Die Schlafwandler – Seite 1

Von einer Alleinverantwortung des Deutschen Reiches, die bisher herrschende Meinung unter Historikern war, kann in seinen Augen keine Rede sein. Alle an den Konflikten im Vorfeld des Krieges beteiligten Mächte hätten Anteil daran gehabt, dass er letztlich ausbrach – obwohl niemand ihn wirklich wollte. 

Clark hat seine Schilderung der letzten Monate vor dem August 1914 unter die Frage gestellt, wie es zu dem Krieg gekommen ist, nicht warum er ausbrach. Was wie ein unwesentlicher Unterschied wirkt, verändert doch entscheidend die Perspektive: Statt der Suche nach einer vermeintlich klaren Ursache und dem vermeintlich klaren Verantwortlichen stellt Clark die Handlungen der politischen Akteure in den wichtigsten Machtzentren Europas in den Mittelpunkt, deren Wechselwirkungen aufeinander, die mehr oder minder offen liegenden Motive der Beteiligten, ihre Wahrnehmung der Ereignisse, ihr Versagen in entscheidenden Momenten, die Fehleinschätzungen. Er zeichnet so das Bild einer hochkomplexen Welt, in der vielfältige Verbindungen und ebenso vielfältige Interessenkonflikte herrschten. In der die Handelnden in den Hauptstädten Englands, Frankreichs, Russlands, Italiens, Österreich-Ungarns und des Deutschen Reichs (einige von ihnen waren eng miteinander verwandt) von gegenseitigem Misstrauen geprägt waren, von Überheblichkeit und Blindheit, für das, was sie auslösten. Er schildert minutiös die Schritte und Entscheidungen, die zum Krieg führten, von dem viele ahnten, dass er noch nie dagewesenes Leid bringen würde, und macht dabei deutlich, dass dieser Krieg keinesfalls unvermeidlich war. Es fehlten die Institutionen des internationalen Ausgleichs, wie wir sie heute kennen, die hätten Einhalt gebieten und die sich auf dem Weg in den Abgrund befindenden Länder noch einmal an einen Tisch bringen können.

Unruhen auf dem Balkan

Noch etwas unterscheidet Christopher Clarks Darstellung des Kriegsausbruchs, die auf jahrelangen Recherchen auch in osteuropäischen Archiven beruht, von anderen Büchern zum Ersten Weltkrieg.

Ausgangspunkt seiner Erzählung ist die Krise auf dem in viele Teile zersplitterten Balkan, der sich in einer prekären Balance befand. Den Unruhen dort misst Clark eine größere Bedeutung bei als andere Historiker. Die Einigungsbestrebungen der Serben innerhalb und außerhalb des Vielvölkerreichs Österreich-Ungarn gaben auch militanten, im Untergrund agierenden Kräften Auftrieb.

Das Attentat auf den österreichisch-ungarischen Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand am 28. Juni 1914 in Sarajevo, das aufgrund Beistandszusagen gegenüber Österreich-Ungarn und Serbien zur Zuspitzung der Krise im Juli 1914 führte, war deshalb mehr als bloßer Vorwand für den wenige Wochen später beginnenden Weltkrieg. Seit dem 11. September und den nachfolgenden Kriegen, so Clark, sei uns zudem bewusst, welche Folgen der symbolische Akt eines Attentats entfalten kann. 

Wer möchte, kann zahlreiche Verbindungen ziehen zwischen der heutigen multipolaren, durch Beziehungen auf vielen Ebenen miteinander verbundenen Welt und der Welt vor dem Ersten Weltkrieg, die in der faszinierenden Schilderung von Christopher Clark plötzlich so fremd und fern nicht mehr scheint.