FacebookFlickrGoogleInstagramTeilenSoundcloudTwitterGefällt mirAntwortenRetweetenYouTubeZEIT ONLINEFacebookFlipboardMailFacebook MessengerPockettwitterWhatsappZ+
Anzeige

Pflegekräfte: "Wer nicht auswandert, ist nicht ganz bei Trost"

In einem Arbeitsamt in Belgrad rekrutieren deutsche Anwerberinnen Pflegekräfte. Viele haben hart gearbeitet, um nach Deutschland gelangen zu können. Wem gelingt es?
Die Arbeit in der Pflege ist hart – und dennoch träumen Bewerberinnen und Bewerber aus Serbien davon, irgendwann in einem deutschen Krankenhaus oder Altersheim zu arbeiten. Einer sagt: "Hier ist es viel schlimmer." © Sabine Joosten/plainpicture

Es gibt einen Ort, an dem Menschen noch von Jobs in deutschen Pflegeheimen träumen: Er liegt im vierten Stock des serbischen Arbeitsamtes in Belgrad. In einem fensterlosen Flur, zwischen Pressspanschränken, drängen sich dort an diesem Morgen 20 serbische Pflegekräfte und warten auf ihr Bewerbungsgespräch. Die Hitze staut sich, die Leute schwitzen. Viele sind aus der Provinz in die Hauptstadt gekommen, mit ihren Familien, den Eltern, Kindern oder Freunden.

Anzeige

Aus Deutschland sind zwei Frauen angereist, die in den kommenden Stunden über die Zukunft der Bewerberinnen und Bewerber entscheiden werden, Afrodita Salibasič und Miriam Albrecht. Sie suchen in Serbien, was in Deutschland fehlt: Fachkräfte für die Pflege. 36.000 Stellen konnten im Jahr 2017 in der Bundesrepublik nicht besetzt werden; 500.000 Pflegekräfte werden einer Studie der Bertelsmann Stiftung zufolge im Jahr 2030 fehlen. Gesundheitsminister Jens Spahn will deshalb vermehrt Menschen aus den Ländern des Westbalkans rekrutieren. Zu ihnen gehört auch Serbien.

Die beiden Anwerberinnen aus Deutschland sitzen hinter der Tür am Ende des Flures in einem geräumigen, klimatisierten Eckzimmer. Durch die Fenster können sie Belgrads Plattenbauten sehen, fast alle tragen sie denselben bräunlichen Ton, wie auf einer vergilbten Postkarte. Darüber liegt ein grauer Film von Abgasen und Hitze. Salibasič und Albrecht waren schon oft hier. Sie haben mit vielen Bewerberinnen und Bewerbern gesprochen und einigen den Umzug nach Deutschland ermöglicht.

Berlin - Heute pflegt Herr Qoshja In Deutschland fehlen rund 80.000 Pflegekräfte. Die Lücke sollen Menschen wie Samed Qoshja aus Albanien schließen. Gelingt das? Eine Videoreportage

Im Auftrag der Bundesagentur für Arbeit rekrutieren sie Fachkräfte nicht nur in Serbien, sondern auch in Bosnien und Herzegowina, auf den Philippinen, seit Kurzem auch in Tunesien. Triple Win hat die Agentur das Programm getauft, weil es dreifache Gewinne versprechen soll: im Herkunftsland, wo – erstens – die Arbeitslosigkeit gemindert werden und – zweitens – die Überweisungen der Migranten nach Hause "entwicklungspolitische Impulse" bringen sollen. Und in Deutschland, das – drittens – seinen Fachkräftemangel lindern will. Seit 2013 sind der Agentur zufolge 1.375 Menschen über Triple Win nach Deutschland gekommen.

