FacebookFlickrGoogleInstagramTeilenSoundcloudTwitterGefällt mirAntwortenRetweetenYouTubeZEIT ONLINEFacebookFlipboardMailFacebook MessengerPockettwitterWhatsappZ+
Anzeige

Spitzensport: Frauen als schmückendes Beiwerk

Unter den 100 bestverdienenden Sportlern der Welt ist nur eine Frau. Sportlerinnen werden belächelt, ignoriert, schlechter bezahlt. Warum eigentlich?
Die US-amerikanischen Eishockeyfrauen während der Olympischen Spiele in Pyeongchang © Harry How/Getty Images

Erst neulich bei den Olympischen Winterspielen in Pyeongchang war es wieder so weit. Zur Siegerehrung wurden zuerst die Frauen gebeten, dann die Männer. Bei fast drei Vierteln aller gemeinsamen Medaillenverleihungen gebührte den Herren der prägende, letzte Auftritt. Die Paralympics verliefen ähnlich.

Anzeige

Das Gleiche passiert, wenn Frauen und Männer ihre Wettkämpfe am selben Ort austragen. Sei es im Badminton, Tennis oder Beachvolleyball. Die unumstößliche Ordnung: erst das Frauenfinale, dann das der Männer. Wäre der Sport ein Konzert, Frauen wären die Vorband aus der Vorstadt, die Kerle der gehypte Hauptakt.

Über Sportlerinnen wird weniger berichtet, sie verdienen weniger als ihre männlichen Kollegen und werden in vielen Sportarten oft belächelt. Frauen werden im Profisport durchweg marginalisiert, sogar in der Sprache. "Die Mädels" sind meistens "hübsch", "süß" oder "grazil", Männer dagegen "Riesen" oder gleich "Muskelberge". Es scheint, als ob der Sport einem ritualisierten Chauvinismus unterliegt, als wäre er ein global gefeierter Gentlemen's Club.

Nirgendwo ist der Gender Pay Gap gewaltiger

Es ist kein neues Phänomen. Wie alle Teile der Gesellschaft ist auch der Profisport einem Zeitgeist entsprungen. Seit aus dem Sport ein professioneller Betrieb wurde, in grauen, patriarchalischen Vorzeiten, formte und verformte die Jahrzehnte währende Männerdomäne die Strukturen und Wirkung vieler Disziplinen. Dieses historische Ungleichgewicht belastet die meisten Sportarten noch heute.

Anzeige

Vielleicht nicht so sehr im Breitensport, schließlich treiben laut Deutschem Olympischen Sportbund in etwa genauso viele Frauen Sport wie Männer. Auch die olympische Teilnehmerquote erreicht annähernd Parität. Doch die meisten Olympioniken sind so etwas wie Schaltjahresstars, ihre Erfolge werden schnell vergessen.

Dort, wo massenweise zugeguckt und hingejubelt wird, wo das große Geld liegt, wo Sportler mit ihrer Leistung ihr Leben bestreiten müssen, im oberen Zehntel der Sportlergesellschaft also, geht es zu wie in einem Londoner Herrenclub aus dem 19. Jahrhundert. Unter den 100 bestverdienenden Athleten 2017 befanden sich 99 Männer. Die Tennisspielerin Serena Williams ist die einzige Ausnahme. Nirgendwo ist der Gender Pay Gap gewaltiger. 

85 Prozent aller Sportberichte befassen sich mit Männern

Wieso bleibt Sport unberührt von einer gesellschaftlichen Debatte, die Chauvinismus-Refugien wie Hollywood erschüttern kann? Der Profisport scheint völlig abgekapselt. Er ist eine Parallelwelt voller Testosteron.

"Männer berichten für Männer über Männer", so fasst der Sport- und Medienwissenschaftler Jörg-Uwe Nieland die deutsche Sportlandschaft zusammen. 85 Prozent aller deutschen Berichte über Disziplinen und Athleten befassen sich mit den Herren. In den USA, dem Heimatland der Big Four (NHL, NBA, NFL, MLB) und vieler Sportmillionäre, wird gar noch stärker über die Frauenseite des Sports geschwiegen. "Dort liegt die Quote der Berichterstattung unter fünf Prozent", sagt Nieland. Das liegt auch am Ungleichgewicht im Sportjournalismus. Eine 2014 veröffentlichte Studie bescheinigt, dass 89 Prozent aller Autoren Männer sind – auch das Sportressort von ZEIT ONLINE ist da keine Ausnahme. "Frauen sind auch in Verbänden weniger vertreten. Weniger Frauen sind Trainer und Expertinnen", sagt Nieland.

Gleichheit in der Berichterstattung wird nur in äußerst seltenen Fällen gelebt, eigentlich nur alle zwei Jahre unter den fünf olympischen Ringen. Beim größten Sportevent der Welt entdecken Reporter jedes Mal aufs Neue die weibliche Seite vieler Disziplinen. Etwa 45 Prozent der Storys werden dann von Frauen geprägt. Der alltägliche Leistungssport der Frauen geht dagegen häufig unter. Auch bei weiblichen Zuschauern: "Die Sportarten und vor allem, wie sie gezeigt werden, sind für die Mehrzahl der Frauen derzeit offensichtlich nicht sonderlich attraktiv", sagt Nieland.

