Lara Prescott erzählt in "Alles, was wir sind" von der Liebe zwischen Boris Pasternak und seiner Muse Olga Iwinskaja und von der unglaublichen, aber wahren Geschichte einer geheimen CIA-Mission um die Veröffentlichung von "Doktor Shiwago". Ein großer Roman über die Zeit des Kalten Krieges, als Worte zu Waffen und Frauen zu Spioninnen wurden.

Für ihr Debüt hat Lara Prescott jahrelang recherchiert. Hier berichtet sie darüber, wie sie zu dieser besonderen Geschichte kam.

Die Autorin auf Recherchereise

Am Anfang von "Alles, was wir sind" stand mein Name. Meine Eltern liebten die Verfilmung von Boris Pasternaks Meisterwerk "Doktor Shiwago", und wem wäre es Mitte der 1960er Jahre anders ergangen? Der Film gewann fünf Oscars, und dank Julie Christies großartiger Darstellung der Geliebten Doktor Shiwagos schoss der Name Lara in den folgenden Jahren an die Spitze der beliebtesten Babynamen.

Auch mich ließ die Faszination "Doktor Shiwago" nicht los, und als ich 2014 zum ersten Mal von der unglaublichen Geschichte um die Veröffentlichung des Romans hörte – eine Geschichte, die von geheimen Propagandamissionen, wetteifernden Regierungen, dem Glauben an die Kraft der Literatur, persönlichen Intrigen und einer tragischen Liebe handelt –, war es um mich geschehen.

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Denn darum geht es hier: Während des Kalten Krieges waren sowohl im Westen als auch im Osten die Regierungen von der Macht des Buches im Kampf um die ideologische Vorherrschaft überzeugt. Heutzutage mögen Tweets, Bots und Facebook-Posts die meinungsbildenden Waffen unserer Zeit sein, vor sechzig Jahren jedoch waren es Bücher. So vertrat auch der Leiter der CIA-Abteilung Verdeckte Operationen die Auffassung, dass Bücher sich von allen anderen Propagandawerkzeugen dadurch unterschieden, dass "schon ein einzelnes Buch die Haltung wie auch das Handeln des Lesers in einem Maße wie bei keinem anderen Medium beeinflussen" könne.

"Doktor Shiwago" war solch ein Buch. Im Zentrum von Boris Pasternaks Roman steht die Liebesgeschichte zwischen Lara Antipowa und Juri Shiwago. Doch die Art und Weise, wie die Auswirkungen der Oktoberrevolution dargestellt wurden und die Bedeutung der Freiheit des Einzelnen zum Thema gemacht wurde, ließen die Regierung das Buch als subversiv einstufen. Für mich ging es in "Doktor Shiwago" stets weniger um Politik als vielmehr um das Leben und die Liebe, um Menschen, die selbstständig denken und lachen und lieben. Doch die CIA, nur ein Jahrzehnt nach dem Zweiten Weltkrieg längst mitten im Kalten Krieg angekommen, erkannte in Pasternaks Roman ihre Waffe der Stunde. Es gelang der Agency, das verbotene Manuskript in die Hände zu bekommen, es im Geheimen zu drucken – und wieder zurück in die Sowjetunion zu schmuggeln.

Als ich die freigegebenen CIA-Dokumente zu dieser Mission (Codename AEDINOSAUR) sah, mit all ihren geschwärzten Namen und Details, verspürte ich augenblicklich den Drang, diese Leerstellen mit Fiktion zu füllen und zum Leben zu erwecken. Meinen ersten Vorstoß dazu unternahm ich mit einer Kurzgeschichte über eine Gruppe fiktiver CIA-Stenotypistinnen, die für die Shiwago-Mission arbeiteten.

Im Lauf der nächsten drei Jahre entstand daraus die Idee von "Alles, was wir sind", und mir wurde klar, dass ich, um diese Geschichte zu erzählen, nicht nur aus der westlichen Perspektive schreiben konnte – ich musste auch davon berichten, was sich zur gleichen Zeit auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs abspielte.

Hierfür wählte ich die Stimme Olga Iwinskajas, Pasternaks Geliebter, die ihn zu seiner Figur der Lara inspirierte. Obwohl mich ihr grauenvolles Schicksal erschütterte, wurde sie bald zu meiner Muse, wie sie es einst für Pasternak gewesen war. Und so entstand ein Roman, der von seinen starken weiblichen Stimmen lebt. Wie in "Doktor Shiwago" geht es darin um Krieg, Propaganda und Verfolgung – vor allem aber geht es um Liebe.

Im westlichen Erzählstrang sind die meisten Figuren fiktiv, wenngleich sie mit historisch authentischen Details ausgestattet sind und der Verlauf der Geheimdienstmission exakt nachgezeichnet wurde. Der Handlungsstrang im Osten folgt in zahlreichen Beschreibungen und Zitaten, teilweise selbst im Ablauf der Konversationen, historischen Quellen wie Erlebnisberichten. Neben London und Paris recherchierte ich intensiv in Washington D.C. und natürlich auch in Russland. Ein geradezu magischer Moment war dann für mich, als ich in Peredelkino aus dem Zug stieg und denselben Weg nahm, den Pasternak stets zu seiner Datscha auf dem Hügel genommen hatte.


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