FacebookFlickrGoogleInstagramTeilenSoundcloudTwitterGefällt mirAntwortenRetweetenYouTubeZEIT ONLINEFacebookFlipboardMailFacebook MessengerPockettwitterWhatsappZ+
Anzeige

Polizeigewalt: Mit Gummigeschossen, Tränengas und Wasserwerfern

Die französische Polizei gilt als eine der gewalttätigsten in Europa. Nach einem Einsatz gegen Besucher eines Musikfests wird nun ein Mensch vermisst.
Französische Einsatzkräfte gehen schwer bewaffnet gegen Gelbwestenproteste in Paris vor. © Shay Horse/Getty Images

Ein Musikfestival für Elektrofans an der französischen Loire am vergangenen Wochenende. Die jungen Besucherinnen und Besucher tanzten bis in den Morgen – dann kamen die Polizisten. Sie forderten die jungen Männer und Frauen in Nantes auf, die Musik auszustellen, die landesweite fête de la musique sei zu Ende. Doch die Festivalbesucher wollten weiter feiern. Sie drehten kurze Zeit später wieder die Bässe auf. Es sollen auch Bierflaschen gegen Beamte geflogen sein. Und die französische Polizei eskalierte. Die Einsatzkräfte sprühten Tränengas, sogar eine Nebelgranate wurde geworfen – am Ende ließen die Beamtinnen und Beamten Hunde auf die Tanzenden los. So berichten es französische Medien.

Anzeige

In Panik fielen demnach viele von ihnen das sieben Meter tiefe Ufer in die Loire hinunter, 14 Menschen wurden von der Feuerwehr aus dem längsten Fluss Frankreichs gezogen. Aber der 24-jährige Steve Caniço wird weiter vermisst, obwohl seit Samstag mit Hunden, Tauchern und Drohnen nach ihm gesucht wird. Eine Freundin des Jugendbetreuers erzählt im Radio, dass er nicht schwimmen könne. In Nantes läuft noch immer eine Suchaktion.

Inzwischen hat Frankreichs Innenminister Christoph Castaner die IPGN, die Kontrollbehörde der französischen Polizei, angewiesen, den Vorfall zu untersuchen. Aber der unerbittliche Polizeieinsatz ist kein Einzelfall. Die französische Polizei gilt als besonders gewaltbereit, ihr Waffenarsenal ist weitaus größer als das der deutschen Beamten. Diese können beispielsweise Wasserwerfer und Tränengas nutzen, französische hingegen noch zusätzlich sechs verschiedene Handgranaten werfen und vor allem die besonders umstrittenen Flashballs einsetzen: Diese Gummigeschosse haben schon Dutzenden Menschen das Gesicht entstellt.

Gegen die Härte der Polizei gab es in Frankreich schon häufiger Proteste. Monatelang gingen Menschen vor allem in den Pariser Vorstädten auf die Straße, um gegen die harschen und handgreiflichen Kontrollen der Beamten zu protestieren. Auch gegen die Gelbwesten ging die Polizei mit Gewalt vor. Das alles brachte den französischen Sicherheitskräften sogar internationale Kritik ein. Mit dem Geschehen in Nantes kommt die Debatte nicht zur Ruhe.

Anzeige

Gewalt macht auch vor Journalisten nicht Halt

Die Menschenrechtschefin der UN, Michelle Bachelet, scheute nicht davor zurück, Frankreich mit Unrechtstaaten wie dem Sudan zu vergleichen. "Ich bin besorgt über die Repression von Demonstrierenden in Venezuela, Frankreich und im Sudan", sagte sie Anfang März. Auch der Verein Reporter ohne Grenzen prangerte an, wie Journalistinnen und Journalisten von der Polizei trotz sichtbarer Presseweste eingekesselt, verletzt und deren Kamera oder Mikrofone mutwillig zerstört worden seien. Mit Folgen für die Pressefreiheit: Einige Fotografen hätten nicht mehr gewagt, auf Demonstrationen Bilder zu schießen. Auch deshalb liegt Frankreich nur auf Platz 32 im Ranking der Pressefreiheit – Deutschland ist auf Platz 13. Die Statistik wird jedes Jahr von Reporter ohne Grenzen erstellt.

Während aber Medien zunehmend über Übergriffe der Beamten berichten, weigern sich Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und auch sein Innenminister, das Wort "Polizeigewalt" überhaupt in den Mund zu nehmen. "Polizeigewalt ist eine unwürdige Vokabel für einen Rechtsstaat", sagte Macron kürzlich in einer Debatte – so, als sei die Formulierung das Problem und nicht die Handlung. Politiker und Politikerinnen hüten sich generell davor, die Polizei öffentlich zu kritisieren. Dahinter steckt die Sorge, Kritik an den Sicherheitskräften könnte als Kritik am Staat selbst interpretiert werden.

