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Dürre und Unwetter: Klima frisst Äcker

Trockenheit, Starkregen und andere Wetterextreme gefährden die deutschen Ernten – auch weil Landwirte kaum auf den Klimawandel vorbereitet sind. Sie müssen sich beeilen.
Starkregen, Hitze, Noternten – Landwirte kämpfen mit dem Klimawandel. Wie können sie ihre Äcker retten? © Ollo/Getty Images

Im Nordosten kämpfen sie gegen Flammen, die ihre Getreidefelder verschlingen, im Süden stürzen Wassermassen vom Himmel. Hier wochenlange Trockenheit, Waldbrände und lodernde Felder, dort Sturzfluten, Erdrutsche und Überschwemmungen. Die Wetterextreme nehmen zu. Und die deutschen Bauern müssen sich dafür wappnen.

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Es habe wenig Sinn, bei jedem starken Regen zu fragen, ob der vom Klimawandel komme, "aber die Wahrscheinlichkeit für Gewitter in Deutschland ist im Zuge der Klimaerwärmung gestiegen", sagt Stefan Rahmstorf vom Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung. Für die kommenden Jahrzehnte sei mit einer weiteren Zunahme zu rechnen (Journal of Geophysical Research: Mohr et al., 2015).

Auch der Deutsche Wetterdienst (DWD) bestätigt, dass extreme Wetterlagen zunehmen: In den vergangenen 15 Jahren gab es häufiger Starkregen. Und allein in den zwei Wochen zwischen Ende Mai und Anfang Juni 2018 gab der DWD mehr als 3.000 Unwetterwarnungen heraus. Eine bislang unerreichte Zahl.

Die Modelle von Klimaforscherinnen und -forschern haben schon vor Jahren vorhergesagt, dass kurzzeitige lokale Unwetter zunehmen würden (Reviews of Geophysics:Westra et al., 2014). Solche Sturzregen lassen kaum Zeit, sich zu schützen. Zu größeren Überschwemmungen innerhalb kurzer Zeit kam es etwa 2016 im fränkischen Braunsbach, dieses Jahr in Wuppertal und im niedersächsischen Gremsheim.

Seit 1901 nehmen Dürren zu

Den Unwettern und Starkregen stehen andernorts Dürre und Trockenheit gegenüber. In den vergangenen zwei Monaten hielt sich stabil sehr warmes Wetter. Das liegt daran, dass die sommerlichen Westwinde in unseren Breiten schwächer werden – auch eine Folge steigender Temperaturen in der Arktis (Science:Coumou et al., 2015). Sturmfronten mit kühlerem Wetter bleiben aus. Im ersten Halbjahr 2018 trocknete vor allem der Nordosten Deutschlands aus:

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Seit 1901 haben Dürren in Deutschland stetig zugenommen. Und die Klimamodelle rechnen in Zukunft mit noch mehr heißen Tagen und Hitzeperioden. "Wir erleben in vergangenen Jahren eine Häufung klimatologischer Rekorde, die sich in der Summe nur mit dem Klimawandel erklären lassen", sagt Paul Becker, Vizepräsident des Deutschen Wetterdienstes. "Damit nehmen aber auch Extremereignisse zu. Dies erfordert von uns allen intensivere Anpassungs- und Klimaschutzmaßnahmen."

Vor allem Bauern und Förster müssen sich wappnen. Hitze und Trockenheit schaden dem Getreide, Baumarten wie Fichte und Kiefer leiden besonders. Selbst produziertes Futter wird knapper. Milde Winter, Hitzestress und häufigerer Kahlfrost (also Minusgrade ohne schützende Schneedecke) setzen den Äckern zu. Von milden Wintern profitieren Schädlinge und Unkräuter. Und wärmere Frühjahre lassen die Kulturen früher wachsen und blühen. Kommt dann der Winter noch einmal zurück, erfrieren massenweise Blüten – wie im April 2017, als in Süddeutschland durch Spätfröste hohe Schäden im Obst- und Weinbau entstanden.

Doch höhere Temperaturen und mehr CO2 in der Luft können auch positive Effekte für die Landwirtschaft mit sich bringen. Pflanzen wachsen besser und es wird leichter, neue Kulturpflanzen wie Soja oder Hartweizen anzubauen. Allerdings scheinen die negativen Auswirkungen durch Dürre, Überschwemmungen, Hagel und Spätfröste schwerer zu wiegen. Allein für dieses Jahr rechnen Versicherungsexperten mit mehr als zwei Milliarden Euro Schäden in der Landwirtschaft.

