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Impfgegner: Die Wissenschaft weiß es besser!

Bücher wie "Eingeimpft" erwecken den Eindruck, jeder könne Impfexperte sein. Das ist nicht nur Unsinn, sondern führt auch in eine Welt, in der Fakten nichts mehr gelten.
Man darf ja vor den Sternen tanzen, aber man sollte eben auch ein bisschen Respekt für die Errungenschaften der Wissenschaft haben. © Allef Vinicius/unsplash.com

Ja, diese Welt ist komplex. So komplex, dass Sie, liebe Leserinnen und Leser, das meiste nicht verstehen. Der Autor dieses Textes übrigens auch nicht. Kaum jemand weiß, wie die Ampelschaltung zu verändern ist, damit der Verkehr in Großstädten besser fließt. Unklar ist für den Großteil, was bei der Statik einer Brücke zu bedenken ist, um einen Einsturz zu verhindern. Und unverstanden ist für die meisten, wie mithilfe der Gentechnik neue Pflanzen entstehen. Ein Grund zur Sorge? Ehrlich gesagt nicht. Denn wir leben in einer Welt, in der es genügend hochspezialisierte Menschen gibt, die genau das können und die unser Leben damit deutlich einfacher machen: Informatiker, Ingenieurinnen, Genetiker und Forscherinnen anderer Disziplinen. Kurz: die Wissenschaft.

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Nun wird genau dieses Prinzip allerdings gern infrage gestellt. Aktuelles Beispiel aus Deutschland: das Thema Impfen. Hier werden vehement eigene Meinungen vertreten, inklusive vermeintlichem Insiderwissen und fragwürdigen Quellen. Diese werden hier bewusst nicht explizit genannt, weil wissenschaftlich erwiesen ist, dass die Mythen dadurch eher gestärkt werden. Anlass für die erneute Debatte ist das Buch Eingeimpft, in dem der Filmemacher David Sieveking sich in pseudoaufklärerischer Manier daranmacht, zu verstehen, welche Impfung für seine Kinder denn nun gut sind und welche nicht. Er reist um die Welt, spricht mit verschiedenen Experten und entwickelt am Ende seinen ganz persönlichen "Impfplan".

Hunderttausende Probanden gegen die Recherche eines Fachfremden

Was vorbildlich klingt, ist äußerst problematisch. Denn es gibt bereits einen Impfplan. Er ist das Produkt langjähriger, intensiver, objektiver Auswertungen der Ständigen Impfkommission des Robert Koch-Instituts. In ihr sitzen 18 Expertinnen und Experten, elf davon Professoren, die sich seit Jahren mit Impfungen auseinandersetzen. Sie prüfen, ob es eine Impfung gegen einen bestimmten Erreger braucht, stellen alle brauchbaren Studien zusammen – oft Dutzende mit Hunderttausenden Probanden – und analysieren diese. Im Zweifelsfall lassen sie aufwendige Modellierungen anfertigen und bewerten diese. Nur die Impfungen, die sinnvoll, das heißt wirksam und sicher sowie wirklich notwendig sind, werden empfohlen. Wenn ein Stiko-Mitglied selbst an der Entwicklung eines Impfstoffes beteiligt war, darf es übrigens nicht abstimmen.

Im Gegensatz dazu recherchierte David Sieveking als Fachfremder ein paar Monate für einen Film. Was ihm – und vielen anderen – dabei passiert: Er findet Studien, die interessant sein mögen. Aber er ordnet sie falsch ein, weil ihm der Überblick fehlt. Er sucht Experten, die keine wirklichen Experten sind. Er überschätzt die Effekte einzelner Studien und zieht deshalb falsche Schlüsse. Seine Erkenntnisse verhalten sich zu denen der Stiko deshalb in etwa so, wie ein Groschenroman zur Schiller-Gesamtausgabe.

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Die Wissenschaft ist eine verdammt gute Annäherung an die Wirklichkeit

Das Buch Eingeimpft will eine Entscheidungshilfe für Eltern sein, die nach Antworten suchen. Die Antworten gibt es aber bereits: die Impfempfehlung der Stiko.

Nun mag man erwidern: Die Gesundheit der Kinder ist viel zu bedeutend, um sich keine Gedanken zu machen. Das stimmt. Eltern, die sich niemals um ihre Kinder sorgen, sind keine guten Eltern. Und Eltern, die sich Sorgen machen, dürfen, ja sollen, hinterfragen und die Ärztin darauf drängen, genau zu erklären, weswegen die Kinder geimpft werden. Patienten sollen mündig sein und informierte Entscheidungen treffen. Aber genau das ist der springende Punkt: Impfungen schützen vor potenziell tödlich verlaufenden Erkrankungen wie Gebärmutterhalskrebs, Masern und Polio. Deshalb wäre es gerade bei Impfungen im Interesse des Kindeswohls, auf geprüfte Informationen zu setzen. Und die bieten nun einmal die Experten, also die Stiko, der Kinder- oder Hausarzt.

Wissenschaftler verdienen ein wenig mehr Respekt

Ein Buch wie Eingeimpft oder eine Seite wie Wikipedia eignen sich bestenfalls zur ersten Orientierung. Aber sie liefern keine besseren Antworten auf Themen, zu denen Wissenschaftler seit Jahren arbeiten, als ebenjene selbst. Auch bei Impfungen nicht. Das heißt nicht, die Wissenschaft wäre frei von Fehlern. Eine Kritik am Wissenschaftsbetrieb, seinen Mechanismen und Methoden ist gewünscht. So gibt es beispielsweise Fachleute, die einzelne Empfehlungen der Stiko kritisieren. Daraus entstehen fruchtbare Diskussionen, vielleicht neue Erkenntnisse oder eben die Bestätigung des Bekannten. Wissenschaft ist immer nur Annäherung an die Wirklichkeit. Aber sie ist – gerade wenn es ums Impfen geht – eine verdammt gute Annäherung, die auf jahrzehntelanger Arbeit fußt. Das ist zu respektieren, nicht leichtfertig abzutun.

Letztlich mündet fehlender Respekt nämlich in der großen Frage: Wo kämen wir dann hin? Noch mögen es wenige Menschen in Deutschland sein. Aber was passiert, wenn immer mehr aufhörten, Institutionen wie dem Robert Koch-Institut zu vertrauen, der obersten Behörde für öffentliche Gesundheit und Sitz der Stiko, die seit Jahrzehnten Leben rettet? In einer Welt, in der Fakten nichts mehr wert sind, in der die Immunkrankheit HIV ein Mythos ist. Und in der ungeimpfte Astronauten niemals zum Mond geflogen sind.

Anmerkung: Weitere unabhängige Informationen zu David Sievekings Buch "Eingeimpft" sowie dem gleichnamigen Film finden Sie hier.

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