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Hoffenheim vs. FC Bayern: Es geht nicht um Dietmar Hopp

Ein Bundesligaspiel wird nach Beleidigungen zur Solidaritätsbekundung für Dietmar Hopp. Die Anteilnahme in der Liga ist groß. Aber eigentlich geht es um etwas anderes.
Der Hoffenheim-Mäzen Dietmar Hopp (Mitte) und Oliver Kahn (rechts), Vorstandsmitglied des FC Bayern München © Tom Weller/​dpa

Wer nur die Reaktionen mitbekommen hat, musste sich fragen, was denn Dramatisches passiert sei. Zweimal wurde die Partie Hoffenheim gegen den FC Bayern unterbrochen. Die letzten 15 Minuten streikten beide Teams, schoben sich unter solidarischem Applaus des Publikums nur noch den Ball zu. Karl-Heinz Rummenigge sprach vom "hässlichen Gesicht des Fußballs" und sagte: "Ich schäme mich zutiefst, aus Sicht des FC Bayern, für diese Chaoten." Und selbst die für gewöhnlich nüchterne Sportschau überbot sich in einer Reaktion irgendwo zwischen Empörung und tiefster Anteilnahme.

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Haben die Bayern-Fans etwa den Platz gestürmt? Den gegnerischen Fanblock in Brand gesteckt? Einen Spieler des Gegners gekidnappt? Nein, sie haben Dietmar Hopp beleidigt.

In der Kurve der Bayern-Fans wurden zwei Spruchbänder gezeigt, die den Milliardär als Hurensohn bezeichneten. Das gehört sich nicht. Aber es muss die Frage gerechtfertigt sein, ob die Reaktionen wirklich im Verhältnis stehen zu den vielen anderen Vorkommnissen im deutschen Fußball in jüngster Vergangenheit. Als zum Beispiel Herthas Jordan Torunarigha vor gut drei Wochen weinend auf dem Platz stand, weil er, wie er sagt, von Schalke-Fans rassistisch beleidigt wurde, wurde das Spiel nicht unterbrochen. Torunarigha wurde dafür wenig später mit einer Gelb-Roten Karte des Feldes verwiesen, weil er frustriert eine Getränkekiste zu Boden warf.  

Präzedenzfall in Hoffenheim

Es ist immer schwierig, Verfehlungen gegeneinander aufzurechnen. In Hoffenheim hat die Deutsche Fußball Liga (DFL) aber nun einen Präzedenzfall geschaffen. Konsequenterweise müsste sie Spiele nun nach jeder Beleidigung unter- oder gar abbrechen. Wer öfters in Stadien unterwegs ist, weiß: Ein Gros der Spiele würde sich fortan ziemlich in die Länge ziehen, oder es oft nicht mal bis zur Halbzeitpause schaffen.

Nun kann man natürlich der Meinung sein, die Arenen wären ein schönerer Ort, ginge es dort etwas gesitteter zu. Nach Hoffenheim aber drängt sich der Eindruck auf, die DFL schützt nicht die, die Schutz bräuchten, die etwa Ziel von rassistischen oder homophoben Beleidigungen werden, Minderheiten also. Sondern bislang nur Milliardäre. Die sind zwar auch eine Minderheit, kommen meist aber ganz gut klar.

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Im Kern geht es ohnehin um etwas anderes und es mutet etwas seltsam an, dass sich damit weder Vereinschefs oder Spieler, noch die meisten Medien beschäftigen wollen: Die Transparente sind das neueste Kapitel eines Kulturkampfes. Sie richten sich nicht gegen die Person Dietmar Hopp, vielmehr gegen den DFB, die DFL und das Symbol Hopp. Sie sind nur ein Teil der langen Auseinandersetzung der Ultras, die dem Fußball-Establishment den Ausverkauf ihres geliebten Sports vorwerfen. Wer sich nämlich die Mühe macht, alle Transparente aus dem Bayern-Block anzuschauen, der erkennt, dass dort mehr steht: "Alles beim Alten, der DFB bricht sein Wort, Hopp bleibt ein Hurensohn."

