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Fahrradpolizei: "Auf den Straßen herrscht Krieg"

Die Berliner Fahrradstaffel soll Radler vor sich selbst schützen – indem sie ihre Regelverstöße bestraft. Ein Tag mit den Polizisten zeigt: Radfahrer erziehen ist schwer.
"Manche fragen schon, ob man nichts Besseres zu tun habe, als die Radfahrer zu bestrafen", erzählt Sascha Reichenberger. © Jakob Weber für ZEIT ONLINE

Die Fahrradpolizisten Stefanie Lütz und Sascha Reichenberger rollen im strömenden Regen auf eine Kreuzung zu, als vor ihren Augen ein junger Mann bei Rot über die Straße fährt. Reichenberger tritt sofort kräftig in die Pedale und setzt ihm nach. Zwischen zwei fahrenden Autos schlängelt sich Reichenberger über den nassen Asphalt, um dem Mann auf seinem silbernen Leihfahrrad hinterherzukommen. Er ruft, und tatsächlich bleibt der Radfahrer stehen. Als seine Kollegin ihn einholt, ist Reichenberger schon dabei, die Personalien zu notieren. Von seinem Gesicht tropft der Regen auf seinen Strafzettelblock, seine Schrift wird so schon nach wenigen Sekunden unleserlich. Wenn er seine Schicht um 14 Uhr beendet, wird Reichenberger viele der Bußgeldbescheide, die er heute ausgegeben hat, noch einmal neu dokumentieren müssen.

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Lütz und Reichenberger machen einen paradoxen Job: Sie sollen Radfahrerinnen und Radfahrer schützen, indem sie sie bestrafen. Denn Radler sind bekannt dafür, dass sie gerne mal auf dem Gehweg fahren, rechts vor links missachten oder eben über rote Ampeln fahren. Damit ziehen sie nicht nur den Ärger anderer Verkehrsteilnehmer auf sich, sie bringen sich auch selbst in Gefahr. Die Berliner Fahrradstaffel soll sie davon abhalten. Aber was können zwanzig Frauen und Männer schon gegen Tausende von Verstößen tun, die sich täglich in Berlin ereignen? Wie reagieren die Radfahrer auf die Polizisten, die ihnen zwar wortwörtlich auf Augenhöhe begegnen, ihnen dann aber doch Bußgelder aufbrummen?

Die Fahrradstreife dreht seit 2014 ihre Runden. Damals ereigneten sich allein in Berlin-Mitte 94 Verkehrsunfälle, bei denen ein Radfahrer zu Schaden kam. Die Berliner Regierung kam zu der Überzeugung: Man muss die Radfahrer besser schützen, vor den Gefahren, die der Verkehr mit sich bringt, aber auch vor sich selbst.

365 Tage im Jahr sind sie unterwegs, bei jedem Wetter

Polizisten, die sich der neuen Einheit anschließen wollten, mussten sportlich sein, fahrradaffin erscheinen und einen Reifen flicken können. Kommissarin Stefanie Lütz und Oberkommissar Sascha Reichenberger fuhren vorher Streifenwagen in Neukölln. Sie sagen, dass sie es nicht mehr viel länger dort ausgehalten hätten. Die vielen Nachtschichten hätten sie zermürbt, sagt die 47-jährige Lütz, genauso wie die Leute, mit denen sie dort bei den Einsätzen zu tun hatte. Heute, fünf Jahre nach ihrem Jobwechsel, sind sie immer noch täglich auf Streife, doch statt im Auto sitzen sie jeden Tag auf dem Fahrrad. 365 Tage im Jahr ist die Fahrradstaffel unterwegs, so oft wie keine andere Fahrradstreife in Deutschland. Egal, ob es schneit, regnet, stürmt oder die Sonne auf die Stadt knallt.