Im Volleyball funktioniert es

Männer spielen vor Kameras, ausverkauften Hallen und natürlich mit guter TV-Quote. Wenn es ein weibliches Pendant dazu gibt, findet das in der Regionalpresse statt. Etwa im Basketball, Eishockey, Darts, Handball, Radsport und auch im Fußball. Weibliches Identifikationspotenzial? Kaum.

Hört man den Programmmachern zu, wird schnell klar, warum: "Wir sind natürlich daran interessiert, unser Programm so zu gestalten, dass wir Gewinne erzielen. Am Ende des Tages sind wir ein börsennotiertes Unternehmen. Wir gehen da geschlechtsneutral ran", sagt Dirc Seemann, der Chefredakteur von Sport1. Der Programmmix der Münchener aus Storage Wars, Fußball-Regionalliga der Herren und dem unvermeidlichen Doppelpass spiegelt das wider. Also das weitermachen, was bisher auch funktionierte. Männer senden für Männer senden für Männer.

Doch womöglich durchbricht genau dieser TV-Sender die Männerallianz. Ein wenig aus Versehen und ein wenig aus Not. Weil Sport1 im vergangenen Jahr die Liverechte für die zweite Fußball-Bundesliga verloren hat, investierte er die frei gewordenen Ressourcen in andere Sportarten. 2018 übertrug er dabei als erster deutscher Sender regelmäßig Livespiele aus einer Frauen-Bundesliga außerhalb des Fußballs: aus dem Volleyball nämlich.

Weg vom Schulhallenmuff

Nachdem schon die Welt- und Europameisterschaften gut ankamen, holte sich Sport1 die Volleyall-Bundesliga beider Geschlechter ins Programm. Den Frauen gebührt dank etwas besserer Quoten während der Play-offs der alleinige Fokus. Am Sonntag beginnt die Finalserie zwischen Schwerin und Stuttgart, die der Sender meist live überträgt. Scheinbar macht der Volleyball vieles richtig. "Wir können nicht einfach irgendwo hinfahren und mit der Kamera draufhalten. Wir als TV-Macher müssen inszenieren und brauchen dazu ein attraktives Erscheinungsbild. Da ist der Frauen-Volleyball vergleichbaren Ligen enteilt", sagt Seemann.

Das liegt vor allem am Masterplan der deutschen Volleyball Bundesliga (VBL), der nach einem holprigen Start nun aufzugehen scheint. Seit 2014 unterliegt die VBL einem Fortschrittsdiktat. Werbebanden, Branding, Hallenkapazitäten: Alles wurde auf Professionalisierung, Publikumswirkung und Kameras geeicht. "Es wurde sehr viel Geld investiert, das tat den Vereinen auch weh", sagt Klaus-Peter Jung, der Geschäftsführer der VBL. So verzichten viele Aufsteiger regelmäßig auf die erste Liga, weil sie sich die 600.000 Euro Kosten pro Saison nicht leisten können.

Doch andernorts – in Dresden, Frankfurt oder Stuttgart – ging es weg vom Schulhallenmuff, hin zum professionell präsentierten Leistungssport. "Zuschauer und Medien finden in der VBL bei Frauen wie Männern dieselben professionellen Bilder", sagt Jung. Kein anderer weiblicher Mannschaftssport – weder Basketball noch Handball oder Fußball – füllt die Tribünen so, wie es die Volleyballerinnen schaffen.

Das Pokalfinale beider Geschlechter wurde als gemeinsames Event ausgetragen – dieses Mal gebührte den Dresdner Damen bei ihrem Sieg sogar der krönende, letzte Ballwechsel. Das ist bei dieser Reichweite einmalig in Deutschland. "Es gibt in der VBL seit knapp 15 Jahren keinen Unterschied zwischen den Geschlechtern. Das ist selbstverständlich, das wird gelebt", sagt Jung. Es wundert dann auch nicht, dass sich beim Volleyball der Damen so viele Frauen wie Männer auf den Rängen finden. "Das Schwungrad, in dem Zuschauer, Medien und Verbände sich gegenseitig befeuern, ist in Gang gekommen", sagt der Fernsehmacher Seemann.

Battle of the Sexes

Anderswo fehlen hingegen die Bestrebungen, sich vom Status quo loszusagen – mit einer Ausnahme: dem Tennis. Unter den zehn bestverdienenden Athletinnen aller Sportarten sind acht Tennisspielerinnen. Das hat nicht zuletzt mit einer offenen Rebellion aus den Siebzigern zu tun. Billie Jean King und acht weitere Frauen, die "Original 9", protestierten gegen unfaire Turnierprämien und Sendezeiten und gründeten kurzerhand eine eigene Turnierserie, aus der 1973 die Women's Tennis Association (WTA) entstand. Sie erstritt nach und nach gleichberechtigte Preisgelder und Fernsehpräsenz. Nebenbei wurde Damentennis publikumswirksam im Battle of the Sexes gegen den Alt-Chauvinisten Bobby Riggs vor einer Rekordkulisse auf eine neue Stufe gehievt.  

