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Rassenlehre: Die Rückkehr einer Bullshit-Wissenschaft

Absurdeste Thesen zu Intelligenz und Abstammung werden wieder diskutiert. Auch dank des Rechtsrucks in den USA. Das ist keine Wissenschaft, sondern einfach nur Rassismus.
Menschsein in verschiedene Rassen zu unterteilen, ist wissenschaftlich gesehen Unsinn. © smartboy10/Getty Images

Der Journalist, Autor und promovierte Politikwissenschaftler Gavin Evans hat unter anderem ein Buch über die Frage geschrieben, ob Intelligenz eine Frage der Rasse ist. "Black Brain, White Brain" ist bislang nur auf Englisch erschienen.

Hier ein paar Dinge, die Sie möglicherweise zum Thema Rasse und Intelligenz schon einmal gehört haben: Die Evolution machte Europäer klüger als Afrikaner, weil sie der Eiszeit ausgesetzt waren. Ostasiaten und aschkenasische Juden (die größte Gruppe im Judentum) sind heute die intelligentesten Menschen der Erde. Die Dümmsten auf dieser Welt sind die Buschleute im Süden von Afrika und die Pygmäen im Kongo. Und arme Menschen sind arm, weil sie dumm sind – was wiederum erklärt, warum so viele Menschen in der Unterschicht schwarz sind.

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Die Vorstellung, es gäbe eine Verbindung zwischen Rasse und Intelligenz, ist die Basis der Rassenlehre. Sie geht weit zurück und war bis 1945 ein Teil der gängigen Weltanschauung. Nach dem Holocaust kehrte zunächst Ruhe ein, in den Siebzigerjahren kochten die Ansichten erstmals wieder hoch, hatten einen weiteren Höhepunkt in den Neunzigerjahren und kehrten zuletzt mit Donald Trumps US-Präsidentschaftswahlkampf wieder zurück.

Die Alt-Right nutzt die Rassenlehre für ihre politische Agenda

Nirgendwo ist sie heute weiter verbreitet als unter den Vertretern der US-amerikanischen Alt-Right-Bewegung, wo Behauptungen zu biologischen Unterschieden zwischen den Rassen gerne genutzt werden, um pseudointellektuellen Ballast für ethnisch-nationalistische Politik zu liefern. Wenn es die Rasse biologisch gesehen wirklich gibt und manche Rassen von Natur aus weniger intelligent sind als andere – so das Argument –, dann ist das Grund genug, den Unterlegenen die Sozialleistungen und Entwicklungshilfe zu streichen und sie an ihrem angestammten Platz zu lassen, oder?

Ein weitverbreitetes Motiv unter Alt-Right-Experten und -Autoren ist es, sich selbst als Ikonoklasten zu sehen, die gegen den Strom linker politischer Korrektheit rudern. Ein Beispiel aus dem Jahr 2016: Der damalige Breitbart-Chef und Trump-Getreue Stephen Bannon wies in einem Blogbeitrag mit dem Titel Black Lives Matter ist eine linksgerichtete Verschwörung darauf hin, dass Schwarze, auf die die Polizei schieße, dies womöglich nicht anders verdient hätten. "Es gibt schließlich Leute auf dieser Welt, die naturgemäß aggressiv und gewalttätig sind", schrieb Bannon und bezog sich dabei auf eine der hässlichsten Behauptungen der Rassenlehre: Afroamerikaner haben mit höherer Wahrscheinlichkeit als andere ein gewaltförderndes Gen.

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Hinter diesem Argument steckt Nicholas Wade, ein ehemaliger New-York-Times-Journalist, der das wahrscheinlich giftigste Buch über die Rassenlehre schrieb, das in den vergangenen 20 Jahren erschienen ist. In A Troublesome Inheritance wiederholte er drei vertraute Parolen: Der Begriff Rasse bezeichne erhebliche Unterschiede zwischen Gruppen von Menschen; menschliche Gehirne hätten sich je nach Rasse unterschiedlich entwickelt; und all das ist durch unterschiedliche Anlagen bewiesen, zum Beispiel seien Juden von Natur aus klug (eine Behauptung, die von anderen Vertretern der Rassenlehre – inklusive des Entwicklungspsychologen Steven Pinker – gerne wiederholt wird). Nach Wades Ansicht gibt es noch weitere Eigenschaften, die seine Rassentheorien unterstreichen. Seiner Meinung nach habe die industrielle Revolution deshalb in England begonnen, weil Engländer (wie er selbst) durch natürliche Selektion mit Genen gesegnet gewesen seien, die sie sehr hart arbeiten und das Gesetz respektieren ließen. Afrikaner hingegen tendierten aus genetischen Gründen zum Stammesleben und seine gewinnbringendste Aussage lautete: "Die Art, wie sich Juden dem Kapitalismus anpassten, ist so ein weiterer evolutionärer Prozess."

