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Aus der Serie: Die Mobilmacher

Verkehrswende: Bus für lau – und alle fahren Auto

Wenn man den Nahverkehr ausbaut und bezahlbar macht, lassen die Menschen das Auto stehen, heißt es immer. Stimmt das? Im bayerischen Pfaffenhofen wurde es getestet.
Volle Parkplätze und ein leerer, kostenloser Bus: Alltag in Pfaffenhofen © Vanessa Materla für ZEIT ONLINE

Auf dem Land sind viele Menschen vom Auto abhängig. Wie kann man ihnen ermöglichen, klimafreundlich und bezahlbar mobil zu sein? Für die Serie "Die Mobilmacher" haben wir uns Initiativen angesehen, die es versuchen.

Wenn an jedem Werktag um 18.30 Uhr kurz nacheinander zwei Pendlerzüge in Pfaffenhofen einfahren, zuerst einer aus Ingolstadt, dann einer aus München, verlassen die Menschen zielstrebig den Bahnhof. Auf sie warten zeitgleich sechs Busse, auf einem von ihnen steht "Jetzt kostenlos!" und das gilt auch für die anderen Stadtbusse. Doch die Gruppe bewegt sich fast geschlossen auf den vollgeparkten Park-and-Ride-Platz zu, wo sie ihre Autos am Morgen abgestellt hatte. Die ersten Busse fahren los, an Bord jeweils drei oder vier Fahrgäste, und reihen sich ein in die Karawane aus Autos, die schon an der Ampel wartet, in jedem nur ein Mensch.

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Der öffentliche Nahverkehr ist eine große Hoffnung im Kampf gegen die Klimakrise und für bessere Luft in den Städten. Wenn er nur flächendeckend gut ausgebaut und billiger wäre, dann würden die Menschen ihre Autos stehen lassen und mehr Zug oder Bus fahren – dieses Argument taucht in der Diskussion um die Verkehrswende immer wieder auf. Deshalb forderte die SPD bereits ein 365-Euro-Ticket, das die Nutzung des Nahverkehrs für einen Euro am Tag möglich machen soll. Und die Bundesregierung hat fünf Modellstädte zur Verbesserung der Luftqualität ausgewählt, um "finanzielle Anreize zur Nutzung des ÖPNV" auszuprobieren.

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Pfaffenhofen testet als Versuchslabor der Bundesrepublik seit Dezember 2018, ob die Nutzung des Nahverkehrs vom Ticketpreis abhängt. Im Zwei- bis Fünf-Minutentakt fahren dort Busse vom Bahnhof in die Innenstadt und in verschiedene Wohnviertel. Sie sind für jeden kostenlos – egal ob Pfaffenhofener oder Besucherin. Doch wer die Szenen am Bahnhof beobachtet, muss fürchten, dass der Stadtbus nicht nur kostenlos ist, sondern auch umsonst.

Der Bus ist manchmal voll – die Parkplätze immer

"Die Pfaffenhofener lieben ihr Auto", sagt der Bürgermeister der 26.000-Einwohner-Stadt, Thomas Herker (SPD). Eigentlich müsste er sagen: ihre Autos. Denn im bundesweiten Durchschnitt gibt es keinen Landkreis, in dem es so viele Pkw pro Einwohner gibt wie hier. Fast jeder Haushalt hat zwei, Herkers Familie eingeschlossen. Ein Grund: Pfaffenhofen liegt zwischen München und Ingolstadt, BMW und Audi sind für die Menschen im Ort attraktive Arbeitgeber. Das bestimmt das Stadtbild. Die Straßen sind voller fabrikneuer Kleinwagen, es vergehen keine fünf Minuten, ohne dass irgendwo ein Motor aufheult.

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Bürgermeister Herker wusste, dass er etwas unternehmen musste, wenn er nicht wollte, dass seine Stadt im Verkehr erstickt. Also befragte er seine Bürgerinnen und Bürger über ihr Mobilitätsverhalten. Die Antwort der meisten war: Ich fahre mit dem Auto zum Bahnhof, die Strecke ist kürzer als drei Kilometer. Kaum einer gab an, den Bus zu nutzen. Auch Fahrrad fahren ist in Pfaffenhofen für viele keine Alternative, denn die Straßen sind eng und viele mit Kopfstein gepflastert. Herker sagt zwar, er wolle die Radwege ausbauen, aber das benötige Jahre.

