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Holocaust: Was befahl Hitler?

Oder musste er nichts befehlen? Seit Jahrzehnten machen sich Historiker Gedanken, wie der Holocaust in Gang gesetzt wurde.
Adolf Hitler um 1935 während eines Regimentsbesuchs © Hulton Archive/Getty Images

Bei ihrem Vormarsch gegen die Deutschen seit 1943 stießen die Alliierten fast überall auf Massengräber und fanden bei Kriegsende in den Konzentrationslagern sterbende Häftlinge und Leichenberge vor. Ein so umfassendes System der Unterdrückung und Vernichtung, davon waren Briten, Amerikaner und Russen überzeugt, musste auf langer Planung und zentralen Befehlen beruhen. Die "Endlösung der Judenfrage" hatte sich ja auf alle europäischen Länder erstreckt, die von Deutschland und von seinen Verbündeten besetzt worden waren.

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Die Vorstellung von Planung und zentraler Lenkung passte zudem zu einschlägigen Ankündigungen der NS-Führung. Hatte nicht Hitler am 30. Januar 1939 für den Fall eines Weltkrieges die "Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa" prophezeit? Hatte er nicht in seinem Buch Mein Kampf bedauert, dass die "hebräischen Volksverderber" nicht bereits im Ersten Weltkrieg "unter Giftgas gehalten" worden waren? Es lag nahe, eine Linie von der Intention zur Ankündigung und zur Verwirklichung zu ziehen, die von Mein Kampf bis nach Auschwitz reichte.

Hinzu kam, dass sich die Angeklagten in den verschiedenen Nürnberger Prozessen nach 1945 auf umfassende Mordbefehle Hitlers beriefen. Dies galt für Karl Brandt, Hauptangeklagter im Nürnberger "Ärzteprozess", der die "Euthanasie"-Morde als zentrales, durch Hitler gelenktes System darstellte. Auch Otto Ohlendorf, Kommandeur der Einsatzgruppe D, die 1941 und 1942 in der Sowjetunion mehr als 90 000 Juden erschossen hatte, berief sich im Nürnberger "Einsatzgruppen-Prozess" auf einen Mordbefehl Hitlers, der ihm vor dem Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 mündlich mitgeteilt worden sei.

Viele Historiker, unter ihnen Helmut Krausnick, langjähriger Leiter des Instituts für Zeitgeschichte in München, folgten in der Nachkriegszeit zunächst bereitwillig dieser Version. Bei näherem Blick auf die Genese des Massenmordes kamen jedoch Zweifel an einem "Führerbefehl" auf: Wenn dieser schon vor dem Angriff auf die Sowjetunion erteilt worden war – warum hatte dann Reinhard Heydrich die Kommandeure der Einsatzgruppen noch am 2. Juli 1941 schriftlich instruiert, "Juden in Partei- und Staatsstellungen" zu exekutieren? Warum, wenn bereits ein allgemeiner Mordbefehl vorlag, hatten die meisten Einsatzgruppen zunächst allein jüdische Männer ermordet und erst deutlich später auch Frauen und Kinder einbezogen? Warum hatte dann Hermann Göring erst am 31. Juli 1941 Reinhard Heydrich beauftragt, "in Bälde einen Gesamtentwurf über die organisatorischen, sachlichen und materiellen Vorausmaßnahmen zur Durchführung der angestrebten Endlösung der Judenfrage vorzulegen"?

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Auf solche Widersprüche und Ungereimtheiten machten anfänglich vor allem Staatsanwälte aufmerksam, die wegen NS-Gewaltverbrechen ermittelten, wie Alfred Streim, der in Ludwigsburg die Zentrale Stelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen leitete.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT Geschichte Nr. 1/17. Das aktuelle Heft können Sie am Kiosk oder hier erwerben.

Die Historiker Martin Broszat und Hans Mommsen griffen diese Erkenntnisse in den späten sechziger und siebziger Jahren auf und wiesen darauf hin, dass der Weg in den Massenmord nicht linear verlaufen sei, sondern sich als "kumulative Radikalisierung" vollzogen habe. Die sei nicht durch einen "Führerbefehl" in Gang gesetzt, sondern durch die destruktive Dynamik der NS-Herrschaftsstruktur vorangetrieben worden, vor allem durch die Rivalität konkurrierender NS-Instanzen. Der langjährige Streit zwischen "Strukturalisten" wie Broszat und Mommsen und "Intentionalisten", die nach wie vor die Linearität zwischen weltanschaulicher Zielsetzung und ihrem Vollzug hervorhoben, hat die Forschung bis in die neunziger Jahre geprägt, gilt heute jedoch als überholt. Einerseits waren am Holocaust eine Vielzahl von Personen, Institutionen und Herrschaftsträgern in den besetzten Gebieten beteiligt – ihr Zusammenwirken und auch ihr Nichtzusammenwirken ist komplex und kann nicht mit einem zentralen Befehl erklärt werden. Andererseits waren die wesentlichen Initiativen an der Peripherie jederzeit mit Hitler und Himmler abgestimmt, die über alle Entwicklungen nicht nur informiert waren, sondern sie zugleich durch eindeutige Äußerungen und mündliche Weisungen vorantrieben.

