FacebookFlickrGoogleInstagramTeilenSoundcloudTwitterGefällt mirAntwortenRetweetenYouTubeZEIT ONLINEFacebookFlipboardMailFacebook MessengerPockettwitterWhatsappZ+
Anzeige

DFB-Pokal: Der falsche Elfmeter von Bremen

Auf den Videobeweis wird viel geschimpft. Doch das Problem ist nicht der Videobeweis. Das Problem ist die Qualität deutscher Schiedsrichter.
Deutsche Pfiffe werden immer schlechter. © Xavier Leoty/AFP/Getty Images

Am Mittwoch erlebte man einen wahrhaftigen Moment im Fernsehen. Nach dem Abpfiff des Pokalhalbfinales zwischen Werder Bremen und Bayern München plauderte der ARD-Moderator Matthias Opdenhövel aus, wie sein Experte Stefan Kuntz auf den viel diskutierten Elfmeter für Bayern München während der Live-Übertragung zuvor reagiert hatte. Der ehemalige Nationalstürmer hatte sich mächtig über den Pfiff aufgeregt und eine Gelbe Karte wegen einer Schwalbe gefordert.

Anzeige

Nach dem Spiel kühlte Kuntz etwas runter, blieb jedoch bei seiner Meinung: nie und nimmerst Elfmeter. Tatsächlich berührte der Bremer Theodor Gebre Selassie Kingsley Coman lediglich minimal und das auch nur am Oberkörper. Dann, der Ball befand sich schon kurz vor dem Osterdeich an der Weser, warf sich Coman mehr hin, als dass er gestoßen wurde. Man sah es an der Bewegung seiner Beine.

Auch intern ist die Aufregung nun groß, in Schirikreisen kursierte noch während des Spiels eine SMS: "Dieser Pfiff geht nicht!" Eigentlich hielten nur Leute mit Vereinsbrille oder Theoretiker Sieberts Entscheidung für korrekt.

Und noch zwei andere: Daniel Siebert, der Schiedsrichter, sowie Robert Kampka, sein Videoassistent. "Ich verstehe das nicht. Warum schaut er sich das nicht noch mal an?", ereiferte sich Kuntz. Dies fragten sich viele: Warum wurde Siebert von Kampka nicht darauf aufmerksam gemacht, dass er sich die Szene noch mal anschauen sollte? Dann hätte Siebert erkannt, dass Gebre Selassie Coman nicht am Fuß getroffen hatte, wie es Siebert gesehen haben wollte.

Diese Beweisführung geht zumindest aus den Ausführungen eines Bremer Spielers hervor, der auf dem Platz mit ihm diskutierte. Dem ganzen liegt ein Kommunikationsproblem zwischen dem Mann auf dem Feld und seinem Gehilfen aus dem Kölner Keller zugrunde. Das bestätigte der DFB, dessen Chef der Videoschiedsrichter, Jochen Drees, gab sogar zu, dass er Sieberts Elfer für falsch hält. Außerdem, schreibt Drees, hätte der Videoassistent eingreifen müssen.

Anzeige

Die Elfmeterszene von Bremen, die ein ausgeglichenes Halbfinale entschied und ein spannendes Duell killte, zeigte erneut: Auf den Videobeweis wird viel geschimpft. Doch das Problem ist nicht der Videobeweis. Das Problem ist die Qualität der deutschen Schiedsrichter.

Über Schiris wird gemeckert, jeher und überall. Aber Deutschland ist ein spezieller Fall. Keine andere Nation zählt so viele Schiedsrichter, bloß sind sie lange nicht mehr so gut wie früher, als der DFB die besten der Welt stellte. Das alles ist selbst verschuldet.

Spätfolgen der Krug-und-Fandel-Ära

Manuel Gräfe hat vor zwei Jahren die entscheidende Ursache in einem Interview mit dem Tagesspiegel erklärt. Darin warf er den ehemaligen Schiedsrichterbossen Hellmut Krug und Herbert Fandel jahrelange Günstlingswirtschaft, Mobbing und Manipulation vor. Kritische Geister würden kleingehalten oder aussortiert, Jasager stattdessen befördert. Manche seien für ihre Fehler von den Chefs vorgeführt worden, andere seien trotz erkennbarer Mängel immer weiter aufgestiegen. Krug und Fandel beförderten, sagte Gräfe, nicht nach Leistung und sachlichen Kriterien, sondern nach persönlichen.

Krug und Fandel waren auch in Regelauslegungen umstritten. Mit immer neuen Anweisungen zur Handregel etwa verwirrten sie Spieler, Trainer, Zuschauende und auch Schiedsrichter, vor allem die erfahrenen. Auch hielten sie ihre Leute in Foulfragen zu mehr Kleinlichkeit an. Trainer und Spieler wünschen sich jedoch meist das Gegenteil und der internationale Standard sieht eine großzügige Leitung vor. Bei der Uefa und Fifa darf Fußball auch Kontaktsport sein.

Die beiden Chefs bestritten die Vorwürfe, doch andere Kollegen und Ex-Kollegen stimmten Gräfe zu, darunter Felix Brych, Deutschlands offizielle Nummer eins. Der DFB teilte die Kritik seiner beiden Spitzenleute und entmachtete Krug und Fandel. Seit eineinhalb Jahren nun ist Krug weg und Fandel nur noch international tätig. Doch ihre jahrelange Amtszeit hat Spätfolgen.