Also konzentrierte sich der Bürgermeister auf den Bus. Er hielt es für wahrscheinlich, mehr Pendlerinnen und Pendler zum Busfahren zu bewegen, wenn er es für sie so attraktiv wie möglich gestalten würde. Also ließ Herker die Fahrpläne der Busse an die Taktung der Züge anpassen, das Streckennetz ausweiten und sorgte sogar dafür, dass die Nutzung für jeden kostenlos ist. Die Stadt investierte dafür im vergangenen Jahr 1,1 Millionen Euro aus ihrem Haushaltsüberschuss. Eine stattliche Summe für eine Kleinstadt.

"Der Bus ist ein voller Erfolg"

Pfaffenhofens Bürgermeister Thomas Herker © Vanessa Materla für ZEIT ONLINE

Alles vergeblich? Keineswegs, verteidigt sich Herker: "Der Bus ist ein voller Erfolg." Seit dem Start hätten sich die Fahrgastzahlen von 1.000 auf 2.300 täglich mehr als verdoppelt. Zweimal sei der Bus schon so voll gewesen, dass keine Leute mehr hineingepasst hätten – "und das schon an der zweiten Haltestelle!" Aber warum sind die Parkplätze am Bahnhof trotzdem so voll, dass einige Pfaffenhofener sogar das Halteverbot ignorieren, um ihr Auto dort zu parken? Herker vermutet, dass viele der Fahrgäste früher zu Fuß gegangen oder das Rad genommen hätten. Doch eine Erhebung, wie groß der Pendleranteil im Bus ist, gebe es bislang nicht. "Pfaffenhofen ist klein", sagt Herker. Eine groß angelegte Studie könne und wolle sich die Stadt nicht leisten. 

Fährt man mittags in Pfaffenhofen Bus, hat man ihn fast für sich allein, während die Straßen weiterhin voller Autos sind. Der Busfahrer, seit zwei Jahren im Dienst, sagt, es gebe auf jeden Fall mehr Fahrgäste, seit die Nutzung des Busses kostenlos sei. Doch bis nachmittags fahre er oft leer, in seinen Bus stiegen vor allem Rentnerinnen, Schulkinder und Fußgänger, die bei schlechtem Wetter auf den Bus auswichen. "Morgens fahren trotzdem alle mit dem Auto zum Bahnhof", sagt der Mann. Er selbst gehöre auch dazu.

Heute an Bord ist auch eine Frau mit Aktentasche, die ihr Kind von der Krippe abholen fährt. "Ich fahre erst Bus, seit es kostenlos ist", sagt sie. Früher sei sie immer gelaufen. Radfahren kommt für sie nicht infrage: "Das ist hier lebensgefährlich." Es gebe zu wenig Radwege, aber vor allem viel zu viele Autos. Sie habe nicht das Gefühl, dass sich der Verkehr durch den kostenlosen Bus verändert habe. In ihrem Büro, das am großen Hauptplatz der Stadt liegt, könne sie nur in der Mittagspause die Fenster ihres Büros öffnen. "Sonst ist der Autolärm einfach unerträglich."

Nun soll Autofahren unattraktiver werden

Es ist ein paradoxes Verhältnis, das Pfaffenhofen zum Auto hat: Auf der einen Seite ist es Quelle des Wohlstands, auf der anderen Seite erstickt die Stadt fast im Verkehr. Und trotzdem wird das Angebot, stattdessen kostenlos Bus zu fahren, zu wenig genutzt. "Ich weiß, dass der Stadtbus allein unser Problem nicht lösen kann", sagt Herker. "Guter Wille allein wird die Welt nicht retten." Wenn seine Bürgerinnen und Bürger nicht anfingen umzudenken, bringe die beste Initiative nichts.