Sein Buch veranlasste 139 der weltweit führenden Bevölkerungsgenetikerinnen und Evolutionstheoretiker dazu, einen Brief der New York Times zu unterschreiben, in dem sie ihm widersprachen – später kamen noch weitere dazu. Jerry Coyne, ein Genetiker an der Universität von Chicago, beschrieb Wades Darstellungen als "schlicht schlechte Wissenschaft". Doch die Wucht, mit der die Alt-Right während Trumps Präsidentschaftskampagne wieder in die öffentliche Wahrnehmung kam, hauchte Wades Aussagen neues Leben ein.

Die Öffentlichkeit weiß besser über Rassismus Bescheid als über Wissenschaft

Ein Grund dafür, dass die Rassenlehre immer noch nicht verschwunden ist, ist die Tatsache, dass die Öffentlichkeit besser über Rassismus Bescheid weiß als über Wissenschaft. Das hinterlässt eine Lücke, in der sich Leute wie Wade als Verteidiger des vernunftbetonten Nachhakens aufspielen. Was die Frage aufwirft: Warum genau liegen sie falsch?

Der wissenschaftliche Rassismus ist auf drei Pfeilern gebaut. Angefangen mit der Behauptung, dass die Urahnen der weißen Europäer, die vor 45.000 Jahren auf den Kontinent kamen, beschwerlichere Bedingungen vorfanden als in Afrika. Die eisige Kälte des Nordens soll demnach der entscheidende Faktor hinter dem neuen fortschrittlicheren weißen Gehirn gewesen sein.

Dieser Behauptung steht entgegen, dass Landwirtschaft, Städte und Schrift erstmals im heißen Mesopotamien auftauchten. Noch bedeutsamer sind jüngste Beweise aus Höhlen an der südafrikanischen Küste zum Indischen Ozean. Menschen hier mischten Farbe, indem sie Ocker-Tonerde mit Knochenmarkfett und Holzkohle vermengten. Damit zeichneten sie geometrische Symbole auf Tafeln, dekorierten Perlen, um sich selbst zu schmücken, und fertigten Angelhaken, Pfeile oder andere Waffen und Werkzeuge an. Teilweise erhitzten sie dafür das Material auf 320 Grad Celsius – und das alles vor 75.000 bis 100.000 Jahren. Diejenigen, die derartige Beweise untersuchen, sagen, dass es sich hier um moderne, kreative Menschen handelte, die auch Sprache nutzten – genau wie wir.

Die Beweise gegen die Rassenlehre sind überwältigend

Ein zweiter Pfeiler in der Argumentation für die Rassenlehre lautet wie folgt: Menschliche Körper entwickelten sich weiter, wenn es um Hautfarbe, ethnische Erkrankungen und andere Dinge wie etwa die Laktoseintoleranz geht – warum sollte sich nicht auch das menschliche Gehirn verändern? Die Antwort darauf lautet, dass hier nicht Gleiches mit Gleichem verglichen wird. Bei den meisten dieser physischen Änderungen waren einzelne Genmutationen involviert. Intelligenz dagegen besteht aus einem Netzwerk von Tausenden von Genen. Und noch nie wurden genetische Variationen zwischen Populationen gefunden, die mit Intelligenz in Verbindung stehen.

Dennoch – und das ist Säule Nummer drei – hängt Rassenlehre an der Idee, dass unterschiedliche Durchschnittswerte des Intelligenzquotienten (IQ) zwischen Populationsgruppen angeboren seien. Das ganze Konstrukt der Rassenlehre fiele ohne diesen Aspekt in sich zusammen.

Zwillingsstudien offenbaren den Einfluss sozialer Unterschiede

Welche Rolle Gene beim IQ spielen, kann man untersuchen, indem man identische Zwillinge findet, die bei ihrer Geburt getrennt wurden und getrennt voneinander groß wurden. Es gibt nur wenige untersuchte Fälle, in denen Zwillinge in unterschiedlichen Familien aufgewachsen sind, die gleichzeitig zu verschiedenen sozialen Schichten mit abweichendem Bildungsniveau zählten. Untersuchungen zeigten hier deutliche Unterschiede in den IQ-Werten – in einem Fall lagen 20 IQ-Punkte zwischen den Zwillingen, in einem anderen sogar 29 (Science: Bouchard et al., 1990).

Die Erforschung von Adoptionen bestätigt diesen Eindruck. Beispielsweise zeigte eine französische Studie, die Aufzeichnungen von Adoptionsvermittlungsstellen auswertete, dass Kinder aus armen Familien, die an arme Familien vermittelt wurden, einen durchschnittlichen IQ von 92,4 hatten. Dagegen zeigte sich bei armen Kindern, die an wohlhabende Familien vermittelt wurden, ein Schnitt von 103,6 (New York Book Review: Letters to Frank J. Sulloway, 2006). In einer weiteren französischen Studie stellten Forscherinnen und Forscher unter vernachlässigten und misshandelten Kindern zum Zeitpunkt ihrer Adoption einen durchschnittlichen IQ von 77 fest. Neun Jahre später zeigte sich folgendes Bild: Der IQ der Kinder, die von Arbeitern und Landwirten adoptiert wurden, lag nun bei etwa 85,5, der IQ der Kinder in Familien der Mittelschicht im Schnitt bei 92 und derjenigen in wohlhabenden Familien bei 98 (PNAS: Duyme et al., 1999).