Le Pen verteidigt die Polizei

Vor allem die rechtsextreme Marine Le Pen stellt sich jederzeit öffentlich vor die Polizei: Ihre Partei steht für Recht und Ordnung. Die Polizei bedingungslos in Schutz zu nehmen, kommt bei ihren Wählerinnen und Wählern und auch bei den mehrheitlich konservativen Französinnen und Franzosen noch immer gut an.

Dabei war die Polizeigewalt noch nie so öffentlich wie bei den Protesten der Gelbwesten, die ursprünglich mal für ein besseres Leben von ärmeren und unbeachteten Menschen auf die Straße gingen. In Endlosschleifen waren nicht nur auf Facebook und YouTube, sondern auch in den Hauptnachrichten Polizisten zu sehen, die Demonstrierende niederknüppelten, mit Wasserwerfern auf die Menge zielten oder mit Gummigeschossen Menschen zu Boden streckten. Auf der anderen Seite wurden auch die Gelbwesten gewalttätig, der berüchtigte schwarze Block warf Steine auf Polizisten und zündete Barrikaden an. Diese Täter und Täterinnen wurden allerdings in den allermeisten Fällen direkt verurteilt. Die angegriffenen Beamte, mit Helm, Stiefeln und Schutzweste ausgestattet, erlitten in den allermeisten Fällen leichte Verletzungen. Die Demonstrierenden hingegen – manchmal traf es auch Passanten – wurden oft schwerer verletzt. Manche von ihnen sogar für den Rest ihres Lebens.

Schwere Verletzungen durch gewaltbereite Polizisten kommen häufig vor

Seit die Gelbwesten protestieren, haben laut David Dufrenes von der Investigativredaktion Mediapart 24 Menschen ein Auge verloren und fünf Menschen eine Hand. Der Journalist hat seit Beginn der Proteste tage- und nächtelang jedes Zeugnis von Polizeigewalt gesammelt und überprüft. Dufrenes begann seine Recherche, nachdem er ein Video einer Studentin in Bordeaux gesehen hatte, die getroffen von einem Gummigeschoss mit blutendem Kopf auf dem Boden lag. Er dachte an seine Tochter. "Ich will die Opfer nicht allein lassen", sagt der 50-Jährige. Er sagt auch: Nach jeder Demonstration lüge der Staat über die Gewalt seiner Beamten.

Laut seiner laufend aktualisierten Statistik wurden mehrere Hundert Menschen am Kopf verletzt, einige an ihren Genitalien und Beinen. Die meisten Opfer waren Demonstrierende, aber auch mehr als 100 Journalisten, 48 Minderjährige und sogar 33 Ärztinnen und Ärzte.

Die jeden Samstag – das ist der übliche Tag für die Proteste – eintreffenden Opfer haben auch Ärzte und Pfleger im Krankenhaus schockiert. Laurent Thines, Neurochirurg am Krankenhaus in Besançon, startete eine Petition, um die Gummigeschosse LBD verbieten zu lassen. Ein LBD werde mit 320 Kilometern pro Stunde auf Köpfe geschossen – das sei so, als werfe man eine 20 Kilo schwere Betonplatte einen Meter über dem Kopf ab. "Wir opfern zu viele Leben", so Thines.

Keine Fehler der Beamten?

Tatsächlich wurde die IPGN, die Kontrollbehörde der Polizei, die inzwischen auch in Nantes ermittelt, im vergangenen Jahr 612-mal wegen mutwilliger Gewalt von Polizistinnen und Polizisten eingeschaltet. Aber bislang hatten die Klägerinnen und Kläger keinen Erfolg: Kein Beamter wurde sanktioniert, niemand vom Dienst suspendiert. In ihrem Jahresbericht von Mitte Juni sagte ihre Direktorin Brigitte Jullien, bislang habe keinem Beamten und keiner Beamtin fehlerhaftes Verhalten nachgewiesen werden können.

In Nantes hingegen bezweifeln nicht nur Freunde und Angehörige von Steve Caniços, dass der Einsatz der Polizei rechtmäßig gewesen sei. Auch die Bürgermeisterin schrieb einen Brief an die Präfektur und forderte Erklärungen, ein Video eines örtlichen Journalisten zeigt den Ort des Festes: eine abgelegene Industriebrache, in deren Umfeld nur Lagerhallen und Fabriken zu erkennen sind. Warum also brach die Polizei mit aller Gewalt die Party ab? Innenminister Christoph Castaner hat inzwischen eingeräumt, dass Steve Caniços Verschwinden "möglicherweise mit dem Polizeieinsatz" zu tun haben könnte. Noch immer fehlt jede Spur des jungen Mannes.

Startseite
Anzeige