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Bundeswehr: Wehrpflicht? Nein danke

Aus der ZEIT Nr. 34/2018
Eberhard Zorn, der neue oberste Soldat der Bundeswehr, über Dienstzwang, Abwehrfähigkeit und Twitter-Bereitschaft.
Der Saarländer Eberhard Zorn ist seit April Generalinspekteur der Bundeswehr. © Inga Kjer

DIE ZEIT: General Zorn, sie sind seit vier Monaten der oberste Soldat der Bundeswehr. Was wollen Sie anders machen als Ihre Vorgänger?

Eberhard Zorn: Prinzipiell glaube ich - und das hat nichts mit meinen Vorgängern zu tun -, dass in der Öffentlichkeit viel zu wenig über die Bundeswehr geredet wird. Was wir tun, was unser Auftrag ist, warum wir bei Auslandseinsätzen dabei sind – und wieso wir nun unsere Fähigkeit zur Landesverteidigung wieder stärken müssen. Ich will, dass die Bundeswehr in den sicherheitspolitischen Debatten stärker wahrgenommen wird als bisher. Ich will mich in den sozialen Medien äußern. Und ich gehe auch dorthin, wo sich keine Experten tummeln, die ohnehin ständig über unsere Themen diskutieren, ob vom Spielfeld oder von der Seitenlinie. Weil ich gern meinen Beitrag dazu leiste, solche Diskussionen stärker in die Öffentlichkeit zu tragen. Ich suche zum Beispiel auch den Kontakt in die Wirtschaft. In der Öffentlichkeit präsenter zu sein, das erwarte ich auch von meinen nachgeordneten Kommandeuren, und zwar von jedem in seinem Bereich.

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DIE ZEIT: Warum sprechen Sie gern mit Wirtschaftsbossen?

Zorn: Weil sie ein Gefühl für sicherheitspolitische Relevanz haben – ihre Unternehmen hängen ja häufig auch vom Weltmarkt ab. Top-Manager verstehen sofort, warum man weltweit Seefahrtswege schützen muss und welche konkrete Gefahr zum Beispiel Cyberattacken bedeuten.

DIE ZEIT: Was machen sie nach innen anders, im Umgang mit Ihren Soldaten?

Zorn: Ich überrasche sie mit unangekündigten Besuchen.

DIE ZEIT: Was soll das bringen? Wenn sie vorne zum Kasernentor hereinfahren, bleibt doch immer noch genug Zeit, um hinten aufzuräumen.

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Zorn: Da irren Sie sich. Ich fliege morgens mit dem Hubschrauber irgendwo hin, lande weit abseits der Kaserne, steige ins Auto, fahre in die Kaserne und stoppe dann nicht gleich hinterm Tor. Ich tauche dann plötzlich irgendwo auf. Bei meinem letzten Besuch im Sanitätsbereich. Da war keine Zeit, um noch was aufzuräumen. Und da muss auch keiner aufräumen, ich will ein authentisches und realistisches Bild sehen.

DIE ZEIT: Und was haben die Soldaten gesagt, als plötzlich der Chef vor ihnen stand?

Zorn: Sie fragten mich: "Sind Sie krank"?

DIE ZEIT: Sie wurden also nicht erkannt.

Zorn: Na, die haben schon gesehen, dass da einer mit vier Sternen auf der Schulterklappe vor ihnen steht. Es gibt immer eine Schocksekunde, und ich sage dann: "Guten Tag, ich bin der Generalinspekteur." Das Gute daran ist: Niemand kann einem da etwas vormachen, es gibt keinen Fake.

DIE ZEIT: Wie lautet Ihre erste Bilanz nach mehreren Überraschungsbesuchen?

Zorn: Die Truppe ist richtig gut, die Soldaten sind engagiert. Und ich mache mit meinen Besuchen weiter, klappere die ganze Truppe ab.

DIE ZEIT: Wenn Sie’s in wenigen Worten sagen müssten: Was benötigt die Bundeswehr, um eine funktionierende, gut ausgestattete und allen Anforderungen gerecht werdende Armee zu sein?

Zorn: Vor allem mehr Personal. 2016 haben wir daher die Trendwende Personal eingeleitet. Die Bundeswehr wächst wieder! Rund 21.000 offenen Stellen stehen nun 35.000 Frauen und Männer in der Ausbildung gegenüber. Aber es dauert, bis die Trendwenden in der Truppe richtig spürbar werden. Wir brauchen beispielsweise drei Jahre bis ein Feldwebel basisausgebildet ist, sprich: Von den neu Eingestellten kommt der erste Feldwebel 2019 zur Truppe.

DIE ZEIT: Also wird vom kommenden Jahr an alles besser?

