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Abgasmanipulation: Regierungsexperte fordert Hardware-Nachrüstung von Dieselautos

Bislang mussten Autokonzerne schädliche Dieselautos allein mit neuer Software umrüsten. Umbauten an den Motoren seien zu teuer, hieß es. Ein neues Gutachten widerspricht.

In der Debatte um die Zukunft der Autoindustrie in Deutschland spricht sich ein Gutachten im Auftrag der Bundesregierung einem Medienbericht zufolge explizit für die Nachrüstung von Motoren von Dieselfahrzeugen aus. Das berichtet der Spiegel unter Berufung auf eine Studie von Georg Wachtmeister, Professor für Verbrennungsmotoren an der TU München. Demnach sind sogenannte SCR-Katalysatoren eine "sehr effiziente Maßnahme zur Emissionsreduzierung", heißt es in der Expertise, die in weiten Teilen der Argumentation der Autoindustrie widerspricht.

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Zu teuer, zu groß? Nein, sagt der Gutachter

Detailliert beschreibt der Wissenschaftler, wie das Reinigungsset entwickelt werden muss, damit es vom Kraftfahrt-Bundesamt zugelassen werden kann. So bringt die Nachrüstung laut Wachtmeister eine Reduzierung der giftigen Stickoxide um 90 Prozent – bei Kosten von nur 1.300 Euro. Autos mit einer solchen Technik könnten demnach auch von Dieselfahrverboten in deutschen Innenstädten ausgenommen werden.

Bislang hatten das Bundesverkehrsministerium und die Hersteller lediglich Softwareupdates für Dieselfahrzeuge vorgesehen. Betroffene Konzerne wie Volkswagen, Daimler und BMW hatten stets argumentiert, Umbauten an Dieselmotoren seien zu teuer und zu kompliziert. Diese Einwände lässt der Gutachter nicht gelten. "Der Bau-Raum für eine SCR-Nachrüstung ist mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit vorhanden", schreibt Wachtmeister, der lange für das VW-Tochterunternehmen MAN gearbeitet hatte und seit seiner Rückkehr an die TU München in mehreren Kommissionen zur Aufarbeitung der Dieselaffäre vertreten ist.

Für Umweltorganisationen wie den BUND gehört die Nachrüstung der Dieselmotoren – also der Hardware der betroffenen Autos – zu den unbedingten Voraussetzungen, um die Luftqualität in deutschen Innenstädten zu verbessern und die Autohersteller generell zum Bau schadstoffärmerer Fahrzeuge zu bringen. Die unterschiedliche Bewertung von Dieselantriebstechnologien führte zuletzt auch zum Eklat innerhalb einer der beim Dieselgipfel eingesetzten Expertengruppen. So wollte der BUND den Abschlussbericht eines der Gremien nicht mittragen und verfasste ein Sondervotum.

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Eklat in Expertengruppe

Die Organisation wirft den anderen Vertretern aus Politik, Gewerkschaften, Forschung und Industrie vor, dass ausgerechnet ihre Arbeitsgruppe, die sich auch mit der Zukunft alternativer Kraftstoffe beschäftigen sollte, den Dieselkraftstoff zu positiv bewertet und Elektromobilität nur rudimentär diskutiert worden sei. Dass die neue Generation an Dieselmotoren – solche mit der Abgasnorm Euro 6d – "uneingeschränkt empfohlen" würden, könne man nicht mittragen, heißt es in dem BUND-Sondervotum. Zugleich hatten die Umweltschützer die EU-Kommission dazu gedrängt, den Druck auf Deutschland im Streit um schlechte Luftqualität aufrecht zu erhalten.

Zuletzt hatten Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) und Bundesverkehrsminister Christian Schmidt (CSU) in einem gemeinsamen Brief an die EU-Kommission auf Erfolge Deutschlands im Kampf gegen die Luftverschmutzung in Städten verwiesen. So erinnerten sie an das zweite Dieseltreffen zwischen Politik und Kommunen Ende November, auf dem ein Sofortprogramm Saubere Luft beschlossen worden war, sowie an den Dieselgipfel mit der Autoindustrie im August, dem ein zweiter in der ersten Jahreshälfte folgen soll. Wie valide neu geplante Maßnahmen sind, ist nach dem Eklat innerhalb der Expertengremien indes umstritten.

Ministerium hält Hardware-Update für möglich

Inzwischen hat der zuständige EU-Umweltkommissar Karmenu Vella der Bundesregierung eine letzte Frist bis zum 30. Januar gesetzt, um bis dahin ihren Plan zum Erreichen der EU-Grenzwerte für gesundheitsschädliche Stickoxide vorzulegen – und damit eine Klage vor dem Europäischen Gerichtshof doch noch abzuwenden. Die Kommission sieht Handlungsbedarf, nachdem in 28 deutschen Ballungszentren wiederholt zu hohe Stickoxidwerte gemessen wurden und auch nach der Einleitung eines  Vertragsverletzungsverfahren gegen Deutschland keine Maßnahmen – etwa Fahrverbote für Dieselfahrzeuge – ergriffen wurden.

Solche Verbote wollen Politik und Wirtschaft unbedingt vermeiden – weshalb das Bundesverkehrsministerium nun also auch Maßnahmen, die sie gemeinsam mit der Autoindustrie bislang vehement abgelehnt haben, wohlwollend gegenüber steht. Dazu gehören jetzt auch die Vorschläge zu einer Hardware-Nachrüstung, wie sie der Gutachter Wachtmeister vorgelegt hat. "Grundsätzlich sind Rechtsinstrumentarien für eine solche Nachrüstung vorhanden", heißt es nun in einer Bewertung aus dem Ministerium, aus der der Spiegel zitiert. Demnach könnten Autos, die mit dem SCR-Katalysator nachgerüstet werden, einen Eintrag in den Fahrzeugschein bekommen – und damit von Fahrverboten ausgenommen sein.

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