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"Diejenigen, die bei Rot über die Ampel fahren, sind unser größtes Problem", sagt Stefanie Lütz. Links ihre Klingel © Jakob Weber für ZEIT Online

Ihre Schicht beginnen Lütz und Reichenberger meistens an der Straßenkreuzung, wo in den vergangenen Jahren die meisten Unfälle mit Radfahrern passiert sind: Unter den Linden, Ecke Wilhelmstraße, direkt vor dem Brandenburger Tor. Zwischen 2008 und 2018 verletzten sich auf dieser Kreuzung 49 Radfahrer, allein in den vergangenen beiden Jahren waren es 24. Wie um zu beweisen, dass die Polizisten ihren Startpunkt gut gewählt haben, rutscht eine Frau auf der nassen Fahrbahn mit ihrem Reifen weg und fällt auf die Straße. Reichenberger hilft der Frau auf, Lütz sagt: "Da hat sie Glück gehabt, hätte auch schlimmer ausgehen können, so ganz ohne Helm." Noch bevor sie auf der anderen Straßenseite angekommen sind, müssen sie schon wieder anhalten: Ein Mann ist scheinbar bei Rot über die Ampel gefahren. Eigentlich kostet das 60 Euro, plus 28,50 Euro Bearbeitungsgebühr. Reichenberger lässt sich den Fahrweg des Mannes erklären, die Ampel hätte demnach auch schon grün sein können. Es bleibt bei einer Verwarnung.

"Die Strafzahlungen tun weh, aber oft noch nicht weh genug"

Als die Fahrradstaffel 2014 vorgestellt wurde, mutmaßte der damalige Leiter, Sascha Ziegler, dass seine Kollegen alle 200 bis 300 Meter eine Ordnungswidrigkeit ahnden würden. Tatsächlich fahren Lütz und Reichenberger nur wenige Meter, bis sie erneut stehen bleiben müssen. Wieder ist ein Mann bei Rot über eine Fußgängerampel gefahren. Diesmal wird die Strafe verhängt: 88,50 Euro. "Diejenigen, die bei Rot über die Ampel fahren, sind unser größtes Problem", sagt Stefanie Lütz. Sie verstaut das mobile Kartenlesegerät, mit dem der Mann gleich vor Ort sein Bußgeld gezahlt hat, wieder in ihrer Fahrradtasche. "Und die, die während der Fahrt am Handy spielen", sagt Reichenberger. 55 Euro Strafe stehen dafür im Bußgeldkatalog.

Auf dem grünen Durchschlag des Bußgeldbescheids, den die Kontrollierten mitbekommen, steht: "Auch Sie können nur gefahrlos am immer dichter werdenden Straßenverkehr teilnehmen, wenn jeder die Verkehrsvorschriften beachtet." Eine Bitte und eine Warnung zugleich.

Die Bußgelder kommen den Polizisten unverhältnismäßig vor

Die Strafzahlungen tun weh, aber oft noch nicht weh genug, sagt Reichenberger. Häufig habe er schon Personen mehrfach wegen derselben Ordnungswidrigkeit bestrafen müssen. "Viele kapieren erst, dass sie sich wirklich gefährden, wenn sie 200 Euro oder mehr zahlen müssen", sagt Reichenberger. Deutschland ist bei manchen Ordnungswidrigkeiten viel gnädiger als die europäischen Nachbarn: Wer in Griechenland während des Radfahrens ohne Kopfhörer telefoniert, zahlt 200 Euro Strafe, in Deutschland 55 Euro. Reichenberger und Lütz halten den Strafkatalog oft für unverhältnismäßig. Viele Strafen seien zu niedrig, aber in anderen Fällen auch zu hoch. Wer beispielsweise zu zweit auf einem E-Scooter fährt – was gefährlich und deswegen verboten ist – zahlt nur 10 Euro. Wer damit aber auf dem Bürgersteig fährt, kann mit einer Strafe von bis zu 35 Euro belangt werden.

