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Fußball: Wir Deutschen haben einfach keine Ahnung von Fußball

Auch rund um die WM zeigte sich: In Deutschland wird über Fußball zu simpel gedacht. Vielleicht verstehen wir zu wenig von dem Spiel, das wir so lieben.
Ja, gibt es das denn? Deutscher WM-Unglauben © Luis Acosta/Getty Images

Geh richtig dazwischen! Hau drauf! Bei die Leut'! Das sind die Lieblingssätze auf deutschen Fußballplätzen. Läuft es schlecht, hört man die Lieblingsfloskel: Da stimmt die Einstellung nicht. So redet man in Deutschland über Fußball, nicht nur in Hobbymannschaften. Man hat nicht gut genug verteidigt, nicht eng genug den Gegner gedeckt, man hätte doch mal ein Zeichen setzen müssen. Dass es auch daran gelegen haben könnte, dass man sich zu ungeschickt freigelaufen hat, dass die Pässe zu früh, zu spät, zu ungenau gespielt wurden oder dass man nicht kreativ genug war, hört man selten.

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Vielleicht haben wir einfach keine Ahnung. Gemessen an dem Anspruch, die Fußballnation Nummer eins zu sein, hat Deutschland jedenfalls ein, sagen wir, unterkomplexes Verständnis von diesem Spiel – in der Zeitung, im Fernsehen, aber auch am Stammtisch und im Feuilleton, selbst auf Trainerbänken. Vielleicht verstehen wir in Deutschland trotz selbstgewisser Expertenattitüde nicht genug von dem Spiel, das wir so lieben. Vielleicht lässt sich so auch das Aus des Weltmeisters Deutschland in der Vorrunde besser begreifen. Qualitätsentwicklung setzt immer auch eine fundierte Kritikkultur voraus.

Es gibt auch in Deutschland Leute mit großem Fußballverstand. Doch sie bleiben im Hintergrund. In den wichtigsten Fußballmedien kommen sie und ihre Gedanken kaum vor. Dort werden seit Jahrzehnten falsche Prioritäten gesetzt, dort werden den Deutschen Kampf und Verteidigen eingebläut. In den Achtzigern war das vielleicht tatsächlich noch genug, heute reicht das nicht mehr.

Man nutzt zwar inzwischen Taktiktafeln, doch gerade im Misserfolgsfall fällt man in alte Denkmuster zurück. Im Land der Manndecker denkt man diesen Sport noch immer grundsätzlich defensiv. Hört man deutsche Fans über das WM-Aus reden, sagen die: Die Spieler haben sich nicht den Arsch aufgerissen. Liegt die Mannschaft hinten, sehnt sich das Publikum nach der Verzweiflungstat eines Einzelnen. Die Art, wie Fußball hierzulande beschrieben und betrieben wird, hat manchmal geradezu etwas Militärisches.

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Rennen und Kämpfen gehören ja tatsächlich zum Fußball, aber sie sind eben nur ein Teil. Der andere Teil, das Spielen, wird oft vergessen. Wenn es läuft, wird das Spielerische akzeptiert, aber eigentlich wird es hierzulande geringgeschätzt. Es ist auch nicht verkehrt zu sagen, dass ein wenig mehr Einsatz der deutschen Elf während der WM gutgetan hätte. Aber hätte Thomas Müller den Ball besser angenommen, wäre Marco Reus beim Freilaufen öfter in die gefährlichen Zonen gestoßen, hätte Timo Werner beim Dribbling mal den Kopf gehoben, wäre der Spielaufbau der Abwehr präziser gewesen, hätte das sicher auch geholfen.

Oder nehmen wir Mesut Özil. Den hatten schon vor den Erdoğan-Fotos viele auf dem Kieker. Bei der WM 2014 wollten sie ihn auf die Bank setzen. Die unausgesprochene Reaktion aus der Mannschaft: Seid ihr verrückt? Von seiner Sorte haben wir nicht viele. Die Kritiker erkennen schlicht Özils Könnertum nicht. Weil es selbstverständlich aussieht, wie er den Ball führt und den Gegner nicht ranlässt. Sie sehen Özils hängende Schultern und sagen: keine Leidenschaft. Zidanes Schultern hingen übrigens auch immer.

Die Überhöhung der Bender-Zwillinge

Auch Toni Kroos wurde und wird in Deutschland verkannt. Ähnlich verhielt es sich mit Philipp Lahm. Dessen Leistungen waren zwar unstrittig, viele dachten: Joa, der ist schon gut. Seine wahre Klasse sahen sie jedoch nicht. Nicht mal jetzt, wo sein Fehlen auffallen müsste. Bestes Beispiel: der Titelgewinn 2014. Als Held von Rio gilt Bastian Schweinsteiger, der sich blutend den Argentiniern entgegenstellte. Schweinsteiger war gut im Finale, keine Frage, aber der entscheidende Mann in Brasilien war Lahm, auch im Endspiel liefen die meisten Angriffe über ihn. In internationalen Expertenkreisen gibt es keinen Zweifel daran, dass Lahm der bessere Fußballer war.

Fußballdeutschland pflegt geradezu eine Tradition der Fehleinschätzungen. Vor gut zehn Jahren galten die damals noch unbekannten Bender-Zwillinge in Zeitungen, die etwas auf sich hielten, als Zukunft des deutschen Fußballs und als Ausweis exzellenter Ausbildung. Die beiden sind feste Größen geworden in der Bundesliga, haben auch ein paar Länderspiele gemacht. Aber es sind doch vor allem Fleißbienen.