Zorn: Wir haben die Sollstärke der Truppe auf 198.000 Soldaten erhöht. Ich bin guter Dinge, dass wir unsere Lücken Schritt für Schritt schließen.

DIE ZEIT: Und das geht auch ohne eine Wiederbelebung der Wehrpflicht?

Zorn: Ja. Wir wären auch kurzfristig gar nicht in der Lage, die Wehrpflicht wieder einzuführen, absolut nicht. Wir haben beispielsweise die Kreiswehrersatzämter abgeschafft. Und es gibt auch nicht genügend Kasernen, um alle Wehrpflichtigen aufzunehmen. Entscheidend ist aber, dass wir für die heutigen Aufgaben der Bundeswehr – also Auslandseinsätze und Landes- und Bündnisverteidigung – die Wehrpflichtigen der alten Zeit nicht benötigen. Heute brauchen wir auch bei den untersten Rängen, den Mannschaften, hoch ausgebildete Spezialisten mit durchschnittlichen Verpflichtungszeiten von 10 Jahren und mehr.

DIE ZEIT: Und langfristig?

Zorn: Das gilt auch langfristig. Und laut Grundgesetz braucht es eine schwerwiegende sicherheitspolitische Begründung, um ganze Jahrgänge junger Menschen zum Wehrdienst zu verpflichten. Die sehe ich derzeit auch nicht.

"Sicherheit kostet auch Geld"

DIE ZEIT: Deutschland debattiert über eine signifikante Erhöhung des Verteidigungsetats. Verstehen Sie, dass manche Bürger eine neue Aufrüstungsspirale fürchten? Was sagen sie denen?

Zorn: Dass wir nicht aufrüsten wollen, sondern, dass wir unsere zum Teil enormen Lücken schließen müssen, die durch 25 Jahre des Abbaus gerissen wurden. Auch die sicherheitspolitische Lage in Europa hat sich geändert. Das haben mir meine Amtskollegen in Litauen und Georgien sehr eindringlich geschildert, als ich sie in diesen Tagen besucht habe. Sicherheit kostet auch Geld.

DIE ZEIT: Wenn die Regierung ihre Zusage einhält und den Etat bis 2024 auf zwei Prozent des BIP anhebt, dann steigt der Betrag von derzeit 38,5 Milliarden auf über sechzig Milliarden Euro. Ist das vermittelbar?

Zorn: Die Verteidigungsministerin hat auf dem Weg zu den zwei Prozent zunächst 1,5 Prozent bis 2024 benannt. Das halte ich für sehr realistisch. Es passt zu dem, was wir jetzt und in den kommenden Jahren brauchen. Und das ist auch vermittelbar.

DIE ZEIT: Das heißt: Die zwei Prozent sind es nicht.

Zorn: Wir hatten in Deutschland schon mal mehr als drei Prozent. Alle Nationen in der Nato stehen  dazu, dieses Ziel schrittweise zu erreichen. Die Bundeswehr braucht mehr Geld für ihre Modernisierung und die gewachsenen Aufgaben. Ich finde es richtig, den Trend nach oben zu halten.

DIE ZEIT: Sie haben die französische Generalstabsausbildung absolviert, waren Kommandeur einer Division, der eine niederländische Brigade zugeordnet war. Ist Ihre Berufung zum Generalinspekteur, ein Zeichen dafür, dass Europa militärisch enger zusammenrückt und unabhängiger von den USA sein will?

Zorn: Das könnte man aus meiner Vita so lesen. Wir müssen in Europa die Nationalstaatlichkeit im militärischen Denken überwinden. Nicht nur, um durch gemeinsame Rüstungsprojekte Geld zu sparen, sondern auch aus unserem sicherheitspolitischen Interesse heraus. Insofern habe ich ein Faible dafür, dass das vorangetrieben wird. Ich bin zwar überzeugter Europäer – aber zugleich auch überzeugt davon, dass wir auf die nächsten Jahre hinaus ohne die Amerikaner nicht klarkommen werden.

DIE ZEIT: Jahre oder Jahrzehnte?

Zorn: Sagen wir mal: auf länger. Amerika ist der wichtigste militärische Ankerpunkt der westlichen Staatengemeinschaft.

DIE ZEIT: Braucht die Bundeswehr mehr Geld wegen Trump oder gegen Trump – also wegen des Drucks des US-Präsidenten oder wegen größerer Unabhängigkeit von ihm?

