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Kandidatenturnier: Die Berliner Mauer greift an

Ex-Weltmeister Wladimir Kramnik spielt eine Partie, die Schachgeschichte schreiben wird. Das Publikum ist begeistert.
Lewon Aronian (links) und Wladimir Kramnik vor dem ersten Zug © World Chess

Zu Beginn des Kandidatenturniers am Wochenende im Kühlhaus am Gleisdreieck war Ex-Weltmeister Wladimir Kramnik selbstbewusst aufgetreten, als er nach seinem Verhältnis zu Berlin gefragt wurde. Niemand habe im Schach je so viel für den Ruf einer einzelnen Stadt getan wie er, sagt er, und diese Stadt sei Berlin.

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Das stimmt. Als Kramnik im Jahr 2000 bei der WM in London die Attacken des Weltmeisters Garri Kasparow abwehren musste, griff er zu einer Zugfolge, die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Berlin in Mode gekommen, aber dann vergessen worden war. Kramnik belebte die Berliner Verteidigung mit verbesserten Varianten, an denen Kasparow sich die Zähne ausbiss. Der Weltmeister gewann nicht eine Partie, der Herausforderer entthronte ihn, und seine Wunderwaffe ist seither der ganzen Schachwelt als Berliner Mauer bekannt.

Alle Großmeister haben die Berliner Mauer in ihr Repertoire aufgenommen, weil sie so sicher ist. Das Schachpublikum liebt die Mauer indes gar nicht, weil in vielen Varianten gleich zu Beginn die Damen getauscht werden und es danach zu so langwierigen wie umständlichen Figurenmanövern kommt. Schwarz hat kaum Gewinnchanchen, schafft aber meist ein Unentschieden.

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Als nun Wladimir Kramnik am Montagnachmittag seine Berliner Mauer in Berlin errichtet, ist das eine historisch schöne Pointe, die das Publikum mit einem gequältem Lächeln quittiert. Jetzt wird wieder ewig herumgezogen! Selten sollen sich die Schachfans so täuschen wie in diesem Moment. Und auch Kramniks Gegner, der starke Armenier Lewon Aronian, ahnt nicht, was ihm droht.

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Man ist versucht, es weltmeisterlich zu nennen

Kramnik schiebt im siebten Zug einen Turm auf das Feld g8, verzichtet somit gegen alle Üblichkeit auf die Rochade. Der Turm hinter dem Bauern, das erinnert an das Spannen eines mittelalterlichen Katapultes auf der Burg. Gleich fliegt dir was entgegen! Und so kommt es. Kramnik öffnet seine Mauer und beginnt einen Bauernsturm auf den weißen Königspalast. Ein erster Stein fliegt, Volltreffer! Man könnte das Klirren im ganzen Spielsaal hören, wenn es nicht so still wäre. Weiter oben im Kühlhaus rennen die Schachreporter und Schaulustigen an die Bildschirme mit den Partiekommentaren, um sich von kundigen Meistern erklären zu lassen, was um Himmels Willen da geschieht.

Nun, es ist etwas, das es noch nie gab: Die Berliner Mauer greift an. Der schwarze König steht unbehelligt in der Mitte, während alle Offiziere auf ihre Posten eilen. Mit jedem Zug verschlechtert sich Aronians Stellung, der Angriff hat ihn kalt erwischt, und jetzt findet er die richtigen Mittel nicht. Nach 18 Zügen zittert sein König im brennenden Palast, während seine Truppen wie gelähmt in der Kaserne stehen. Im 27. Zug streckt Aronian die Waffen, kurz vor dem Matt.

Diese Partie ist ein erster Höhepunkt des Kandidatenturniers, dessen Sieger ja den Weltmeister herausfordern darf. Aronian, dem das viele Schachfreunde wünschen, weil er ein so kreativer Spieler ist, hat nun eine schwere Aufgabe vor sich. Nicht nur, dass er gegen einen Mitfavoriten verloren hat. Er hat mit Weiß verloren und ist geradezu überrollt worden. Wird er sich davon erholen können? Noch sind 11 Runden zu spielen.

Kramnik dagegen hat nach drei Runden 2,5 Punkte. Das Publikum hat er im Sturm erobert. Und wie selbstverständlich er vom geduldigen Positionsspiel am einen Tag auf furiosen Angriff am anderen umschalten kann! Man ist versucht, es weltmeisterlich zu nennen.

Die drei anderen Partien des Tages enden allesamt unentschieden: Karjakin gegen Grischtschuk, So gegen Ding, Caruana gegen Mamedjarow. Am Dienstag ist Ruhetag. Mittwoch um 15 Uhr folgt die vierte Runde.

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