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Rugby-WM: Deutschland weiß gar nicht, was es verpasst

Am Freitag beginnt die Rugby-WM, das größte Sportereignis des Jahres. Nur in Deutschland interessiert das kaum einen. Schade eigentlich.
Neuseelands Rugbyteam nimmt Aufstellung zum Kriegstanz © Hannah Peters/​Getty Images

Die Deutschen sind schon Sonderlinge. Während sich momentan fast die ganze Welt auf das größte Sportereignis dieses Jahres freut, wissen hierzulande die meisten gar nicht, was überhaupt gespielt wird. Zur Beruhigung: Nein, es ist keine Fußball-EM oder WM. Es geht um die Rugbyweltmeisterschaft.

Von Freitag an erwartet das Gastgeberland Japan über sechs Wochen bis zu 1,8 Millionen Besucher, drei Milliarden werden am TV zuschauen. Auf allen Kontinenten wird die WM verfolgt, auch in Deutschlands Nachbarländern, allen voran in Frankreich. Die Deutschen aber werden eher nicht hinschauen. Als Rugby zu Beginn des 20. Jahrhunderts weltweit immer populärer wurde, verschwand es in Deutschland in einer Nische, aus der es bis heute nicht mehr rausgekommen ist.

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Mal abgesehen vom Fußball hat es in Deutschland jede Sportart schwer. Kaum ein anderes Land leistet sich solch eine sportliche Monokultur: Der Deutsche bleibt dem Fußball auf ewig treu. Besonders hart trifft diese Ignoranz das Rugby. Der nationale Verband hat gerade einmal knapp 16.000 Mitglieder.

Das ist beinahe tragisch, denn die Deutschen wissen gar nicht, was sie verpassen: einen Sport, von dem Laien wissen, dass sie ihn nie ausprobieren wollen, weil ihnen der existenzielle Kampf der Spieler ein bisschen Angst macht. Und trotzdem begeistert Rugby jeden schon beim ersten Hinsehen, weil die Mischung aus taktischer Disziplin, Geschwindigkeit und aufopferungsvoller Hingabe eben so einzigartig ist. Noch im Fallen werden die unmöglichsten Pässe gespielt. Man kann erkennen, wie sich nicht das stärkste, sondern das am besten zusammenarbeitende Team in einem Gedränge nach vorne arbeitet. Oder wie manchmal mit einem einzigen, so riskanten wie präzise geschossenen Ball (mit den Händen darf nur rückwärts gepasst werden) die gesamte Verteidigung überspielt wird.

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Vordergründig ist Rugby ein einfacher Sport, in dem es darum geht, sich an den Gegnern vorbeizukämpfen wie Obelix durch die Römer und ein großes Ei ins gegnerische Malfeld (die Zone, in der der Ball abgelegt werden muss) zu tragen. Andererseits ist es ein komplexer, vielschichtiger Sport. Rugby ist schnell, die schnellsten Spieler rennen die 100 Meter in etwa elf Sekunden. Eine gute Aktion in der Verteidigung ist oft der beste Weg, um selbst zu punkten. Um erfolgreich zu sein, braucht es gleichzeitig ein diszipliniertes Auftreten aller Spieler, auch der größten Stars. Selbst die dürfen sich in der Defensive keine Pause gönnen, weil sonst die Verteidigungslinien kollabieren.

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"Ein Sport für jeden Körper"

Überhaupt ist Rugby ein egalitärer Sport. Große, Kleine, Dicke und Dünne spielen gemeinsam. Keiner ist per se schlechter als der andere, nur weil er kleiner oder schmächtiger ist. "Rugby ist ein Sport für jeden Körper", sagt Alexander Widiker, Deutschlands Rekordnationalspieler.

In Deutschland glauben trotzdem noch viele, dass sich im Rugby halt ein paar Raufbolde gegenseitig wehtun. Mehr nicht. "Es fällt uns schwer, uns öffentlich positiv zu präsentieren", sagt Widiker, der gemeinsam mit Mark Kuhlmann die deutsche Nationalmannschaft interimsweise für die nächsten beiden Spiele trainiert. Es stimmt zwar, dass Gewalt beim Rugby eine entscheidende Rolle spielt; da man den Ball in die Hand nehmen darf, lassen sich Angriffe nur durch starken Körpereinsatz, die sogenannten Tackles, stoppen. Es ist aber nicht entscheidend, besonders gewalttätig zu sein, sondern die eigene Kraft kontrolliert einzusetzen. Tackles über den Schultern oder am Kopf sowie Beinstellen sind verboten. Letztlich geht es darum, den Ballführenden aufzuhalten, nicht darum, den Gegenspieler zu verletzen – auch wenn schwere Nackenverletzungen dennoch immer wieder vorkommen.

Schiedsrichter werden mit "Sir" angesprochen

Wer die Regeln bricht, wird hart bestraft. Schon eine Gelbe Karte führt zu einer zehnminütigen Unterzahl. Und niemand auf dem Spielfeld wird mehr respektiert als die Schiedsrichter. Nur die Kapitäne dürfen mit ihnen reden, angesprochen werden sie mit "Sir". Die meisten Spieler entschuldigen sich sofort, wenn sie merken, dass sie nur ein bisschen zu frech geworden sind. Ein Beispiel ist der Dialog zwischen dem Engländer Christopher Robshaw und dem walisischen Schiedsrichter Nigel Owens. Viele Worte benötigte der Schiedsrichter nicht, um den aufgebrachten Robshaw in einen reumütigen Schuljungen zu verwandeln.

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Auch unter den Spielern ist der Respekt groß. "Man tut seinen Gegenspielern weh, aber nach dem Spiel ist das alles vergessen. Hinterher trinkt und isst man miteinander", sagt Widiker. Gleiches gilt für die Fans. Anders als oft beim Fußball wird aus dem sportlichen Wettstreit kein Hass. Und beim Rugby spielen sogar die Iren und Nordiren in einem Team, das geht, trotz Brexit. Rory Best, ein Nordire und der Kapitän des All-Island-Rugby-Teams, sagt: "Unsere Mannschaft ist ein hervorragendes Beispiel für grenzüberschreitende Zusammenarbeit."

Es ist gar nicht so verkehrt, sich die Rugby-WM als großes Fest des interkulturellen Austauschs vorzustellen, wie man es bei Fußballgroßereignissen ständig tut. Auf jedem Kontinent gehört Rugby zu den beliebtesten Sportarten, auf der Südhalbkugel ist es sogar das beliebteste Spiel. Die bisherigen Weltmeister kommen von drei Kontinenten, beim Fußball nur von zwei und zuletzt gewannen immer die Europäer. Deutschland aber macht bei der Völkerverständigung nicht mit. Zumindest bisher.

"Das deutsche Publikum ist schwer zu erreichen", sagt Widiker. Er glaubt, dass sportlicher Erfolg helfen könnte. Es ist die bekannte Frage nach der Henne und dem Ei: Bleiben sportliche Erfolge aus, weil das Interesse fehlt, oder interessiert sich keiner für Rugby, weil sich die deutsche Nationalmannschaft noch nie für eine WM qualifiziert hat? Vermutlich ist beides richtig. Zumindest hat aber auch der deutsche EM-Titel im immer beliebter werdenden (weil schnelleren) Siebener-Rugby keinen Hype ausgelöst. Immerhin kamen schon 2017 viele Zuschauer zu den "Oktoberfest 7s", an diesem Wochenende findet das Turnier in München zum zweiten Mal statt, sogar Neuseeland schickt ein Team. Blöd nur, dass die ganze Welt nach Japan schaut.

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