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Trennungskinder: Zu dir oder zu mir?

Vertreibende Mütter, verschwindende Väter: Irgendwo zwischen diesen Klischees ringen getrennt lebende Eltern um das Beste für das Kind. Ist das Wechselmodell die Zukunft?
Zu dir oder zu mir? © Anita Austvika/​unsplash.com

Wenn man Almut* aus Kiel fragt, was sie am nächsten Wochenende unternimmt, wird sie traurig: wieder Sonnabend und Sonntag im Grünen, im Garten ihrer Eltern. Es ist kein kinderfreies Wochenende, auf das sie sich freut, sondern gehört zu jenen zwei Wochen pro Monat, an denen Niklas*, fünf Jahre, und Lilli*, drei Jahre, nicht bei ihr leben. Dann sind sie beim Vater, denn Almut praktiziert mit ihrem Ex-Freund das Wechselmodell, sie erziehen getrennt und doch gemeinsam – paritätisch. Die Kinder pendeln hin und her zwischen den Elternteilen, 50:50.

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Das Wechselmodell, das nach einer Trennung oder Scheidung eine geteilte Erziehung ermöglicht, sorgt seit Jahren dafür, dass in Deutschland Vertreter von Väterverbänden und Frauenrechtlerinnen, Geistliche und Politikerinnen, Lehrerinnen und Psychologen sowie republikweit zahllose Mütter und Väter miteinander streiten. Die einen loben, dass damit stereotype Rollenbilder überwunden würden. Die anderen kritisieren, dass so Kontinuität im Leben der Kinder fehle. Die Frage, bei wem die Kinder nach einer Trennung leben sollen (und wie lange), berührt viele neuralgische Punkte. Und: Eigene Kinder stellen heute für viele Erwachsene die einzige emotionale Kontinuität in ihrem von Umzügen, Trennungen und Neuanfängen geprägten Leben dar.

Auch Almut empfindet es wie eine "Tortur", die eigenen Kinder die Hälfte des Monats nicht bei sich zu haben. Als ihre dreijährige Tochter im Juli eine Sommergrippe mit hohem Fieber hatte und sie erst eine Woche später davon erfuhr, fühlte sie sich sehr mies, wie sie erzählt. Außerdem hatte Lilli Mähni, ihr Lieblingsstofftier, einen Löwen, der fast so groß ist wie sie selber, beim letzten Wechsel bei ihr gelassen. Sie hätte ihr Mähni gern gebracht.

Das Wechselmodell passt nur, wenn die Eltern gut miteinander können.
Oliver, getrennt lebender Vater

Oliver* hat eine andere Sicht auf das Wechselmodell als Almut: Seine Ex-Frau und er wohnen nur fünf Minuten voneinander entfernt. Dass Katharina* in Berlin-Kreuzberg eine bezahlbare Wohnung in seiner Nähe gefunden hat, erscheint ihm fast wie ein Wunder. Auch wenn Tochter Juno*, acht Jahre alt, wochenweise wechselt, sehen sich die Eltern zwischendurch, im Sommer wird sogar mal gemeinsam gegrillt. "Anders geht das doch gar nicht", sagt Oliver, "all diese Schulsachen, man muss echt viel miteinander besprechen. Das klappt besser von Angesicht zu Angesicht." Weihnachten haben sie auch zusammen gefeiert. Wie das wird, wenn neue Partner im Spiel sind? Das weißt Oliver noch nicht genau. Fest steht für ihn: "Das Wechselmodell passt nur, wenn die Eltern gut miteinander können."

