Es zeigt sich: Junge Bewerber mit Behinderung suchen ihren Ausbildungsplatz selten über Online-Stellenausschreibungen. Vielmehr spielt der persönliche Kontakt in der Vermittlung eine zentrale Rolle. Darauf müssen sich Arbeitgeber aber auch die Agentur für Arbeit in der Berufsorientierung verstärkt einstellen, etwa durch frühzeitige Praktika, Schnuppertage oder Unternehmensvorstellungen in Schulen. Insgesamt ist die Berufsvorbereitung zentral. Fast die Hälfte der Befragten nahm an berufsvorbereitenden Maßnahmen teil, bei Auszubildenden ohne Behinderung nutzt nur knapp jeder Zehnte solche Angebote.

40 Mitarbeiter hat die Kanzlei Dr. Voßmeyer Dommermuth und Partner in Duisburg. Nesrin Bektas ist seit kurzem Teil des Teams. Ihre Schwerbehinderung spielte bei der Einstellung keine Rolle.

Nach dem Abi brauchte Nesrin Bektas viel Geduld: Drei Jahre lang schrieb sie etwa 20 Bewerbungen pro Woche, zum Beispiel für Ausbildungen als Versicherungsfachangestellte oder Bankkauffrau. "Dass ich so lange suchen musste, hat mich wirklich sehr verletzt. Ich finde, ich kann dieselbe Arbeit leisten wie ein gesunder Mensch, wenn man mir die Möglichkeit dazu gibt", sagt sie heute.

"Für uns war wichtig, ob das jemand ist, der sich hier zurechtfindet und der die Anforderungen erfüllt." Monika Lange, Partnerin bei der Kanzlei Dr. Voßmeyer Dommermuth und Partner.


Ihre Gelenke an Armen, Beinen und Hüfte versteifen immer weiter. AMC heißt die zugehörige Diagnose, die sie bereits bei ihrer Geburt bekommen hat. Bei ihrem Bürojob spielt diese angeborene Behinderung allerdings keine Rolle. "Wir haben Frau Bektas genommen, weil sie die Beste war", sagt ihre Chefin Monika Lange. So hat sie sich gegen mehr als 40 andere Bewerber durchgesetzt. Von der Behinderung hat die Chefin erst im Vorstellungsgespräch erfahren; in der Bewerbung hatte sie es schlicht überlesen.

Und jetzt? "Frau Bektas hat einen besonderen Stuhl. Und wenn sie mal einen schweren Karton aus dem Archiv holen soll, nimmt sie einen Rollwagen oder es hilft ihr jemand. Ansonsten spielt ihre Behinderung hier keine Rolle", so ihre Chefin. Da nach dem ersten Lehrjahr alle sehr zufrieden mit ihr sind, kann die junge Frau ihre Ausbildung verkürzen und hat anschließend sehr gute Chancen auf eine feste Stelle im Unternehmen. Dass ihre Ausbildungsstelle zu 60 Prozent von der Agentur für Arbeit gefördert wird, ist nur ein angenehmer Nebeneffekt. Jetzt appelliert Nesrin Bektas an alle Unternehmer: "Geben Sie den Bewerbern mit Behinderung eine Chance. Sie werden überrascht sein."
Text: Marion Theisen


Weitere Informationen und ein Film über Nesrin Bektas >>

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