FacebookFlickrGoogleInstagramTeilenSoundcloudTwitterGefällt mirAntwortenRetweetenYouTubeZEIT ONLINEFacebookFlipboardMailFacebook MessengerPockettwitterWhatsappZ+
Anzeige

Desinfektionsmittel: Oder doch lieber Seife?

Die richtigen Desinfektionsmittel können das neue Coronavirus vernichten. Nur braucht sie nicht jeder. Wo sie wirklich nötig sind und warum normale Seife so gut wirkt.
Sowohl Desinfektionsmittel als auch Seife können dabei helfen, sich vor einer Coronavirus-Infektion zu schützen. © Kseniya Ovchinnikova/​Getty Images; Curology/​unsplash.com

Es ist das Produkt der Stunde. Wer in diesen Tagen Desinfektionsmittel kaufen will, findet möglicherweise leere Regale vor in Drogerien, Supermärkten oder Apotheken. Die Ausbreitung des neuen Coronavirus Sars-CoV-2 verleitet Menschen sogar, desinfizierende Mittel aus Krankenhäusern zu stehlen. Dort, wo sie jetzt unbedingt gebraucht werden. Online werden die Bakterien- und Virenvernichter längst zu absurd hohen Preisen angeboten. Und in einigen, besonders vom Ausbruch betroffenen Regionen der Welt versprüht Reinigungspersonal die Mittel sogar in den Straßen. Inzwischen gibt es eine Reihe von Anleitungen, um selbst solche Mittel herzustellen. Der texanische Spirituosenhersteller Tito's sah sich sogar gezwungen, via Twitter von der Verwendung seines Wodkas als Alkoholzusatz in selbst gemachten Händedesinfektionsmitteln abzuraten: Der Alkoholanteil entspreche "nicht den derzeitigen Empfehlungen der amerikanischen Zentren für Seuchenkontrolle und -prävention (CDC)".

Anzeige

Aus medizinischer Sicht gibt es tatsächlich gute Gründe für die Popularität der Fläschchen, Sprays und Gels. Eine Forschungsgruppe der Universitäten in Greifswald und Bochum hat gezeigt, dass Coronaviren (von denen es viele unterschiedliche neben dem pandemischen Sars-CoV-2 gibt) für mehrere Tage an Oberflächen haften können. So können sie auch noch infektiös sein – lassen sich aber von dort leicht mit Desinfektionsmittel entfernen (Journal of Hospital Infection: Kampf et al., 2020). Vor allem Desinfektionsmittel mit einem Alkoholanteil zwischen 62 und 71 Prozent können Hände und Gegenstände von Sars-CoV-2-Viren befreien und somit verhindern, dass Erreger über Tröpfchen aus Nase und Mund auf Oberflächen, dann auf Hände und von dort in den nächsten Organismus übertragen werden. Vorausgesetzt, man verwendet das richtige – und weiß, wann sein Einsatz sinnvoll ist.

Klicken Sie hier, um diesen Inhalt anzuzeigen.

Mindestens "begrenzt viruzid"

Abhängig davon, wo und gegen was sie wirken sollen, unterscheiden sich die verschiedenen Arten von Desinfektionsmitteln. Manche sind für die Hände, andere ausschließlich für trockene Oberflächen gedacht. Wieder andere wirken aufgrund ihrer Zusammensetzung nur gegen Pilze oder Bakterien. Sie haben die Bezeichnungen "fungizid" beziehungsweise "bakterizid". Wer sich aber vor dem neuen Coronavirus schützen will, muss darauf achten, dass das Desinfektionsmittel zumindest als "begrenzt viruzid" ausgeschrieben ist. Denn für unbehüllte Viren sind andere Mittel nötig als für behüllte wie das neue Coronavirus.