Um das Umdenken zu fördern, ändert die Stadt Vorfahrten, verbietet Abbiegen an bestimmten Stellen, begrenzt die Geschwindigkeit, ein Kreisverkehr soll den Verkehr beruhigen. Autofahren soll unattraktiver werden. Doch statt weniger Autos gibt es mehr Staus in Pfaffenhofen. Und Bürgermeister Herker schlägt Unmut entgegen. "Nur die wenigsten haben Verständnis dafür, warum wir in ihr Fahrverhalten eingreifen wollen", sagt Herker. Es habe kaum ein politisches Vorhaben gegeben, das so stark kritisiert worden sei wie der Bau des Kreisverkehrs. Die Diskussion darüber habe wochenlang die erste Seite der lokalen Tageszeitung gefüllt.

Der Verkehr ist ein Dauerthema in Pfaffenhofen. Im kleinen Café auf dem Marktplatz, beim Friseur, an den Bushaltestellen. Viele sind genervt: vom Lärm der Autos; dass sie mal wieder 20 Minuten länger nach Hause gebraucht haben; dass sie mal wieder keinen Parkplatz gefunden haben. "Was wir wirklich wollen, sind mehr Parkplätze", sagt eine Frau, die ihr Auto auf dem Marktplatz abgestellt hat. Eine Viertelstunde sei sie im Kreis gefahren, bis einer der begehrten Parkplätze frei geworden sei. Der kostenlose Bus sei ja nett, aber wirklich gebraucht habe sie ihn nicht.  

Selbst der Stadtbusverantwortliche fährt Auto

Während der zwölf Jahre, die der 40-jährige Herker in der Stadt Bürgermeister ist, hat er drei neue Parkplätze mit insgesamt 300 Stellplätzen gebaut. "Ich könnte noch zehn Parkplätze bauen lassen", sagt er. "Aber die wären in wenigen Wochen wieder überfüllt." Herker erzählt, dass ihm eine Bürgerin mehrmals die Strafzettel zugeschickt habe, die sie für unerlaubtes Parken im Halteverbot am Bahnhof bekommen habe. Sie habe dort schon früh morgens keinen Parkplatz mehr gefunden, der Park-and-Ride-Platz sei zu klein. Herker solle nun die Bußgelder für sie bezahlen. Schließlich sei er schuld daran, dass sie dort nie einen freien Parkplatz finde. "Dabei wohnt die Frau direkt an der Bushaltestelle", sagt Herker. Er könne nicht verstehen, warum sie nicht einfach den Bus nimmt.

Bis 2022 haben Herker und sein Stadtbusteam das Projekt kostenloses Busfahren angesetzt. Und dann? Da will sich Herker noch nicht festlegen, hat aber Pläne, um die Verkehrswende in seiner Stadt zu erreichen. Es soll überall Carsharing geben, der Kauf von Lastenrädern soll bezuschusst werden, er will Leihfahrräder anbieten und Elektrobusse einsetzen. Er hat außerdem angefangen, Mobilitätswerkstätten anzubieten. Dort soll mit den Bürgerinnen und Bürgern über Probleme diskutiert und Lösungen gefunden werden. Angesichts der Klimakrise, sagt Herker, müsse "auch Pfaffenhofen dringend handeln, und zwar jetzt".

Thomas Labich hat eine Erklärung dafür, dass viele Pfaffenhofener trotz Stau und Klimawandel nicht auf ihr Auto verzichten, um zur Arbeit zu fahren. Der 31-Jährige arbeitet in der Stadtverwaltung von Pfaffenhofen und ist zuständig für den Stadtbus. Auch er steigt jeden Morgen ins Auto. "Bis ich an der Haltestelle bin, könnte ich schon längst bei der Arbeit sein, wenn ich das Auto nehme", sagt er. Er wohne ein bisschen außerhalb, für ihn sei der Bus unpraktisch.

"Passt mir morgens einfach nicht", sagt auch einer der Pendler, der am Bahnhof in einen weißen Audi Q7 steigt. Er bekomme sein Auto von seinem Arbeitgeber gestellt, das sei ja dann auch kostenlos – und viel bequemer.

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