Spielern wird Weltklasse angedichtet

Vor ein paar Jahren forderten viele Medien und Fans Stefan Kießling in die Nationalelf, bloß weil er in der Bundesliga viele Tore geschossen hatte. Das ist ohnehin ein typisches Missverständnis, nennen wir es das Martin-Max-Syndrom: Nur weil einer gegen Hamburg und Augsburg regelmäßig Tore schießt, heißt das nicht, dass er auch in einem WM-Halbfinale trifft. Unter Nationalspielern, die im Training erkannten, dass Kießling Probleme hat, mitzuhalten, fragten sich einige, ob er Verwandte bei der Presse hat.

Sami Khedira halten (oder hielten zumindest) viele, die in der Bundesliga was zu sagen haben, für Weltklasse. Tatsächlich hatte er eine Phase, in der er zur erweiterten Weltspitze zählte. Aber die liegt ein paar Jahre zurück. Auch er ist ein Mittelfeldspieler, der von seiner Physis und seinem Zweikampf lebt, nicht von seinen Pässen.

Als die Bayern Kroos 2014 nach Madrid verscherbelten, wollten sie ihn durch Khedira ersetzen. Pep Guardiola soll vor Verzweiflung ob dieses Vorschlags fünfmal seinen Kopf gegen die Kabinentür geschlagen haben. In Spanien schmunzeln manche Scouts schon mal über die deutsche Vorliebe zu Kampffußballern. Iniesta hätte bei Hertha auf der Bank gesessen, sagen sie hinter vorgehaltener Hand.

Oft wird deutschen Fußballern eine Klasse angedichtet, dass man nur mit dem Kopf schütteln kann. Dabei kommen Kimmich und Weigl, um es in der Sprache des Kreisligatrainers zu sagen, kaum an einem Gegner vorbei, Werner fällt das Kombinieren schwer, Can und Süle fehlt Übersicht, Hummels Geschwindigkeit. Alles gute Fußballer, die ja nichts dafür können, dass sie hochgeschrieben werden. Aber mit ihren eigentlich unübersehbaren Schwächen in Kernkompetenzen wird es nie zur Weltklasse genügen.

Überhöht werden nicht nur Spieler, sondern auch Vereine. Der SC Freiburg zum Beispiel wird für seine Spielkultur gepriesen. Wer sich dessen Spiele anschaut, kann nur zu dem Schluss kommen, dass dieses Urteil von Sympathie geprägt sein muss. Manchem Trainer werden taktische Geniestreiche attestiert, die, mit diesem Lob konfrontiert, zwar dankend, aber ungläubig schauen.

Apropos Trainer, selbst bei manchen von ihnen hat man den Eindruck, dass ihnen der Sinn für die Details fehlt. Was unterscheidet Draxler von Götze, Brandt von Bellarabi? Warum trifft Lewandowski nicht in großen Spielen? Wieso kommt Keita oft ins Stocken? Warum ist Höwedes der bessere Verteidiger als Naldo? Zu solchen Kernfragen kommt in Gesprächen von ihnen manchmal erstaunlich wenig. Womöglich hört man deswegen immer öfter von aktiven Spielern, dass sie, entgegen der Mode, Trainer mit Profikarriere bevorzugen. Zuletzt von Daniel Ginczek.

Die deutsche Strategiefraktion

Die alten Helden Matthäus, Kahn, Ballack verfügen über Fußballintuition. Sie haben für das, was Spieler auf dem Platz können und was nicht, über welche Anlagen sie verfügen und an welche Grenzen sie stoßen werden, eher einen Blick. Allerdings haben sie nicht so richtig mitbekommen, und mit ihnen einige in den angeschlossenen Funk- und Medienhäusern, dass der Fußball strategischer geworden ist. In Spanien, der führenden Fußballnation, debattieren Journalisten nach dem Aus im Achtelfinale nicht darüber, ob der Ballbesitzstil nun abgeschafft gehört, wie es in Deutschland hier und da zu hören war, sondern wie man ihn verfeinern, noch besser umsetzen kann.

Taktische Innovationen dieser Art gingen von Deutschland nie aus, wo man noch im Jahr 2000, als einem der letzten Orte dieser Erde, mit einem Libero spielte. Der Libero taucht übrigens wieder in der Bundesliga auf, wird allerdings als Dreierkette verklärt. Zurzeit verschläft man die neuesten Trends im Spiel mit dem Ball. Nach Jürgen Klopps Erfolgen in Dortmund kam zwar das Gegenpressing in Mode. Dieses Spiel gegen den Ball klappt manchmal ganz gut, stößt aber immer wieder an Grenzen. Trotzdem bleiben viele wie vernarrt in die spleenige Idee, es wäre besser, dem Gegner den Ball zu überlassen. Die Folge: Die deutschen Teams fliegen im Europapokal regelmäßig gegen kleine Mannschaften raus. 

Es gibt auch in Deutschland eine Strategiefraktion, bestehend aus einer Elite aus Taktikexegeten und Laptoptrainern. Sie denken systematischer als die Traditionalisten, doch meist genauso eindimensional, nur andersrum: zu theoretisch. Es sollte jemand das Beste aus beiden Sphären vereinen.

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