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In vielen Ländern, zum Beispiel in Frankreich, Belgien, Dänemark, Schweden, Norwegen, Spanien und Griechenland, wurde das paritätische Wechselmodell bereits gesetzlich festgeschrieben. Das im Bürgerlichen Gesetzbuch verankerte Familienrecht ist in Deutschland noch auf das sogenannte Residenzmodell ausgelegt. Dieses sieht vor, dass Kinder getrennter oder geschiedener Eltern einen Hauptwohnort haben, meistens, aber nicht zwingend, bei der Mutter. Das Wechselmodell können Familiengerichte zwar anordnen, gesetzliche Regelungen dafür gibt es nicht. Dabei bleibt es im Prinzip erst einmal. Ende September hat der Rechtsausschuss des Bundestags die Einführung des Wechselmodells als Regelmodell abgelehnt. Die FDP, die den Antrag eingebracht hatte, hatte argumentiert, dass dieses Modell "dem Kindeswohl durch die gemeinsame Erziehung beider Eltern am besten Rechnung trage und gleiche Teilhabemöglichkeiten von Männern und Frauen am Arbeitsmarkt schaffe". In der Begründung zur Ablehnung heißt es unter anderem, weder das Bundesverfassungsgericht noch der Bundesgerichtshof sähen eine Pflicht des Gesetzgebers, getrennt lebenden Eltern eine paritätische Betreuung vorzugeben.

Ein "verordnetes" Wechselmodell werde nur den Fällen gerecht, in denen es gut umsetzbar sei, zum Beispiel bei Wohnortnähe der Eltern, und wenn es dem Kind nicht schade, sagt der Ravensburger Kinderarzt und Buchautor Herbert Renz-Polster. Es gibt Kinder, die jeden Monat mehrfach durch die Republik fliegen, so wie Tim*, dessen Vater nach der Trennung zur neuen Freundin von Berlin nach München zog und den noch nicht schulpflichtigen Sohn alle zwei Wochen zu sich holt. Wie das mal werden soll, wenn Tim in die Schule geht? Seine Eltern wissen es noch nicht.

Sollte sich der Staat da nicht heraushalten?

Auch die Berliner Journalistin und Buchautorin Gerlinde Unverzagt hält eine Gesetzesvorgabe für falsch und Einmischung ebenso: Der Staat solle sich weitgehend "aus dem Familienleben, auch dem getrennten" heraushalten.

Ein Grund, warum das Wechselmodell als zukünftiges Standardmodell diskutiert werden muss, ist ein anderes Rollenverständnis von Vätern. Heute seien, sagt Herbert Renz-Polster, "viel mehr Väter bereit und von ihrer tatsächlich zum Kind gelebten Beziehung her auch in der Lage, für ihr Kind praktisch und alltäglich elterlich zu sorgen".

Karsten* zum Beispiel war von Anfang an ein "sehr engagierter Papa", wie er sagt. Zur Unterstreichung dieser Behauptung zeigt er eine Liste, die seine Ex-Frau angelegt hatte. Man kann das zwanghaft finden, aber aus der Liste geht hervor, wann Karsten mit Mathis* auf dem Spielplatz war, wann im Schwimmkurs und an welchen Sonntagen im Park. Karsten hat seine Stelle auf zwei Drittel reduziert, gegen den Willen seines Chefs, um mehr Zeit für seinen Sohn zu haben. Er fand, dass seine Ex-Frau ihn im Nachhinein die Rolle des klassischen abwesenden Vaters übergestülpt hat – nur "um Mathis für sich zu haben", wie Karsten vermutet.

Es gebe durchaus "vertreibende Mütter", die den Vätern den Zugang zum gemeinsamen Kind erschweren und diese "außen vor halten", sagt Gerlinde Unverzagt. Im "Themenkreis verschwindende Väter" werde dies allerdings oft vergessen. Dass sich eine große Zahl von Vätern aus der Unterhaltszahlungspflicht herausmogeln wolle und deshalb den Nachwuchs zu sich nähme, hält sie eher für ein Totschlagargument von Müttern. Dafür würde man sich keinen "prallen Alltag mit Kindern im Spagat mit Berufstätigkeit" ans Bein binden.