Was Landwirte tun können? Multikulti statt Monokultur

Die Mehrheit der Bauern und Betriebe ist schlecht auf die Klimaveränderungen vorbereitet. Im November 2017 trafen sich auf Einladung des Umweltbundesamtes Expertinnen und Experten in Berlin, um Strategien für die deutsche Landwirtschaft zu diskutieren. Das freundlich formulierte Fazit: Bei den meisten Betrieben gebe es noch großes Potenzial, sich an die Folgen des Klimawandels anzupassen.

Multikulti statt Monokultur ist ein vielversprechender Ansatz. Die Fruchtfolgen, also der schrittweise Anbau von zwei, drei, vier oder mehr verschiedenen Ackerfrüchten, müssen noch abwechslungsreicher und länger werden. Auch Mischkulturen, also der gleichzeitige Anbau mehrerer Kulturen auf einem Feld, etwa Hülsenfrüchte und Getreide, erhöhen die Vielfalt auf dem Acker.

Bodenpflege ist aufwendig, schützt aber vor Ausfällen

"Als Schutz gegen Erosion durch Starkregen sollte der Ackerboden möglichst das ganze Jahr durch bedeckt sein", sagt Thilo Streck, Agrarexperte und Professor am Institut für Bodenkunde der Universität Hohenheim. Pflanzen wie Ackersenf, Weidelgras oder die als Bienenweide bekannte Phacelia können als Zwischenfrüchte nach der Getreide- oder Maisernte angebaut werden. Später werden sie dann gemulcht oder untergepflügt, was den Kohlenstoffanteil im Boden erhöht und im Frühjahr den Ertragspflanzen zugutekommt. Ähnlich wirken Untersaaten, etwa Klee in einem Weizenfeld oder Gras, das unter Maispflanzen wächst. Die Untersaat hält Feuchtigkeit und Humus im Boden, bindet Stickstoff und lässt sich darüber hinaus noch als Futter oder Biogassubstrat verwenden. Gerade auf leichten Böden können Untersaaten helfen, mehr Wasser zu speichern.

Um Böden zu pflegen, käme auch die Mulchsaat infrage, bei der kein Pflug mehr den Acker umwälzen muss. Winterhärtere Sorten oder Kulturen – zum Beispiel Roggen statt Weizen – oder neue, wärmeliebende und trockenheitsresistente Arten wie Sorghumhirsen können angebaut werden. Und auch eine geschickte Mischung von früh-, mittel- und spätreifen Sorten kann helfen, Ernteausfälle zu vermeiden. Auf den Äckern muss sich etwas tun. Mehr Hecken, Bäume und Sträucher statt großflächig einheitlicher Anbauflächen fördern die Vielfalt von Pflanzen- und Tierarten, schützen den Boden und verbessern das Mikroklima. "Eine nachhaltige und klimaangepasste Bewirtschaftung muss aber immer auch ökonomisch nachhaltig sein, sonst funktioniert das nicht", sagt Streck. Für die bäuerlichen Betriebe sei das eine enorme Herausforderung, bei der sie auf die Zusammenarbeit mit Forschungsinstituten, Behörden und Verbänden angewiesen seien.

Noch scheuen viele den Zeit- und Kostenaufwand

Die deutschen Äcker zukunftssicher zu machen, ist weder trivial noch billig: Resistentere Sorten etwa beim Weizen liefern weniger Ertrag und auch andere Maßnahmen bedeuten oft mehr Arbeit bei geringerer Ernte. Teuer wird es auch für Betriebe, die sich direkt gegen Trockenheit und Starkregen schützen wollen. Neue Bewässerungssysteme, Hagelschutznetze oder Versicherungen gegen Dürre und andere Wetterextreme müssen erst mal bezahlt werden. Staatliche Förderung kann helfen, und Verbraucher können die regionale Landwirtschaft beim Einkauf unterstützen.

All diese Umstellungen könnten sich langfristig auszahlen – doch sie müssten bald angepackt werden. Dann hätten nicht nur die Bauern etwas davon. Denn die meisten der Anpassungen an den Klimawandel wirken sich auch positiv auf wilde Tiere und Pflanzen aus, schonen Gewässer und sorgen für mehr Vielfalt in der Landschaft.

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