Anzeige

Die Bewerberinnen und Bewerber im Flur wollen vor allem eines: ein besseres Leben. Sie kneten ihre Bewerbungsunterlagen in den feuchten Händen, sie geben einander Tipps für das Gespräch, sie malen sich ihre Zukunft aus. Etwa 300 Euro verdient eine Pflegekraft in Serbien pro Monat. In Deutschland haben sie durch Triple Win Aussicht auf mindestens 2.300 Euro.

Im Eckzimmer, an einem großen Konferenztisch, begrüßen Salibasič und Albrecht die Hoffnungsvollen auf Deutsch und Serbisch. Triple Win sei nicht der schnellste Weg, um nach Deutschland zu kommen, sagen sie ihnen – aber der sicherste. "Sie werden nicht heute in Deutschland sein, nicht in ein paar Wochen, auch nicht in ein paar Monaten." Dann fragen sie: "Seien Sie ehrlich, wohin Sie wollen. Ins Krankenhaus oder ins Altenheim?"

Anastasija Dačević will eine Familie gründen, in Deutschland

Eine junge Frau sticht heraus unter den Bewerbern, mit ihrem gemusterten Kleid und der modischen Hornbrille: Anastasija Dačević. Für ihre Zukunft hat die 20-Jährige klare Pläne. Sie will in Deutschland als Krankenschwester arbeiten und eine Familie gründen. Darauf hat sie sich mit Sprachkursen und Reisen nach Deutschland vorbereitet. Ihre Eltern fördern das. Auch sie träumen davon, dass ihre Tochter fortgeht.

Anastasija Dačević © Milena Hassenkamp

Dačević ist an diesem Tag die Erste, die sich vorstellen darf. Salibasič und Albrecht fragen sie Dinge wie: "Müssen Sie die Patienten waschen, oder geben Sie nur Essen?" Zunächst fragen sie auf Deutsch. Sie wollen herausfinden, wie stark Dačevićs Arbeit der in Deutschland ähnelt, und für welche Tätigkeiten die junge Serbin qualifiziert ist. Dačević hingegen hat vor allem eine Sorge: dass sie am Ende in Deutschland nur Pflegeassistentin sein wird, weil ihre Ausbildung nicht für höher qualifizierte Tätigkeiten anerkannt wird. Sie hat schon einmal ein paar Tage lang in einem Altersheim in der Nähe von Dresden als Pflegeassistentin gearbeitet, eine private Agentur hat sie dorthin vermittelt.

"Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?", fragen die Frauen. "Stadt oder Land?" Sie sehe sich als Krankenschwester oder Altenpflegerin, sagt Anastasija Dačević. Wo, sei ihr egal. Dass sie nach Berlin gehen will, studieren, vielleicht Psychologin werden, behält sie in diesem Moment für sich. Sie weiß, wonach die Deutschen suchen.

Wie eine Familie ernähren von 350 Euro im Monat?

Wonach die Deutschen suchen: Viele haben bereits ihre Ausbildung danach ausgerichtet. Sie arbeiten ganz auf ihr Ziel hin, wegzugehen, schon seit jungen Jahren. "Wer keine medizinische Mittelschule macht in diesem Land, ist nicht ganz bei Trost", sagt Miloš Jovanov, der im Flur auf sein Gespräch wartet. "Wer nicht auswandert", fügt der 26-Jährige später hinzu, "auch nicht."

Miloš Jovanov © Milena Hassenkamp

Die Ausbildung zum Krankenpfleger oder zur Krankenpflegerin ist in Serbien zum Schlüssel geworden, nach Deutschland zu kommen – in ein Land, das Asylgesuche vom Westbalkan sonst ablehnt und illegal Eingewanderte schnell zurückschiebt. Im Jahr 2015 stellten Menschen vom Westbalkan die meisten Asylanträge in Deutschland. Die Bundesregierung reagierte darauf, indem sie Albanien, Bosnien und Herzegowina, Kosovo, Mazedonien, Montenegro und Serbien zu sicheren Herkunftsländern erklärte. Gleichzeitig aber will sie Bürgern dieser Länder den Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt erleichtern. Seit 2016 können sich die abgelehnten Asylbewerber als Pflegefachkräfte in Deutschland bewerben. Die Zahl der Asylanträge ging seither zurück, die Zahl der Arbeitsvisa stieg.

