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Hochzeit: Behaltet eure Namen

Er gehört zu mir. Das sollte eine Frau bei der Hochzeit nicht nur über ihren Mann sagen. Wenn das Private politisch ist, wieso geben so viele Frauen ihren Nachnamen auf?
© sweet-ice-cream-photography/Unsplash

Ich hasse meine Freundinnen. Ausgerechnet an ihrem Hochzeitstag. Weil sie im Standesamt nicht nur leere Sektflaschen zurücklassen, sondern auch ihre Nachnamen. Private Statistik: Von zehn Freundinnen, die in den letzten Jahren geheiratet haben, haben nur zwei ihren Namen behalten, eine hat gemeinsam mit ihrem Mann den Geburtsnamen ihrer Mutter angenommen. Sieben von zehn Freundinnen, alle berufstätige, selbstbewusste, kritische junge Frauen haben den Nachnamen ihres Mannes angenommen. Meine private Statistik entspricht dem, was eine Studie des Marktforschungsinstituts GfK besagt: Mit 18,8 Prozent  bleibt nur jede fünfte Frau bei ihrem Familiennamen. Einige hatten sicher nachvollziehbare Gründe. Verständnis habe ich für ihre Entscheidung dennoch nicht. 

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Früher war eine Hochzeit vor allem ein bürokratischer Akt, erfunden, um zwei Menschen, zwei Familien, zwei Haushalte, zwei Vermögen zu vereinen. Und im Gegensatz zu vielen anderen europäischen Ländern war es in Deutschland nicht nur gesellschaftliche Norm, den Namen des Mannes anzunehmen. Alles andere war verboten. 1896 wurde im Bürgerlichen Gesetzbuch festgeschrieben, dass die Ehefrau den Namen des Mannes anzunehmen habe. Dies galt bis 1991. Bis 1991! In einem Fachkommentar zum Bürgerlichen Gesetzbuch von 1976 steht: "Der Frau ist ein Namenswechsel im Zweifel eher zumutbar, da sie als die zumeist Jüngere vor der Heirat weniger lang im Berufsleben stand, nachher zur Versorgung der Kleinkinder oft einige Jahre aus dem Beruf ausscheidet sowie überdies in ihm häufig weniger hohe Positionen einnimmt als im Durchschnitt der Mann."

Meine Mutter wollte keinen Doppelnamen, was ab 1957 möglich war, aber nur, indem die Frau ihren Nachnamen an den des Mannes anhängte. Mein Vater wollte seinen Namen nicht abgeben, was seit 1966 in der DDR und seit 1976 in der BRD möglich war. Also war meine Mutter gesetzlich verpflichtet, den Namen meines Vaters anzunehmen. Die Frauen von heute haben die Wahl. Aus meiner Sicht verwählen sie sich zu häufig.

Meine private Statistik hat eine politische Dimension. Nicht erst seit der Debatte um #MeToo diskutieren junge Frauen und Männer über strukturelle Benachteiligung, über das, was sich ändern muss, im Steuerrecht, in der Verteilung der Renten, in Chefetagen, am Tresen, im Bett. Manche von ihnen wollen das Ehegattensplitting abschaffen, andere wollen eine Frauenquote, sie alle wollen die Gleichberechtigung der Geschlechter. Sie ist im Grundgesetz verankert. Doch vergessen meine Freundinnen darüber vielleicht manchmal, wie viel Macht ihre eigenen Entscheidungen haben. Wie mächtig jede von ihnen selbst ist. Welche Wirkung eine persönliche Entscheidung auf das politische Geschehen haben kann. Schließlich beeinflussen sie damit nicht nur ihr eigenes Leben, sondern auch das ihres Mannes, ihrer Kinder, ihrer Eltern, ihrer Freunde.

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Sie alle glaubten, mit dem Abgeben ihres Nachnamens nichts zu verlieren. Im Gegenteil: Sie verstanden die Namensänderung schon fast als ein Geschenk an ihren Mann.

Ihre Entscheidung für den eigenen Namen wäre vielleicht Gesprächsthema, ihr Umfeld würde möglicherweise anfangen, sich mit dieser Frage auseinanderzusetzen. Sie würden etwas in Gang bringen. Weil der Kampf beider Geschlechter für die Gleichberechtigung nicht mit dem Tragen eines T-Shirts oder dem Posten eines Hashtags endet; er endet sowieso niemals, er berührt das Privateste im Leben und damit auch die Entscheidung, unter welchem Namen sie ihr Leben verbringen wollen. 

Auch meine Generation, auch die Um-die-30-Jährigen, die in diesem Sommer vor dem Staat Ja sagen, sind noch in einem patriarchal organisierten Deutschland groß geworden. Zumindest in Westdeutschland sind die Vollzeit arbeitenden Mütter immer noch eine Ausnahme, nicht die Regel. Sei freundlich, hilf Mama, schnell den Tisch abzuräumen, leg doch mal ein bisschen Mascara auf, halt gefälligst die Beine zusammen, zieh dir was Ordentliches an, so sitzt doch keine junge Dame – diese Hinweise und Sprüche mussten und müssen sich viele Mädchen noch immer gefallen lassen, egal, ob in Saarbrücken oder Schwerin. Von Großeltern, Müttern, Vätern, Lehrerinnen.

