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Müllexporte nach China: Die Weltmüllkippe schließt

China will unseren Müll nicht mehr und hat den Import von Plastikmüll gestoppt. Der Schritt entlarvt den bizarren Mülltourismus – und freut die Recyclingbranche.
In Peking sammelt ein Mann Plastikflaschen ein (Archiv). © Kevin Frayer/Getty Images

Liu Hua von Greenpeace in Peking ist begeistert: Die chinesische Regierung habe eine "weltweite Schockwelle" ausgelöst, sagt er. Endlich müsse der Rest der Welt sein bisheriges Konsummodell hinterfragen, das nur auf unbeschränktem Wachstum bei beschränkten Ressourcen basiere.     

Was ist passiert? China ist einmal mehr vorgeprescht. Insgesamt 24 verschiedene Recyclingmaterialien dürfen seit dem 1. Januar nicht mehr nach China exportiert werden – darunter unsortierter Plastikabfall, Altpapier, alte CDs und alte Textilien. Die Begründung der Chinesen: Der Müll sei zu dreckig und zu gefährlich. An die Welthandelsorganisation (WTO) schrieb die Regierung, man wolle die Umwelt und die Gesundheit der Menschen schützen

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Der radikale Schnitt ist Teil der National-Sword-Strategie. China will eine eigene Kreislaufwirtschaft aufbauen und nicht mehr als weltweite Müllkippe fungieren. Die Versuche der EU-Kommission, eine mehrjährige Übergangsfrist auszuhandeln, sind im Dezember gescheitert.

Mit der Entscheidung führt China dem Rest der Welt einmal mehr die Absurdität der bisherigen Recyclingpraxis vor Augen. Denn bislang lief das Geschäft so: Die Deutschen trennen pingelig den Müll, gerade bei Papier und Glas schafft man es fast sortenrein. Das freut die Recyclingwirtschaft: Je besser getrennt wird, desto höher ist der Wiederverkaufswert als Recyclingmaterial. Bislang schlecht sortiert sind vor allem Kunststoffabfälle. Sie landen deshalb in der Müllverbrennungsanlage oder werden ins Ausland exportiert.

China hatte sich in den vergangenen Jahren als wichtigster Müllimporteur etabliert. 56 Prozent aller Plastikabfälle weltweit landen am Ende via Schiff in China. Zu den größten Exporteuren von unsortiertem Plastikmüll gehören die USA und Japan; Deutschland und Großbritannien sind ebenfalls weit vorn dabei. Allein die EU-Mitgliedsstaaten exportieren 87 Prozent aller Plastikabfälle nach China. Dort wird der Müll teilweise noch per Hand sortiert und dann zur Herstellung von Kunststoffen genutzt. Oder er wird verbrannt. Umweltschützer befürchten, dass das in Anlagen ohne moderne Filtertechniken geschieht. 

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Fehlende Transparenz in China

"Es ist unklar, was genau mit dem Müll passiert, der nach China exportiert wird", zitiert das britische Greenpeace-Magazin unearthed Piotr Barczak vom Europäischen Umweltbüro. Die EU-Gesetzgebung sehe zwar vor, dass exportierter Abfall nach EU-Standards recycelt werden müsse. "Aber wegen fehlender Transparenz und Verfolgbarkeit kann es auch sein, dass er verbrannt, vergraben oder zu schlechten Umweltstandards recycelt wird."

Die Folgen des erst seit wenigen Tagen gültigen Importverbots zeigen sich schon jetzt. Von "spürbaren Veränderungen auf den europäischen und den deutschen Recyclingmärkten" spricht ein Vertreter des Bundesumweltministeriums. Die deutschen Kuststoffexporte nach China seien um zwei Drittel zurück gegangen, heißt es vom Branchendienst Euwid. Deutschland schickt jährlich rund 760.000 Tonnen Kunststoffabfälle nach China, vor allem Folien aus Polyethylen und PET – also alte Plastikflaschen. Für die europäische Entsorgungswirtschaft habe der Importstoff  "schon jetzt massive Auswirkungen", sagt Peter Kurth, Präsident des Bundesverbands der deutschen Ensorgungswirtschaft (BDE). Noch quellen deutsche Recyclinghöfe nicht über. Aber die Branche sucht alternative Abnehmer in anderen asiatischen Staaten wie Vietnam, Malaysia oder Thailand.

