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CDU-Bundesparteitag: "Die Zeit der Denk- und Sprechverbote sollte vorbei sein"

Merz, Spahn oder Kramp-Karrenbauer: 1.001 Christdemokraten bestimmen, wer CDU-Chef wird. Wer sind die Delegierten und wen wählen sie? Vier von ihnen erzählen es hier.
CDU-Mitglieder auf einem Landesparteitag 2018 in Schleswig-Holstein © Frank Molter/dpa

Wer wird die CDU in Zukunft führen? 1.001 Parteimitglieder stimmen an diesem Freitag darüber ab; eine weitreichende Entscheidung, schließlich könnte der Sieger auch nächste Kanzlerin oder nächster Kanzler werden. Wer also sind die Menschen, die auf dem Parteitag in Hamburg diese wichtige Frage entscheiden?

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Im Grunde kann jedes CDU-Mitglied Delegierter oder Delegierte auf einem Parteitag werden. Bewerber müssen bei einem Kreis- oder Bezirksparteitag für dieses Amt kandidieren und dann von anderen Parteimitgliedern gewählt werden. Die Regularien unterscheiden sich aber je nach Landesverband der CDU. Manchmal wählen auch Landesparteitage die Delegierten. Das Delegiertenmandat ist auf zwei Jahre begrenzt. Viele CDU-Mitglieder werden aber häufig wiedergewählt.

Die meisten Delegierten sind keine einfachen Parteimitglieder, sondern üben darüber hinaus bestimmte Funktionen aus, sei es als Abgeordnete, als Bürgermeister oder Minister oder Vorsitzende einer Parteigruppierung. Das hat auch damit zu tun, dass es bei der Aufstellung der Delegierten viel Konkurrenz gibt. Man muss schon ein bisschen bekannt sein in der CDU, um eine Chance zu haben, gewählt zu werden. Mindestens ein Drittel der Delegierten sollen nach den Statuten der Partei Frauen sein. Auch wenn es in der CDU keine harte Quote gibt, wurde dieser Anteil zuletzt immer erreicht.

Auch jeder Auslandsverband der CDU darf einen Delegierten entsenden. Einen solchen gibt es nur in Brüssel – so kommt es zu der ungeraden Zahl von 1.001 Delegierten. Wie die übrigen 1.000 Delegiertenplätze auf die Landesverbände verteilt werden, hat mit der Anzahl der Parteimitglieder in dem jeweiligen Land, dem Verhältnis von Parteimitgliedern und Bevölkerungsstärke sowie dem jeweils letzten Landtagswahlergebnis zu tun. Mit 296 Mitgliedern ist der nordrhein-westfälische Landesverband in Hamburg am stärksten vertreten. Die wenigsten Delegierten – nämlich fünf – stellt der Landesverband Bremen.

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Die allermeisten der jetzigen Delegierten wurden gewählt, bevor klar war, dass auf diesem Parteitag über die Nachfolge von Angela Merkel entschieden wird. Wir stellen vier Christdemokraten vor, die über die Nachfolge von Angela Merkel entscheiden.

Birte Glißmann

Birte Glißmann © privat

Der jetzige Parteitag ist der dritte, auf dem ich dabei bin. Vor zwei Jahren bin ich zum ersten Mal zur Delegierten für den Bundesparteitag gewählt worden. Dass es diesmal so spannend werden würde, konnte ich da noch nicht ahnen.

Ich bin 25 Jahre alt, Rechtsreferendarin und lebe in Seestermühe, einem 900-Einwohner-Ort im südlichen Schleswig-Holstein, 30 Kilometer von Hamburg entfernt. Seit einer Woche bin ich Landesvorsitzende der Jungen Union in Schleswig-Holstein. Schon als Schülerin war mir der Leistungsgedanke wichtig. Wenn Mitschüler über Gerechtigkeit sprachen, fand ich oft, dass sie in Wahrheit eher über Gleichmacherei reden. Über Freunde bin ich mit 16 zur Jungen Union gekommen und ein Jahr später in die CDU eingetreten.

Ich habe mich noch nicht entschieden, wen ich zu Merkels Nachfolger wählen werde. Das hängt davon ab, was bis dahin noch so passiert. Ich erwarte von der oder dem Vorsitzenden, dass sie oder er in der Partei gut verankert ist. Es geht nicht nur darum, pointiert Forderungen nach außen zu vertreten, sondern eben auch, sich um die Partei zu kümmern. Ich wünsche mir jemanden, der nahbar ist, der sich auf die Leute einlassen kann. Insofern gibt es bei mir eine Tendenz zu Annegret Kramp-Karrenbauer. Dass sie eine Frau ist, spielt dabei keine Rolle. Das Geschlecht ist mir völlig egal.