IQ-Werte haben nichts mit Genetik zu tun

Wer statt einzelnen Personen ganze Populationen betrachtet, entdeckt ein ähnliches Muster. Die größte Änderung der IQ-Werte konnte man unter kenianischen Kindern beobachten – einer Studie zufolge stiegen sie in 14 Jahren um 26,3 Punkte an –, das Ergebnis  einer besseren Ernährung, Gesundheit und Bildung der Eltern (Psychological Sciences: Daley et al., 2003).

IQ-Tests, die in den ersten zwei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts durchgeführt wurden, zeigten jedes Mal, wie der IQ aschkenasischer Juden in den USA unter dem Durchschnittswert lag. Zuzeiten des Zweiten Weltkrieges lag er aber über dem Durchschnitt. Unter Kindern der Mizrachim-Juden in Israel hatte die erste Generation einen durchschnittlichen Wert von 92,8. Die zweite einen Durchschnitts-IQ von 101,3. Aufzeichnungen von chinesischen Amerikanern zeigten Durchschnittswerte von 97 im Jahr 1948 und 108,6 im Jahr 1990, während Afroamerikaner die Lücke von 5,5 IQ-Punkten zu weißen Amerikanern zwischen 1972 und 2002 schlossen (Journal of Cross-Cultural Psychology: Lieblich et al., 1972 und What is Intelligence?: James Flynn, 2007). 

Der bedeutendste IQ-Theoretiker der vergangenen 50 Jahre ist der Neuseeländer James Flynn. Er fand heraus, dass die IQ-Tests mit jeder Generation anspruchsvoller werden müssen, wenn ein Schnitt von 100 erhalten bleiben soll (American Scientist: Neisser, 1997 und What is Intelligence?: James Flynn, 2007). Er stellte fest, dass die durchschnittlichen IQ-Werte im Jahr 1900, gemessen an den heutigen Standards, bei etwa 70 lägen.

Was sich geändert hat, hat nichts mit Genetik zu tun. Stattdessen sind Menschen heute häufiger mit abstrakter Logik konfrontiert, die in den IQ-Tests gemessen wird. Manche Bevölkerungsgruppen begegnen ihr häufiger als andere, was auch erklärt, warum ihre IQ-Werte sich voneinander unterscheiden. Flynn zeigte, dass sich die unterschiedlichen Durchschnittswerte von Populationen komplett durch äußere Einflüsse erklären lassen (What is Intelligence?: James Flynn, 2007).

Trotz der überwältigenden Beweise gegen sie bleibt die Rassenlehre ein fester Bestandteil der Ansichten der US-amerikanischen Alt-Right, die sie als politischen Rammbock immer wieder für ihre Kleinstaaten-Agenda einsetzen. Wer glaubt, die Armen seien arm, weil sie dumm geboren worden seien, der braucht auch nicht viel Fantasie, um die These auf ganze Bevölkerungsgruppen zu erweitern, die von Armut betroffen sind.

Nicht "politisch unkorrekt", sondern falsch

Stefan Molyneux, ein Medienstar der Alt-Right, merkte einmal in einem Interview mit Nicholas Wade an, dass unterschiedliche soziale Folgen doch ein Resultat angeborener IQ-Werte verschiedener Rassen seien – etwa der hohe IQ bei aschkenasischen Juden und der niedrigere bei Schwarzen. Wade antwortete, dass Vorurteile nur eine "kleine und schwindende" Rolle bei den sozialen Folgen unter Schwarzen spielten. Danach verurteilte er prompt die "verschwendete Entwicklungshilfe" für afrikanische Länder.

Gavin Evans: "Black Brain, White Brain – Is Intelligence Skin Deep?" Thistle Publishing, 550 Seiten, Englisch, 2015

Diesen Vorstellungen muss etwas entgegengesetzt werden. Nicht etwa, weil sie "politisch unkorrekt" sind, sondern weil sie falsch sind: Die Rassenlehre ist einfach schlechte Wissenschaft. Genauer gesagt ist sie gar keine Wissenschaft.

Die Alternative – eine, deren Ursprung wirklich in der Wissenschaft liegt – umfasst ein weiter gefächertes Rassenkonzept. Eines, das die Menschheit als einzige Rasse betrachtet, in der einige Bevölkerungsgruppen zu den ständigen Verlierern gehören. Diese wandeln sich in einer Welt, in der Gene schneller als je zuvor miteinander geteilt werden, da das Reisen immer einfacher wird. Trotz riesiger kultureller, ökologischer und wirtschaftlicher Unterschiede zwischen diesen durchlässigen Bevölkerungsgruppen finden wir doch die komplette Bandbreite des Menschseins in jeder und jedem einzelnen von uns: Grausamkeit und Güte, Gewalt und Warmherzigkeit, Wahnsinn und Vernunft, Dummheit und Genialität.

Dieser Gastbeitrag wurde übersetzt von Linda Fischer und redigiert von Sven Stockrahm.

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