Wer erwischt wird, kann seine Strafe auch gleich mit Karte zahlen. © Jakob Weber für ZEIT Online

Am Alexanderplatz positionieren sich Lütz und Reichenberger unter der S-Bahn-Brücke. Hier müssen sich Busse, Autos und die Tram die Straße mit vielen Touristen teilen, die auf E-Scootern oder zu Fuß unterwegs sind. Außerdem ist die Hälfte der Fahrbahn wegen einer Baustelle gesperrt. Ein Hindernis, das viele Radfahrer waghalsig umfahren und sich dabei nicht von roten Ampeln aufhalten lassen wollen. Kaum haben die Polizisten ihr Fahrrad abgestellt, werden sie beinahe selbst angefahren: Eine junge Frau auf einem Elektroscooter rollt auf dem Bürgersteig entgegen der Fahrtrichtung an ihnen vorbei. Als Reichenberger sie anspricht, ist der Frau nicht bewusst, was sie falsch gemacht hat. "Viele wissen gar nicht, wie sie richtig mit den Dingern umgehen müssen", sagt Lütz und zieht einen Flyer über den richtigen Umgang mit E-Scootern aus ihrer Tasche. Dass sie da rollern muss, wo die Autos auch fahren, habe sie nicht gewusst, sagt die Frau. Zahlen muss sie trotzdem: Zehn Euro in die Sofortkasse, dafür kriegt sie die Quittung und einen Flyer in die Hand, ciao.

"Manche fragen schon, ob man nichts Besseres zu tun habe"

"Meistens sind die Leute sehr einsichtig", sagt Reichenberger. In den vergangenen fünf Jahren habe es noch nie eine Situation gegeben, in denen er oder seine Kolleginnen sich bedroht fühlten. Er glaubt, dass das vor allem daran liege, dass er als Fahrradpolizist mit den Radfahrern auf Augenhöhe sei. "Manche fragen aber schon, ob man nichts Besseres zu tun habe, als die Radfahrer zu bestrafen", erzählt der Radpolizist. "Die Drogendealer im Görlitzer Park hopsnehmen, zum Beispiel." Und klar, es werde auch diskutiert, ob die Strafe wirklich angebracht sei oder nicht, aber in so gut wie allen Fällen werde den Radfahrern bewusst, dass sie sich nicht korrekt verhalten haben. Ganz anders als zu seiner Zeit in Neukölln: Da habe er die Pistole, die er auch auf dem Fahrrad bei sich trägt, häufiger gezogen. Benutzen musste er sie aber nie.

Es sei schon vorgekommen, dass Radfahrer vor den Polizisten davonfahren wollten, erzählt Reichenberger. Erst zweimal sei ihm aber jemand entkommen. Nur vier seiner Kollegen haben ein Pedelec, also ein Fahrrad, bei dem man einen motorisierten Antrieb zuschalten kann. Reichenberger ist wie alle Kollegen sehr sportlich, aber die Räder der Staffel sind nicht auf Rennen ausgelegt. Die Sicherheit gehe immer vor, sagt Lütz. Schließlich handle es sich bei Radfahrern meist nur um Ordnungswidrigkeiten, nicht um schwere Straftaten. Einmal habe sie mit dem Rad einen Taschendieb verfolgt, erzählt Lütz. Sie und Reichenberger wurden von Kollegen im Streifenwagen um Unterstützung gebeten, schließlich sei die Radstaffel sehr viel flexibler als die Polizisten im Auto. Im Lustgarten vor dem Berliner Dom habe sie den Dieb dann stellen können, erzählt Lütz. "Das war schon cool."

"Früher dachte ich, dass ich die Welt retten könnte"

Hier am Alexanderplatz sind Lütz und Reichenberger schon am Rand ihres Einsatzgebietes. Das erstreckt sich bisher nur über Berlin-Mitte, seit Juni dieses Jahres ist auch Friedrichshain-Kreuzberg dabei. Mehr gehe aber nicht. "Dafür bräuchten wir viel mehr Leute", sagt Reichenberger. Bis 2021, so plant es der Berliner Senat, soll das Einsatzgebiet nach und nach erweitert werden. Statt zwanzig soll es dann hundert Polizistinnen und Polizisten geben, die Berlin in Zweierteams mit dem Rad patrouillieren.

