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Russland: Der schwierige Nachbar

Auch die Fußball-WM wird daran nichts ändern: In Polen und Litauen misstraut man Russland. Dort fürchtet man eine Großmacht, die ihre Nachbarn dominieren will.

Die Welt spielt Fußball und blickt auf Russland. Bevor der Sport losgeht, widmen wir diesem großen, vielfältigen, komplizierten und oft missverstandenen Land einen Schwerpunkt. Hier beschreibt unser Autor Michał Kokot das schwierige Verhältnis der Nachbarländer zu Russland. Kokot arbeitet bei der polnischen "Gazeta Wyborcza" in Wrocław und ist seit 2013 für das Auslandsressort tätig.

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Die Russin ist stark geschminkt und trägt ein Mini-Rock. Sie sitzt vor dem Fernseher und wundert sich, dass die ganze Familie jetzt nach Polen fahren muß, um sich die Fußball WM in besserer Qualität anzuschauen. "Nach Polen? Wie nach Polen?", fragt sie auf Russisch. Daraufhin antwortet ihr stolz der Lebensgefährte: "Mit einem MiG-Kampfflugzeug". Die Maschine blinkt neben ihm auf, natürlich bemalt in goldener Farbe.

Diese Fernsehwerbung, die Russen zeigt, die sich wegen der schlechten Übertragung die Fußball-WM nicht in Russland anschauen können und deshalb nach Polen fahren müssen, läuft seit ein paar Wochen ständig im polnischen Fernsehen. Die Bilder entsprechen der Wahrnehmung von Russen in Polen: die Neureichen, die in Pelzmänteln rumsitzen, mit goldenen Ketten um den Hals.

Neben dem Kitsch sind es aber noch andere Dinge, die viele Polen an ihren Nachbarn stören. Fragt man Polen auf der Straße, was sie über Russland denken, so bekommt oft man oft zu hören: Russland, das ist ein gefährliches, agressives und unberechenbares Land. Russen und Russland werden in Polen immer sofort mit der Politik verbunden, was eine Umfrage des Zentrums für Polnisch-Russischen Dialog und Verständigung bestätigt. Letztes Jahr wurden dort Polen nach den berühmten Russen befragt. Die meisten nannten Putin und fügten hinzu, dass der "gemein" sei und "leider" immer noch regiere. 

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Obwohl das EU- und Nato-Mitglied Polen nur eine kurze Grenze mit Russland teilt: Sobald Russland etwa seine Iskander-Raketen bewegt, die eine Reichweite von 500 Kilometern haben und atomar bestückbar sind, machen solche Informationen schnell Schlagzeilen in Polen.

Die russische Zarin Katharina II teilte einst Polen

Das Bild Russlands als Imperium, das seine Nachbarländer dominieren und besetzen will, ist aus historischen Gründen in Polen präsent. Mindestens seit der Zeiten der russischen Zarin Katharina II., die im 18. Jahrhundert Polen gemeinsam mit Preußen und Österreich aufgeteilt hatte, gelten die russischen Politiker als solche, die einem "jederzeit ein Messer in den Rücken stechen" können. Mehr als 150 Jahre später, im Zwanzigsten Jahrhundert, gründete dann Stalin eine Koalition mit Hitler, um Polen am 17. September 1939 anzugreifen und sich das Land mit dem Dritten Reich zu teilen. 

Die Annexion der Krim 2014 und darauf folgende Krieg mit russischer Unterstützung in der Ukraine, löste bei den Polen alte Ängste aus. Laut der Studie des Pew Research Center in 37 Ländern ist das Misstrauen gegenüber der Politik des russischen Staatspräsidenten Wladimir Putin in Polen am größten: 89 Prozent sehen die russische Außenpolitik skeptisch, nur vier Prozent der Polen trauen Putin. Die letzte Studie des staatlichen Meinungsforschungsinstituts CBOS zeigte auch: Russland liegt im Ansehen der Polen auf dem drittletzten Platz der beliebten Nationen, fast die Hälfte der Polen zeigten eine gewisse Abneigung gegenüber Russland, deutlich mehr als noch vor einem Jahr.

 Aus diesem Grund wagen es viele polnische Politiker nicht, gute Kontakte mit den russischen Politikern zu pflegen. Ausnahme ist das postkommunistische Bündnis der Demokratischen Linken (SLD), das es bei der letzten Wahl vor zwei Jahren nicht ins Parlament geschafft hat.

In Russland ist alles Politik

Ähnlich ist es in anderem Nachbarland Russlands, in Litauen.