Dass diese Stereotype verschwinden, dass sich etwas ändert, haben sie oft genug nicht selbst in der Hand, aber zumindest in der Wahl des Nachnamens – sollten sie sich denn für eine Hochzeit entscheiden – haben sie sehr wohl ein Mittel, das zumindest in ihre persönliche Öffentlichkeit hineinwirkt. Wer will, dass sich etwas ändert, könnte bei sich selbst anfangen. Oder darf zumindest nicht die Strukturen aufrechterhalten helfen, die meine Generation anprangert. Wer will, dass sich etwas ändert an der immer noch ausstehenden Gleichberechtigung von Mann und Frau, der muss etwas tun. Oder aktiv nichts tun und seinen Namen behalten.

Braucht Zusammengehörigkeit einen gemeinsamen Namen?

Denn wie immer, wenn man über das Verhältnis von Frauen und Männer debattiert, geht es auch in dieser Frage um Macht. Wer sie hat und wieso. Wem sie aus historischen Gründen, aus Traditionsbewusstsein verwehrt bleiben soll. Ich habe meine Freundinnen gefragt, warum sie die Namen ihrer Männer angenommen haben. Natürlich hatte jede von ihnen einen sehr guten Grund. Es ist und bleibt eine persönliche Entscheidung. Was mich allerdings aufhorchen ließ: In all diesen Gesprächen fiel mindestens einer dieser drei Sätze: "Ihm ist sein Nachname eben viel wichtiger!", "Er hätte seinen Namen auf keinen Fall abgegeben", "Namen sind doch eh Schall und Rauch". Und das sind die Argumente, die übers Persönliche hinausweisen. Das sind die Sätze, die in meinen Augen Ausdruck ihres Aufwachsens in einer men's world sind, in der sie sich als Frauen in dieser Frage traditionell kleiner machen, als sie sind.

Letztlich hatte ich den Eindruck, dass die Entscheidung bei allen auch etwas damit zu tun hatte, dass sie glaubten, mit dem Abgeben ihres Nachnamens nichts zu verlieren. Frauen wie meine Freundinnen können heutzutage alles werden und alles haben und vergessen immer noch, was die Voraussetzung dafür ist: sich selbst ernst zu nehmen, sich genauso wichtig zu nehmen, wie ihr Mann es selbstverständlich tut. Wie sang Marianne Rosenberg? "Er gehört zu mir/wie mein Name an der Tür." Genau!

Der Geburtsname eines Menschen ist Ausdruck der Individualität und Identität. So formulierte es das Verfassungsgericht 1991.

Denn Namen sind weder Schall noch Rauch. Namen sind Geschichte, Erfolge, Traumata, Familie. "Der Geburtsname eines Menschen ist Ausdruck der Individualität und Identität", so formulierte es das Verfassungsgericht 1991. Wieso sollte das für Frauen weniger wichtig sein als für Männer? Historisch gesehen war die Weitergabe des Vaternamens zumindest in Deutschland ein Schutzmechanismus. Es ging darum, die eigene Linie zu erhalten. Den Stammbaum Sohn um Sohn, Ast um Ast zu erweitern. Ob er wollte oder nicht, der erstgeborene Sohn trug die Verantwortung, diese Tradition weiterzuführen. 

Wer nur Töchter hatte, tat gut daran, sie "unter die Haube zu bekommen". Auch dies haben die deutschen Gesetze forciert, schließlich durften Frauen bis 1962 kein eigenes Konto eröffnen, galten bis 1969 nicht als geschäftsfähig, durften bis 1977 ohne die Zustimmung ihrer Ehemänner nicht arbeiten und erst 1997 trat ein Gesetz in Kraft, das Vergewaltigung in der Ehe strafbar machte. Meine Großmütter dürften auf Basis dieser Gesetze keinen Grund gesehen haben, ihre Namen zu behalten, sie sahen sich gezwungen, ihre Bestimmung im Ehefrauendasein zu finden. Sie machte es stolz, als Frau Dr. Heinrich Undsoweiter angesprochen zu werden. Ihre Möglichkeiten waren Anfang der Fünfzigerjahre in einem kleinen Dorf in Norddeutschland begrenzt.

Ganz im Gegensatz zu den Möglichkeiten, die junge Frauen heute haben. Es herrscht zwar immer noch ein großer Druck zur Zweisamkeit, aber keine Frau muss mehr heiraten, um ein Teil dieser Gesellschaft zu sein oder einen Beruf auszuüben. Keine Frau muss sich einem Mann unterordnen. Keine Frau muss namenlos werden, um sich mit einem neuen Namen einen Namen zu machen.

Ich liebe meine Freundinnen. Natürlich sind sie dazu in der Lage, unter ihren neuen Namen ein selbstbestimmtes, unabhängiges Leben zu führen. Manche von ihnen sind mittlerweile auch Mütter und schätzen den gemeinsamen Namen als Zeichen der Zusammengehörigkeit. Ich verstehe das. Aber entsteht Zusammengehörigkeit wirklich nur durch den gemeinsamen Namen oder nicht eher durch die Liebe und Fürsorge, die sie als Familie verbindet? Und auch, wenn sie durch alle drei Faktoren entsteht: Wieso tragen ihre Männer dann nicht die Nachnamen ihrer Frauen? Weil sie in einer Gesellschaft leben, die das weder vorsieht noch verlangt. Und solange das so ist: Behaltet eure Namen! 

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