Die schwerwiegenden Fehler häufen sich

Und so sinken die Leistungen seit Jahren. Sie sind in der Regel bestenfalls solide, mittelmäßig, manchmal nicht mal das, nicht selten gar schwach. Immer wieder unterlaufen den Bundesliga-Schiris trotz technischer Hilfe Fehler, die auch intern als schwerwiegend erachtet werden. Hier die aus diesem Monat, der noch nicht mal vorüber ist:

  • Tobias Welz entschied auf Handelfmeter für Leipzig, obwohl der Leverkusener Mitchell Weiser den Ball nur mit dem Finger berührte und ihn in dem Moment nicht mal sah.
  • Felix Zwayer legte in der Review Area eine Szene, in der Mats Hummels ein Abpraller aus kurzer Distanz an die Hand sprang, als Strafstoß für Düsseldorf aus.
  • Sascha Stegemann übersah auch in der Zeitlupe ein elfmeterwürdiges Foul eines Schalkers am Frankfurter Ante Rebić.
  • Bastian Dankert verzichtete auf Videobilder, obwohl der Augsburger Marco Richter im Frankfurter Strafraum gelegt wurde.
  • Robert Kampka, der in Bremen Siebert nicht korrigierte, sah bei einem der seltenen Tore des 1. FC Nürnberg gegen Schalke ein Vergehen – als einziger im Stadion, auf der Welt. Weil er zu früh pfiff, nämlich bevor der Ball im Tor war, durfte er aus formalen Gründen nicht korrigiert werden.

Besonders bei Pokalspielen bleiben die Fehler im Gedächtnis. In diesen K.-o.-Spielen geht es um viel, zudem schauen mehr Leute als bei Bundesligapartien. Die Bremer haben am Mittwoch sicher an das Halbfinale 2016 gedacht und an Arturo Vidals Schwalbe, auf die Tobias Stieler reinfiel, damals noch ohne Videobeweis. 2017 lag Felix Zwayer in der Zweitrundenpartie Leipzig gegen Bayern mehrmals falsch, sodass Ralph Hasenhüttl, der Trainer der Unterlegenen, sagte: "Zwayer hat das Spiel zerstört." Doch sind die Bayern nicht immer die Privilegierten. Im Pokalfinale 2018 verweigerte Zwayer ihnen einen Elfer.

Es wird immer klarer, was Kritiker schon vor der Einführung des Videobeweises befürchtet hatten: Er hilft nur denjenigen, die das Spiel verstehen, die Zweikämpfe auf diesem schnellen Niveau beurteilen können, die, einfach gesagt, Ahnung von Fußball haben. Den anderen enthüllt der Videobeweis bloß ihre Inkompetenz, nach dem Motto: Jetzt haben sie schon die Bilder und sehen es trotzdem nicht.

Nachdem in den vergangenen Jahren einige ältere zurücktreten mussten, sind die Spitzenkräfte rar geworden. Neben Brych und Gräfe sind dies noch Deniz Aytekin und mit Abstrichen Marco Fritz. Alle vier sind 40 oder älter und damit in der Nähe der Altersgrenze. Vermutlich werden die Entscheidungen deutscher Schiris künftig noch schwächer.

Neue Schule, alte Schule

Denn die jüngeren sind noch nicht so weit und es ist auch nicht gesagt, dass sie mal so gut wie ihre Vorgänger werden. Schiedsrichter sind nur so gut, wie sie geführt werden, daher muss sich der neue Schiedsrichterchef Lutz Fröhlich fragen: Ist es gut, wenn er ein unausgereiftes Talent wie Siebert, 34, in solch heiße Spiele wie ein Pokalhalbfinale schickt – und dann noch mit dem ebenfalls unerfahrenen Kampka als Assistenten? Das Bremen-Spiel wird Siebert nach der öffentlichen Kritik durch seine Vorgesetzten mehr schaden als nutzen.

Ein routinierter Schiri hätte das ungeschriebene Gesetz sicher gekannt: In einem Halbfinale pfeift man kurz vor Schluss nur einen "Tausendprozentigen", wie es im Schirijargon heißt. Nicht zufällig sagte Thorsten Kinhöfer, ein Mann alter Schule, über das vermeintliche Coman-Foul: "zu wenig für einen Elfer".

Es gibt noch ein Problem: die Politik. Gräfe zum Beispiel darf, seitdem er seine Kritik öffentlich äußerte, kein Videoschiedsrichter mehr sein. Das war der seltsame Kompromiss, den der damalige DFB-Präsident Reinhard Grindel und der inzwischen verstorbene Vorsitzende der DFB-Ethikkommission Klaus Kinkel trafen. Ein durch den Hoyzer-Skandal belasteter Schiri wie Zwayer wiederum pfeift sogar wichtige internationale Spiele, auch das Derby BVB gegen Schalke am Samstag.

Jeder Fehler hat seine Geschichte. Den von Bremen haben manche kommen sehen, er ist hausgemacht.

Startseite
Anzeige