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Armut in den USA: Ein Leben im Dispo

In den USA ist es einfacher, auf Pump zu leben, als zu sparen. Die Armut nimmt zu. Fast die Hälfte aller Bürger kann sich eine Autoreparatur von 400 Dollar nicht leisten.
Ein Mann aus der Stadt Flint im US-Staat Michigan, wo im vergangenen Jahr 40,1 Prozent der Bürger unter der Armutsgrenze lebten. © NurPhoto via Getty Images

Erst vor wenigen Wochen gab es wieder einen dieser Momente, vor denen sich Jeffrey Hanset so fürchtet. Es hatte geregnet, der Boden war glatt. Als der 28-Jährige die Treppen zur U-Bahn hinunterlief, rutschte er aus. Er konnte sich gerade noch fangen. "Ich denke dann nicht, zum Glück habe ich mir nicht wehgetan, sondern zum Glück habe ich mich nicht verletzt, ich hätte keine Ahnung, wie ich das bezahlen sollte", sagt der blasse junge Mann mit sanfter Stimme bei einem Bier im New Yorker East Village.

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Jeffrey Hanset ist aus Portland, dort hat er Französisch und Sozialwissenschaften studiert, danach unterrichtete er ein Jahr in Frankreich Englisch. Seit er vor drei Jahren nach New York gezogen ist, hat er zahlreiche Jobs gehabt, erst im Einzelhandel, später in Restaurants und Büros. Derzeit ist er Produktionsassistent einer Fernsehsendung. Er arbeitet Vollzeit, manchmal 16 Stunden am Tag. Trotzdem stößt Hanset finanziell schnell an seine Grenzen: Er gehört zu den 47 Prozent im Land, die laut einer Studie der US-Notenbank Federal Reserve im Notfall nicht in der Lage wären, 400 Dollar zu bezahlen, etwa für einen Arztbesuch oder eine Autoreparatur.

Es ist längst nicht nur ein Phänomen der working poor, jener sieben Prozent der arbeitenden Bevölkerung, die trotz eines Vollzeitjobs unter der Armutsgrenze bleiben. Selbst Menschen, die aufgrund ihres Einkommens eigentlich in einer sicheren Position sein sollten, seien es nicht, sagt Annamaria Lusardi, Ökonomin an der George Washington University School of Business. Auch sie fragte in einer Studie, ob die Teilnehmer im Notfall in der Lage seien, innerhalb von 30 Tagen 2.000 Dollar aufzutreiben. Das Ergebnis sah ähnlich aus: 40 Prozent der Befragten schlossen es ganz aus, 19 Prozent gaben an, dafür Besitztümer verkaufen oder einen Kleinkredit aufnehmen zu müssen. Selbst bei Haushalten mit einem Einkommen von 100.000 bis 150.000 Dollar war es noch fast ein Viertel.

Hypothekenanbieter machen die Geschäfte

Die Gründe dafür sind vielfältig. In den USA sei es grundsätzlich weniger üblich, große Summen zur Seite zu legen, erklärt Lusardi. Die Amerikaner verließen sich für größere Anschaffungen auf ihre Kreditkarten. Entsprechend lebten viele von einem Gehaltsscheck zum nächsten und hätten nur wenig Puffer für Notfälle. Die Schuld liegt dabei laut der Ökonomin nicht nur bei den Konsumenten. In den USA sei es schlicht einfacher, auf Pump zu leben, als zu sparen.

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Vor allem vor der Krise hätten die Amerikaner fast einen unerschöpflichen Zugang zu Krediten aller Art gehabt, sagt Lusardi. "Es war ein Fass ohne Boden." Hypothekenanbieter machten mit der Vergabe von Darlehen riesige Geschäfte. Lange sei es üblich gewesen, eine zweite oder dritte Hypothek auf das Haus aufzunehmen. "Das Eigenheim ist in den USA eine Art Geldautomat", sagt die Ökonomin. Anbieter von Kleinkrediten mit oft zweistelligen Zinssätzen haben heute mehr Schaufensterfläche in den USA als McDonald’s und Starbucks zusammen.