Zorn: Schon unter Barack Obama haben sich die USA stärker auf den pazifischen Raum konzentriert und von Europa mehr Beiträge gefordert. Das verdichtet sich weiter. Die Amerikaner brauchen zwar Europa weiter als Drehscheibe – denken Sie an Rammstein –, von der aus sie ihre Interessen vom Vorderen Orient über Litauen bis Afrika koordinieren. Sie fordern aber auch uns Europäer auf, mehr Verantwortung zu übernehmen. Und das völlig zu Recht. Wir geben aber nicht mehr Geld für Verteidigung aus, weil Präsident Trump das will. Sondern weil es richtig und notwendig ist.

DIE ZEIT: Großbritannien hat militärisch innerhalb Europas und der EU immer eine tragende Rolle gespielt. Ist der Brexit sicherheitspolitisch ein Problem?

Zorn: Trotz Brexit fühlt sich Großbritannien sicherheitspolitisch weiterhin als Teil des europäischen Kontinents. Das Interesse der Briten ist jedenfalls groß, weiterhin diese tragende Rolle einzunehmen.

DIE ZEIT: Vor ein paar Wochen gab es Forderungen, wonach Deutschland dringend Atomwaffen bräuchte. Was dachten Sie, als Sie die Schlagzeile sahen? 

Zorn: Was für ein Nonsens, dachte ich. Wir brauchen keine eigenen Atomwaffen.

DIE ZEIT: Auch nicht, wenn die Schutzgarantie der USA unter einem Präsidenten Trump nicht mehr uneingeschränkt gilt?

Zorn: Ich habe keinen Zweifel daran, dass die Schutzgarantie in der NATO gilt.

Rabattmärkchen im Burgerladen?

DIE ZEIT: Der damalige Verteidigungsminister Thomas de Maizière hat Abzeichen anfertigen lassen für verdiente Veteranen, die seitdem nicht vergeben wurden. Schlicht, weil man sich nicht darauf einigen kann, wer genau ein Veteran ist. Würde ihnen jemand einfallen, der so eine Auszeichnung verdient hätte?

Zorn: Schon heute bekommt jeder Soldat, der in den Einsatz geht, eine deutsche und eine internationale Einsatzmedaille. Da bekommen Sie die Wertschätzung buchstäblich an die Brust geheftet. Aus meiner Sicht reicht das völlig. Ein zusätzliches Abzeichen ist unnötig.

DIE ZEIT: In den USA werden die Veteranen hoch geschätzt und an einem Gedenktag groß gefeiert. In Deutschland beschweren sich viele ehemalige Soldaten dass man ihre Leistungen nicht hinreichend würdigt. Haben sie recht?

Zorn: Das allerwichtigste ist doch, dass Soldaten, die für die Bundeswehr in einem Kampfeinsatz waren, sich auf eine umfassende soziale, persönlich und gesundheitliche Absicherung verlassen können. Die Bundeswehr kümmert sich im internationalen Vergleich in herausragender Weise um Soldaten, die an Körper oder Seele verletzt werden. Das gilt übrigens auch für die Familien! Hier erfahren wir Soldaten doch unmittelbare Würdigung. Sogar im Parlament sind diese Fragen immer wieder Thema.

DIE ZEIT: Trotzdem beklagen sich die Veteranen über eine zu geringe öffentliche Wertschätzung.

Zorn: Da darf ich schon mal gegenfragen: Was erwarten sie denn? Erwarten sie, dass, wenn sie – wie in den USA – über die Straße laufen, ihnen immer mal wieder jemand Wildfremdes auf die Schulter klopft und sagt: "You did a great job!"? Und dazu gibt es Rabattmärkchen im Burgerladen? Auf mich wirkt so etwas aufgesetzt. Und dass ich in einem Laden meinen Truppenausweis zeige und dann einen Euro Rabatt bekomme, ganz ehrlich: Ich persönlich empfinde das nicht zwingend als Wertschätzung. Davon mal abgesehen: In meinen Augen haben alle Soldatinnen und Soldaten Wertschätzung verdient, ehemalige genauso wie aktive.

DIE ZEIT: Was empfinden Sie dann als Wertschätzung?

Zorn: Schon eher dass wir im Verteidigungsministerium, mitten im Herzen von Berlin, mit einem für die Öffentlichkeit zugänglichen Ehrenmal an die Soldaten erinnern, die im Dienst ihr Leben ließen. Das ehrt den Einsatz jedes einzelnen Soldaten. Im übrigen werden all unsere Einsatzkontingente in der Öffentlichkeit verabschiedet und wieder empfangen – also auf öffentlichen Plätzen überall im Land. Eine Verdrängung aus der Öffentlichkeit, die manche Veteranenverbände beklagen, kann ich nicht erkennen.

Dieser Artikel ist eine aktualisierte Version des Artikels "Wehrpflicht? Nein danke" aus der ZEIT Nr. 35 vom 23.08.2018.

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