Die winzigen Krankheitserreger haben einen einfachen Aufbau – sie bestehen im Wesentlichen aus einer Proteinhülle, dem sogenannten Kapsid, und dem Erbgut, anhand dessen in der Wirtszelle Virenreplikate hergestellt werden, die später weitere Zellen befallen sollen. Sars-CoV-2 hat außer einer Proteinhülle noch eine Lipidhülle, die anfällig ist, nicht nur für Desinfektionsmittel – sondern vor allem für handelsübliche Seife. Gegen einige unbehüllte Viren wie Hepatitis-A- oder -E-, Noro- und Rotaviren ist dagegen voll viruzides Desinfektionsmittel nötig. Viele dieser Mittel enthalten Alkohol in unterschiedlichen Formen und Konzentrationen – zum Beispiel Ethanol, Isopropanol oder Benzylalkohol –, der die Proteinhülle und das Erbgut der Viren irreversibel schädigt und sie so unschädlich macht.

Anzeige

Doch nicht immer ist es unbedingt nötig, Desinfektionsmittel einzusetzen. Wo und in welchem Ausmaß, hängt unter anderem davon ab, wie wahrscheinlich es ist, dass jemand sich darüber infiziert, und wie lange das neue Coronavirus auf verschiedenen Oberflächen überleben kann. Eine von den Medien viel zitierte Zahl dazu kommt aus der Studie der Universitäten aus Bochum und Greifswald (Journal of Hospital Infection: Kampf et al., 2020): Mindestens zwei Stunden und bis zu neun Tage lang können Humanviren der Corona-Familie auf Metall, Plastik oder Glas überleben. Die Forschenden hatten dabei allerdings nicht das neue Coronavirus Sars-CoV-2 untersucht, sondern Verwandte aus der gleichen Virusfamilie, etwa die Viren, die Sars- und Mers-Epidemien ausgelöst hatten. In einer Studie aus den USA, die bisher ohne wissenschaftliches Gutachten veröffentlicht wurde, wurde das speziell noch einmal für das neuartige Virus Sars-CoV-2 untersucht. Die Forschenden kamen zu einem deutlich niedrigeren Ergebnis: Auf Kunststoff und Stahl könne das Virus zwei bis drei Tage überleben, in der Luft einige Stunden (medRxiv: van Doremalen et al., 2020). Als gesichert gelten diese Daten allerdings erst, wenn die Studie von Expertinnen und Experten auf diesem Fachgebiet gründlich überprüft wurde.

Privat alles zu desinfizieren, ist nicht sinnvoll

Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hält es aus diesem Grund zwar für denkbar, dass sich die neuen Coronaviren per Schmierinfektion übertragen lassen, wenn die Viren also über Hände auf die Schleimhäute in Mund und Nase gelangen. Den Privathaushalt deshalb regelmäßig zu desinfizieren, ist dem Institut zufolge dennoch nicht sinnvoll. "Im Allgemeinen sind humane Coronaviren nicht besonders stabil auf trockenen Oberflächen", heißt es auf der Institutswebsite. Es seien bisher keine Berichte über Infektionen durch Lebensmittel oder den Kontakt mit trockenen Oberflächen bekannt, die man durch Desinfizieren hätte verhindern können. Die Stabilität von Coronaviren in der Umwelt hängt dem BfR zufolge von vielen Faktoren ab, etwa Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Beschaffenheit der Oberfläche sowie vom speziellen Virusstamm und der Virusmenge. UV-Strahlung im Sonnenlicht zum Beispiel und Wärme machen das Virus instabil.

Desinfektionsmittel für Straßen? "Totaler Unsinn"

Ähnlich sieht es Melanie Brinkmann, Virologin am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung. Desinfektionsmittel seien für viele Menschen im Alltag nur an bestimmten Stellen sinnvoll. Zum Beispiel "überall dort, wo viele Menschen nach Fahrten im öffentlichen Nahverkehr nicht sofort ihre Hände waschen können". In allen öffentlichen Einrichtungen sei es deshalb sinnvoll, die Türklinken und -griffe jetzt noch regelmäßiger zu putzen und zu desinfizieren. In diesen Tagen sollten ohnehin nur noch Menschen unterwegs sein, die unbedingt auf die Straße müssen, um sich und andere zu versorgen oder zu arbeiten.

Klicken Sie hier, um diesen Inhalt anzuzeigen.