Seit in den Achtzigern die Kreditgesetze gelockert worden sind, können Banken fast beliebig viele Kreditkarten herausgeben und über den Zinssatz nahezu willkürlich entscheiden. Heute hat fast jede große Einzelhandelskette ihre eigene Kreditkarte – und die wird aggressiv beworben. Die Folge: Umgerechnet hat jeder US-Haushalt rund 5.700 Dollar an Kreditkartenschulden, 38 Prozent der Haushalte mit einer negativen Bilanz sind mit mehr als 15.000 Dollar im Minus. Viele würden schon früh darauf trainiert, ihre wirtschaftliche Existenz auf Schulden aufzubauen, sagt die Expertin. Kommt es zum Ernstfall, ist der Kreditrahmen schon ausgeschöpft.

Seine Ausgaben beschränken sich auf das Nötigste

Jeffrey Hanset hat nur eine Notfallkreditkarte mit einem Kreditrahmen von 300 Dollar. "Ich will mich nicht noch mehr verschulden", sagt er. Derzeit verdient er mit seinem Vollzeitposten rund 22.000 Dollar im Jahr, weniger als die offizielle Armutsgrenze von knapp 24.000 Dollar. Er lebt in einer WG mit sechs Mitbewohnern und bezahlt im Monat 750 Dollar Miete – in New York ein Schnäppchen. Eine Krankenversicherung hat er nicht. Anfangs habe er die Beiträge noch bezahlt, erzählt er, wie das viele taten, als Obamas Gesundheitsreform in Kraft trat und elf Millionen Amerikanern erstmals Zugang zu einer Versicherung verschaffte.

Doch bald wurden die Beiträge zu einer zu großen Belastung. Für Hanset war es billiger, die Strafe zu zahlen, die fällig wird, wenn man sich gegen eine Versicherung entscheidet. Auch die Raten für die Studienkredite kann der 28-Jährige schon lange nicht mehr zahlen. Seitdem pfänden die Kreditinstitute einen Teil seines Gehaltsschecks. "Es stresst mich jedes Mal sehr, wenn ich über meine finanzielle Situation nachdenke", so Hanset. Seine Ausgaben beschränken sich auf das Nötigste, trotzdem reicht es nicht immer. Dann muss er sich an Freunde und Familie wenden. Derzeit hat er im Bekanntenkreis rund 1.000 Dollar Schulden.

Die meisten hätten so hohe Fixkosten, dass am Ende wenig übrig bleibe, was sie zur Seite legen könnten, selbst wenn sie es wollten, sagt die Ökonomin Lusardi. Gemessen an der Inflation sind die Löhne für viele Amerikaner seit den siebziger Jahren nicht gestiegen. Um sich heute als Familie mit vier Mitgliedern den amerikanischen Traum – also ein Eigenheim, zwei Autos, eine College-Ausbildung für die Kinder, eine Krankenversicherung und einen Urlaub pro Jahr – leisten zu können, ist ein Einkommen von etwas mehr als 130.000 Dollar nötig. Das Durchschnittseinkommen der amerikanischen Haushalte liegt nach aktuellem Stand bei rund der Hälfte.

Die Folgen des Lebens am finanziellen Abgrund kosten der Wirtschaft Milliarden. Wenn die Arbeitnehmer unter ständigem finanziellen Druck stünden, warnen Ökonomen, dann seien sie am Arbeitsplatz nicht produktiv. Auf die Zeit nach dem Beruf sind sie nicht vorbereitet: 30 Prozent aller Amerikaner sparen nach eigener Aussage nicht für den Ruhestand.

Dass das eine Sackgasse sei, sei den meisten nicht klar, sagt Lusardi. Die Amerikaner seien in Finanzfragen Analphabeten und verließen die Highschool, ohne zu wissen, wie man einen Scheck ausfüllt, sagt die Ökonomin. "Das Marketing-Budget der Kreditwirtschaft ist unzählige Male höher als das der Schulen und Einrichtungen, die Bürger aufklären."

Entsprechend glaubt sie nicht, dass sich an der Lage in absehbarer Zeit etwas ändert. "Das Problem verschwindet nicht allein, auch wenn sich die Wirtschaft verbessert." Auch Jeffrey Hansets Hoffnungen sind bescheiden. "Wenn ich in fünf Jahren meine Rechnungen bezahlen kann, ohne zu viel Stress zu haben", sagt er, "dann bin ich zufrieden."

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