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Isolation: Ich bin nicht allein zu Hause, ich habe ja meine Depression

Corona führt zur Isolation, der Alltag bricht weg: Für psychisch kranke Menschen wie unsere Autorin ist das besonders hart. Was sie belastet – und was ihr hilft.
© Dmitry Schemelev/​unsplash.com

Schon morgens fünf neue Eilmeldungen auf dem Telefon. Corona, Corona, Corona, Corona, Corona. Tote, Krise, Panik, noch mehr Tote, Ausgangssperre. Am liebsten würde ich einfach liegen bleiben und irgendeine Serie gucken.

Es ist ein bisschen wie bei Liebeskummer: Etwa eine Sekunde lang bin ich wach und erinnere mich noch nicht daran, was gerade passiert. Dann ein Eimer Eiswasser über den Kopf und übers Herz: Sorry, Baby, du hast das alles nicht geträumt, es ist wahr. Diese Krise ist für alle unglaublich anstrengend. Aber für Menschen mit psychischen Problemen erst recht.

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Wenn die Struktur wegbricht

Das fängt schon damit an, dass die Struktur, die uns die Außenwelt vorgibt, wegfällt. Das weiß ich, weil ich ADHS und eine chronifizierte Depression habe und mich deshalb gerade jetzt mit sehr vielen anderen Betroffenen austausche. Als ich dazu vor ein paar Tagen einen Livestream bei Instagram machte, zusammen mit einer Psychologin, schickten mir Menschen vorab ihre Fragen zum Thema. Es waren so viele, dass wir nur einen Bruchteil beantworten konnten. Am häufigsten fragten mich Menschen: Meine Panikattacken sind durch die häusliche Isolation außer Kontrolle, was kann ich dagegen machen? Oder auch: Ich falle jeden Tag tiefer in ein depressives Loch, weil die Ablenkung durch Freunde und Arbeit fehlt – wie soll ich das überstehen?

Auch ich kenne Zeiten, in denen Verpflichtungen im Außen das einzige sind, was mich vor dem kompletten Absturz in die Dunkelheit bewahrt. In der Therapie lernen Depressive und andere psychisch Kranke immer auch, wie wichtig Struktur und feste Termine sind. Wie wichtig es ist, immer zur gleichen Zeit schlafen zu gehen, aufzustehen, einzukaufen, zur Arbeit zu fahren, Freunde zu treffen. Und all das ist plötzlich weg.

Wir sind in der sozialen Isolation nicht einfach bloß allein zu Hause. Wir sind zusammen mit dem Kriegsgebiet im Kopf eingesperrt. Na herzlichen Glückwunsch.

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Nicht für alle ist die Isolation belastend

Natürlich ist jede Erkrankung anders, jeder erlebt andere Symptome, Probleme. 5,3 Millionen Erwachsene erkranken in Deutschland jedes Jahr an einer Depression. Zwei Depressive haben zwar das gleiche Leiden. Trotzdem empfinden sie mitunter komplett unterschiedlich und die Krankheit kann sehr unterschiedlich wirken. Das sage ich, weil so ein Text wie dieser niemals den Anspruch erheben kann, für alle zu gelten. Ich kenne Menschen mit psychischen Problemen, für die ist die Corona-Krise ein Segen – sie erzählen mir von der Erleichterung, endlich mal zu Hause bleiben zu können, ohne Angst etwas zu verpassen. Von der Freude, sich im Homeoffice konzentrieren zu können. Nicht für alle ist die Isolation eine zusätzliche Belastung.

Für mich und viele andere schon. Bereits beim Frühstück fängt es an: Kaffee, Toastbrot und Zigarette – und dazu eine Runde Instagram. Social Media kann auch mal super sein, wenn man depressiv zu Hause rumhängt. Aber oft ist es das eben nicht. Man könnte annehmen, dass in Zeiten wie diesen das Gefühl, eine Versagerin zu sein, nachlässt: Weil ja bei allen nicht mehr viel los ist. Aber dann sind da die ganzen Bilder von Leuten mit perfekten Frühstückstischen, MacBooks neben Latte Macchiato. Homeoffice so geil einfach, oder? Und die Freundeskreise, die Hangouts machen, auf Distanz zusammen zu Abend essen.

Extrovertierte, gesunde Menschen finden auch in der Quarantäne Mittel und Wege, mit anderen zu interagieren und Spaß zu haben. Das sei ihnen so was von gegönnt. Aber für Menschen mit psychischen Problemen, die mitunter kaum noch Freunde haben oder soziale Kontakte, wird so nur noch sichtbarer, wie einsam sie sind. Und was sie alles nicht hinbekommen. Das ist nicht anders als ohne Pandemie, es sieht nur anders aus. Ohne Corona sind es Bilder von Tagen im Park und Partys am Wochenende. Mit Corona sind es Bilder von Hangouts und perfekt aufgeräumten und gestylten Wohnungen.

Was wird aus meiner Therapie?

Beim Zähneputzen schaue ich wie immer die Tagesschau. Da sagt jemand, der DAX sei unter 9.000 Punkte gerutscht. Aha. Keine Ahnung, was das bedeutet, aber die Moderatorin sagt es mit einem Raunen, also muss es etwas Übles sein. Während Grenzschließungen und Pressekonferenzen über den Bildschirm flimmern, erinnere ich mich an etwas, das meine Therapeutin ständig wiederholt: Katastrophengedanken sind Teil unserer Erkrankungen. Nun sind sie Teil einer ganzen Gesellschaft, Teil der ganzen Welt. Mein Kopf fühlt sich wie ein Indoorspielplatz an, auf dem 8.000 Kinder durcheinanderschreien. So viele Informationen und ich weiß nicht, welche wirklich wichtig sind und worum ich mich als Erstes sorgen müsste.

