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Gleichstellung: Was wir von den Finninnen lernen können

Finnland hat gerade die jüngste amtierende Regierungschefin der Welt vorgestellt und mit ihr ein weiblich dominiertes Kabinett. Deutschland kann sich einiges abschauen.
Die neue finnische Regierungschefin Sanna Marin (2. von rechts) mit der Bildungsministerin Li Andersson (links), der Finanzministerin Katri Kulmuni und der Innenministerin Maria Ohisalo (rechts) © Jussi Nukari/​Lehtikuva/​AFP/​Getty Images

"Ich habe nie an mein Alter oder mein Geschlecht gedacht, sondern an die Gründe, die mich in die Politik gebracht haben." Mit Sätzen wie diesen hat Sanna Marin, Finnlands designierte Regierungschefin, von Anfang an klargemacht, worauf sie nicht reduziert werden möchte: eine Frau und noch dazu jung zu sein. Eigentlich wäre es ja an sich schon eine Nachricht, dass die Sozialdemokraten am Wochenende eine Nachfolgerin für Finnlands zurückgetretenen Ministerpräsidenten Antti Rinne gewählt haben. Da Marin aber mit 34 Jahren bald die jüngste amtierende Regierungschefin der Welt sein wird, hat ihr Alter doch eine Bedeutung, vielleicht auch über Finnland hinaus.

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Umso mehr, weil Marin damit nur die Spitzenposition in einer äußerst weiblichen Regierung innehat. Alle fünf Regierungsparteien Finnlands werden aktuell von Frauen geführt, vier davon sind unter 35 Jahre alt. Im Kabinett sieht es ähnlich aus: Zwölf Ministerposten sind mit Frauen besetzt, nur sieben entfallen auf Männer. Marin selbst war bislang Verkehrsministerin. Im Parlament ist mit 47 Prozent fast die Hälfte der Abgeordneten weiblich. Hierzulande ist man derzeit schon stolz auf einen Frauenanteil von 31 Prozent im Bundestag.

Finnland macht damit etwas vor, was in Deutschland derzeit undenkbar ist. Frauen sind nicht nur in den höchsten Ämtern vertreten – schließlich hat auch Deutschland eine Bundeskanzlerin, viele zentrale Ministerien werden von Frauen geführt –, sondern sie sind den Männern ebenbürtig im ganzen politischen System. Was macht Finnland anders?

Schon seit Jahren steht Finnland im internationalen Gender-Gap-Ranking des Weltwirtschaftsforums ganz oben. Im letzten Vergleich 2018 erreichte das Land Platz 4 hinter Island, Norwegen und Schweden. Deutschland hatte es immerhin auf den 14. Platz geschafft. Vor allem bei der Bildung gelingt Finnland eine Geschlechtergleichheit wie keinem anderen Land auf der Welt. Kinder haben hier tatsächlich alle Möglichkeiten, egal, welchen Geschlechts sie sind.

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Mütter können ohne schlechtes Gewissen arbeiten

"Unsere Gesellschaft ist anders geprägt", erklärt Tanja Huutonen von der finnischen Botschaft in Berlin. "Frauen arbeiten genauso wie Männer, unser System macht das möglich und es fängt schon bei den Kitas an." Sie selbst habe als alleinstehende Mutter nachts oder am Wochenende gearbeitet und ihr Kind dann eben in die Betreuung gegeben. Sechs staatliche Rund-um-die-Uhr-Kitas gibt es aktuell in Helsinki, die Kinder können dort auch übernachten oder am Wochenende kommen. "Und dann nimmt man sich den Montag und Dienstag frei", sagt Huutonen. Der Anspruch auf Kinderbetreuung ist in Finnland gesetzlich geregelt, beide Eltern können flexibel in den ersten drei Lebensjahren ihrer Kinder Elternzeit nehmen und haben danach ein Recht darauf, ihren Job fortzuführen. Es gibt Ganztagsschulen mit kostenfreien Mahlzeiten und Nachmittagsbetreuung. Die Arbeitszeiten sind flexibel, kürzere Tage und Homeoffice normal. Für Huutonen aber das Wichtigste: "Wir müssen kein schlechtes Gewissen haben, dass wir arbeiten." Auch Sanna Marin hat eine knapp zweijährige Tochter.