Jens Spahn macht seinen Job als Minister sehr gut. Aber wenn es darum geht, ein möglichst breites Meinungsspektrum in der Partei abzubilden, ist das bei ihm schwierig. Von Friedrich Merz würde ich mir wünschen, dass er in der Politik bleibt, auch wenn er nicht gewählt wird – auch weil er Menschen erreicht, die sich in der Vergangenheit nicht so gut angesprochen gefühlt haben. Wenn er sich nach einer Niederlage einfach wieder zurückzöge, wäre ich schon enttäuscht.

In meiner Entscheidung bin ich völlig frei. Es gibt keine Vorgabe des Landesverbands, wen wir wählen sollen, auch wenn unser Landesvorsitzender Daniel Günther kein Geheimnis daraus macht, dass er Kramp-Karrenbauer unterstützt. Für die Zukunft wünsche ich mir vor allem, dass die Kommunikation zwischen der Parteispitze und den Mitgliedern besser wird. Inhaltlich müssen wir abschließend – aber auch wirklich abschließend – das Thema Migration diskutieren und wir müssen unseren Wirtschaftsflügel wieder besser einbinden. In Zeiten der großen Koalition müssen wir überlegen, wie wir uns von der SPD abgrenzen können. Ich hoffe, dass die Diskussionen auf dem Bundesparteitag genauso offen stattfinden wie jetzt im Vorfeld. Dann kann in Hamburg alles passieren. Viele sagen, die CDU sei diskussionsmüde, das habe ich so bisher überhaupt nicht so wahrgenommen.

"Das starke Gefühl, dass sich was ändern muss"

Markus Reichel © BLEND3 Frank Grätz

Markus Reichel

Seit anderthalb Jahren herrscht an der Basis schon das starke Gefühl vor, dass sich was ändern muss, dass wir einen Wandel brauchen. Da werden als Delegierte dann auch eher mal Leute gewählt, die nicht schon ihr ganzes Leben in der Politik verbracht haben. Das hat mir wohl auch geholfen. Der jetzige Bundesparteitag ist erst der zweite, an dem ich teilnehme.

Ich bin Geschäftsführer eines mittelständischen Beratungsunternehmens, verheiratet, Vater von fünf Kindern und lebe seit 1991 in Dresden. Seit 20 Jahren bin ich Mitglied der CDU und seit acht Jahren Landesvorsitzender der Mittelstandsvereinigung der CDU in Sachsen, was ein ziemlich zeitintensives Hobby ist. Im Januar dieses Jahres bin ich von meinem Kreisverband zum Delegierten für den Bundesparteitag gewählt worden.

Ich bin absolut kein Merkel-Kritiker, ich bin der Frau wirklich dankbar dafür, was sie gemacht hat und dass sie es gemacht hat. Trotzdem sind da seit drei Jahren mehrere Dinge zusammengekommen, nicht nur die Flüchtlingskrise, davor auch die Eurokrise, die Energiewende – also man hat gemerkt, dieses Weiter-so verfängt nicht mehr. Der Aufstieg der AfD hat ja Gründe, das hat auch mit fehlender Positionierung zu tun. Wir haben unsere Kernwählerschaft zugunsten von Randgruppen vernachlässigt. Die Ehe für alle zum Beispiel. Ich bin dafür, aber es wurde falsch angepackt. Merkel hat in den letzten zwei Jahren kommunikativ Dinge sehr schlecht gelöst, vor allem auch, was das Flüchtlingsthema angeht. Das hat auch dazu geführt, dass die CDU da steht, wo sie steht.

Aber wie sie ihren Rückzug angekündigt hat, die Art und Weise, wie wir jetzt einen neuen Parteichef wählen – darüber bin ich absolut happy. Wir haben drei gute Kandidaten für den Parteivorsitz, ich könnte mit jedem leben. Und das ist auch die Stimmung in meinem Kreisverband. Es gibt klar ausgeprägte Neigungen, aber keine totale Ablehnung. Ich würde zum aktuellen Zeitpunkt Merz wählen, ich lasse aber noch die nächsten Tage vergehen. Ich treffe mich noch mal mit Mitgliedern, da möchte ich auch aufnehmen, was die sagen und denken. Schon aus Respekt vor diesem Treffen würde ich nie sagen, meine Meinungsbildung ist abgeschlossen. In meiner Umgebung gibt es allerdings eine klare Pro-Merz-Stimmung. Die Mittelstandsvereinigung Sachsen hat eine Umfrage gemacht, da haben sich 80 Prozent für Merz ausgesprochen, in meinem Kreisverband, würde ich schätzen, sind zwei Drittel pro Merz.