Dabei legten sie auch Sprachregelungen fest: "Judenfrage/als Partisanen auszurotten" notierte sich Himmler als Ergebnis eines Gespräches, das er mit Hitler am 18. Dezember 1941 geführt hatte. Der Historiker Christian Gerlach interpretierte 1997 gerade diese und einige andere Notizen von weiteren NS-Funktionären als Beweis, dass Hitler am 12. Dezember 1941 bei einer Rede vor Reichs- und Gauleitern in Berlin eine "Grundsatzentscheidung" zur Vernichtung der Juden verkündet habe. Sein Kollege Peter Longerich sprach 2001 von einem "ungeschriebenen Befehl". Zwar habe Hitler im Dezember 1941 keine Grundsatzentscheidung getroffen, sich jedoch als Motor einer "Politik der Vernichtung" erwiesen, die von Herbst 1939 bis Sommer 1942 schrittweise eskaliert sei.

Viel spricht heute dafür, den Weg in den Völkermord nicht durch eindeutige Befehle, sondern als Kommunikationsfeld zu definieren, in dem die Zentrale der Macht und die Peripherie intensiv miteinander verbunden waren. Es war kein Zufall, dass Goebbels in seinem Tagebuch die Rolle Hitlers in der "Judenfrage" als die eines Kommunikators definierte. Hitler sei "der unentwegte Vorkämpfer und Wortführer einer radikalen Lösung", notierte er am 27. März 1942.

Die meisten Historiker sind sich heute einig, dass es eines längeren Zeitraums bedurfte, ehe sich die Mordaktionen an sowjetischen Juden schubweise zu einem Völkermord entwickelten, der allen Juden Europas galt. Dieser Prozess begann in den letzten drei Monaten des Jahres 1941 und erstreckte sich bis zur Jahresmitte 1942. Auf der Wannsee-Konferenz am 20. Januar 1942 wurde deshalb mitnichten die "Endlösung der Judenfrage" beschlossen, wie es noch bisweilen zu lesen ist.

Dass letztlich nur eine kleine Zahl von Tätern für den Holocaust verantwortlich gewesen sei, war die dominierende Vorstellung in der deutschen Öffentlichkeit der Nachkriegszeit. Die deutsche Justiz stufte vor allem Hitler und die SS-Führung als "Täter" ein, viele Mitverantwortliche im Vernichtungsapparat wurden lediglich als "Tatgehilfen" abgeurteilt. Heute geht die Forschung von rund 200.000 bis 250.000 deutschen und österreichischen Tätern aus. Die Mordaktionen wurden nicht allein durch die SS in den Vernichtungslagern verübt; vielmehr war der weitverzweigte SS- und Polizeiapparat als Ganzes daran beteiligt, darunter Gestapo und Ordnungspolizei, die das Gros des Personals in den Polizeibataillonen und mobilen Mordeinheiten im Osten stellte.

Was bestimmte das Verhalten der Täter?

Auch Einheiten der Wehrmacht begingen Massenmorde, vor allem in Jugoslawien und der besetzten Sowjetunion. Allein die Geheime Feldpolizei der Wehrmacht erschoss Zehntausende "Verdächtige". Eine wesentliche Rolle spielte überdies die deutsche Zivilverwaltung in den besetzten Gebieten, die unmittelbar für die Verfolgung der Juden in ihrem Territorium zuständig war.

Seit den neunziger Jahren wenden sich Historiker verstärkt der "Täterforschung" zu, haben eine wachsende Zahl von mittelbar oder unmittelbar Beteiligten identifiziert und damit das Bild des Mordgeschehens deutlich verändert. Lange Zeit hatte man es als bürokratisch-mechanistischen Prozess gedeutet, als fabrikmäßiges Töten ohne unmittelbare Konfrontation der Täter mit den Opfern, und assoziierte das Morden vor allem mit den Gaskammern von Auschwitz. Die Täterforschung rückte dagegen die zahlreichen Massaker in Osteuropa in den Mittelpunkt – 2010 bezeichnete der amerikanische Historiker Timothy Snyder die osteuropäischen Territorien des Mordens und Sterbens als "Bloodlands".

