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Bienensterben: Rettet die Bienen, aber nicht so!

Die EU verbietet Neonikotinoide – zum Schutz der Bienen. Damit bewegt sie sich zwar in die richtige Richtung, die größte Bedrohung sind aber nicht die Pestizide.
Eine Honigbiene an Wiesenbärenklau © Gunther Willinger

Was dem Menschen die Zigarette, ist der Biene das Insektizid: Neonikotinoide wirken auf Bienen ähnlich anziehend wie Nikotin auf die Menschen. Pflanzen, die mit den Insektiziden behandelt wurden, scheinen Bienen und andere Bestäuber regelrecht anzulocken – um sie dann zu schädigen. Unter anderem wird das Nervensystem der Bienen angegriffen, wodurch ihr Lernvermögen und ihre Orientierungsfähigkeit eingeschränkt werden (Plos One: Fischer et al., 2014). Neonikotinoide stehen unter dem Verdacht, für das Bienensterben mitverantwortlich zu sein.

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Bereits seit 2013 dürfen Neonikotinoide in Europa deshalb nicht mehr bei Pflanzen eingesetzt werden, auf denen sich Bienen normalerweise niederlassen. Am heutigen Freitag hat ein EU-Ausschuss das Verbot verschärft: Der Freilandeinsatz von drei Stoffen – Clothianidin, Imidacloprid und Thiamethoxam – ist künftig europaweit verboten. Nach Einschätzungen der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) stellen die Insektengifte auch dann ein Risiko für Bienen dar, wenn die Blüten selbst nicht damit behandelt wurden. Es reiche, wenn der Boden, auf dem sie wachsen, kontaminiert sei. Mit dem Verbot bleibt ihre Verwendung künftig auf Gewächshäuser beschränkt. "Die Gesundheit der Bienen bleibt für mich von größter Bedeutung, weil sie Artenvielfalt, Lebensmittelproduktion und Umwelt betrifft", sagte der EU-Gesundheitskommissar Vytenis Andriukaitis am Freitag.

Mit dem Verbot sei das Problem aber nicht gelöst, sagen Experten. "Jetzt hat die EU wieder Millionen Euro investiert, um zu zeigen, dass Insektizide Insekten schädigen. Das wissen wir doch schon seit den Sechzigerjahren", sagt Peter Neumann, Tiermediziner und Leiter des Instituts für Bienengesundheit an der Universität Bern im Gespräch mit ZEIT ONLINE. Der Erfolg eines Totalverbots von Neonikotinoiden sei fraglich, denn Bauern würden notgedrungen auf andere Methoden und Mittel ausweichen. Die nächste Generation der Pestizide stehe schon bereit.

Das sieht der britische Entomologe Dave Goulson ähnlich. Er sagte dazu kürzlich im BBC-Radio: "In den 1940er Jahren hatten wir Organochlorpestizide wie das DDT. Nach deren Verbot gab es Pestizide auf Phosphorsäurebasis. Dann kamen die Neonikotinoide. Und als Nächstes wird wieder etwas Anderes, aber ähnlich Schädliches kommen. Wenn wir diesen Kreislauf nicht unterbrechen, sehe ich keine Hoffnung, dass sich etwas für die Umwelt verbessert."

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Der Verlust der Vielfalt setzt den Wildbienen zu

Um Bienen nachhaltig zu schützen, muss den Experten zufolge bei der grundlegenden Ausrichtung der Landwirtschaft und der Nahrungsmittelproduktion angesetzt werden. Wichtig dabei: Für Wild- und Honigbienen gelten unterschiedliche Rahmenbedingungen. Majas wilde Schwestern, etwa Hummeln, Mauerbienen, Sandbienen, Pelzbienen oder Hosenbienen, leiden am meisten unter dem Verlust der Vielfalt in unseren Landschaften. Sie leben einzeln oder in vergleichsweise kleinen Kolonien von höchstens einigen Hundert Tieren. Weltweit sind 20.000 Arten bekannt. Allein in Deutschland stehen mehr als die Hälfte der 569 Arten auf der Roten Liste.

Die Bedrohung der Wildbienen ist menschengemacht: Wir verwandeln unsere Gärten in Steinwüsten oder legen eine grüne Ödnis aus Rasen und Thujahecken an. Wir flurbereinigen Feldgehölze, fällen Bäume, begradigen Bäche und Flüsse, legen Moore trocken und pflügen Ackerrandstreifen. Blütenreiche Wiesen düngen und mähen wir, bis sich außer Löwenzahn und Gänseblümchen nichts mehr aus dem Boden wagt. Daneben überziehen wir unser Land großflächig mit Straßen, Parkplätzen, Gewerbe- und Neubaugebieten.