Alle, die im Flur in Belgrad warten, haben eine abgeschlossene Ausbildung zur Pflegekraft. Einige sprechen bereits Deutsch. Um vermittelt zu werden, müssen sie das Niveau B2 beherrschen. Einige haben studiert, so wie Miloš Jovanov. Er hat einen Masterabschluss in Biologie – und sich damit einen Traum erfüllt, denn Geld verdienen, das wusste er vorher, wird er damit in Serbien nicht. Jetzt arbeitet er im Krankenhaus, schiebt Zwölf-Stunden-Schichten für 250 Euro im Monat. Er möge das, sagt er, die harte Arbeit, die Nachtschichten, die alten Menschen. Er sei jung und kräftig, er halte das aus.

Andere wollen gleich nach der Ausbildung ins Ausland, um sich dort ein Leben aufzubauen. Viele sind trotz ihrer Qualifikationen arbeitslos. Auch ein Familienvater ist unter den Bewerbern, 37 Jahre alt, mit einer arbeitslosen Frau und drei Kindern, von denen zwei im Auto warten. Er sieht abgekämpft aus, dünn und blass. Wie, fragt er, soll er seine Familie von 350 Euro im Monat ernähren? Ihm sei es egal, ob Stadt oder Land, Geriatrie oder Notaufnahme: Er wolle einfach arbeiten, ein besseres Leben für seine Kinder.

"Wie stellen Sie sich Ihre Zukunft in Deutschland vor?", fragen Salibasič und Albrecht. Was Miloš Jovanov über Deutschland weiß, das weiß er aus ZDF-Dokus, die er auf seinem Smartphone gesehen hat, und von seiner Großmutter. Beide haben ihm dabei geholfen, die Sprache zu lernen. Jovanov sagt, er habe keine Illusionen, er habe in den Dokus gesehen, warum die Menschen nicht in deutschen Pflegeheimen arbeiten wollten. Dann sagt er: "Hier ist es viel schlimmer."

"Auf welcher Station möchten Sie arbeiten?" Jovanov weiß, dass Deutschland vor allem Altenpfleger will. Er wünscht sich trotzdem einen Job in der Notaufnahme eines Krankenhauses, wegen des Adrenalins. Für Biologen ohne ausreichende Sprachkenntnisse ist in Deutschland kein Platz. Aber vielleicht später, hofft er.

4.000 Euro Vermittlungsgebühr

Miloš Jovanov und Anastasija Dačević werden in das Programm aufgenommen. Gemeinsam mit 32 weiteren Bewerbern werden sie dann, noch in Serbien, Sprachunterricht erhalten und Kurse besuchen, in denen sie lernen sollen, worauf es in Deutschland in der Pflege ankommt. Ihre Ausbildungen werden ein Anerkennungsverfahren durchlaufen, Monate kann das dauern. Sie werden Arbeitsvisa erhalten und irgendwann endlich Bewerbungsgespräche mit möglichen Arbeitgebern führen können. Die Unternehmen zahlen der Bundesagentur für Arbeit 4.000 Euro, falls eine Vermittlung klappt. Für Dačević und Jovanov wäre das in Serbien etwa ein Jahresgehalt.

Obwohl auch er nach Deutschland will, glaubt Miloš Jovanov, dass das Ganze nicht gut ist: Aus seiner Stadt sind schon viele Gleichaltrige weggegangen. Dabei hat auch Serbien eine der am stärksten alternden Gesellschaften Europas, mit hoher Arbeitslosigkeit und mit einer Jugend, die zu mehr als der Hälfte das Land verlassen will. "Das wird irgendwann zum Problem", sagt er. Doch aufzuhalten sind die Jungen nicht.

Startseite
Anzeige