Wohin also mit dem Müll, wenn die einfache Lösung – der Export – wegfällt? Es gibt nur wenige Alternativen: Recycling, Verbrennen oder Deponie. Die heimischen Müllverbrennungsanlagen sind schon jetzt aufgrund der guten Konjunktur und wachsender Müllimporte ausgelastet. Verbrennen ist angesichts des Materialwerts und der CO2-Bilanz auch eine schlechte Lösung. Die Deponierung ist ökologisch noch schlechter, schließlich verbraucht das kostbare Fläche und Klimagase werden freigesetzt.

Kommt am Ende noch eine Quote?

Und so treibt eine im 8.000 Kilometer entfernten China getroffene Entscheidung hierzulande die technische Entwicklung voran. "Wir müssen mehr in bessere Recycling- und Sortieranalgen investieren", sagt ein Sprecher des Branchenführers Remondis. Der Konzern betreibt im westfälischen Lünen eine futuristische Hightech-Anlage in deutscher Perfektion, die Kunststoffabfälle mit Hilfe von Infrarot und Luftdruckpistolen sortiert und am Ende Kunststoffgranulate herstellt. Aus diesem lassen sich wiederum neue Kunststoffe herstellen. Für die Umwelt ist es in der Regel besser, Recyclingmaterialien einzusetzen, weil das unterm Strich Rohstoffe und Treibhausgase einspart. 

Noch ist jedoch der Widerstand der Industrie, also etwa der Verpackungshersteller, groß, Recyclingkunststoffe einzusetzen. Bislang füllt etwa gerade mal der kleine Ökospezialist Frosch sein Waschmittel in eine Kunststoffflasche ab, die komplett aus Plastik aus dem Gelben Sack stammt. Den anderen ist der Preis einfach zu hoch. "Die Industrie hat noch immer Berührungsängste und sorgt sich, dass Qualität und Liefersicherheit nicht gewährleistet sind", sagt ein Sprecher des Recyclingsystems Grüner Punkt.

Noch mehr Recyclingmaterial

Dabei führt kein Weg am Recycling vorbei. Denn Deutschland wird weiter trennen – und zwar im großen Stil. Das neue Verpackungsgesetz sieht vor, dass die Kunststoffrecyclingquote von derzeit 36 Prozent zunächst auf 58,5 Prozent im kommenden Jahr und danach sogar auf 63 Prozent im Jahr 2022 steigen soll. In Kombination mit dem Importstopp Chinas werden also noch größere Mengen Kunststoffabfälle anfallen. Doch wohin damit?

Die Abfallwirtschaft hat schon eine Idee: "Wir brauchen steuerliche Anreize oder Mindestvorgaben für den Einsatz von Sekundärrohstoffen", fordert der Abfallverband BDE. Allein im Jahr 2015 haben private Recyclingunternehmen laut BDE einen Umsatz von 13,1 Milliarden Euro erwirtschaftet. Verpflichtende Quoten würden das Geschäft noch lukrativer machen: Der Hersteller einer Waschmittelpackung könnte etwa gezwungen werden, die Flasche aus 30 Prozent Recyclingmaterial herzustellen. Im Bundesumweltministerium ist man solchen Quoten gegenüber aufgeschlossen, schließlich erarbeitet die EU-Kommission gerade eine Kunststoffstrategie. Dort könnten sich "konkrete Anforderungen an den Recyclateinsatz" wiederfinden.

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