FacebookFlickrGoogleInstagramTeilenSoundcloudTwitterGefällt mirAntwortenRetweetenYouTubeZEIT ONLINEFacebookFlipboardMailFacebook MessengerPockettwitterWhatsappZ+
Anzeige

Altersarmut: Die Rente muss gerechter verteilt werden

Geringverdiener müssen nicht nur mit wenig Rente rechnen, sie leben statistisch gesehen auch nicht so lange. Damit subventionieren sie die Vorsorge der gesunden Reichen.
Ältere Kunden der Tafel in Falkensee © Sean Gallup/​Getty Images

Eine arme Sau bleibt eine arme Sau. Arbeitnehmer, die es in ihrem Erwerbsleben nie geschafft haben, einen halbwegs gut bezahlten Job zu ergattern, enden in der Regel als arme Rentner. Und arme Rentner sterben laut einer Studie des Robert-Koch-Instituts zehn Jahre früher als ihre wohlhabenden Altersgenossen.

Anzeige

Der erste Teil dieses Zusammenhangs ist in Deutschland besonders ausgeprägt. Und je stärker das Rentenniveau fällt, je mehr Menschen im Niedriglohnsektor arbeiten und je mehr Rentner künftig allein leben, desto größer wird die Zahl der Betroffenen sein.

Wie kann es eigentlich sein, dass sich ausgerechnet im prosperierenden Zentrum Europas ein Altersarmut-Problem aufbaut?

Wer viel einzahlt, bekommt auch mehr

Die Antwort ist vergleichsweise einfach. Das System der gesetzlichen Rente, so wie es seit Ende der fünfziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts in Deutschland aufgebaut worden ist, beruht auf dem Äquivalenzprinzip. Wer mehr ins Rentensystem einzahlt, bekommt auch mehr aus dem System heraus. Definiert ist lediglich eine Obergrenze, bis zu der man von seinem Einkommen in die Rentenkasse einzahlt, für 2017 sind das 76.200 Euro Jahreseinkommen.

Die gesetzliche Rente wird bei einem solchen System zu einer Art Eigentumstitel. Ansprüche, die in dem System mit eigenen Einzahlungen erworben worden sind, unterliegen weniger den Risiken politischer Willensbildung und können den Arbeitnehmern und Rentnern nicht so einfach wieder weggenommen werden. Insbesondere der gewerkschaftlich organisierte Teil der Arbeitnehmer weiß diese Art politischer Sicherheit zu schätzen und betont diesen Zusammenhang immer wieder. Gerecht wirkt das System auch noch.

Anzeige

Arbeitgeber und Gewerkschaften schwören auf die Vorzüge des Äquivalenzprinzips. Dazu gehört auch die Überzeugung, dass Rentenkürzungen – wie sie in Folge der Finanz- und Eurokrise in Südeuropa an der Tagesordnung waren – in Deutschland nicht so einfach umzusetzen wären.

Niedriglöhner, Mindestlöhner und Menschen mit unterbrochenen Erwerbsbiografien fallen einem solchen System jedoch zum Opfer. Sie können in ihrem Erwerbsleben nicht viel in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlen und bekommen als Rentner nur wenig heraus. Rentner, die zudem wie immer mehr Alte einen Single-Haushalt führen, können der Altersarmut kaum entkommen.

Auf direktem Weg in die Altersarmut

Nehmen wir einmal an, ein Arbeitnehmer hätte sein ganzes Leben lang nur den Mindestlohn bezogen – für das Jahr 2016 also 8,50 Euro in der Stunde und in den Vorjahren jeweils ein bisschen weniger. Ein solcher Arbeitnehmer hätte mit einem Vollzeitjob, also 40 Stunden Arbeit die Woche, jedes Jahr nur einen guten halben Rentenpunkt bekommen. Für einen halben Rentenpunkt stehen Arbeitnehmern derzeit im Westen 15,23, im Osten 14,33 Euro zu. Um auf die 800 Euro Rente zu kommen, die zum menschenwürdigen Überleben notwendig wären, müsste dieser Arbeitnehmer etwa 55 Jahre Vollzeit durcharbeiten und Beiträge einzahlen.