"Es gibt viele blöde Ideen, die verwirklicht wurden. Eine davon ist, die Fußball-WM in Russland zu halten", sagte neulich der litauische Außenminister Linas Linkevičius dem Nachrichtenportal Buzzfeed. Er meinte, es wäre naiv, zu glauben, dass in Russland Sport wirklich Sport bedeute. "Nein", so der Außenminister, "in Russland ist alles Politik". Er erinnerte daran, dass Sportereignisse in der Vergangenheit oft dazu genutzt worden seien, militärische Aggression zu überdecken. So war das 2014, als die Russen nach den Olympischen Winterspielen in Sotschi die Ukraine angegriffen haben. Im Sommer 2008, zwei Monate nachdem die Fußball-EM in Österreich und der Schweiz beendet wurde, rollten russische Panzer in Georgien.

Im kleinen Litauen, wo nicht mal drei Millionen Menschen leben, ist die Furcht vor Russlands Agression besonders stark. Aus diesem Grund ist das Land der Eurozone 2015 beigetreten. Litauen wollte sich politisch stärker mit dem Westen verbinden, aus Angst, dass nach der Ukraine die baltischen Länder als Nächstes an der Reihe sein werden.

Nach 2014 hat sich Litauen mit Erfolg um die Stationierung zusätzlicher Nato-Truppen bemüht. Doch das reicht der litauischen Regierung nicht. Ende vergangenen Jahres wurde ein 45 Kilometer langer Zaun an der Grenze mit Russland an der Kaliningrader Exklave fertiggestellt. Die litauische Regierung begründete das so: Der zwei Meter hohe Grenzzaun mit Stacheldraht werde verhindern, dass die Russen litauische Bürger entführen. Das klingt paranoid, ist aber schon vorgekommen – an der Grenze zwischen Russland und Estland. Vor ein paar Jahren wurde von dort ein estnischer Offizier des Nachrichtendienstes entführt. Anfang des Jahres wurde er für einen russischen Spion freigetauscht. Der russische Außenminister Sergei Lawrow sagte, dass der Grenzzaun zu Russland ein klarer Beweis dafür sei, dass die litauische Regierung russophob sei.

In den baltischen Staaten leben russische Minderheiten

Dabei hat in allen drei baltischen Länder - Litauen, Lettland und Estonien, die Infilitrierung durch russische Geheimdienste seit 2014 zugenommen. Moskau fällt das dort umso leichter, da die drei Staaten bis 1991 Teil der Sowietunion gewesen sind. Bis heute leben dort russische Minderheiten. 

In Litauen sind etwa fünf Prozent der 2,8 Millionen Einwohner russisch, so die Schätzungen. Doch seit einiger Zeit können sie kein Fernsehen mehr in russischer Sprache sehen. Die Regierung hat russische Sender aus dem Land verbannt. Politiker warfen ihnen Propaganda vor. Dort werde Litauen als gescheiterter Staat gezeichnet, der sich nicht um die russischen Bürger kümmere – Grund genug, sie abzuschalten.

Ähnlich lief das in Lettland, wo ebenfalls zeitweise russische Fernsehsender eingestellt wurden. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen beklagte sich, man könne viel mehr tun, um der russischen Fernsehpropaganda lettische Nachrichten entgegenzusetzen. Doch die Politiker scheuen sich, mehr Geld dafür zu geben. Russische Kanäle gewinnen in Lettland den Kampf um die Einschaltquoten, weil sie vor allem beliebte Fernsehserien ausstrahlen, die in Russland gedreht wurden. Das lettische Fernsehen hingegen zeigt westliche Produktionen, die weniger attraktiv sind.

Diskutiert wird in Litauen auch, wer aus dem Kreis der Politiker in Wahrheit ein russischer Agent sei, der die Moskauer Interessen vetrete, um Litauen zu schaden. Auch in Polen gibt es diese Debatten. Das Wort "prorussisch" in der Politik ist zu einer Beleidigung geworden. "Komoruskij" wurde der polnische Präsident Bronislaw Komorowski von seinen Gegnern gar genannt. Politiker der damaligen Opposition von der PiS Partei haben seinen Nachnamen gezielt verdreht, um anzudeuten, er sei kein Patriot und spiele die russischen Interessen aus. Komorowski verlor 2015 die Wahl und wurde durch Andrzej Duda, einen PiS Kandidaten, ersetzt.

Im vergangenen Jahr hat der polnische Journalist Tomasz Piątek ein Buch veröffentlicht, das schnell zum Bestseller wurde. Es handelte von dem damaligen Verteidigungsminister Antoni Macierewicz, der Kontakt zu Leuten mit Verbindung zu russischen Geheimagenten pflegte. Piątek beschrieb, dass der Außenminister deshalb eine Gefahr für den polnischen Staat darstelle. Anfang dieses Jahres wurde Macierewicz von seinen Posten entlassen. Der ofizielle Grund wurde nicht genannt.

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