Was aber bestimmte das Verhalten der Täter? Waren sie vor allem von Judenhass getrieben? Waren Befehlsketten und Gruppendruck in den Mordeinheiten entscheidend? Das Führungspersonal des Massenmordes hatte antisemitische Vorprägungen schon vor 1933 erfahren – so gehörten das Führungskorps des Reichssicherheitshauptamtes und viele Kommandeure der Sicherheitspolizei der "Kriegsjugend-Generation" an, die zwischen 1900 und 1910 geboren worden war. In der Regel waren diese Männer, wie Ulrich Herbert und Michael Wildt gezeigt haben, in der völkischen Studentenbewegung der zwanziger Jahre sozialisiert worden.

Die biografische Gemeinsamkeit hatte Einfluss auf ihr Denken. Ihr Handeln bestimmten aber auch die NS-Institutionen, in die sie nach 1933 eintraten. Wobei es sich nicht um klassische bürokratische Organisationen handelte: Bedenkenträger oder "Tintenritter" durften hier nicht auf Beachtung und Beförderung hoffen – "Draufgänger", die jenseits des Schreibtisches agierten und sich nicht durch Recht und Gesetz einengen ließen, dafür umso mehr. Auch sozialpsychologische Aspekte wie Kameraderie, Gruppendruck und die gemeinsam ausgeübte Gewalt trugen dazu bei, dass sich Einheiten zu verschworenen Gemeinschaften entwickelten, für die das Morden zum Alltag wurde.

Daniel Goldhagen sah 1996 in seiner Studie Hitlers willige Vollstrecker bei den Deutschen einen so tief eingeschriebenen "eliminatorischen Antisemitismus" am Werke, dass allein dieser die Männer zu Massenmördern habe werden lassen. Das Buch löste eine heftige Debatte aus. Antisemitismus – so wurde zu Recht eingewandt – hatte es schließlich nicht nur in Deutschland gegeben, und nicht allein Juden wurden im Nationalsozialismus zu Opfern.

Dagegen hat das Werk, an dem sich Goldhagen damals abarbeitete, Standards gesetzt: Christopher Brownings Arbeit über die Angehörigen des Hamburger Reserve-Polizeibataillons 101, die in Polen mehr als 38.000 Juden erschossen. Das 1993 erschienene Buch trägt den Titel Ganz normale Männer und zeigte: Die Täter lassen sich nicht als Sondergruppe oder Negativauslese vom Rest der Bevölkerung abtrennen.

Raul Hilberg, Pionier der Holocaust-Forschung, hat in den Neunzigern noch relativ statisch zwischen "Tätern", "Opfern" und "Zuschauern" (bystanders) unterschieden. Mittlerweile sind die Übergänge fließender: Man spricht von Beteiligten, Helfern, Nutznießern, Profiteuren, auch indifferente und gleichgültige Menschen kommen verstärkt ins Blickfeld. Ohne sie wäre die soziale Ausgrenzung der Juden aus der Gesellschaft nicht möglich gewesen.

Dies gilt nicht allein für die deutsche, sondern in der Tendenz für die meisten europäischen Gesellschaften, deren jüdische Minderheiten verfolgt und ermordet wurden. Überall fanden die Deutschen willige Helfer, und nicht wenige der deutschen Verbündeten, wie die Rumänen, brachten eigenständig Hunderttausende Juden um.

Der zunehmend kritischere Blick auf dieses "Mitmachen" hat in vielen europäischen Ländern mittlerweile Gegenbewegungen ausgelöst: Nationalkonservative Regierungen wie in Ungarn oder Polen stilisieren die eigene Bevölkerung zu bloßen Opfern und kriminalisieren kritische Historiker, die sich um differenzierte Analysen bemühen. Selbst in den Niederlanden entbrannte kürzlich ein "Historikerstreit" um die Frage, ob die niederländischen Zeitgenossen überhaupt vom Holocaust gewusst hatten. Hier deutet sich ein Zurück in die fünfziger Jahre an, als sich die Bevölkerung in den meisten europäischen Ländern entweder als Opfer oder als Widerständige definierte und die Erinnerung an den Holocaust noch nicht im nationalen Gedächtnis verankert war. Ob dieses Zurück zu überwunden geglaubten Mythen in Europa mehrheitsfähig ist, wird die nähere Zukunft zeigen.

Weiterlesen:
Frank Bajohr und Andrea Löw (Hrsg): "Der Holocaust. Ergebnisse und neue Fragen der Forschung" Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2015

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