Noch heute vertritt die WTA die Damen, die Association of Tennis Professionals (ATP) die Herren. "Beide existieren in Organisation und Vermarktung komplett unabhängig voneinander. So sind die Sponsoren gänzlich unterschiedlich – weswegen etwa bei gemeinsamen Events die Netze ausgetauscht werden", sagt der Tennismanager Aljoscha Thron. Er betreut Angelique Kerber, die doppelte Grand-Slam-Siegerin und weltweit eines der bekanntesten Gesichter des deutschen Spitzensports.

Kleinere Spielfelder für den Frauenfußball?

Sie sagt: "Wie viele meiner Generation bin ich mit den Matches großer deutscher Tennisstars aufgewachsen. Besonders Steffi Grafs Auftreten und Klasse faszinierten mich von Anfang an." Ohne die "Original 9", die der ATP erfolgreich die Stirn boten, wäre Graf wohl wie alle anderen vor ihr im Vorprogramm untergegangen. "Schwer vorstellbar, wie es gewesen wäre, wenn die Spiele nicht frei im TV verfügbar gewesen wären", sagt Kerber. "Steffi Graf auf dem Tennisplatz nachzueifern, war ohne Frage ein großer Motivationsschub." Kerber ist das beste Beispiel dafür, wie wichtig eine faire mediale Vermarktung ist.

Nur wenige Platzhirsche wie Novak Đoković protestieren noch gegen diese gleichwertige Ordnung. "Die Anerkennung für Frauen im Tennis ist gesellschaftlich stark verankert", sagt Thron. Daraus ergibt sich ein interessantes, dezidiertes Bild. "Hätten wir einen männlichen Grand-Slam-Sieger, wäre die Aufmerksamkeit hierzulande nur fraglich größer als bei Angelique", sagt Thron. Die Volte um King und die WTA ist bereits so lange her, dass die Gleichstellung im Tennis mittlerweile zur Tradition gehört.

"Ich bin durch meinen Sport in einer privilegierten Position", sagt Kerber. "Es wäre schön, wenn sich andere Frauensportarten in Richtung Tennis entwickelten. Unsere WTA geht in vielerlei Hinsicht mit gutem Beispiel voran." Bis es so weit ist, bleibt ihre Disziplin – wie auch Volleyball – jedoch eine Randerscheinung.

Ronda Rousey hat mehr Follower als Mats Hummels

Und dennoch, oder vielleicht gerade deswegen, haftet beiden Disziplinen das Stigma des Frauensports an. Es seien beides Rückschlagsportarten, kontaktlos, in der Logik vieler also weiblicher. Direkter Körperkontakt sei Männersache, heißt es. Das Läge an Physis und Dynamik, die seien bei Frauen eben schwächer. 

Bezogen auf Kraft und Geschwindigkeit ist da was dran. Weibliche Spitzen- und Durchschnittswerte stehen statistisch hinter den männlichen zurück. Doch kann man daran medialen Erfolg festmachen?

Ronda Rouseys Karriere spricht dagegen. Die ehemalige olympische Judoka wandelte sich zur Mixed-Martial-Arts-Kämpferin und kann ordentlich zulangen. Über drei Jahre verteidigte sie publikumswirksam ihren Titel, häufte deutlich mehr Twitter-Follower als beispielsweise Mats Hummels an und war seit 2015 nicht mehr aus der Top Ten der bestbezahlten Athletinnen wegzudenken. Bis Februar verdiente kaum ein Mann mehr in ihrem Metier. Ihr Aufstieg zeigt: Weibliche Physis und Stärke scheinen die Attraktivität einer Sportart nicht unbedingt zu verringern. 

Ein kleineres Spielfeld für den Frauenfußball?

Schon eher die Dynamik. Wenn Frauen im Fuß- oder Handball über den Platz stürmen, bleiben die Distanzen gleich, doch die Geschwindigkeiten der Spielerinnen sind geringer. Das Spiel wirkt weniger packend. Schlecht fürs Entertainment und die Kameras. Das Problem könnte man lösen: indem etwa Spielfeldgrößen, Tore oder gar die Größe der Basketballkörbe an die Durchschnittsgröße der Frauen angepasst werden. Im Volleyball hängt das Netz auch niedriger.

Auch die nordamerikanische Eishockeyliga NHL, die kleinere Spielfelder hat als in Europa, zeigt: The smaller the court, the bigger the show. Irgendwo landet gerade jemand immer einen Check, es geht hoch her. Das könnte auch den Frauen-Feldsport telegener machen.

Doch die Meinungen gehen genau hier auseinander. "Wenn das Feld kleiner ist, braucht es eine bessere Technik. Das kriegen schon die meisten europäischen Eishockeyspieler nicht hin. Insofern würde das Frauen nicht helfen", sagt der Sportwissenschaftler Nieland. Die TV- und Streamingbranche scheint hingegen nicht abgeneigt. Der Sport1-Chef Dirc Seeman sagt: "Es gibt viel abzuwägen. Aber eine Diskussion darüber würde dem ein oder anderen Sport sicher guttun."

Startseite
Anzeige