Natürlich spielt für mich als Unternehmer seine wirtschaftspolitische Erfahrung eine Rolle, er hat in der Wirtschaft gearbeitet, kennt die Abläufe und die Erfordernisse. Gerade auf diesem Feld haben wir zuletzt oft keinen klaren Kurs gehabt. Da traue ich am ehesten Merz zu, die entsprechenden Fragen zu stellen und mit einer bestimmten ordnungspolitischen Verankerung zu beantworten. Dass er in den letzten Tagen couragiert bestimmte Themen angesprochen hat, über die man sprechen sollte, weil sie die Leute beschäftigen – zum Beispiel das Grundrecht auf Asyl –, ist gut. Die Zeit der Denk- und Sprechverbote sollte vorbei sein. Was nicht heißt, dass ich der Auffassung bin, dass das Asyl aus dem Grundgesetz raus soll. Aber viele Themen sind in den Jahren der asymmetrischen Mobilisierung nie angesprochen worden. Die Leute sind verunsichert, wofür wir eigentlich stehen. Merz hat schon dazu beigetragen, das zu beleben.

"Wir Frauen in der CDU sind Kummer gewohnt"

Susanne Wetterich © privat

Susanne Wetterich

Ich bin 62 Jahre alt, Inhaberin einer PR-Agentur und wohne mitten in Stuttgart. Ich bin seit 19 Jahren in der CDU, mit verschiedenen Funktionen: Ich bin im Bundesvorstand der Frauenunion, Vorsitzende der Frauenunion im Bezirk Nord-Württemberg und CDU-Regionalrätin im Verband Region Stuttgart, dort kümmern wir uns um Bau-, Verkehrs- und Wirtschaftsfragen. Seit 2012 bin ich immer Delegierte für den Bundesparteitag gewesen. Grundsätzlich sollte ja ein Drittel der Delegierten Frauen sein, in Baden-Württemberg ist es immer etwas schlechter, wir sind ungefähr ein Viertel. Es gibt eben Parteimitglieder, die wählen keine Frauen. Wir Frauen in der CDU sind Kummer gewohnt, aber wir lassen nicht locker. Die Erfolge überwiegen.

Ich wähle Annegret Kramp-Karrenbauer. Sie ist für mich die kompletteste Kandidatin der drei Bewerber. Sie hat bewiesen, dass es ihr wirklich um die Partei geht, sonst hätte sie ihr Amt als Ministerpräsidentin nicht aufgegeben, um Generalsekretärin zu werden. Sie ist für mich die Glaubwürdigste und politisch Erfahrenste mit dem breitesten Spektrum. Und sie hat einen klaren ethischen und moralischen Kompass. Sie ist christlich geprägt und orientiert, das kommt bei ihr ganz deutlich rüber. Nicht nur Männer, auch Frauen sagen ja jetzt: Nicht schon wieder eine Frau als Vorsitzende. Ich sage dann immer: Okay, vor Merkel hatten wir 55 Jahre Männer, warum dann nicht mal 55 Jahre Frauen? Aber letztendlich glaube ich, das Geschlecht wird bei dieser Wahl nur eine untergeordnete Rolle spielen.

Herr Merz ist ein sehr guter Redner, er hat eine hohe Kompetenz vor allem in Wirtschaftsfragen, aber das Wägen der Worte ist ihm nicht mehr so vertraut. Mit seinen Aussagen zum Asylrecht zum Beispiel lag er einfach daneben. So was darf eigentlich nicht passieren, wenn ich mich um den Vorsitz einer Partei bewerbe, vor allem in einer Frage, die so umstritten ist. Das ist schon ein großer Fehler von ihm gewesen. Herr Spahn ist ein Mensch, der polarisiert und auch provoziert, das ist meines Erachtens für die CDU nicht die richtige Strategie. Wenn man stärkste Partei ist, passt das nicht. Man polarisiert aus Schwäche heraus, aber nicht aus Stärke.

Ich war traurig und berührt, als Merkel ihren Abschied angekündigt hat. Das hat mich schon mitgenommen, diese ständigen Streitereien in unserer Partei, diese Anfeindungen, die sie auch innerhalb der CDU erlebt hat. Ich habe da immer dagegengehalten. Schwierig war vielleicht manchmal ihr Kommunikationsstil: Merkel ist halt eine Naturwissenschaftlerin, sie analysiert die Dinge und gibt dann ihre Analyse bekannt. Das überfordert manche Menschen.