Dietmar Hopp stand lange für vieles, was den Ultras missfällt

Die Ultras werfen dem DFB vor, wieder Kollektivstrafen eingeführt zu haben. So wurde vor gut einer Woche bekannt, dass die Fans von Borussia Dortmund bis ins Jahr 2022 nicht nach Hoffenheim fahren dürfen. Eben, weil sie dort Dietmar Hopp geschmäht hatten. Es wurden also viele für die Verfehlungen einzelner bestraft, ein eher mittelalterliches Rechtsverständnis. Zumal der DFB noch vor zwei Jahren angekündigt hatte, auf Kollektivstrafen zu verzichten. Das sollte das angespannte Verhältnis zur Fanszene entspannen. Nun eskaliert es.

"Auch wenn uns die Strafe nicht betrifft und das Thema Hopp für uns nicht so eine starke Relevanz hat, sehen wir hierin einen Angriff auf Fanrechte im Allgemeinen", schrieben die Bayern-Fans auf suedkurve-muenchen.org. "Es ist für uns ein Affront, den wir nicht unbeantwortet lassen können."

Schmähgesänge auf Dietmar Hopp

Die Ultras solidarisieren sich. Schon am vergangenen Wochenende hatten Gladbach-Fans Dietmar Hopp im Fadenkreuz gezeigt. Nicht wenige Kommentatoren, unter anderem der DFB-Präsident Fritz Keller, erwähnten die Aktion im Zusammenhang mit dem Terrorakt in Hanau, was bei den BVB-Fans wiederum an diesem Wochenende zu einem Spruchband führte, auf dem stand: "Wer die Toten von Hanau missbraucht, um die Fankurven mundtot zu machen, der beweist mehr Anstandslosigkeit als jedes Fadenkreuz." Später waren in Dortmund ebenfalls Schmähgesänge auf Dietmar Hopp zu hören, der Schiedsrichter drohte auch hier, die Partie abzubrechen. Auch im Block des 1. FC Köln war am Samstagabend ein beleidigendes Plakat zu sehen. Ebenso im Block von Dynamo Dresden am Freitagabend.

Hopp als Hurensohn zu beschimpfen, ist eine billige und fantasielose Beleidigung, die allerdings erst durch Hopps Empörung unter den Fans immer populärer wurde. Wie ein Kind, dem seine Eltern verboten haben, ein bestimmtes Schimpfwort zu sagen, das dieses aber genau deshalb ständig laut über den Spielplatz schreit. Das mag unreif sein, aber die organisierten Fans haben so immerhin einen Weg gefunden, Aufmerksamkeit für ihre Anliegen zu generieren. Auch weil sie kaum durchdringen, wenn sie sanfter auftreten.

Im Kommerzapparat Fußball sind Ultras meist die einzigen, die auch mal unangenehm werden können, die stören und sich einmischen. Die Kritik am reinen Geldverdienen üben. An Trainingslagern in Katar. An überteuerten Ticketpreisen. An der Zerstückelung des Spieltags fürs Fernsehen. Dietmar Hopp stand dabei lange für vieles, was ihnen missfällt: Ein Milliardär, der einen besseren Dorfclub bis in die Bundesliga führt, indem er ihn mit Geld überschüttet und dabei die sogenannte 50+1-Regel, nach der ein Geldgeber keinen entscheidenden Einfluss bei einem Verein ausüben darf, allenfalls auf dem Papier einhält.

Die Szenen am Samstag werden eher nicht zur Befriedung beitragen, ganz im Gegenteil. Die wie abgesprochen wirkenden Reaktionen von Spielern, Trainern und Managern zeigen, dass sie kaum Verständnis für die Sorgen derjenigen haben, die ihnen bei Wind und Wetter regelmäßig Hunderte von Kilometern durchs Land oder gar durch ganze Europa folgen. Der Kulturkampf wird sich noch verschärfen.

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