Normalerweise gehe ich in Zeiten, in denen ich komplett überfordert bin, viel aus. So etwas nennt man einen Coping Mechanism. Andere gehen ins Fitnessstudio, manche zum Yoga, treffen Freunde, machen eine Reise. Nichts davon geht gerade einfach so. Die Strukturen und Angewohnheiten, mit denen wir uns psychisch im Gleichgewicht halten – oder es versuchen – brechen weg.

Plötzlich habe ich Ängste, die vorher undenkbar gewesen sind: Was ist, wenn meine Antidepressiva nicht mehr lieferbar sind, wo werden die eigentlich hergestellt, wie viele Tabletten habe ich noch, wie lange komme ich damit aus? Was wird aus meiner Therapie, ist das eine notwendige medizinische Behandlung? Oder sind Depressionen gerade mal zweitrangig und wir alle, die wir in Therapie sind, müssen halt klarkommen? Therapeuten können jetzt zwar Videositzungen anbieten – aber nicht alle haben die Technik und das Know-how dafür. Meine hat es nicht. Kann ich sie weiterhin sehen? Und wenn nicht: Schaffe ich es ohne sie durch diese Zeit?

Gefahrenzone Supermarkt

Beim Gedanken daran, später noch in den Supermarkt zu müssen, fängt mein Herz auf diese eine bestimmte Art zu schlagen an. Rattattattamm. Rattattattattamm. Wie der Diener einer Königin, der mit Trommeln ankündigt, welche große Persönlichkeit da gleich den Tanzsaal betritt: Meine Damen und Herren, erheben Sie sich für Ihre Majestät, die Panikattacke, Königin der Neurosen.

Supermärkte waren noch nie gute Orte für psychisch Kranke: Einkaufen ist fast bei allen Krankheitsbildern ein Problem. Depressive schaffen es oft nur unter Qualen, sich für den Einkauf genug zu konzentrieren oder sich überhaupt dazu aufzuraffen. Menschen mit Zwängen lernen, sich an feste Wege und standardisierte Einkaufslisten zu halten; Menschen mit Essstörungen ebenfalls. Das soll dabei helfen, nicht mehr stundenlang im Supermarkt voller Irrsinn im Kopf Packungen anzustarren, völlig hilflos einfach alles mitzunehmen, was man gerade sieht und gut findet. Aber was, wenn die Dinge plötzlich gar nicht mehr verfügbar sind? Wenn im Laden ein Kampf herrscht, Gänge blockiert sind, Lebensmittel ausverkauft? Der Gedanke, in einer Schlange voller Hamsterkäufer eine Panikattacke zu kriegen, macht mich fertig. Wie geht es da erst Bulimikerinnen, denen beigebracht wird, keine riesigen Vorräte zu Hause zu haben?

Stabil bleiben

Ich versuche zu atmen und die Gedanken zu entschleunigen. Das ist etwas, das ich allen meinen Freundinnen und Freunden rate. Die ohne psychische Vorerkrankungen leiden nämlich auch unter der Situation. Die Existenzängste, die schon für gesunde Menschen überwältigend und lähmend sein können, zwingen mich in die Knie. Was hilft? Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung. Aber einen Plan, an den ich mich halte und von dem ich glaube, dass er für alle funktionieren kann, um psychisch stabil zu bleiben oder Menschen mit psychischen Problemen zu helfen, durch diese Phase zu kommen:

Ich frage alle Menschen, die mir wichtig sind, jeden Tag einmal, wie es ihnen geht. Worüber sie sich Gedanken machen, ob sie zurechtkommen. Wir telefonieren oft, schicken uns Nachrichten. Auch ich wurde noch nie so oft gefragt, wie ich mich fühle. Das ist etwas, das wir alle tun können füreinander: uns beieinander melden und sich erkundigen, ob alles okay ist. Allein diese Nachfrage kann sich schon wie eine Umarmung anfühlen.

Frische Luft, gemachtes Bett

Und dann sind da noch die Dinge, die ich in Klinikaufenthalten und Therapien gelernt habe: einmal am Tag vor die Tür oder wenigstens an die Luft (schaffe ich auch oft nicht und bezahle immer mit Schlafstörungen dafür). Drei Mahlzeiten, die nicht nur aus Fast Food bestehen. Keine Nachrichten, kein Social Media vor dem Schlafengehen. Das Bett machen, auch, wenn man zu Hause bleibt. Morgens aufstehen, nicht erst mittags. Wenig oder keinen Alkohol trinken und erst recht nicht alleine. Ordnung halten. Nicht dort arbeiten, wo man schläft oder sich entspannt. Auf keinen Fall und ohne Ausnahme. Der Kopf braucht Räume, die er nicht mit Arbeit verbindet. Und immer wieder: Gefühle annehmen.

Es ist nämlich normal, dass wir auf diese Situation reagieren. Die einen panisch, die anderen genervt, wieder andere depressiv und einige aggressiv. Aber wir alle reagieren. Und das, was wir für uns selbst und für andere tun können ist genau diese eine Sache: akzeptieren.

Akzeptieren, dass es für manche schwerer ist als für andere, und sie dafür nicht verurteilen, auch uns selbst nicht. Die eigenen Ängste akzeptieren. Akzeptieren, dass es nervt, plötzlich so viel zu Hause zu sein. Akzeptieren, dass nichts gerade mehr normal ist. Und dass gerade das eben jetzt normal ist. Das, was wir nun füreinander tun können, ist das, was wir eigentlich auch ohne Corona längst hätten lernen müssen: aufeinander achtgeben, nachfragen, uns in Geduld und Toleranz üben, uns umeinander sorgen. Corona wird eines Tages vorbei sein. Wer wir aber in dieser Krise füreinander waren, bleibt.

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