Insbesondere die Wildbienen trifft der Verlust geeigneter Nistmöglichkeiten und Futterpflanzen. Aber auch Honigbienen leiden unter einseitiger Ernährung, denn Pollen ist nicht gleich Pollen. Wenn die natürliche bunte Mischung durch Massentrachten wie Raps oder Sonnenblumen ersetzt wird, kann auch das die Bienen schwächen. An dieser Entwicklung ändere auch ein Verbot von Pestiziden nichts.

Momente - Bienenvölker im Biosphärenreservat Schaalsee Bienen tragen den ersten gesammelten Nektar des Jahres und Pollen in ihren Bienenstock

Kein Grund zur Entwarnung, kein Grund zur Panik

Unter den Honigbienen gibt es weltweit nur neun Arten, in Europa und Afrika sogar nur eine einzige, nämlich die Westliche Honigbiene (Apis mellifera). Für sie sind eingeschleppte Bienenkrankheiten und Parasiten, wie die Varroa-Milbe (Varroa destructor), momentan die größte Bedrohung. Die Milbe wurde vor gut 30 Jahren durch den Menschen aus Asien eingeschleppt. Die blutsaugenden Milben schwächen die Bienen nicht nur durch den direkten Befall, sondern übertragen dabei auch eine ganze Reihe an Krankheitserregern. Je nach Witterung müssen Imkerinnen und Imker über den Winter Völkerverluste zwischen 15 und 40 Prozent hinnehmen – trotz aufwändiger Behandlung der Völker mit Milbengift oder organischen Säuren. 

Da sich Varroa-Milben in den Brutwaben der Bienen vermehren, sind warme Winter, in denen die Insekten fast durchgehend Brut aufziehen, ideal für den Parasiten. Auf dem Vormarsch sind außerdem der Kleine Beutenkäfer (Aethina tumida) – ein Parasit aus der Familie der Glanzkäfer, der sich aus Afrika bereits bis nach Süditalien verbreitet hat –, außerdem die bienenjagende Asiatische Hornisse (Vespa vetulina), die im Jahr 2014 in Deutschland das erste Mal nachgewiesen wurde, und der ebenfalls aus Asien stammende parasitische Einzeller Nosema ceranae. Alle diese Neubürger profitieren von der Klimaerwärmung und könnten der Honigbiene in Zukunft weiter zusetzen.

Obwohl Imkerinnen und Imker eine wertvolle Arbeit zur Erhaltung der Honigbiene leisten, sollten sie ihre Zunft kritisch hinterfragen, sagt Peter Neumann. Bienenköniginnen werden europa- und weltweit verfrachtet oder mit der Post verschickt, um Honigertrag, Sanftmütigkeit und andere von den Imkern gewünschte Zuchtziele zu optimieren. Dabei gehen lokale Anpassungen verloren, Krankheiten und Parasiten werden verbreitet; die natürliche Selektion wird durch Zucht außer Kraft gesetzt. Neumann wünscht sich von seinen Kollegen deshalb "keine Importe von Königinnen, sondern eine Imkerei, die sich etwas mehr an den Bedürfnissen der Bienen orientiert".

Nicht alles ist schlecht

Was die Honigbiene angeht, gebe es seiner Meinung nach keinen Grund zur Entwarnung, aber auch keinen Grund zur Panik. Die Völkerverluste lägen zwar in manchen Regionen nach wie vor weit über den normalen Werten, aber noch gelinge den Imkern ein Ausgleich durch Nachzucht. Die Zahl der Honigbienenvölker in Deutschland und weltweit ist in den letzten Jahren sogar wieder leicht angestiegen.

Es ist eine zaghaft gute Nachricht. Doch Wissenschaft und Imker sind weiterhin gefordert, neue Wege zu gehen. So ist im Schweizer Emmental ein Experiment geplant, bei dem Honigbienenvölker ohne imkerliche Maßnahmen gegen die Varroa-Milbe gehalten werden, um auf diese Weise deren natürliche Widerstandskraft zu fördern. Was die Wildbienen angeht, wäre eine grundlegende Neuausrichtung der Landwirtschaft aus Sicht der Bienen wohl wichtiger als ein Pestizidverbot der EU-Kommission. Zumal es trotz der umfassenden Risikobewertung der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit umstritten ist, wie sehr Pestizide schließlich dazu beitragen, sowohl wilde als auch Honigbienen zu gefährden.

"Der ruinöse Umgang mit unseren natürlichen Ressourcen kann so nicht weitergehen", sagt Peter Neumann und fasst damit das grundlegende Problem zusammen. Neue Gesetze können zwar helfen, doch die größte Hilfe für die Bienen könne nur aus der Gesellschaft kommen: "Was mir wirklich Hoffnung macht, ist, dass viele junge Leute anfangen, Bienen zu halten. Und ich das Gefühl habe, dass die Problematik in der Bevölkerung angekommen ist."

Einen Überblick darüber, was Bienen bedroht, lesen Sie hier.

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