Der oder die neue Parteivorsitzende muss die Partei auf jeden Fall mehr mitnehmen. Das ist zu kurz genommen. Damit meine ich nicht, dass man über alles an der Basis abstimmt, aber man muss mehr diskutieren, mehr erklären, den Leuten die Möglichkeit geben, ihre Meinung dazu zu sagen und die dann auch ernst nehmen. Inhaltlich müssen wir uns so breit wie möglich aufstellen. In Stuttgart sind die Grünen nah an 40 Prozent, in dem Wahlkreis, in dem ich wohne, sogar über 40 Prozent. Wir haben nicht mal mehr 20 Prozent. Vor zehn Jahren war das noch deutlich anders, da hatten die acht und wir 30. Wir müssen uns mehr mit den Grünen beschäftigen als mit der AfD. Mit der auch, aber das tun wir ohnehin. Aber in Umweltfragen oder beim Klimaschutz: Da haben wir das Feld vollkommen den Grünen überlassen. Das war sicher falsch.

"Die Jungen müssen zeigen, dass sie etwas können "

Fred-Holger Ludwig © privat

Fred-Holger Ludwig

Ich bin 73 Jahre alt und gynäkologischer Onkologe, also spezialisiert auf die Behandlung von Krebs bei Frauen. Ich arbeite immer noch, weil ich keinen Nachfolger für die Praxis gefunden habe und meine Patienten nicht im Stich lassen will. Seit 2014 bin ich zudem ehrenamtlicher Bürgermeister in dem 8.400-Einwohner Städtchen Bad Bergzabern, in dem ich wohne, einem Kurort in Rheinland-Pfalz. Außerdem bin ich Landesvorsitzender der Seniorenunion. In die CDU bin ich erst 1989 eingetreten, weil ich der Meinung bin, man sollte erst in die Politik gehen, wenn man gezeigt hat, dass man in seinem Beruf auch was kann.

Ich bin schon sehr lange auf CDU-Parteitagen als Delegierter dabei, auch bei der Wahl von Angela Merkel im Jahr 2000 habe ich mit abgestimmt. Ich war damals für sie. Sie hat mich nicht enttäuscht. Sie hat unwahrscheinlich viel für Deutschland getan. Aber wir haben jetzt ja schon eine ganze Generation, die eigentlich nur Merkel als Kanzlerin kennt. Deswegen ist es gut, dass es jetzt einen Wechsel gibt. Es ist toll, dass wir drei Kandidaten für dieses Amt haben, aber ich habe mich noch nicht entschieden. Ich ringe noch mit mir. Dabei habe ich die drei sogar bei mehreren Gelegenheiten gesehen. 

Ich hätte mir jedoch gewünscht, dass die Unterschiede klarer deutlich werden. Da hoffe ich jetzt auf die Reden auf dem Bundesparteitag. Ob Frau oder Mann ist für mich nicht entscheidend, auch nicht das Alter. Als Senioren-Union haben wir zwar den Slogan "Zukunft braucht Erfahrung". Doch mit keiner anderen Gliederung in unserer Partei ist die Zusammenarbeit so gut wie mit der Jungen Union. Ich habe nichts dagegen, dass junge Menschen wie Herr Spahn Verantwortung übernehmen. Allerdings ist jung sein an sich auch kein Qualitätskriterium. Die Jungen müssen zeigen, dass sie etwas können.

Für meine Partei wünsche ich mir, dass sich die Diskussionskultur wieder verbessert. Das war doch eine Katastrophe in den letzten Jahren, nicht nur in der Partei, auch in der Bundestagsfraktion, wenn ich etwa daran denke, wie man mit Wolfgang Bosbach umgegangen ist oder an den Streit zwischen CDU und CSU. Wenn es keine Diskussionskultur gibt, reißen auch Gesprächskanäle ab, und wenn man in einer Partei nicht mehr miteinander redet, ist es um eine Partei schlecht bestellt. Das war auch ein Grund, dass wir in diesem Sommer in den Abgrund geguckt haben.

Wir sind konservativ, wir haben das C im Namen. Und dazu gehört auch, dass man sich anständig benimmt. Wir müssen wieder dazu kommen, dass nicht jede abweichende Meinung als Kritik an einer Person gedeutet wird. Inhaltlich hat Spahn die richtigen Punkte gesetzt. Wir müssen die Partei der Inneren Sicherheit sein. Es kann nicht sein, dass der Rechtsstaat sich zurückzieht und sich nicht durchsetzen kann. Und wir brauchen eine Art Aussteigerprogramm für die AfD. Wir haben eine Million Wähler an die AfD verloren. Das sind nicht alles Rechte, sondern größtenteils Protestwähler. Die kriegen wir nur zurück, wenn wir eine für den Bürger verständliche und akzeptable Politik machen und ihn mehr in die politische Arbeit einbeziehen.

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