Kurz darauf werden Lütz und Reichenberger von einem jungen Mann angesprochen, der mit seinem Fahrrad gerade von einer viel befahrenen Kreuzung kommt. "Da hinten ist der ganze Radweg vollgeparkt, könnt ihr da mal vorbeischauen?" Können sie. Denn zu den Aufgaben der Fahrradstaffel gehört nicht nur, die Ordnungswidrigkeiten der Radfahrer zu ahnden, sondern auch die der Autofahrer. Wer also zum Beispiel sein Fahrzeug zum Hindernis für Radfahrer macht, muss genauso mit einer Strafe rechnen. So wie der Fahrer des Lieferwagens, der seinen Transporter auf dem Radweg abgestellt hat.

"Das passiert leider sehr häufig", sagt Sascha Reichenberger, während er einen Strafzettel schreibt. Gerade Lieferdienste sehen in Radwegen offenbar oft Parkplätze. Der junge Mann, der mit einer Sackkarre zu seinem Transporter zurückkommt, versteht zwar, dass er hier nicht parken darf, doch was soll er tun? Er sei unter Zeitdruck. Den Strafzettel, den er von Reichenberger bekommt, wird sein Chef bezahlen. "Genau deswegen wird sich nichts ändern", sagt Lütz. Weil viele nur auf sich bedacht sind und nicht erkennen, dass sie anderen mit ihrem Verhalten schaden.

"Ich dachte, dass ich die Welt retten kann"

Zu viele Menschen müssten sich zu wenig Platz teilen, das mache aggressiv und rücksichtslos, sagt Lütz. "Auf den Straßen herrscht Krieg." Verbessern könne sich nur etwas, wenn die Leute umdenken. Nicht nur die Menschen auf den Straßen, sondern auch die an den Schreibtischen der Behörden, sagt sie. Die Fahrbahnen müssten neu geplant und Radwege nicht nur dort gebaut werden, wo es viele Touristen sehen. Sondern da, wo die Strecken schon seit 40 Jahren schief und krumm seien. Vom Berliner Mobilitätsgesetz, das bis 2025 abgetrennte Radwege auf allen Hauptstraßen, Radschnellstraßen und 100.000 neue Fahrradständer vorsieht, merkt sie in ihrem Alltag bisher wenig. So, wie die Situation jetzt sei, bringe ihre ganze Arbeit nichts, sagt sie. Jeden Tag dieselbe Strafen zu verteilen und bei vielen Radfahrern nur wenig bis keine Veränderung zu sehen, das frustriere sie. "Als ich 1992 in den Polizeidienst eintrat dachte ich, dass ich die Welt retten könnte, wie eine Superheldin," sagt Lütz. "Heute weiß ich, dass ich das nicht kann."

Wirklichen Erfolg erleben die beiden Polizisten nur an den früheren Unfallschwerpunkten in Berlin-Mitte, wo entweder sie oder ihre Kollegen täglich Streife fahren. Da halten die Radfahrer nun fast alle an, wenn die Ampel rot ist. Ob sie aber wirklich gemerkt haben, dass sie sich und andere mit ihrem Verhalten gefährden, oder ob sie nur fürchten, von der Radstaffel erwischt zu werden, wissen Lütz und Reichenberger nicht. Tatsache ist jedoch, dass sich die Zahl der Unfälle an den einstigen Unfallschwerpunkten schon nach drei Jahren Einsatzzeit der Fahrradstaffel fast halbiert hat. "Wir versuchen, so gut wie möglich auf die Leute aufzupassen", sagt Lütz. "Bis sie es irgendwann selbst machen."

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