Im Jahr 2015 erfolgte ein BGH-Beschluss, nach dem es zur Umsetzung des Wechselmodells in einer Familie ausreicht, wenn nur ein Elternteil diesem zustimmt, zum Beispiel der Vater gegen den Willen der Mutter. Ärger zwischen uneinigen Elternteilen und Zerren am Kind sind hier vorprogrammiert. Da wird Elternteilen gegen ihren Willen ihr Kind weggenommen oder aufgedrückt. Was ist mit der Mutter, die dem als Manager ständig um den Globus reisenden Ex-Mann jetzt zwei Wochen lang nonstop das Kind aufdrückt? Oder dem Mann, der seiner Ex-Frau, nachdem er sich vorher in der Fürsorge rar gemacht hat, die gemeinsamen Kinder die Hälfte des Monats wegnimmt, nachdem sie vorher auf ihre Karriere verzichtet hat, um den Nachwuchs großzuziehen? Ist das Rachsucht, unter der die Kinder leiden müssen?

Da muss schon viel zusammenkommen, damit das für die Kinder passt.
Herbert Renz-Polster, Kinderarzt und Buchautor

Herbert Renz-Polster sieht in dem BGH-Beschluss "eine Steilvorlage ist für die – leider gar nicht so seltenen – Fälle, in denen es nach der Scheidung nicht um für das Kind möglichst zukunftsweisende Lösungen geht, sondern darum, seine Kränkung zu heilen." Er plädiert daher in Scheidungsfällen für eine Art Ombudsgremium, damit die Interessen des Kindes gewahrt werden, wenn sich die Eltern nicht einigen können. Und er ist generell für einen Perspektivenwechsel: Was ist am besten für das Kind? Nicht: Was ist für die Eltern am gerechtesten?

Ginge es nach den Kindern, sagt er, würden diese nämlich am ehesten das sogenannte Nestmodell favorisieren. Es sieht eine Familienwohnung vor, in die Vater und Mutter abwechselnd ziehen. Die Kinder bleiben zu Hause in ihrem gewohnten Umfeld. Dieses Modell ist jedoch das teuerste, denn es setzt drei Wohnungen voraus, wo früher eine genügt hat. Eine "First World Solution", sagt Gerlinde Unverzagt, erst recht angesichts von Wohnungsknappheit.

Vivienne* und Kristin* leben das Nestmodell. Die beiden Frauen haben sich im Guten voneinander getrennt, die Söhne Frédéric* (11) und Jean* (9) blieben in der gemeinsamen Familienwohnung. Die beiden Frauen pendeln nun wöchentlich. Für Vivienne, die eine Professur innehat, war es möglich, eine schöne Zweizimmerwohnung für sich allein zu finden, Kristin hingegen wohnt alle zwei Wochen wieder bei ihren Eltern, was sie "schon sehr gewöhnungsbedürftig" findet.

Bisher entscheiden sich nur fünf Prozent der getrennten Eltern für das Nestmodell. Es wird auch deshalb so selten favorisiert, "weil es nervt: immer wieder umziehen, immer wieder seinen gewohnten Lebensrahmen hinter sich lassen, die Freunde, die gewohnten Abläufe, die gewohnten Routinen", sagt Herbert Renz-Polster. Und dann müsse man in einer Wohnung leben, in dem man zeitweiliger Gast sei: "Da muss schon vieles zusammenkommen, damit dies für einen Erwachsenen passt. Aber so ist das spiegelbildlich für die Kinder beim Wechselmodell: Da muss schon viel zusammenkommen, damit das für die Kinder passt."

Das Residenzmodell ist Gesetz – Wechselmodell und Nestmodell sind die Diskussion wert. Alle versuchen, Millionen höchst unterschiedlich lebender und arbeitender Mütter und Väter nach einer Trennung oder Scheidung gerecht zu werden. Das werden sie aber erst dann, wenn es nicht nur um die Gleichberechtigung der Eltern, sondern vor allem um das Wohl der Kinder geht.

* Namen geändert 

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