Doch auch wenn die Bedingungen in Finnland besser sind, ist nicht alles perfekt: Frauen verdienen laut finnischem Statistikamt noch immer 16 Prozent weniger als Männer und übernehmen einen deutlich größeren Anteil an der Haus- und Care-Arbeit. Auch wenn mehr Männer als in Deutschland Elternzeit nehmen, geschieht das Huutonen zufolge oft erst, wenn die Kinder bereits anderthalb bis zwei Jahre alt sind. Bis dahin bleiben die Mütter zu Hause und beziehen zumindest neun Monate lang 70 Prozent ihres Gehalts als Elterngeld.

"Finnland zeigt uns etwas, das hier undenkbar ist"

Finnland war in der Vergangenheit immer wieder veränderungsbereit. Seit 1906 haben Frauen das aktive und passive Wahlrecht – als Erste weltweit. Bereits seit 1907 sind Frauen im Parlament vertreten. Das Gleichstellungsgesetz von 1986 wurde seit der Einführung mehrfach angepasst und aktualisiert. Seit 1995 gibt es eine Frauen- und Männerquote von 40 Prozent in staatlichen Gremien. "Es gibt natürlich immer etwas zu tun, etwas zu verbessern, aber gemeinhin leben wir in Finnland Gleichstellung. Niemand denkt, dass Frauen weniger können", sagt Huutonen.

Für Ines Kappert ist das der eigentliche Grund, jetzt in Richtung Finnland zu blicken: "Wir müssen unbedingt über die Grenzen schauen, um zu verstehen, warum volle Partizipation in anderen Ländern und Kontexten möglich ist", sagt die Leiterin des Gunda-Werner-Institus für Feminismus der Heinrich-Böll-Stiftung. In Deutschland laufe es mit der Gleichstellung vergleichsweise schlecht: Gerade im politischen Umfeld sei die Beteiligung von Frauen rückläufig, der Frauenanteil von nicht mal einem Drittel im Parlament sei alarmierend. "Finnland zeigt uns etwas, das hier undenkbar ist: eine Regierung mit 100 Prozent Frauenanteil."

Patriarchale Struktur in den deutschen Parteien

Die deutsche Politik sei hingegen männlich dominiert. Kappert führt das auf drei Faktoren zurück: Familie und Beruf seien aufgrund der patriarchalen Struktur in den Parteien schwer vereinbar; so sind zum Beispiel viele Termine in den Abendstunden. Zudem würden Männern noch immer mehr Kompetenzen zugeschrieben, auch wenn sich das in den vergangenen Jahren gewandelt habe. Ein wesentlicher Faktor für Kappert ist aber die Bedrohung von Politikerinnen im digitalen Raum. "Man muss verstehen, wie massiv Frauen mittels digitaler Gewalt aus der Politik und dem öffentlichen Leben gedrängt werden", sagt sie. Das seien keine guten Voraussetzungen für Politikerinnen, zumal kaum Strafverfolgung stattfinde. Sie wünscht sich, ähnlich wie in Finnland, mehr politische Teilhabe von Frauen in Deutschland. "Wir brauchen ein Selbstverständnis davon, dass man nicht erst überlegen muss, welche Hürden es zu überwinden gibt, sondern Politik machen kann, weil man Politik machen möchte", sagt Kappert. In Finnland scheine es einen anderen Rückhalt aus dem Volk zu geben.

"Die Gleichstellung ist viel präsenter in der Gesellschaft. Man macht in Finnland ein Amt nicht am Geschlecht fest, sondern an Kompetenz und Umsetzung", sagt auch Inken Paletta, Finnland-Kennerin von der Deutsch-Finnischen Gesellschaft Hessen und Betreiberin des Blogs Finntastic. "Da können wir noch eine Menge von Finnland lernen." Dass Sanna Marins Alter und Geschlecht nun zum Thema werden, begreift sie als positives Signal für die Zukunft: Man kann weiblich und jung sein und etwas erreichen. Sie sieht in Marin einen Gegenentwurf zu dem Rechtsruck, der auch in Finnland seit einigen Jahren stattfindet.

Auch das könnte in Deutschland Nachahmer finden, schließlich zeigen gerade junge Menschen wieder mehr Interesse an politischen Themen – auch wenn dabei nicht unbedingt Politikerinnen im Zentrum stehen, sondern politisch denkende Menschen wie Luisa Neubauer von Fridays For Future oder die Sea-Watch-Kapitänin Carola Rackete. "Diese Frauen brechen sich als Vorbilder einen Weg in die Öffentlichkeit, sind aber im Moment noch Ausnahmen", sagt Kappert. Sie freut sich, dass die Finninnen das Thema nun wieder in die Debatte bringen. "Wir brauchen Vorbilder wie Finnland, wir müssen über unseren Tellerrand hinausschauen. Wer sollte uns sonst inspirieren?"

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