Das Handelsblatt hat das Problem zuletzt andersherum gerechnet und aufgeschrieben, wie hoch der Stundenlohn für Vollzeitkräfte sein müsste, um der Armutsfalle zu entkommen. Demnach müsste zum Beispiel ein Arbeitnehmer in Westdeutschland 40 Jahre lang immer 13,06 Euro die Stunde verdient haben, damit am Ende 850 Euro Rente im Monat herauskommen.

Dieses Durchhaltevermögen in der Erwerbsarbeit ist für viele nicht unbedingt gesetzt. Die Alternative aber, langjährige Arbeit zum Mindestlohn, fährt auf dem direkten Weg in die Altersarmut.

Wenigstens im Alter etwas Entlastung erfahren

Der zweite Teil des Zusammenhangs, die niedrige Lebenserwartung armer Rentner, ist in den meisten OECD-Staaten ähnlich. Die Lebenserwartung dieser Rentner ist auch nicht deswegen niedrig, weil sie nicht genug zu essen hätten oder unzureichend medizinisch versorgt würden. Die Lebenserwartung ist vielmehr oft schon deswegen niedriger, weil eine fragile Gesundheit im ersten Schritt zu Schwierigkeiten im Erwerbsleben führt und dann im zweiten Schritt in die Altersarmut, wo die Rentner mit der fragilen Gesundheit dann auch nicht besonders alt werden.

Eindrucksvoll hat das auf dem 116. Deutschen Ärztetag im Frühling 2013 Olaf von dem Knesebeck von der Uniklinik Hamburg Eppendorf zusammengetragen. Demnach unterscheidet sich die Lebenserwartung ab der Geburt zwischen Männern, die einer höheren Einkommensschicht angehören, und solchen, die in relativer Armut leben, um 10,8 Jahre. Bei Frauen liegen 8,4 Jahre dazwischen. 

Andere OECD-Staaten gehen mit diesem Zusammenhang anders um. Tendenziell sorgen sie dafür, dass sich ein schwieriges Erwerbsleben im Alter nicht notwendig als Altersarmut fortsetzt. Sie haben dabei zum einen das soziale Argument auf ihrer Seite. Wer ein schwieriges Leben hatte, sollte wenigstens im Alter etwas Entlastung erfahren.

Sie haben aber auch Fairness-Argumente für sich. Arme Rentner leben kürzer, zahlen aber so ein, als würden sie die durchschnittliche längere Lebenserwartung erreichen. Sie zahlen also bei der Rente drauf. Wenn man es ein wenig zuspitzt, subventionieren sie die Rente derjenigen, denen es im System ohnehin besser geht.

Würden die Geringverdiener das begreifen und sich ökonomisch ähnlich rational verhalten wie viele der wohlhabenden Bürger in der Republik, müssten sie mit allen Mitteln versuchen, die Einzahlung in dieses für sie ungerechte System zu verhindern. Ganz sicher aber würden sie nicht in freiwillige zusätzliche Altersvorsorgemodelle einzahlen, so gut die im Einzelfall auch sein mögen. Denn von denen können sie in der Regel keine zusätzlichen Einkünfte im Alter erwarten, weil Zusatzrenten genau wie gesetzliche Renten mit der Grundsicherung verrechnet würden.

Es gibt gute ökonomische Argumente

Was folgt daraus? Erstens: Es gibt gute, auch ökonomische Argumente, Menschen mit einem geringeren Arbeitseinkommen höhere Rentenansprüche zuzugestehen als es das Äquivalenzprinzip vorsieht. Politiker sollten umdenken und diesen Aspekt berücksichtigen.

Zweitens: Zusätzliche private oder betriebliche Altersvorsorge wird für diese Arbeitnehmer nur dann funktionieren, wenn sichergestellt ist, dass sie eine solche Zusatzrente im Alter auch tatsächlich zusätzlich zur Verfügung haben.

Das sind zwei Entscheidungen, mit denen man Altersarmut effektiv und einigermaßen gezielt bekämpfen könnte. Eine schlichte Erhöhung der Eckrente hilft den besonders Bedürftigen nicht, kostet aber eine Menge Geld.

Startseite
Anzeige