Im Kampf gegen Sars-CoV-2 gingen Seuchenschützer aber auch etwa in der chinesischen Metropole Huangshi und der iranischen Hauptstadt Teheran noch einen Schritt weiter: Auf Bildern in Medienberichten war immer wieder zu sehen, wie Menschen in weißen Schutzanzügen ganze Fahrzeuge mit massenhaft Desinfektionsmittel besprühten, es in Straßen verteilten und auf öffentlichen Plätzen Bänke und Laternenmasten abspritzten. "Totaler Unsinn", meint die Virologin Brinkmann. Für sie sind Maßnahmen wie diese öffentlichkeitswirksam, sie sollen beruhigen. Flächendeckend ist der Aufwand absurd hoch und nicht zielführend. Menschen übertragen das Virus in erster Linie und keine Parks, Gehwege oder Straßen.

Covid-19 - Robert Koch-Institut stuft Gefährdungslage als "hoch" ein Die Kliniken müssten sich auf eine große Zahl von schwer erkrankten Menschen einstellen. Man gehe von einer mehrjährigen Dauer der weltweiten Pandemie aus. © Foto: Reuters TV

Wie viele Gesundheitsexpertinnen und Virologen geht auch Brinkmann davon aus, dass kollektive Vorsichtsmaßnahmen am besten vor dem neuen Coronavirus schützen – und Desinfektionsmittel als Ergänzung im Alltag kaum notwendig sind. Sie rät dazu, vor allem die bekannten Verhaltensregeln einzuhalten: in die Armbeuge niesen, genügend Abstand halten, nicht an Augen, Nase und Mund fassen. Und vor allem: soziale Kontakte meiden, unbedingt zu Hause bleiben, wenn es irgendwie geht. Das Robert Koch-Institut empfiehlt außerdem, die Hände regelmäßig und mindestens 20 Sekunden lang mit ausreichend Seife zu waschen und anschließend gründlich abzutrocknen.

Klicken Sie hier, um diesen Inhalt anzuzeigen.

Besonders Eltern sollten darauf achten, fügt Melanie Brinkmann hinzu, dass ihre Kinder das beherzigen. "Coronaviren haben eine Lipidhülle, die fettlöslich ist", sagt die Virologin. "Durch handelsübliche Seife wird sie aufgelöst und zerstört." Denn auch wenn Händewaschen banal wirkt, ist es genau das richtige Mittel, um Viren zuverlässig zu beseitigen: Seife enthält Tenside, die mit der Lipidhülle von Coronaviren reagieren. Unterstützt durch das Wasser konkurrieren die Tensidmoleküle mit den Lipidmolekülen und stören deren Verbindung zueinander und zur Haut, auf der das Virus sitzt.

Für viele Menschen ist der regelmäßige Einsatz von Desinfektionsmitteln also nicht unbedingt nötig, solange sie Zugang zu Seife haben. Die große Ausnahme bilden Menschen, die tatsächlich Kontakt mit gefährdeten Personen oder bereits Infizierten haben – also Altenpfleger, Ärztinnen, Bundesfreiwilligendienstleistende oder Rettungskräfte. Hinzu kommen viele, für die solche Mittel überlebenswichtig sind: Haushalte, in denen chronisch Kranke leben, brauchen Desinfektionsmittel zum Schutz der Pflegebedürftigen. Menschen mit einem geschwächten Immunsystem können sich damit vor gefährlichen Keimen schützen. Oder Diabetikerinnen und Diabetiker, die ihre Haut desinfizieren müssen, bevor sie sich Insulin spritzen. Sie sind es, denen es schadet, wenn in den Regalen der Einkaufsläden nun kaum noch Desinfektionsflaschen zu finden sind.

Startseite
Anzeige

Diese Webseite verwendet unter anderem Cookies zur Analyse und Verbesserung der Webseite, zum Ausspielen personalisierter Anzeigen und zum Teilen von Artikeln in sozialen Netzwerken. Unter Datenschutz erhalten Sie weitere Informationen und Möglichkeiten, diese Cookies auszuschalten.