird, wenn ein Bösewicht gebraucht wird. Als Kandidat für lukrative Nebengeschäfte mit dem organisierten Verbrechen empfiehlt sich im Vorübergehen überdies "Oil of Olaf" – wenn Grosz Falke die Liebesgeschichte mit dem Polizisten berichtet, werden die Schulden nicht vergessen, die er durch sein nicht gelungenes Privatleben angehäuft hat.

Originell ist, wie der Kurs durch diesen Slalom aus lauter Standards gesteckt ist. Erzählt wird nämlich in Rückblenden, was in anderen Tatort-Folgen häufig nur ein Trick ist, die ermittlungsstiftende Leiche am Beginn zu platzieren. In Özgür Yildirims drittem Tatort aber ist die Rückschau der eigentliche Clou.

Falke und Grosz werden nämlich getrennt voneinander zu den Vorgängen vernommen, die zum Auftakttod der Schwester (Sabrina Amali) des vermeintlichen Terroristen geführt hat. Von einem soigniert und daher unbeteiligt wirkenden Revierchef namens Rehberg (Jörn Knebel). Irritierenderweise widersprechen sich die Schilderungen der beiden Kommissarinnen an mancher Stelle, was der Film leicht illustrieren kann: Die gleiche Szene wird einfach zweimal gezeigt – mit den leichten Abweichungen im Bericht.

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Das verwirrt den Zuschauer, dient, wie sich am Ende herausstellt, aber nur der Verwirrung und Überführung des eigentlich Schuldigen: des Vernehmers Rehberg. Erzähltechnisch liegt das deutlich über den gewöhnlichen Anstrengungen des Tatort, einen Krimi zu entwerfen. Die divergierenden Darlegungen des Falls erweisen sich als abgesprochene Erfindungen zwischen Falke und Grosz. Alles was sie sagen läuft, wenn die Abspannmusik erklingt, also noch einmal vorm inneren Auge der Betrachterin ab, dann aber in der richtigen, der wahren Version (Grosz zum Beispiel hatte gar nichts mit ihrem Ex-Lover).

So begegnet man in diesem Tatort dem künstlerisch hochstehenden Umstand, dass in einer Fiktion die Wahrheit ans Licht kommt, indem die ganze Zeit zwei Lügen erzählt werden.


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